Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Hierin trat eine Aenderung ein, als der Großherzog seine Tochter wiedergefunden hatte. Trotz allem Dankgefühl für seinen Lebensretter konnte der Großherzog sich doch nicht dazu entschließen, einen solchen Zeugen der schmählichen Situation, in der sich sein Kind in Paris befunden, mit nach Deutschland hinüber zu nehmen. Anderseits wollte er dem Manne nicht zu nahe treten, und so kam er zu dem Entschlusse, ihn zu sich zu bescheiden und ihm freizustellen, welche Wünsche er äußern wolle. Schuri erschien hochbeglückt, und als ihm Rudolf gar sagte, daß er einen Freundschaftsdienst von ihm zu erbitten habe, verklärte sich Schuris Gesicht vor Freude schier. Auf die Mitteilung hin jedoch, daß es als ausgeschlossen gelten müsse, daß Schuri den Fürsten nach Deutschland begleite, verschwand alle Freude im Nu, um einer argen Bestürzung Platz zu machen. Ganz aus dem Häuschen schien er geraten zu wollen, als er hörte, es sei sogar notwendig, daß er noch heute das Palais verlasse.
Von all den im wahrsten Sinne des Wortes fürstlichen Entschädigungen zu reden, die ihm von dem Fürsten geboten wurden, wird nicht erst notwendig sein. Es hätte mancher aus den höchsten Kreisen alle zehn Finger danach ausgestreckt. Bei Schuri lagen die Dinge jedoch anders: er fühlte sich im innersten Herzen getroffen und schlug deshalb alles aus, was ihm geboten wurde, ja er weinte schließlich wie ein kleines Kind, zum ersten Male vielleicht in seinem ganzen Leben. Rudolf mußte all seinen Einfluß aufbieten, um Schuri soweit zu bringen, daß er wenigstens all das behielt, was ihm Rudolf bislang zugewendet hatte.
Am nächsten Tage ließ nun Rudolf Martini mit seiner unter dem Namen »die Wölfin« bekannten Braut zu sich bescheiden, ohne ihnen jedoch zu sagen, daß Marienblume sein leibliches Kind sei. Er verlangte von ihnen nur Auskunft darüber, wie er sich ihnen dankbar erweisen könne, und gab ihnen das Versprechen, daß all ihre Wünsche befriedigt werden sollten. Als er sah, daß keines von beiden mit der Sprache heraus wollte, fiel ihm ein, was ihm Marie von den Zukunftsgedanken der beiden rauhen Leute erzählt hatte, und stellte ihnen frei, zwischen einer größeren Summe Geldes und der Hälfte davon nebst der in Algier gelegenen Meierei zu wählen.
Hierbei leitete Rudolf auch der Grund mit, daß es sowohl Martial als Schuri nur erwünscht sein könne, Frankreich den Rücken zu wenden, dem einen wegen seiner eigenen Vergangenheit, dem andern wegen der Verbrechen, die von seinen nächsten Angehörigen begangen worden waren.
Er hatte sich hierin auch nicht geirrt, denn Martial und seine Braut erklärten sich mit Freuden bereit, auf ein solches Anerbieten einzugehen, und auch Schuri gefiel, seit er wußte, daß er nicht allein nach Algier gehen solle, sondern in Begleitung von zwei Leuten, die er in gewissem Sinne als Kameraden ansehen mußte, der Vorschlag recht gut, zumal sie Besitzer von zwei aneinanderstoßenden Meiereien werden sollten.
Schuri kam den beiden Auswanderungskameraden trotz seiner Beklommenheit mit aller ihm möglichen Herzlichkeit entgegen, und in verhältnismäßig kurzer Zeit waren sie nicht mehr bloße Bekannte, sondern hatten sich angefreundet, denn Leute von solchem Schlage durchschauen einander schnell und schließen sich entweder schnell aneinander oder verbeißen sich in eine unüberwindliche Abneigung gegeneinander. Wenn nun auch Schuri sich von seiner Beklommenheit nicht so leicht frei machen konnte, so ließ er sich doch nicht lange nötigen, sich über alles mit Martial und seiner Braut zu beraten, was für ihre Reise und die neuen Lebensbedingungen, in die sie treten sollten, von irgendwelchem Belang war.
Zehntes Kapitel.
Schuri und Martial.
Dem Leser wird es nach diesen Szenen begreiflich erscheinen, daß Schuri, als er von dem traurigen Gange seines neuen Freundes nach Bicêtre hörte, wo sich derselbe von Mutter und Schwester verabschieden sollte, es sich nicht nehmen ließ, ihn bis ans Tor zu begleiten und dort in einem Fiaker auf ihn zu warten.
»Mut, mein Lieber!« tröstete er ihn, als er ihn, bleich vor Entsetzen über das dort Erlebte, durch das Tor zurückkommen sah, »Mut! Du hast doch gewiß alles mögliche getan, was ein guter Sohn solcher Mutter gegenüber irgend tun kann. Es stand nicht in deiner Macht, von dem Schicksal, das deine Schwester und Mutter über sich heraufbeschworen haben, das geringste abzuwenden. Jetzt mußt du an deine Frau und deine Geschwister denken, die du daran gehindert hast, in die sündigen Fußstapfen deiner Eltern und deiner anderen Geschwister zu treten. Zudem wenden wir ja schon heute abend Paris den Rücken. Du wirst kaum noch einmal etwas sehen oder hören von alledem, was dich jetzt so in Betrübnis und Kummer setzt.«
»Rede, was du willst, Schuri,« antwortete Martial, »meine Mutter bleibt's doch, und meine Schwester desgleichen.«
»Freilich, freilich; aber es läßt sich doch einmal nichts daran ändern, und in Dinge, die unabänderlich sind, muß man sich fügen. Was bleibt anders übrig? Mit Leichen kann man nun einmal nicht rechnen, und auch nicht rechten.«
»Ja, ja,« versetzte Martial, »es mag dir auch nicht leicht ankommen, mir Trost zuzusprechen, hast du doch selbst Ursache zu Kümmernis mehr denn genug!«
»Na, wenn wir erst mal aus Paris weg sind, dann wird wohl die Betrübnis von mir weichen,« antwortete Schuri.
»Wir hoffen ja ebenfalls, daß alles besser werden wird, wenn wir erst Paris hinter uns haben,« erwiderte Martial.
»Hm,« sagte Schuri, der ein paar Augenblicke geschwiegen hatte, worauf ihn ein unwillkürlicher Schauder überlief, »wenn ich nur erst weg bin!«
»Wir wollen heute abend fahren – du doch auch?« fragte Martial, »oder hast du dich etwa anders besonnen?«
»Ich? Daß ich nicht wüßte,« sagte Schuri.
»Na, was bedeuten dann deine Reden?«
Schuri gab eine Zeitlang keine Antwort; dann raffte er sich gewaltsam auf und sagte:
»Ich will dir etwas sagen, Martial ... du wirst wohl die Achseln zucken, aber sagen muß ich es nun doch einmal ... Sollte mir etwas zustoßen, dann wird es dir ein Beweis dafür sein, daß ich mich nicht geirrt habe.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Als Herr Rudolf,« sagte Schuri, »uns fragte, ob wir mitsammen nach Algier gehen möchten, und ob wir dort als Farmnachbarn leben möchten, da habe ich dich und deine Frau nicht täuschen mögen ... Ich habe euch beiden gesagt, was ich gewesen bin.«
»Reden wir nicht mehr davon!« erwiderte Martial, »du hast deine Strafe verbüßt und bist nun genau soviel wert wie jeder andere Mensch. Daß du aber, wie auch ich, lieber weit weg vom Schusse bist, begreife ich vollständig; denn hier mag es leicht einmal dem oder jenem einfallen, dir mit einem Vorhalte wegen deiner Vergangenheit zu kommen, und so etwas hört man nicht gern ... Mir kann es wegen meiner Angehörigen genau so gehen, trotzdem ich doch sicherlich nicht verantwortlich gemacht werden kann für das, was jene auf ihrem Kerbholze haben. Zwischen uns beiden ist ja die Vergangenheit begraben. Also mach dir weiter keine Gedanken, wir rechnen drauf, daß du kommst und mitfährst, genau so, wie du auf uns rechnen darfst.«
»Na ja doch,« erwiderte Schuri, »zwischen uns beiden mags ja stimmen; aber wie ich schon zu Herrn Rudolf gesagt habe, dort oben,« – und dabei zeigte er gen Himmel – »dort oben gibts etwas, mit dem wir nicht rechnen können – und ich – Martial – ich habe nun doch einmal einen Menschen um sein Leben gebracht.«
»Das ist ja allerdings eine böse Sache, mein Lieber,« sagte Martial, »aber du bist im Augenblicke der Tat eben auch nicht Herr über dich gewesen, warst vielleicht gar von Sinnen ... Bei dir liegts aber noch insofern anders – und das bringt doch die Wage bei dir ins Gleichgewicht – du hast andern Menschen wiederum das Leben gerettet –«