Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Verhält sich das wirklich so?« fragte die Witwe voll zorniger Verwunderung.
»Ich lüge niemals,« antwortete Martial barsch.
»Aber heute tust du es, um mich in meiner letzten Lebensstunde noch zu ärgern,« rief die Witwe.
»Mutter! Laß doch jetzt solche Reden!«
»Aus jungen Wölfen werden Lämmer gemacht, nicht wahr? Deines Vaters, deiner Mutter, deiner Schwester Blut soll ungerochen bleiben an denen, die es jetzt vergießen – He? Ist das dein Ernst, du feige Memme?«
»Mutter! Nicht solche Worte in deiner letzten Stunde!« rief Martial, beide Hände wie zum Schwure erhebend.
»Wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden,« rief die Mutter – »gut dann! Bin ich geköpft, so bin ich quitt mit der menschlichen Sippe.«
»Mutter – kennst du – gar keine – Reue?« rief Martial wieder.
Wild auf lachte die Alte ... »Reue? Und hätte ich darum dreißig Jahre im Schoße des Verbrechens gelebt? Ist's denn denen, die mich richten, ernst mit Reue? Warum lassen sie mir bloß drei Tage Zeit dazu? ... Nein, nein! Wenn mein Kopf unterm Fallbeile fällt, soll mein Gesicht noch Wut und Haß ausdrücken.«
Der Schwester Gedanken schienen sich zu verwirren ... Angstvoll zu dem Bruder aufschauend, murmelte sie: »Bruder – Bruder – hilf mir – führe mich weg von hier – Niklas hat ja auch den Weg zur Freiheit aus diesem Kerker gefunden – hilf mir und führe mich weg! Die Henker kommen! Die Henker kommen!«
Ueber diese Schwäche ihrer Tochter ergrimmt, schrie die Witwe: »Willst du dein jämmerliches Maul halten? Soll ich mich deiner in der letzten Stunde noch schämen? He, du ungeratener Wicht! Rede ihr zu, daß sie mir die Stange hält, wie es sich für sie gehört ... Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Wie will sie sich beikommen lassen, wider den Strom zu schwimmen? Und werden wir nicht gehangen, so werden wir geköpft ... es kommt doch alles auf eins hinaus ... und vorbei ist's so oder so in knapp drei Minuten!«
Erschüttert von diesem Auftritte, rief Martial wieder: »Mutter! Mutter! Warum hast du mich hierher bestellt?«
»Weil ich dachte, ich könnte dir noch Haß einimpfen gegen die Menschheit! Weil ich dachte, ich könnte deiner feigen Seele noch Mut einimpfen! ... Aber bei dir ist nun einmal – das sehe ich ein – für alle Zeit Hopfen und Malz verloren!«
»Mutter! Mutter!« rief Martial, erschreckt über diese maßlose Verstocktheit der Frau, der er das Leben verdankte ...
»Feiger Hund! Hinweg aus meinen Augen!« zischte die Alte.
In diesem Augenblicke hörte man draußen auf dem Gange Tritte ... Der Invalide nahm die Uhr aus der Tasche, sah nach, wieviel es an der Zeit sei, und erhob sich ...
Draußen ging mit hellem Glanze die Sonne auf, einen Strom goldnen Lichtes durch das schmale Fenster im Gange gegenüber der Kerkertür werfend ...
Die Tür wurde weit geöffnet. Der Eingang war hell beleuchtet ... Frone brachten Stühle herein. Dann kam der Gerichtsschreiber und sprach mit bewegter Stimme zu den beiden Delinquentinnen:
»Die Zeit ist da!«
Vier Männer traten herein.
Siebentes Kapitel.
Ein sündiger Abschied.
Drei von den vier Männern hielten kleine Päckchen in der Hand, die aus einer dünnen, aber sehr festen Schnur gedreht waren. Der größte von ihnen, der vierte, der tiefschwarz gekleidet war und einen runden Hut sowie ein weißes Halstuch trug, übergab dem Gerichtsschreiber ein Schriftstück: die – Quittung über zwei ihm überantwortete Personen weiblichen Geschlechts. Es war der Henker, und sobald er die Personen übernommen hatte, gehörten sie ihm an, hatte er allein für sie die Verantwortung und Bürgschaft ...
Auf die Verzweiflung des Mädchens war stumpfe Ruhe gefolgt. Sie konnte kein Glied bewegen. Zwei Knechte des Nachrichters mußten sie auf ihr Bett setzen und dort halten. Ihr Mund war vom Krampfe, der ihre Kinnbacken befallen hatte, fest aufeinander gepreßt, das Kinn ruhte auf der Brust, und hätten die beiden Knechte nicht ihren Körper gehalten, so wäre er wie eine tote Masse niedergeschlagen ...
Martial umarmte das unglückliche Mädchen zum letzten Male. Dann stand er da, außer stande, sich vom Flecke zu rühren, wie gelähmt an allen Gliedern, einen so gräßlichen Eindruck machte die schreckliche Szene auf ihn.
Die Mutter hingegen war keck und frech wie vorher. Sie half willig dabei, die ihr an jeder Bewegung hinderliche Zwangsjacke vom Leibe zu streifen. Als die unheimliche Hülle von ihr genommen war, stand sie wieder in ihrem schwarzen Rocke da.
»Nun, wohin soll ich treten?« fragte sie mit fester Stimme.
»Setzen Sie sich hierher,« antwortete der Nachrichter, auf einen der Stühle zeigend, die unweit von der Kerkertür standen.
Draußen standen Frone und Aufseher um den Gefängnisdirektor und eine Anzahl von privaten Personen herum, die den Vorzug einer Einlaßkarte genossen.
Sichern Schrittes ging die Frau auf die ihr angewiesene Stelle. Bei ihrer Tochter vorbeigehend, blieb sie stehen und sagte mit einer Stimme, der eine gewisse Empfindlichkeit anzuhören war: »Tochter, komm her und umarme mich – umarme mich – zum letzten Male in diesem Leben!«
Das Mädchen, die Stimme der Mutter hörend, zuckte leicht zusammen, wachte auf aus ihrer Starrheit und rief mit grauser Gebärde:
»Hinweg! Hinweg, Dämon! Gibts – eine Hölle, dann – fahre in ihren tiefsten Pfuhl – hinunter! Mutter, Weib, Dämon! Ich – verfluche – dich!«
»Kind,« sagte die Alte noch einmal, »komm her und – umarme – mich!«
»Nicht in meine Nähe!« rief die Tochter – »nicht in meine Nähe! Wer anders als du hat – mich – in dieses gräßliche Unglück – gestürzt?« – Und abwehrend streckte sie die Arme von sich.
»Kind! Verzeihung! Verzeihung!« bat die Alte.
»Fluch dir! Fluch dir! Du Dämon! Du – Rabenmutter!«
Ein wilder Krampf packte das Mädchen. Dann sank sie erschöpft, fast bewußtlos, den beiden Knechten des Nachrichters in die Arme.
Wohl glitt eine Wolke über die Stirn des bösen Weibes, wohl wurden ihr die brennenden Augen einen Moment feucht. Sie begegnete dem Blicke ihres Sohnes, und nach kurzem Zögern, wie wenn sie einem innern Kampfe nachgäbe, sprach sie:
»Und du, mein – Sohn?«
Tief ergriffen, von Schluchzern geschüttelt, sank Martial ihr in die Arme.
Rührung ergriff jetzt auch die verstockte Sünderin, aber sich aus der Umarmung ihres Sohnes frei machend, sagte sie dumpf: »Genug!« und auf den Nachrichter zeigend, setzte sie hinzu: »Den Herrn da darf man nicht warten lassen, wenn er nicht unwillig werden soll.«
Mit diesen Worten schritt sie zu dem Sessel hin, der ihr von dem Gehilfen des Henkers gezeigt worden war, und setzte sich.
Jäh war der Anflug von Mutterliebe, der ihr Herz getroffen hatte, wieder verflogen.
Der Invalide trat zu Martial, von Teilnahme erfüllt, und sagte: »Mein Lieber, es ist nicht gut für Sie, länger noch hier zu verweilen. Kommen Sie mit mir, kommen Sie mit mir!« – Und unwillkürlich folgte Martial dem greisen Soldaten.
Die beiden Knechte des Nachrichters hatten die fast bewußtlose Tochter der Witwe auf den Sessel geschleppt. Der eine hielt den Leib, aus dem schon fast alles Leben gewichen war, der andere band ihr mit der dünnen Schnur die Hände auf dem Rücken zusammen und legte auch um die Füße solche Fesseln, doch so locker, daß die Delinquentin noch kleine Schritte machen konnte.
Achtes Kapitel.
Die letzte Toilette vorm Tode.