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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Nun, solches Uebermaß von Frechheit und Kaltblütigkeit, wie diese Mutter besitzt, ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen.«

»Sie sprechen doch von niemand anderm als jener Witwe Martial, die sich bereits in der Gerichtsverhandlung so merkwürdig frech und roh benahm? O, das ist ein verteufeltes Weib.«

»Ganz recht!« antwortete der Beamte, »aber lassen Sie sich erzählen, was sich dieses Weib herausgenommen hat! Sie suchte darum nach, mit ihrer Tochter bis zur Hinrichtung die gleiche Zelle zu teilen. Das wurde ihr zugestanden. Die Tochter ist weit weniger verstockt als die Mutter. Je näher ihr letztes Stündlein heranrückt, desto ängstlicher und beklommener wird sie, während die Alte immer rabiater wird. Eben war der Gefängnisgeistliche bei den beiden Weibern, um ihnen die letzten Tröstungen der Religion zu bringen. Die Tochter wollte dem Geistlichen zu Willen sein, die Mutter aber, keinen Moment ihre eiskalte Ruhe verlierend, übergoß ihre Tochter mitsamt dem Geistlichen mit solch maßlosem Spott und Hohn, daß letzterer sich gezwungen sah, die Zelle zu verlassen, waren doch all seine Bemühungen, die rabiate Person zur Vernunft zu bringen, absolut vergeblich.«

»So etwas am Tage vor einer Hinrichtung ist mir allerdings auch noch nicht vor die Augen gekommen.«

»Die Martials sind Leute, die gewissermaßen von einem uralten Fatum verfolgt werden. Der Vater ist auf dem Schafott gestorben, ein Sohn im Zuchthause, ein anderer, ebenfalls zum Tode verurteilt, ist vor ein paar Wochen im Verein mit einigen anderen aus Bicêtre ausgebrochen. Nur der älteste Sohn und zwei jüngere Kinder sind brav geblieben. Und doch hat dieses böse Weib ihren ältesten Sohn, wenngleich er der einzige ehrliche Mensch ist von den Erwachsenen der ganzen Familie, auf morgen zu sich beschieden, um ihm ihren letzten Willen mitzuteilen.«

»Das wird ein schönes Wiedersehen geben!« meinte Doktor Herbin.

»Hätten Sie keine Lust, ihm beizuwohnen?« fragte der Beamte den Arzt.

»Offen gestanden, nein!« antwortete dieser; »Sie kennen meine Ansichten über die Todesstrafe, und mich darin zu bestärken, suche ich nicht nach Gelegenheiten, am wenigsten nach Hinrichtungen. Behält dieses Weib ihren unbändigen Charakter bis aufs Schafott bei, dann beklage ich das häßliche Schauspiel, das dem Volke wiederum gegeben werden wird.«

»Bei dieser Doppel-Hinrichtung berührt mich ein Umstand noch besonders unangenehm, der Tag nämlich, den man dafür festgesetzt hat.«

»Mittfasten meinen Sie?« – »Jawohl, denn da die Hinrichtung früh um sieben stattfindet, läßt sich noch rechnen, daß Scharen von Masken, die sich die Nacht über auf allen möglichen Bällen und Tanzmusiken herumgetrieben haben, dem Delinquentenwagen in den Weg kommen werden.«

»Allerdings, und einen häßlicheren Kontrast wird man sich schwerlich denken können.«

Am andern Morgen, in der fünften Stunde, besetzten verschiedene Militär-Abteilungen, teils Infanterie, teils Kavallerie, die Zugänge von Bicêtre.

Fünftes Kapitel.

Die letzten Stunden der Delinquenten: Mutter und Tochter.

Ein dunkler Gang, nur von wenigen Fenstern spärlich erleuchtet, führt in Bicêtre zu dem Kerker hinunter, in welchem die zum Tode verurteilten Verbrecher ihre letzten Stunden verleben.

Sein Licht erhielt die Zelle durch eine einzige Oeffnung im obern Teile der Tür, die auf den eben erwähnten, ebenfalls ziemlich dunklen Gang hinunter führte. In diesem Kerker mit niedriger Decke, mit feuchten und grünlichen Wänden und kalten steinernen Fliesen liegt Frau Martial mit ihrer Tochter in Ketten. Ihr Gesicht erscheint hart, starr und bleich wie ein Marmorbild in dem hier herrschenden Halbdunkel.

Ueber das schwarze Kleid, das sie an hat, hat man ihr die Zwangsjacke gezogen: eine Art Kutte aus grobem grauen Zeuge, die auf dem Rücken zusammengeschnürt wird und deren Aermel wie Säcke vorn zugebunden werden. Da sie infolgedessen die Hände nicht gebrauchen kann, hat sie sich die Haube, die ihr bei der drückenden Wärme lästig wurde, abnehmen lassen. Graues Haar fällt ihr auf die Achseln nieder. So sitzt sie auf ihrem Bett, hält die Füße auf den steinernen Boden gestützt und starrt unverwandt ihre Tochter an, die am entgegengesetzten Ende des Kerkers kauert.

Auch ihr ist die Zwangsjacke übergeschnallt worden. Sie lehnt sich in halb liegender Stellung gegen die Wand. Der Kopf ist ihr auf die Brust gesunken, ihr Atem geht kurz und schwer, ihre Augen blicken starr vor sich hin. Von Zeit zu Zeit werden ihre Kinnladen von heftigem Zittern befallen: ihr Gesicht hat aber, trotz der bleichen Farbe, die es überzieht, einen ziemlich ruhigen Ausdruck.

Neben der Tür, am andern Ende des Kerkers, sitzt ein mit dem Kreuze der Ehrenlegion geschmückter Invalide auf einem Holzschemel. Sein Gesicht ist rauh und verbrannt von der Sonne; ein langer grauer Schnurrbart ziert es. Sein Scheitel ist kahl. Er ist den beiden Delinquenten als Wächter gesetzt.

»Hundekalt ist's hier,« sagte die Tochter nach einer Weile, »und doch brennen mir die Augen, doch quält mich ein maßloser Durst.« – Sie wendet sich zu dem Invaliden und bittet ihn um Wasser. Der greise Invalide erhebt sich, nimmt von der Bank einen Zinnkrug, gießt ein Glas daraus voll, tritt zu dem Mädchen und läßt sie langsam trinken. Da die Zwangsjacke sie am Gebrauch der Hände hindert, muß er ihr den Krug an den Mund halten. Als sie ihren Durst gelöscht hat, dankt sie dem Soldaten, der sich mit der Frage, ob auch sie trinken wolle, an die Mutter wendet.

Die Alte aber macht ein verneinendes Zeichen.

Darauf setzt sich der Invalide wieder.

Eine lange Pause tritt ein. Dann fragt die Tochter, wieviel die Uhr sei.

»Bald halb fünf,« antwortet der Invalide.

»Also noch drei Stunden!« ruft das Mädchen. Um ihre Lippen spielt ein gräßliches Lachen ... »In drei Stunden also!« wiederholt sie. Dann schweigt sie. Es ist ihr nicht möglich, ein weiteres Wort zu sagen.

Die Mutter zuckt die Achseln ... »Mutter,« sagt die Tochter, ihre Gedanken erratend, »du bist mutiger als ich. Ich glaube, dich wandelt nie Schwäche an?«

»Schwäche?« wiederholt die Mutter; »daß ich nicht wüßte ... Hab das Ding nie gekannt, so alt ich bin.«

»Das seh' ich dir auch jetzt an, Mutter,« spricht die Tochter, »dein Gesicht ist so ruhig, wie wenn du meintest, am Küchenherde zu hocken oder bei deiner Flickarbeit ... O, die gute Zeit, da wir auf der Insel zusammen saßen, ist vorbei – vorbei für immer!«

»Schwatz doch kein Blech!« rief knurrend die Alte.

»Soll man dasitzen und stieren?« fragte die Tochter, »da ist schwatzen doch noch besser!«

»Weils dich betäubt, feige Memme!«

»O, wenns bloß das wäre, Mutter!« erwiderte die Tochter, »aber wer ist denn so couragiert wie du, Mutter? Ich habe ja mein möglichstes getan, um dir nicht nachzustehen, habe, weil du es nicht leiden mochtest, nicht auf den Geistlichen gehört ... vielleicht war es aber doch nicht recht von mir, denn« – die Delinquentin überrieselte es kalt – »was wird nachher kommen? Was – wird – nachher – kommen?« wiederholte sie mit schauerlicher Betonung.

»In drei Stunden – wirst du es – wissen!« antwortete die Mutter, den schauerlichen Tonfall der Tochter nachahmend.

»Wie kaltblütig du das aussprichst!« erwiderte die Tochter. »Mutter, Mutter! Du bist nicht krank, ich auch nicht – und doch sollen wir beide – in drei Stunden – zu leben – aufhören!«

»Ja doch,« versetzte die Mutter, »in drei Stunden wirds aus sein, wirst du vom Leben zum Tode gebracht worden sein wie eine echte Martial! Schwarz wird's dir vor den Augen werden, das ist das einzige! Sonst wirst du weiter nichts erleben – sonst weiter nichts!«

Mit langsamer, tiefer Stimme mahnte der Invalide zur Stille ... »Daß Sie so zu Ihrem Kinde sprechen, alte Frau,« sagte er, »ist eine Sünde – eine schwere Sünde! Besser, weit besser hätten Sie getan, wenn Sie dem Geistlichen erlaubt hätten, mit ihr zu reden!«

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