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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Von neuem zuckte die Witwe die Achseln, und ohne dem greisen Soldaten einen Blick zuzuwenden, nur die Achseln verächtlich zuckend, sagte sie:

»Zeige dem Volke, das sich zu dem letzten Akte einfinden wird, Tochter,« – und sie versuchte die Hände wie mahnend aufzuheben – »zeige dem Volke, mein Kind, daß wir Weiber mehr Herz im Leibe haben als all dies Männerpack mitsamt ihren Pfaffen und ihren Soldaten! Memmen sind's, Memmen!«

Der Invalide faßte sie zornig ins Auge ... »Kommandant Lebleu war der tapferste Offizier des dritten Jägerbataillons. In der Bresche zu Saragossa sank er, von Wunden bedeckt, nieder. Ich habe gesehen, wie er sich bekreuzte, bevor er die Augen auf ewig schloß.«

»Sie waren doch nicht etwa sein – Sakristan?« fragte höhnisch die Witwe. –

»Ich war sein Korporal,« erwiderte stolz der Invalide, »und wenn ich Ihnen von seinem Tode erzählte, geschah es nur zu dem Zwecke, um Ihnen zu zeigen, daß man im Sterben auch den Weg zum Gebet finden kann, ohne feige zu erscheinen.«

Die Tochter musterte den Invaliden, einen echten Soldatentypus aus der großen Zeit des Kaiserreiches, mit gespanntem Blicke. Ueber das sonnenverbrannte Gesicht zog sich eine tiefe Narbe, die sich an der linken Wange in dem grauen Schnurrbarte verlor. Seine schlichten Worte machten auf die Tochter einen tiefen Eindruck. Er war sicher einer der Tapfersten unter dem großen Kaiser gewesen: außer der Wunde im Gesicht verkündete es das rote Band im Knopfloche.

Das Mädchen hatte die Tröstungen des Geistlichen weniger aus Verstocktheit als aus falscher Scham und aus Furcht vor dem Hohne ihrer Mutter zurückgewiesen. Jetzt wirkten die Worte des greisen Soldaten im entgegengesetzten Sinne auf sie. Jetzt meinte sie, frei von der Furcht, feige zu erscheinen, ihrer religiösen Empfindung nachgeben zu dürfen, sagte sie sich doch, daß ihr als einem Weibe es schlecht anstehen möchte, hinter Männern zurückstehen zu wollen ...

»Und wenn es nur eins genützt hätte,« schloß sie ihren Gedankengang, »wenn es mich bloß betäubt hätte – denn – was wird – nachher sein?« fragte sie wieder, von kaltem Schauder geschüttelt ... »Nachher – wer weiß?«

»Nachher?« wiederholte die Witwe mit schneidendem Hohne ... »es ist keine Zeit mehr! Aber wäre noch dazu Zeit, dann – hätte ich dir geraten, Nonne zu werden! Warte wenigstens mit deinem Gejammer, bis dein Bruder Martial da sein wird! Er wird dich sicher vollends bekehren ... aber ich glaube kaum, daß er kommen wird, der überehrliche Mensch! und der überbrave Sohn!«

Kaum hatte die Witwe diese Worte gesprochen, als das ungeheure Schloß in der Tür knarrte und die Tür selbst geöffnet wurde.

Sechstes Kapitel.

Die letzten Stunden der Delinquenten: Mutter und Sohn.

Mit einem krampfhaften Ruck richtete sich die Tochter in die Höhe. Dann rief sie: »Schon! Schon! Sollte uns der Herrgott noch schärfer strafen wollen, indem er uns die allerletzten Minuten noch verkürzt?« – Und ihr Gesicht begann sich auf grauenhafte Weise zu verzerren ...

»Ei,« rief höhnisch die Alte, »wenn die Uhr des Henkers vorgeht, desto besser für uns! Mir kann dein Beten und Kopfhängen ja doch nur Schande machen.«

Ein Beifron trat ein und sagte mild: »Frau! Ihr Sohn ist draußen – wollen Sie ihn sprechen?«

Die Witwe rührte kein Glied, sagte aber kurz: »Ja. Ich will ihn sehen.«

Der Fron wandte sich zur Tür ... »Sie können kommen,« sagte er zu einem draußen stehenden Manne, von dem zunächst nur ein finsterer Schatten zu sehen war.

Jetzt trat der Mann ein: es war Martial.

Der Invalide blieb in der Zelle, ja er ließ zur Erhöhung der Vorsicht die Tür offen stehen. In dem halbdunklen Gange, der durch den anbrechenden Tag und durch eine an der Wand hängende Lampe trübe erhellt wurde, waren, teils umherstehend, teils umherhockend, Soldaten und Gefängnisfrone zu sehen.

Martials Gesicht war so bleich wie das seiner Mutter ... Auf seinen Zügen lag Angst und Abscheu ausgedrückt, die Kniee zitterten ihm unter dem Leibe. Trotzdem er in seiner Mutter eine schwere Verbrecherin kannte, trotzdem er sich nie verhehlt hatte, daß er ihr nie Liebe hatte abgewinnen können, hatte er doch gemeint, ihrem letzten Willen gehorchen zu müssen.

Die Witwe maß ihn, sobald er den Fuß über die Schwelle des Kerkers gesetzt hatte, mit durchbohrenden Blicken. Dann rief sie ihm, wie um heftigen Haß in seinem Gemüte zu wecken, zornig entgegen:

»Du siehst – was man – mit deiner Mutter – mit deiner Schwester vorhat.«

»O, Mutter!« erwiderte der Sohn mit stockender Stimme, »gewiß ist's schrecklich – aber – hatte ich es dir nicht vorher gesagt?«

Zornig biß die Witwe die Lippen aufeinander. Ihr Sohn begriff nicht, was sie von ihm wollte; trotzig fuhr sie deshalb fort:

»Man wird uns umbringen wie deinen Vater!«

»Ach, und ich kann nichts tun,« rief der Sohn, »kann gar nichts tun! Warum hast du, warum hat die Schwester nicht auf meine Warnungen gehört? Dann wäret Ihr nicht hier –«

»Was du nicht sagst?« versetzte die Mutter mit schneidendem Tone, »du meinst also, es geschähe uns nur recht?«

»Mutter!« rief der Sohn.

»Du bist zufrieden also,« fuhr die Mutter fort, »wirst also, ohne zu lügen, sagen können, deine Mutter sei tot? wirst dich ihrer noch im Grabe schämen?«

»Wäre ich ein schlechter Sohn,« warf Martial ein, »dann stünde ich jetzt wohl nicht hier!«

»Bist wohl aus Neugierde gekommen?« fragte die Mutter ironisch.

Martial verdroß die ungerechte Härte der Mutter, und er antwortete barsch:

»Ich bin hier, weil du gewünscht hast, ich möchte kommen.«

»Ach, Martial,« sagte die Tochter, »hätte ich nur auf dich gehört, statt auf die Mutter, dann wäre ich jetzt nicht hier!« Ihre Stimme hatte einen herzzerreißenden Klang, denn es war ihr nicht möglich, ihre Angst und ihr Entsetzen zu verbergen – »deine Schuld ist's, Mutter, und ich – Mutter – ich – verfluche – dich!«

Mit teuflischem Lächeln sagte die Mutter zu ihrem Sohne: »Hörst du, wie sie bereut? wie sie mich anklagt? Freuts dich nicht – he? Freuts dich nicht?«

Ohne zu antworten, trat Martial zu seiner Schwester, die mit der Todesangst kämpfte, und sagte, von Mitleid erfaßt:

»Arme Schwester – aber – nun ist es – zu spät!«

»Die feige Memme zu spielen, dazu ist es nie zu spät,« erwiderte die Mutter mit verbissenem Grimm, »ist das eine Art und Weise! Ist das eine Familie! Zum Glück ist Niklas ausgebrochen – und Franz und Amandine werden, so hoffe ich, dir auch noch einmal ausreißen! Angesteckt vom Bösen sind sie so wie so, und durch Armut werden sie vollends werden, was sie sollen!«

Das Mädchen aber warf, dumpf aufschreiend, beide Arme dem Bruder entgegen und schrie: »O Martial! Sorge für die beiden Kinder! Wenn du es nicht tust, so enden sie sicher wie ich und die Mutter! Der Kopf wird ihnen abgeschlagen werden! Der Kopf!«

»Mag er nur sorgen!« rief die Witwe, vor wilder Freude in die Hände klatschend, »mag er sorgen! Laster und Armut werden stärker sein als er, und es wird ein Tag kommen, da die Kinder Vater, Schwester und Mutter rächen werden!«

Unwirsch versetzte Martiaclass="underline" »Diese grause Hoffnung wird sich nicht erfüllen, Mutter! Denn hinfort haben die beiden Geschwister so wenig wie ich Not und Armut zu befürchten. Meine Braut hat das junge Mädchen gerettet, das Niklas in der Seine ertränken wollte, und die Verwandten des Mädchens haben uns die Wahl freigestellt zwischen einer größeren Geldsumme als Belohnung oder einer geringeren Geldsumme, dafür aber einer Farm in Algier, die sie schon einem andern Manne, dem sie ebenfalls für große Dienstleistungen zu Dank verpflichtet waren, auf eine gewisse Zeit abgetreten hatten, der sie aber nicht hat übernehmen wollen ... Dafür haben wir uns aber entschlossen, nach Algier zu gehen, wenngleich eine gewisse Gefahr dabei nicht zu verkennen ist. Aber damit haben wir uns abzufinden, meine Braut und ich. Wir reisen morgen mit Franz und Amandinen weg und werden wohl Europa nicht wiedersehen.«

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