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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Herrgott!« rief Morel, während Luise ihn mit den Armen umschlungen hielt, »wo bin ich denn eigentlich? Was will man von mir? Was ist vorgegangen? Das kann ja kein Mensch für möglich halten! Das kann ich unmöglich glauben!«

Nach einer Pause nahm er Luisens Kopf zwischen die Hände und blickte sie unverwandt an. Dann rief er, während seine Brust sich höher und höher hob: »Luise!« – Der Doktor aber sagte mit zuversichtlicher Betonung: »Er ist gerettet! Er ist gerettet!« –

Jetzt trat auch Morels Frau vor ihn hin und redete ihn an: »Mein lieber, lieber Mann! Mein lieber, armer Mann!«

Morel aber erwiderte: »Ja, das ist meine Frau! Und nun erkenne ich auch mein Kind, meine Luise!«

Da rief Lachtaube lustig: »Na, und mich, lieber Herr Morel, mich werden Sie doch auch erkennen? Sehen Sie doch nur: Sind nicht all Ihre Freunde da?«

Da nahm auch Germain das Wort: »Ja, sehen Sie doch nur recht, Herr Morel! Es sind all Ihre guten Freunde gekommen, Ihnen wieder einmal recht herzlich guten Tag zu sagen!«

»O, sehe ich denn recht?« rief jetzt Morel, die Hände über den Kopf schlagend, »das ist doch das liebe Fräulein Lachtaube! Und der junge Mann dort ist doch kein anderer als Herr Germain!« Auf seinem Gesichte prägte sich aber ein solches Staunen aus, daß alle fast wieder erschrocken wären. Nur der Doktor winkte beruhigend, er wußte, daß Morels Verstand jetzt unversehrt bleiben werde, nachdem die schwere Krisis überwunden war.

»Ach, und uns dürfen Sie doch nicht vergessen!« sagte jetzt Anastasia, die nun mit Alfred hinzutrat, »uns alte Bekannte aus der Pförtnerstube werden Sie doch sicher noch nicht vergessen haben! Pipelet und seine Frau? Wie? Wir sind und bleiben Freunde auf Leben und Tod,« setzte sie lachend hinzu, »sagen Sie kein Wort, mein lieber Morel, sondern freuen Sie sich mit uns über den schönen Tag, den uns der liebe Herrgott alle mitsammen erleben läßt!«

»Pipelet? Alfred und seine Frau bei mir?« stammelte Morel, noch immer nicht ganz Herr seiner Stimme, »soviel Menschen hier beisammen, um mich zu begrüßen? Das ist mir aber doch nicht mehr passiert, seit ich denken kann! – Aber, aber – du bist es doch, Luise? Bists doch wirklich?«

»Jawohl, mein armer Vater, ich bins,« erwiderte Luise, »und da ist auch die Mutter, und dort deine guten alten Bekannten – und von uns allen wird keiner dich mehr im Stiche lassen, sondern wir wollen alle, alle recht glücklich und fröhlich zusammen sein.«

»Glücklich?« wiederholte Morel, »aber wartet! Da muß ich mich erst besinnen ... Ist es mir doch, als hätte man dich ins Stockhaus abführen wollen? Luise – wie verhält es sich damit?«

»Du hast recht, Vater,« antwortete Luise, »man hatte mich ins Gefängnis abgeführt, und das hatte dir so schrecklich, schrecklich leid getan! Aber, Vater, man hat mich freisprechen müssen, und so bin ich wieder freigelassen worden, und niemand, niemand kann deiner Luise etwas nachreden.«

»O, ich besinne mich jetzt weiter,« sagte Morel wieder, »es war doch noch ein Mann dabei im Spiele ... Ja, richtig, ein Advokat, ein Notar, Ferrand hieß er, jetzt weiß ich es – was ist mit ihm?«

»Vater, der böse Mensch ist von seinem Schicksal ereilt worden: er ist tot, schon seit Wochen tot.«

»Der tot?« fragte Morel, »ist's auch wahr, Kind? O, wenns wahr ist, dann – dann können wir glücklich sein, oder zum wenigsten noch einmal glücklich werden – er war ein gar böser, böser Mensch!« – Dann schwieg er eine Weile. Dann rief er plötzlich: »Aber wo stecke ich denn eigentlich? Das ist doch die Wohnung nicht, in der ich mit euch zusammen gehaust habe?«

»Nein, freilich ist's nicht Ihre Wohnung,« entgegnete der Arzt, nun wieder das Wort nehmend, »aber Sie waren gefährlich krank geworden, und da war es notwendig, Ihnen einen Aufenthalt auf dem Lande vorzuschreiben ... Darum sind Sie hier! Sie litten an einem hitzigen Fieber und redeten irre.«

»Richtig! Auf das letztere besinne ich mich?« antwortete Morel, »das war jedoch vor meiner Krankheit. Ich redete gerade mit meiner Tochter ... und ... wer war es denn noch? Es war doch noch jemand da ... wer war das gleich? ... O, jetzt fällts mir ein: ein sehr edler Herr wars, ein Herr namens Rudolf ... der verhinderte, daß man mich verhaftete ... Was aber von da ab vorgegangen, weiß ich nicht mehr ... Nein, auf alles Weitere kann ich mich nicht mehr besinnen.«

»Das erklärt sich leicht,« antwortete der Doktor, »es war Ihnen eben das Gedächtnis geschwunden, aber der Anblick Ihrer Tochter, Ihrer Frau und Ihrer alten Bekannten hat Ihnen die Besinnung wiedergegeben.«

»Aber bei wem bin ich denn jetzt? Wem gehört denn dieses Haus, worin ich mich jetzt befinde?«

»Sie wohnen bei einem guten Freunde des Herrn Rudolf, von dem Sie eben sprachen,« erwiderte Germain schnell; »in der Annahme, daß Ihnen eine Luftveränderung gut tun werde, hat man Sie hierher gebracht.«

Daß er irrsinnig gewesen, darauf besann sich – wie das ja vielfach bei Geisteskranken der Fall ist – Morel nicht im geringsten ... Was soll ich nun weiter noch berichten? Nur kurze Zeit noch währte es, dann stieg Morel, geführt von seiner Frau und seiner Tochter, in Begleitung eines Assistenzarztes, den Doktor Herbin aus Fürsorge mit nach Paris schickte, in einen Fiaker und verließ Bicêtre, ohne die geringste Ahnung davon, daß er wochenlang in der Abteilung für Geisteskranke zugebracht hatte ...

Viertes Kapitel.

Doktor Herbin.

»Sie halten den Kranken für vollständig geheilt?« fragte Frau Georges den Arzt, der sie bis zum Haupttor von Bicêtre begleitet hatte.

»Ja, liebe Frau,« versetzte Herbin, »ich lasse ihn mit gutem Vorbedacht mit seinen Angehörigen zusammen, denn ich rechne, daß diese Wiedervereinigung von gutem Einflusse sein wird. Um alles in der Welt nicht hätte ich ihn jetzt von ihr trennen mögen. Zudem wird einer meiner besten Assistenten so lange noch bei ihm bleiben, bis alle Gefahr einer Wiederkehr der schlimmen Anfälle für ausgeschlossen gelten darf. Er wird auch bestimmte Weisungen über das Verhalten bei den Angehörigen hinterlassen, das dem Rekonvaleszenten gegenüber beobachtet werden muß. Solange wie ich nicht die vollständige Zuversicht von seiner Genesung besitze, werde ich ihm selbst täglich meinen Besuch machen. Ich nehme ja nicht bloß persönlich innigen Anteil an seinem weiteren Schicksale, sondern bin von dem Geschäftsträger des Herrn Großherzogs von Gerolstein, Königliche Hoheit, beauftragt worden, dem Kranken alle persönliche Sorgfalt zuteil werden zu lassen, die mir Amt und Neigung gestatten.«

Germain sah seine Mutter bedeutungsvoll an, und die Mutter erwiderte den Blick des Sohnes. – »Verbindlichsten Dank, Herr Doktor,« sagte Frau Georges, an der Außenpforte angelangt, »für all Ihre Güte. Es war mir eine Freude, all die Fortschritte zu beobachten, die Ihre Wissenschaft auf diesem Gebiete errungen hat.« –

»Und ich, liebe Frau, fühle mich doppelt beglückt über den Erfolg, der einen so wackeren Menschen den Seinen wieder in die Arme geführt hat.« –

Kurz nachher hatte Frau Georges mit ihren Kindern, Germain und Lachtaube, die Anstalt für Geisteskranke verlassen, zusammen mit ihnen auch Herr und Frau Pipelet. Gerade als Doktor Herbin wieder in den Hof trat, kam ihm ein höherer Anstaltsbeamter entgegen ... »Lieber Herr Doktor,« sprach dieser ihn an, »Sie haben keine Ahnung davon, welchem Auftritte ich beigewohnt habe ... Für einen Beobachter wie Sie gäbe das eine unerschöpfliche Quelle für Ermittelungen.« –

»Was für ein Auftritt ist's denn gewesen?« fragte Herbin.

»Nun, es ist Ihnen doch bekannt, daß zwei Weibsbilder in unserm Zuchthause sitzen, Mutter und Tochter, die morgen hingerichtet werden sollen.«

»Ja, das weiß ich allerdings.«

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