Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Mutter,« fragte Germain, »was ist dir denn auf einmal?« »Nichts, nichts, mein Sohn,« antwortete sie, »mich hat bloß die jähe Bewegung erschreckt, die dieser Mann auf der Bank dort machte ... Und dann ist's auch der grausame Ausdruck in seinem Gesicht, der mich ängstigt ... Ach, Herr, Doktor,« wandte sie sich zum Doktor Herbin, »verzeihen Sie mir diese plötzliche Schwäche! Es tut mir fast leid, der Anwandlung von Neugierde nachgegeben zu haben... Ich hätte meinen Sohn lieber nicht begleiten sollen.«
»Aber, Mutter, wie kann es dich alterieren, was ein dir völlig fremder Mensch hier treibt?«
»Aber, Germain,« sagte jetzt seine Frau, unsere liebe Freundin Lachtaube, »zum zweiten Male setzen wir keinen Fuß wieder hierher, nicht wahr?« –
»O, du bist auch ein so kleiner Hasenfuß!« sagte Germain zu ihr, »nicht so, Herr Doktor?«
»Nun, mein lieber Herr,« antwortete der Doktor, »ich muß bekennen, daß es mich auch erschreckt hat, das Gesicht dieses Mannes, als ich es zum ersten Male sah ... Und ich habe doch schon manches Elend gesehen!« – Darauf wandte er sich zu Bakeclass="underline" »Nun, lieber Mann, wie geht es Ihnen denn heute?«
Bakel blieb stumm. – der Doktor klopfte ihm leicht auf die Achsel ... »O, Mann, hören Sie mich denn wirklich nicht?« fragte er. – Bakel gab wiederum keine Antwort, sondern ließ den Kopf sinken. Nach einer Weile perlte aus seinen Augen eine dicke Träne.
»Sehen Sie,« sagte der Doktor zu seinen Begleitern, »der Mann weint ...«
»Der arme Mensch!« rief Germain mitleidig aus.
Bakel überrieselte es kalt. Jetzt hatte er deutlich die Stimme seines Sohnes gehört ... und sein Sohn hatte Mitleid mit ihm! Sein Sohn beklagte ihn!
»Was ist Ihnen, lieber Mann?« fragte der Doktor wieder; »bedrückt Sie irgend ein Kummer?« – Aber auch jetzt gab Bakel keine Antwort, sondern verhüllte nur das Gesicht mit beiden Händen. – »Wir werden schwerlich etwas von ihm erfahren,« sagte der Doktor. –
»O, dringen Sie nicht weiter in ihn,« bat Germain. »Lassen Sie den Schleier über seinem Jammer.«
Den Schulmeister überlief ein Schauder, denn wieder vernahm er die Stimme seines Sohnes, wieder hörte er, daß sein Sohn seinem Mitleid über ihn Ausdruck gab.
Der Arzt fragte ihn, was mit ihm sei, was ihn denn schmerze; aber Bakel gab keine Antwort, sondern schlug beide Hände vor das Gesicht. Der peinliche Eindruck, den die Szene auf Frau Georges machte, entging dem Arzte nicht. Er wandte sich zu ihr mit den Worten: »Recht gut, daß wir nun zu Morel, dem Steinschneider, kommen. Trügt mich nicht alle Hoffnung, so werden Sie sich dort erleichtert fühlen. Morels Anblick wird Ihnen wohltun, der seiner ehrsamen Frau und seiner wirklich sehr hübschen Tochter nicht minder.«
Darauf entfernte sich der Arzt mit den in seiner Begleitung befindlichen Personen, und Bakel blieb mit sich allein ... Mit tiefer Verzweiflung erfüllte ihn die Gewißheit, daß er von nun ab weder die Stimme seiner Frau, noch die seines Sohnes wieder hören werde; wohl hatte ihn einen Moment die Lust beschlichen, sich zu erkennen zu geben, da er aber recht wohl wußte, daß er beiden nur gerechten Abscheu einflößen konnte, daß es über beide nur Schimpf und Schande brachte, wenn sein wirklicher Name bekannt würde, hätte er lieber tausendfältigen Tod erlitten, als sich offenbaren mögen, und unwillkürlich gedachte er der Worte, die Rudolf zu ihm gesprochen hatte, bevor er die grausige Strafe an ihm vollzog:
»Jedes Wort, das du sprachst, ist eine Gotteslästerung – hinfort aber soll kein anderes Wort über deine Lippen kommen als Gebet ... Weil du dich stark gefühlt, bist du kühn und grausam gewesen; hinfort wirst du sanft und demütig sein, aber der Tag wird kommen, da du deine Opfer beweinen wirst. Den Verstand, den dir Gott gegeben, hast du gemißbraucht, du hast ihn erniedrigt zu einem verbrecherischen Instinkt, aus einem Geschöpfe Gottes hast du dich zur Bestie gemacht; und doch hast du nicht einmal geachtet, was Bestien achten, weder dein Weibchen, noch dein Junges! Aber nach langer Buße für dein Verbrechen wirst du Gott anflehen in deinem letzten Gebete, dir ein letztes Glück, eine letzte Gnade zu gewähren: den Tod zwischen deinem Weibe und deinem Sohne!«
Mit einem wilden Aufschrei brach der Unglückliche zusammen.
Zweites Kapitel.
Morel, der Steinschneider.
So schmerzlich sie der Anblick des Irrenspitales betroffen hatte, so blieb Frau Georges doch unwillkürlich vor einem vergitterten Hofe stehen, in welchem sich die unheilbaren Kranken dieser Gattung befanden ... jene armseligen Geschöpfe, die oft nicht einmal den Instinkt des Tieres besitzen, von denen manche nicht einmal wissen, woher sie stammen, welcher Eltern Kinder sie sind! Die allen, ja sich selbst unbekannt, aller Empfindung bar, alles Denkvermögens beraubt, durch das Leben schleichen und nur die niedrigsten tierischen Bedürfnisse haben. Gemeinhin wird von diesem grausen Geschicke nur die ärmste Klasse der Gesellschaft betroffen, denn es pflegt nur im Schoße der Armut zu hausen, nur in jenen widerwärtigen stinkenden Höhlen des Elends, wo Mangel am Allernotwendigsten herrscht, wo der Mensch sich nicht als Mensch, sondern als Bestie zeigt.
Doktor Herbin brauchte Frau Georges nicht auf den Ausdruck von Vertierung und rohester Gefühllosigkeit aufmerksam zu machen, der dem Gesichte solcher Unglücklichen unter den Menschen ein zugleich häßliches und widerwärtiges Aussehen gibt. Sie gingen fast sämtlich in schmutzigen, zerrissenen Sachen, denn selbst die schärfste Wachsamkeit vermag diese der Vernunft beraubten Wesen nicht zu hindern, daß sie alles, was sie auf dem Leibe tragen, zerfetzen und besudeln, kriechen sie doch sogar fast immer wie die Tiere auf der Erde herum, oder hocken sich in irgend einen dunkeln Winkel des Schuppens, der sie vor den Unbilden der Witterung schützen soll, oft übereinander gekauert, wie Raubtiere in ihren Höhlen, oft knurrend, röchelnd, brüllend wie diese, oft sich einander beißend, wenn nicht gar zerreißend, wie diese!
Auf einem Holzschemel, stumm und in die Sonne gaffend, hockte ein unheimlich feister Greis, mit der Gierigkeit eines Raubtieres sein Essen verschlingend, das ihm in einem hölzernen Napfe gebracht worden war. Wild stierte er jeden an, der sich ihm näherte, und wehe dem, der die Hand nach seinem Napfe ausgestreckt hätte! Ein anderer rannte wie ein Löwe in seinem Zwinger in einem fort an den vier Wänden des Schuppens herum. Noch andere kauerten an der Erde, den Oberleib in einem fort hin und her wiegend, bald vor-, bald rückwärts, die einförmige Bewegung bloß unterbrechend, um einmal laut aufzuschreien oder ein blödes Lachen hören zu lassen. Die Vertiertesten aber waren jene, die in gänzlicher Stumpfheit die Augen nur während der Essenszeit aufschlugen, die ganze andere Zeit aber wie leblos auf der Erde herumlagen, blind und taub gegen alles, was um sie her vorging, die keinen menschlichen Laut mehr von sich geben, die kaum noch den Mann erkannten, der ihnen als Wärter zugeteilt war.
»O, diese armen, armen Menschen!« rief Frau Georges, von tiefem Mitleid für diese Unglücklichen erfüllt, die dem Leben gänzlich abgestorben sind, »es ist doch ein gar schmerzliches Bewußtsein, daß es gegen solche Krankheit kein anderes Heilmittel gibt als den Tod.«
»Ja, gnädige Frau,« erwiderte der Doktor. »Gegen diese Krankheit kennen wir noch kein wirksames Heilmittel. Ganz ohnmächtig sind wir gegen sie, wenn sie erst nach den Pubertätsjahren auftritt. Solange der Mensch noch Kind ist, läßt sich wenigstens durch eine gewisse Erziehung das Atom von Verstand, das noch in seinem Geiste vorhanden, wenn auch immerhin nur in einem mäßigen Grade, zur Entwickelung bringen. Freilich gehört ebensoviel Scharfsinn wie Ausdauer dazu, einigermaßen befriedigende Resultate zu erlangen. Durch gleichzeitige Hebung der leiblichen wie der geistigen Kräfte kann man es dahin bringen, daß Irrsinnige die Buchstaben und Zahlen verstehen, auch die Farben unterscheiden lernen, ja man hat einzelne soweit gedrillt, daß sie eine Art Chorgesang üben, wenn auch dabei gesagt werden muß, daß es recht trübselig wirkt, ihre kläglichen, oft auch recht schmerzlichen Stimmen in einem Liede sich vereinigen zu hören, für dessen Worte kein einziger dieser Sänger Verständnis hat ... Aber wir sind jetzt in der Abteilung angelangt, die den Steinschneider Morel beherbergt. Ich habe empfohlen,« sagte der Irrenarzt, »ihn heut morgen absolut nicht zu stören, ihn mit gar nichts zu behelligen, damit er dem Eindruck, den ich auf ihn hervorzubringen hoffe, völlig unbeeinträchtigt, völlig uninteressiert für anderes, sich hingeben könne.«