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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Keine künstliche Aufregung, mein lieber Herr Charles,« erwiderte der Doktor Herbin, »die Welt hat zum Glück noch nicht bemerkt, was ihr fehlt, aber sobald sie ihre Forderungen stellt, werden wir uns sogleich an die Befriedigung derselben machen. Ein Mann von Ihrem Wissen und Ihren Fähigkeiten kann jederzeit große Dienste leisten...« »Ich bin aber,« rief er zähneknirschend, »für die Wissenschaft, was für die physische Welt die Arche Noahs war,« – und nach diesen Worten maß er den Doktor mit grimmigem Blicke. – »Das weiß ich wohl, mein lieber Freund,« sagte der Doktor. – »Sie wollen das Licht unter den Scheffel stellen!« rief er, die Fäuste ballend; »aber ich will Sie zermalmen wie Glas!« Und sein Gesicht wurde puterrot, und die Adern schwollen ihm wie Stricke an.

Der Doktor blickte den Irren ruhig, scharf und unverwandt an; er gab seiner Stimme jenen schmeichelnden Klang, von dem schon weiter oben die Rede war, und sagte: »O, mein lieber Herr Charles, wir wissen doch alle, daß Sie der größte Gelehrte der Zeit, der vergangenen, wie der gegenwärtigen sind.« – »Und werde es auch bleiben für alle kommenden Zeiten,« rief stolz der Irre. – Der Doktor trat nun zu ihm und klopfte ihm kordial auf die Achsel.. »Ach, er bleibt doch immer der liebenswürdige Schwätzer, der einen nie ausreden läßt.. sollte man nicht glauben, ich kennte die Bewunderung nicht, die Sie einflößen und verdienen?.. Kommen Sie, kommen Sie, mein lieber Charles, wir wollen den Blinden aufsuchen!«

»Doktor, Sie sind ein Kapitalsmensch,« rief der Irre, ihn unter den Arm fassend, »Sie sollen sehen, was man ihn anhören läßt, während ich ihm so schöne Dinge sagen könnte!« Und vollkommen beruhigt, ging er zufrieden vor dem Doktor her. – »Nun, das muß man sagen,« bemerkte Germain, näher zu seiner Mutter und Frau tretend, denen er Angst anzusehen gemeint hatte, als der Irre gar so heftig sprach und gestikulierte, »ich hatte selbst Bange, daß den Irren ein Anfall heimsuchen möchte...«

»Früher wurden bei dem ersten heftigen Wort,« sagte der Doktor, »der ersten zornigen Gebärde solches Kranken die Aufseher über ihn hergefallen sein, ihn gebunden, geschlagen, mit Wasser überschüttet haben – eine der grausamsten Qualen, die man erdenken kann. Stellen Sie sich die Wirkung solcher Behandlung auf einen kräftigen und reizbaren Menschen vor! Er wäre in einen der schlimmsten Wutanfälle geraten, die den stärksten Zwangsmitteln spotten, immer heftiger und endlich unheilbar werden, während, wie Sie sehen, wenn man dieses momentane Aufbrausen nicht gleich unterdrückt, wenn man ihm mittels der außerordentlichen Beweglichkeit des Geistes, die man bei vielen Geisteskranken bemerkt, eine andere Richtung gibt, das augenblickliche Aufwallen so schnell verschwindet, wie es eintritt.«

»Und wer ist der Blinde, von dem er spricht? Ist er auch nur ein Wahnbild seines Geistes?« fragte Frau Georges.

»Nein, im Gegenteil, mit diesem Menschen verhält es sich höchst eigentümlich,« berichtete Doktor Herbin, »man hat ihn in einer Diebshöhle auf den Elysäischen Feldern aufgefunden, als man dort eine Bande von Spitzbuben und Mördern aufgriff. Er lag in einem Keller neben einem abscheulichen Weibe, das bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet war, an einer Kette ...«

»Aber das sind ja ganz gräßliche Dinge!« rief Frau Georges.

»Der Mann selbst ist ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und zwar durch Vitriol, mit dem er sich das Gesicht verbrannt haben muß. Seit er in der Anstalt ist, hat er noch kein einziges Wort gesprochen. Ob er wirklich stumm ist oder sich nur stumm stellt, habe ich noch nicht ermitteln können. Seltsamerweise ist er von Krämpfen – er leidet daran – immer nur nachts, oder wenn ich abwesend war, heimgesucht worden. Auf keine Frage, die an ihn gestellt wird, gibt er Antwort; darum ist es nicht möglich, über seine Lage etwas zu erfahren. Es scheint, als resultieren die Anfälle, unter denen er leidet, aus irgend einer Anwandlung von Wut, deren Ursachen sich indessen nicht feststellen lassen, da er eben auf nichts antwortet ... Die anderen Geisteskranken erweisen ihm alle erdenkliche Aufmerksamkeit, führen ihn spazieren und unterhalten ihn, soweit sie es eben können.« Eben wollte der Doktor in einen Nebengang biegen, als der Mann, von dem er sprach, ihm gegenübertrat. Alle Anwesenden wichen unwillkürlich vor dem schrecklichen Anblicke, den der Mann bot, zurück.

Der Mann war nicht wahnsinnig, simulierte aber Wahnsinn und Stummheit. Denn er hatte die Eule durchaus nicht in einem Anfalle von Wahnsinn umgebracht, sondern nur unter dem Einfluß eines jener hitzigen Fieber, von denen er zeitweilig, wie einmal auch in Bouqueval, befallen wurde.

In dem Diebsnest in den Elysäischen Feldern war er mit festgenommen worden, aber aus seinem Fieberanfalle erst in der Polizeiwachtstube, wohin man ihn einstweilen gebracht hatte, erwacht, und als er die Leute um sich her reden hörte, er sei ein von Tobsucht befallener Narr, zu dem Entschlüsse gelangt, diese Rolle weiter zu spielen und sich stumm zu stellen, um nicht in die Gefahr zu geraten, sich durch Reden zu gefährden, falls an seinem Wahnsinne gezweifelt werden sollte ...

Die List war ihm gelungen. Man hatte ihn nach Bicêtre gebracht. Dort simulierte er von Zeit zu Zeit Wutanfalle, aber um sich der Kontrolle des Oberarztes zu entziehen, fast immer nur nachts, und wußte es gemeinhin auch so einzurichten, daß die Unfälle niemals so lange dauerten, bis der in der Anstalt anwesende Arzt seine Zelle erreicht haben konnte. Seine Genossen hätten, auch wenn ihnen bekannt gewesen wäre, wo er sich aufhielte – was indessen nicht der Fall war – keinen Vorteil daraus gezogen, wenn sie ihn verraten hatten. Es war mithin schwer, den Nachweis seiner Identität zu führen, zumal er überhaupt in Paris nur eine sehr geringe Zahl von Genossen hatte – und so trug er sich mit der Hoffnung, in Bicêtre vorläufig nicht gestört zu werden.

Seit seine körperliche Unfähigkeit seinen schlimmen Gelüsten einen Hemmschuh anlegte, hatte die Freiheit für ihn kaum noch Reiz. Während des gezwungenen Aufenthalts in Rotarms Keller hatte übrigens die Reue bereits den Weg zu dem Herzen dieses Verbrechers gefunden, und oft waren ihm in seiner Einsamkeit und Abgeschiedenheit die Gespenster der von ihm ermordeten Menschen erschienen.

Dem Räuber, der noch in der Vollkraft des Mannesalters stand und ohne Zweifel noch viele Jahre vor sich hatte, der körperlich ein Riese war und auch seinen Verstand noch ungetrübt besaß, blieb also, wenn er sich vor Entdeckung schützen wollte, die ihn aufs Blutgerüst bringen mußte, nichts anderes übrig, als Wahnsinn und Stummheit weiter zu simulieren, denn nur dann war ihm die Möglichkeit, in Bicêtre zu bleiben, gesichert. Aber es fiel ihm außerordentlich schwer, seine Rolle weiter zu spielen, denn gegen die Wildheit seines Temperaments war er gar oft ohnmächtig.

Jetzt saß er auf einer Bank, mit den Ellenbogen auf die Knie gestützt. Seinen häßlichen großen Kopf bedeckte ein Wald von grauem Haar. Dem Gesichte fehlten die Augen, aber schrecklicher noch wirkten die beiden Löcher, die die völlig zerfressene Nase ersetzten, und die beiden schmalen Linien, die statt der Lippen den Mund abzeichneten..

»O, Mutter, Mutter, sieh doch!« sagte Germain zu Frau Georges, »dieser Mensch muß doch entsetzlich elend sein!« – »Ja, mein lieber Sohn,« antwortete Frau Georges, »ein solcher Anblick muß einem das Herz zusammenschnüren.«

Aber kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als Bakel bis in sein innerstes Mark erbebte. Sein zerfressenes Gesicht erbleichte unter den Narben. Rasch erhob er sich und drehte das Gesicht nach der Seite, wo Germains Mutter stand, so daß diese einen Aufschrei nicht unterdrücken konnte, obgleich sie keine Ahnung davon hatte, wer dieser Unglückliche sein mochte. Bakel hatte die Stimme seiner Frau erkannt, und die Worte, die eben aus ihrem Munde gefallen waren, hatten ihm verraten, daß sie mit ihrem Sohne sprach!

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