Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Es geht jetzt nicht, es geht jetzt nicht«, sagte von innen eine ängstliche Stimme.
Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Das Geschrei verstummte; es vergingen noch einige Sekunden. Plötzlich erscholl im Nebenzimmer ein furchtbarer Schrei; dieser Schrei konnte ja doch nicht aus ihrem Mund gekommen sein, dachte Fürst Andrei; so konnte sie doch nicht schreien. Fürst Andrei lief zur Tür hin; das Schreien verstummte; er hörte das Quäken eines kleinen Kindes.
»Wozu haben sie ein kleines Kind dorthin gebracht?« dachte Fürst Andrei in der ersten Sekunde. »Ein kleines Kind? Was für ein kleines Kind …? Wozu ist dort ein kleines Kind? Oder ist da ein Kind geboren?«
Da begriff er auf einmal die ganze freudige Bedeutung dieser quäkenden Töne; die Tränen erstickten ihn fast; er stützte sich mit beiden Ellbogen auf das Fensterbrett und weinte schluchzend, so wie Kinder weinen.
Die Tür ging auf. Der Arzt, ohne Rock, mit aufgerollten Hemdsärmeln, blaß und mit zitterndem Unterkiefer, trat aus dem Zimmer. Fürst Andrei wandte sich zu ihm; aber der Arzt blickte ihn wie geistesabwesend an und ging, ohne ein Wort zu sagen, an ihm vorbei. Eine Frau kam herausgelaufen und blieb, als sie den Fürsten Andrei erblickte, zögernd auf der Schwelle stehen. Er ging in das Zimmer seiner Frau hinein. Sie lag tot da, in derselben Haltung, in der er sie fünf Minuten vorher gesehen hatte, und trotz der starr gewordenen Augen und der Blässe der Wangen lag noch derselbe Ausdruck auf diesem reizenden, kindlichen Gesichtchen mit den schwarzen Härchen auf der Oberlippe.
»Ich liebe euch alle und habe niemandem Böses getan; und was habt ihr mit mir gemacht?« sagte ihr reizendes, mitleiderregendes, totes Antlitz.
In der Ecke des Zimmers grunzte und winselte etwas Kleines, Rotes in Marja Bogdanownas weißen, zitternden Händen.
Zwei Stunden später ging Fürst Andrei mit leisen Schritten zu seinem Vater in dessen Zimmer. Der Alte wußte schon alles. Er stand dicht an der Tür, und sowie sie sich öffnete, umschlang er schweigend mit seinen steifen, alten Armen den Hals seines Sohnes und schluchzte wie ein Kind.
Drei Tage darauf wurde an der Leiche der kleinen Fürstin das Totenamt gehalten, und Fürst Andrei stieg, um von ihr Abschied zu nehmen, die Stufen hinan, auf denen der Sarg stand. Auch im Sarg war ihr Gesicht unverändert, obwohl die Augen nun geschlossen waren. »Ach, was habt ihr mit mir gemacht?« sagte es immer noch, und Fürst Andrei fühlte, daß in seiner Seele gleichsam etwas zerrissen war, daß ihn eine Schuld drückte, die er nicht wiedergutmachen und nicht vergessen konnte. Er war nicht imstande zu weinen.
Der Alte stieg ebenfalls hinauf und küßte das eine wachsartige Händchen der Toten, das still und mit hohem Hohlraum über dem andern lag, und auch zu ihm sagte ihr Gesicht: »Ach, was habt ihr mit mir gemacht, und womit habe ich es verdient?« Und der Alte wandte sich mit grimmiger Miene weg, als er dieses Gesicht erblickte.
Wieder fünf Tage später wurde der kleine Fürst Nikolai Andrejewitsch getauft. Die Amme hielt mit dem Kinn die Windeln fest, während der Geistliche mittels einer Gänsefeder die runzeligen, roten Handflächen und Fußsohlen des Knaben salbte.
Taufpate war der Großvater; in größter Furcht, daß er den Kleinen fallen lassen könnte, trug er ihn zitternd um das blecherne verbeulte Taufbecken herum und übergab ihn dann der Patin, der Prinzessin Marja. Fürst Andrei saß in einem Nebenzimmer, voller Angst, daß man ihm seinen Sohn ertränken werde, und wartete auf die Beendigung der heiligen Handlung. Mit herzlicher Freude sah er das Kind an, als die Kinderfrau es ihm brachte, und nickte beifällig mit dem Kopf, als sie ihm berichtete, daß das in das Taufbecken geworfene Wachsklümpchen mit Haaren des Täuflings nicht untergesunken sei, sondern auf dem Wasser geschwommen habe.
X
Es war dem alten Grafen Rostow durch seine Bemühungen gelungen, Nikolais Beteiligung an dem Duell zwischen Dolochow und Besuchow zu vertuschen, und Nikolai war, statt degradiert zu werden, wie er es erwartet hatte, vielmehr zum Adjutanten beim Generalgouverneur von Moskau ernannt worden. Infolgedessen konnte er nicht mit der übrigen Familie aufs Land fahren, sondern blieb wegen seiner neuen Tätigkeit den ganzen Sommer über in Moskau. Dolochow genas wieder von seiner Verwundung, und Rostow befreundete sich mit ihm während seiner Rekonvaleszenz noch enger als vorher. Dolochow überstand sein Krankenlager in der Wohnung seiner Mutter, die ihn zärtlich und leidenschaftlich liebte. Die alte Marja Iwanowna, die den jungen Rostow wegen seiner freundschaftlichen Zuneigung zu ihrem Fjodor liebgewonnen hatte, sprach häufig mit ihm über ihren Sohn.
»Ja, Graf«, pflegte sie zu sagen, »er hat eine zu edle, reine Seele für die jetzige verderbte Welt. Die Tugend hat niemand gern; die ist allen ein Dorn im Auge. Sagen Sie selbst, Graf, hat etwa dieser Besuchow sich gerecht und ehrenhaft benommen? Fjodor aber in seiner edlen Denkungsweise hat ihn gern gehabt und redet auch jetzt nie etwas Schlechtes von ihm. Diese dummen Streiche in Petersburg (sie haben da mit einem Reviervorsteher irgendeinen Scherz gemacht), die haben die beiden ja doch zusammen ausgeführt. Und doch ist diesem Besuchow nichts dafür passiert; Fjodor hat alles auf seine Schultern genommen. Was hat er nicht alles dafür ertragen müssen! Gewiß, er ist dann rehabilitiert worden; aber das war ja auch gar nicht anders möglich. Ich meine, so tapfere Helden und so treue Söhne des Vaterlandes wie ihn hat es da im Feld nicht viele gegeben. Und nun jetzt dieses Duell! Haben denn diese Leute gar kein menschliches Empfinden, gar kein Ehrgefühl? Zu wissen, daß er mein einziger Sohn ist, und ihn doch zum Duell zu fordern und so geradezu auf ihn zu schießen! Nur gut, daß Gott sich unser erbarmt hat! Und was war der Grund? Nun, wer hat in unserer Zeit keine Liebesaffären? Und dann, wie kann dieser Besuchow nur plötzlich so eifersüchtig sein? Ich möchte meinen, er konnte meinem Sohn ja früher zu verstehen geben, daß ihm dieses Verhältnis nicht zusagte; aber nun hatte es doch schon wer weiß wie lange gedauert. Und dann: er hat ihn zum Duell herausgefordert, weil er dachte, Fjodor werde sich nicht mit ihm schlagen, weil er ihm Geld schuldig ist. Welch eine niedrige, gemeine Gesinnung! Ich weiß, Sie, mein lieber Graf, haben für Fjodors Wesen Verständnis gewonnen; darum habe ich Sie auch herzlich gern, das können Sie mir glauben. Es sind nur wenige, die für ihn Verständnis haben. Er hat eine so herrliche, himmlische Seele!«
Dolochow selbst redete während seiner Rekonvaleszenz häufig zu Rostow in einer Weise, die man von ihm schlechterdings nicht hätte erwarten können.
»Ich weiß, ich gelte für einen schlimmen Menschen«, sagte er oft; »nun, mag man mich dafür halten. Außer den Menschen, die ich liebe, mag ich von niemand etwas wissen; aber wen ich liebe, den liebe ich so, daß ich mein Leben für ihn hingebe; alle übrigen aber trete ich zu Boden, wenn sie mir im Wege stehen. Ich habe eine ganz prächtige, herrliche Mutter, die ich innig liebe, und zwei, drei Freunde, zu denen auch du gehörst; aber um die anderen Menschen kümmere ich mich nur insoweit, als sie mir nützlich oder schädlich sind. Und fast alle sind sie schädlich, namentlich die Weiber. Ja, mein Bester«, fuhr er fort, »Männer nach meinem Herzen habe ich schon gefunden: liebende, edeldenkende, hochsinnige Männer; aber unter dem Weibervolk bin ich bisher immer nur käuflichen Geschöpfen begegnet; ob es Gräfinnen oder Köchinnen sind, das macht keinen Unterschied. Noch habe ich nie jene himmlische Reinheit und Hingebung angetroffen, die ich beim Weib suche. Wenn ich ein solches Weib fände, würde ich mein Leben für sie hingeben. Aber diese Sorte …« Er machte eine verächtliche Gebärde. »Und glaube mir, wenn ich noch Wert darauf lege, weiterzuleben, so tue ich das nur, weil ich immer noch einem solchen himmlischen Wesen zu begegnen hoffe; diesem werde ich dann meine Wiedergeburt, meine Läuterung, meine Erhebung zu höherer Sphäre zu danken haben. Aber du verstehst mich wohl kaum.«