Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Sie nahm die Hand der Prinzessin und legte sie sich auf den Leib. Ihre Augen lächelten; sie wartete auf etwas. Die Oberlippe mit dem Schnurrbärtchen zog sich in die Höhe und verharrte mit einem Ausdruck kindlicher Glückseligkeit in dieser Haltung.
Prinzessin Marja kniete vor ihr nieder und verbarg ihr Gesicht in den Kleiderfalten ihrer Schwägerin.
»Da, da! Fühlst du es? Mir ist so sonderbar zumute. Weißt du, Marja, ich werde es sehr lieb haben«, sagte Lisa und blickte sie mit glückstrahlenden Augen an.
Prinzessin Marja konnte den Kopf nicht in die Höhe heben; sie weinte.
»Was ist dir, Marja?«
»Nichts … Es ist mir nur so bange … so bange um Andrei«, antwortete sie und trocknete ihre Tränen an dem Knie ihrer Schwägerin ab.
Noch mehrere Male im Lauf dieses Vormittags setzte Prinzessin Marja dazu an, ihre Schwägerin vorzubereiten, und begann dabei jedesmal zu weinen. Die kleine Fürstin, so wenig Scharfblick sie auch besaß, geriet doch in Unruhe über diese Tränen, deren Ursache sie nicht begriff. Sie sagte nichts; aber sie blickte aufgeregt um sich, als ob sie etwas suchte. Vor dem Mittagessen kam in ihr Zimmer der alte Fürst, vor dem sie stets Furcht hatte; sein Gesicht zeigte jetzt eine besondere Unruhe und zornige Erregung, und ohne ein Wort zu sagen, ging er wieder hinaus. Sie blickte die Prinzessin Marja an und versank dann in Gedanken, wobei ihre Augen jenen Ausdruck einer nach innen gerichteten Aufmerksamkeit annahmen, wie er bei schwangeren Frauen häufig ist. Plötzlich brach sie in Tränen aus.
»Habt ihr Nachricht von Andrei?«
»Nein; du weißt, daß noch keine Nachricht dasein kann; aber der Vater beunruhigt sich, und auch mir ist bange.«
»Also es ist nichts gekommen?«
»Nein, nichts«, antwortete Prinzessin Marja und blickte mit ihren leuchtenden Augen ihre Schwägerin fest an.
Sie hatte sich dafür entschieden, ihr nichts zu sagen, und auch ihren Vater überredet, der kleinen Fürstin den Empfang der schrecklichen Nachricht bis zu ihrer bevorstehenden Entbindung zu verheimlichen. Prinzessin Marja und der alte Fürst trugen und verbargen ihren Kummer, ein jeder auf seine Weise. Der alte Fürst wollte nicht mehr hoffen: er sagte sich, Fürst Andrei sei tot, und obgleich er einen seiner Angestellten nach Österreich schickte, um nach Spuren von seinem Sohn zu suchen, bestellte er doch bereits in Moskau ein Denkmal für ihn, das er in seinem Garten aufstellen wollte, und sagte zu allen, sein Sohn sei im Kampf gefallen. Er bemühte sich, seine frühere Lebensweise unverändert fortzuführen; aber die Kraft versagte ihm: er ging weniger, aß weniger, schlief weniger und wurde mit jedem Tag schwächer. Prinzessin Marja dagegen hoffte noch. Sie betete für ihren Bruder wie für einen Lebenden und erwartete jeden Augenblick Nachrichten über seine Heimkehr.
VIII
»Liebe Marja«, sagte die kleine Fürstin am Vormittag des 19. März nach dem Frühstück, und die Oberlippe mit dem Schnurrbärtchen zog sich nach alter Gewohnheit in die Höhe; aber wie bei allen Bewohnern dieses Hauses seit dem Tag, wo die schreckliche Nachricht eingetroffen war, in der Art zu lächeln, im Ton der Stimmen, ja selbst in der Besonderheit des Gehens sich das Gefühl des Schmerzes und der Trauer kundgab, so glich sich jetzt auch das Lächeln der kleinen Fürstin der allgemeinen Stimmung an, obgleich sie deren Ursache nicht kannte, und erinnerte dadurch noch um so mehr an die allgemeine Traurigkeit.
»Liebe Marja«, sagte sie, »ich fürchte, daß das heutige ›Breakfast‹, wie euer Koch Foka es nennt, mir nicht gut bekommen ist.«
»Was ist dir denn, mein Herzchen? Du siehst so blaß aus! Ach ja, du bist sehr blaß«, sagte Prinzessin Marja erschrocken, die sofort mit ihren schweren, weichen Schritten zu ihrer Schwägerin geeilt war.
»Euer Durchlaucht, soll ich nicht Marja Bogdanowna holen lassen?« fragte ein gerade anwesendes Stubenmädchen. Marja Bogdanowna war die Hebamme aus der Kreisstadt; sie wohnte schon seit mehr als einer Woche in Lysyje-Gory.
»Das ist vielleicht wirklich das Richtige«, stimmte ihr Prinzessin Marja bei. »Ich will hingehen. Nur Mut, mein Engel!« Sie küßte Lisa und wollte das Zimmer verlassen.
»Ach nein, nein!« Und außer der durch ihren Körperzustand herbeigeführten Blässe malte sich auf dem Gesicht der kleinen Fürstin eine kindliche Furcht vor dem unabwendbaren Leiden. »Nein, es ist der Magen … Du kannst glauben, daß es der Magen ist, Marja; sag doch auch, daß es der Magen ist …« Und die Fürstin weinte, maßlos und eigensinnig wie ein kleines Kind, sogar etwas gekünstelt, und rang die kleinen Hände.
Die Prinzessin lief aus dem Zimmer, um Marja Bogdanowna zu holen.
»Mein Gott, o mein Gott!« hörte sie hinter sich stöhnen.
Sich die kleinen, fleischigen, weißen Hände reibend, kam ihr die Hebamme schon mit ruhiger, selbstbewußter Miene entgegen.
»Marja Bogdanowna, ich glaube, es hat angefangen«, sagte Prinzessin Marja und blickte diese wichtige Person mit weitgeöffneten, erschrockenen Augen an.
»Nun, Gott sei Dank, Prinzessin,« erwiderte Marja Bogdanowna, ohne ihre Schritte zu beschleunigen. »Aber Sie als junges Mädchen dürfen davon nichts wissen.«
»Aber wie geht es denn zu, daß der Arzt aus Moskau noch nicht angekommen ist?« sagte die Prinzessin. Auf Lisas und des Fürsten Andrei Wunsch war für den vermutlichen Termin ein Moskauer Geburtshelfer zu kommen ersucht worden, und er wurde nun jeden Augenblick erwartet.
»Nun, das macht nichts, Prinzessin; seien Sie ohne Sorge!« antwortete Marja Bogdanowna. »Es wird auch ohne Arzt alles gutgehen.«
Fünf Minuten darauf hörte die Prinzessin von ihrem Zimmer aus, daß auf dem Korridor etwas Schweres getragen wurde. Sie sah aus der Tür: mehrere Diener trugen das Ledersofa, das sonst im Zimmer des Fürsten Andrei stand, aus irgendeinem Grund nach dem Schlafzimmer. Auf den Gesichtern der Träger lag eine Art von feierlichem Ernst.
Prinzessin Marja saß allein in ihrem Zimmer und horchte auf die Geräusche im Haus; ab und zu öffnete sie die Tür, wenn jemand vorbeiging, und sah zu, was sich auf dem Korridor zutrug. Einige Frauen gingen mit leisen Schritten nach der einen und nach der andern Seite hin vorüber, blickten sich nach der Prinzessin um und wandten sich von ihr ab. Sie wagte nicht zu fragen, machte die Tür wieder zu, kehrte in ihr Zimmer zurück und setzte sich bald in ihren Lehnstuhl, bald griff sie nach dem Gebetbuch, bald fiel sie vor dem Heiligenschrein auf die Knie. Aber leider mußte sie zu ihrem Erstaunen bemerken, daß das Gebet ihre Aufregung nicht beruhigte. Plötzlich öffnete sich leise die Tür ihres Zimmers, und auf der Schwelle erschien, ein Tuch um den Kopf gebunden, ihre alte Kinderfrau Praskowja Sawischna, die sonst fast nie zu ihr ins Zimmer kam, da der Fürst es verboten hatte.
»Ich bin hergekommen, um ein Weilchen bei dir zu sitzen, liebe Marja«, sagte die Kinderfrau. »Und dann habe ich auch die Trauungskerzen des Fürsten Andrei mitgebracht; die wollte ich vor seinem Schutzheiligen anzünden, liebes Kind«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu.
»Ach, wie freue ich mich, daß du gekommen bist, liebe Alte!«
»Gott ist gnädig, mein Herzchen.«
Die Kinderfrau zündete vor dem Heiligenschrein die ringsum mit Gold verzierten Kerzen an und setzte sich mit ihrem Strickstrumpf an die Tür. Prinzessin Marja nahm ein Buch und begann zu lesen. Nur wenn sich Schritte oder Stimmen vernehmen ließen, blickten beide einander an, die Prinzessin erschrocken und fragend, die Kinderfrau beruhigend. Dasselbe Gefühl, welches Prinzessin Marja, in ihrem Zimmer sitzend, empfand, war in allen Teilen des Hauses verbreitet und erfüllte die Herzen aller Hausgenossen. Aufgrund eines Volksglaubens, daß die Gebärerin um so weniger leidet, je weniger Leute von ihren Leiden wissen, waren alle bemüht, sich unwissend zu stellen. Niemand sprach davon, und das Dienstpersonal zeigte auch heute das gewöhnliche gemessene, respektvolle Benehmen und die guten Manieren, die im Haus des Fürsten stets herrschten; aber allen sah man eine bestimmte, gemeinsame Sorge an und eine weiche Stimmung des Herzens und das Bewußtsein, daß sich da jetzt in diesem Augenblick etwas Großes, Unbegreifliches vollzog.