Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Erinnerst du dich wohl, ich sprach einmal mit dir über das Spiel. Ein Dummkopf, wer auf gut Glück spielen will; beim Spiel muß man seiner Sache gewiß sein. Ich will es einmal damit versuchen.«
»Womit will er es versuchen?« dachte Rostow. »Mit dem guten Glück oder mit der Gewißheit?«
»Spiel lieber nicht!« fügte Dolochow noch hinzu. Dann schlug er mit einem Spiel Karten, von dem er soeben die Enveloppe abgerissen hatte, auf den Tisch und rief: »Bank, meine Herren!«
Er schob das Geld weiter nach vorn und begann die Karten abzuziehen. Rostow saß neben ihm und spielte anfangs nicht mit. Dolochow blickte ihn an.
»Warum spielst du denn nicht?« fragte er ihn.
Und sonderbar: Nikolai fühlte eine Art von heftigem Drang, eine Karte zu nehmen, eine unbedeutende Summe darauf zu setzen und mitzuspielen.
»Ich habe kein Geld bei mir«, erwiderte er.
»Ich kreditiere dir!«
Rostow setzte fünf Rubel auf eine Karte und verlor; er setzte noch einmal und verlor wieder. Dolochow schlug (d.h. gewann) zehn Karten Rostows hintereinander.
»Meine Herren«, sagte Dolochow, nachdem er eine Zeitlang eine Karte nach der anderen abgezogen hatte, »ich bitte Sie, das Geld auf die Karten zu legen; sonst kann ich mich in der Berechnung irren.«
Einer der Spieler erwiderte, er, der Redende, habe doch hoffentlich soviel Kredit.
»Kredit haben Sie schon; aber ich fürchte, mich zu irren. Ich bitte Sie, das Geld auf die Karten zu legen«, antwortete Dolochow. »Du aber geniere dich gar nicht, wenn du auch nichts bei dir hast«, fügte er, zu Rostow gewendet, hinzu. »Wir beide rechnen nachher miteinander ab.«
Das Spiel nahm seinen Fortgang; ein Diener bot unaufhörlich Champagner an.
Alle Karten Rostows wurden geschlagen, und es waren ihm bereits etwa achthundert Rubel als Schuld angeschrieben. Er hatte gerade auf eine Karte als Einsatzbezeichnung achthundert Rubel geschrieben; aber während ihm Champagner präsentiert wurde, besann er sich eines anderen und schrieb wieder seinen gewöhnlichen Satz, zwanzig Rubel, hin.
»Laß doch stehen«, sagte Dolochow, obwohl er anscheinend gar nicht nach Rostow hingesehen hatte. »Du kannst dann leichter wiedergewinnen. Allerdings: gegen andere verliere ich, und deine Karten schlage ich fortwährend. Vielleicht fürchtest du dich vor mir?« fragte er noch einmal.
Rostow gehorchte, blieb bei der Zahl achthundert und setzte auf eine Cœur-Sieben mit einer abgerissenen Ecke, die er vom Fußboden aufgehoben hatte. An das Aussehen dieser Karte erinnerte er sich in späteren Zeiten ganz genau. Er besetzte diese Cœur-Sieben, indem er mit einem Stücken Kreide die Zahl achthundert mit rundlichen, geradestehenden Ziffern daraufschrieb, trank das ihm gereichte, schon etwas warm gewordene Glas Champagner aus und beantwortete Dolochows Frage mit einem Lächeln; dann blickte er nach Dolochows Händen, in denen dieser ein Päckchen Karten hielt, und wartete mit fast ersterbendem Herzschlag auf eine Sieben. Ob die Sieben gewann oder verlor, daß war für Rostow von der allergrößten Bedeutung. Am Sonntag der vergangenen Woche hatte Graf Ilja Andrejewitsch seinem Sohn zweitausend Rubel gegeben, und er, in dessen Art es sonst nie lag, über pekuniäre Schwierigkeiten zu sprechen, hatte ihm gesagt, dieses Geld sei nun das letzte bis zum Mai, und er müsse ihn daher bitten, diesmal recht ökonomisch damit umzugehen. Nikolai hatte geantwortet, er habe auch daran überreichlich und gebe sein Ehrenwort, vor dem Frühjahr kein Geld mehr zu verlangen. Jetzt hatte er von diesem Geld noch zwölfhundert Rubel zu Hause übrig. Folglich bedeutete ein Fehlschlagen der Cœur-Sieben für ihn nicht nur einen Verlust von sechzehnhundert Rubeln, sondern auch die Notwendigkeit, dem gegebenen Wort untreu zu werden. Mit angsterfülltem Herzen blickte er nach Dolochows Händen und dachte: »Na, laß mich schnell auf diese Karte gewinnen, und ich nehme meine Mütze und fahre nach Hause und esse mit Denisow, Natascha und Sonja Abendbrot und nehme ganz bestimmt nie wieder eine Karte in meine Hände.« In diesem Augenblick trat ihm sein häusliches Leben, die Späßchen mit seinem kleinen Bruder Petja, die Gespräche mit Sonja, die Duette mit Natascha, die Pikettpartien mit seinem Vater und sogar sein ruhiges Bett in dem Haus in der Powarskaja-Straße mit solcher Kraft, Klarheit und verlockenden Schönheit vor die Seele, als ob das alles ein längst vergangenes, verlorenes, unschätzbares Glück wäre. Er konnte es gar nicht für möglich halten, daß ein dummer Zufall, der eine Sieben früher nach rechts als nach links fallen ließe, ihn dieses ganzen Glückes, das ihm soeben neu zum Verständnis gekommen war und ihm nun in so schöner Beleuchtung erschien, berauben und ihn in den Abgrund eines Unglücks, wie er es noch nie erlitten, eines gar nicht zu ermessenden Unglücks hinabschleudern sollte. Das konnte doch nicht sein; aber dennoch verfolgte er beklommen jede Handbewegung Dolochows. Diese breitknochigen, roten Hände, mit der starken Behaarung, die aus den Hemdsärmeln sichtbar wurde, legten jetzt das Kartenpäckchen hin und griffen nach dem Champagnerglas, das ihm präsentiert wurde, und nach der Pfeife.
»Also du fürchtest dich nicht, mit mir zu spielen?« fragte Dolochow noch einmal, und als wenn er eine lustige Geschichte erzählen wollte, legte er sich an die Rücklehne des Stuhles zurück und sagte langsam mit einem Lächeln um die Lippen: »Ja, meine Herren, ich habe gehört, daß in Moskau das Gerücht verbreitet ist, ich wäre ein Falschspieler; daher rate ich Ihnen, mir gegenüber vorsichtig zu sein.«
»Na, zieh doch weiter ab!« sagte Rostow.
»Oh, diese Moskauer Klatschschwestern!« fügte Dolochow noch hinzu und griff dann lächelnd wieder nach den Karten.
»Oh, oh, oh!« stöhnte Rostow, beinah schreiend, und hob beide Hände zu seinen Haaren in die Höhe. Die Sieben, die er so notwendig brauchte, hatte ganz oben gelegen, als erste Karte in dem Päckchen. Er hatte mehr verloren, als er bezahlen konnte.
»Aber reiß dir nur nicht die Haare aus!« sagte Dolochow mit einem flüchtigen Blick zu Rostow hin und fuhr fort, die Karten abzuziehen.
XIV
Nach anderthalb Stunden betrachteten die meisten Spieler ihr eigenes Spiel nur noch als Nebensache; das ganze Interesse konzentrierte sich allein auf Rostow. Seine Schuld betrug nicht mehr sechzehnhundert Rubel, sondern es war ihm eine lange Zahlenreihe angeschrieben. Bis zehntausend hatte er sie zusammengezählt; jetzt hatte er die undeutliche Vorstellung, sie möchte wohl schon auf fünfzehntausend angewachsen sein; aber in Wirklichkeit überstieg seine Schuld schon zwanzigtausend Rubel. Dolochow hörte nicht mehr zu, was die anderen erzählten, und erzählte selbst nichts mehr; er verfolgte jede Bewegung, die Rostow mit den Händen machte, und warf ab und zu einen schnellen Blick auf dessen Schuldenverzeichnis. Er hatte sich vorgenommen, das Spiel so lange fortzusetzen, bis Rostows Schuld auf dreiundvierzigtausend angewachsen sein würde. Diese Zahl hatte er deswegen gewählt, weil dreiundvierzig als Summe herauskam, wenn er seine und Sonjas Lebensjahre addierte. Rostow saß, den Kopf auf beide Arme gestützt, an dem vollgeschriebenen, mit Wein begossenen, mit Karten bedeckten Tisch. Das eine qualvolle Gefühl wurde er nicht los: diese breitknochigen, roten Hände mit der starken Behaarung, die aus den Hemdsärmeln sichtbar wurde, diese Hände, die er zugleich liebte und haßte, hielten ihn in ihrer Gewalt.
»Sechshundert Rubel, As, Paroli, die Neun … Den Verlust wieder einzubringen, ist unmöglich! … Und wie vergnügt hätte ich zu Hause sein können … Der Bube auf paix … Es ist ja gar nicht möglich! … Warum tut er mir das nur an?« dachte Rostow und suchte in seinem Gedächtnis. Manchmal besetzte er eine Karte außerordentlich hoch; aber Dolochow weigerte sich, einen solchen Einsatz zu akzeptieren, und bestimmte selbst einen niedrigeren. Nikolai fügte sich ihm und betete bald zu Gott, wie er es auf dem Kampfplatz an der Ennsbrücke getan hatte; bald machte er sich ein Orakel zurecht, daß diejenige Karte, die ihm aus einem Haufen verbogener Karten unter dem Tisch zuerst in die Hände komme, ihn retten werde, bald zählte er, wieviel Schnüre er an seiner Husarenjacke hatte, und besetzte eine Karte, die die gleiche Augenzahl aufwies, mit dem Betrag seines letzten Verlustes; bald blickte er, gleichsam um Hilfe flehend, die Mitspieler an; bald betrachtete er das jetzt völlig kalt erscheinende Gesicht Dolochows und bemühte sich zu ergründen, was in dessen Innerm vorging.