Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Reden Sie nicht weiter zu mir … Ich bitte Sie darum …«, flüsterte Pierre mit heiserer Stimme.
»Warum sollte ich nicht reden? Ich habe ein Recht zu reden und sage dreist: es wird selten eine Frau zu finden sein, die bei einem solchen Mann, wie Sie, sich keine Liebhaber anschafft; und ich habe es nicht getan«, sagte sie.
Pierre wollte etwas erwidern, sah sie mit einem seltsamen Blick an, dessen Bedeutung sie nicht verstand, und legte sich wieder hin. Er litt in diesem Augenblick körperlich: er fühlte eine Beklemmung in der Brust und konnte nicht Atem holen. Er wußte, daß er irgend etwas tun mußte, um diese Schmerzempfindung abzukürzen; aber das, was zu tun ihn die Lust ankam, war gar zu furchtbar.
»Das beste wäre, wenn wir uns voneinander trennten«, stieß er in einzelnen Absätzen heraus.
»Meinetwegen; nur müssen Sie mir dann die nötigen Existenzmittel geben«, erwiderte Helene. »Eine Trennung! Bilden Sie sich nicht ein, daß mich das schreckt!«
Pierre sprang vom Sofa auf und stürzte taumelnd auf sie los.
»Ich schlage dich tot!« schrie er, packte mit einer Kraft, die er selbst noch nicht an sich kannte, die marmorne Tischplatte, tat einen Schritt in der Richtung auf seine Frau zu und holte gegen sie aus.
Helenes Gesicht verzerrte sich in furchtbarer Weise: sie kreischte auf und sprang von ihm zurück. Die Natur seines Vaters kam bei ihm zum Durchbruch. Pierre fühlte, wie ihn die Raserei packte, und fühlte den Reiz und die Lust dieser Raserei. Er schleuderte die Tischplatte auf den Boden, so daß sie zerbrach, trat mit auseinander gehaltenen Armen auf seine Frau zu und schrie: »Hinaus!« mit so furchtbarer Stimme, daß alle im Haus diesen Schrei hörten und darüber erschraken. Gott weiß, was Pierre in diesem Augenblick noch weiter getan hätte, wenn Helene nicht aus dem Zimmer gelaufen wäre.
Eine Woche darauf stellte Pierre seiner Frau eine Vollmacht auf den Nießbrauch seiner sämtlichen in Großrußland gelegenen Güter aus, die die größere Hälfte seines Vermögens bildeten, und reiste allein nach Petersburg.
VII
Zwei Monate waren vergangen, seit die Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz und dem Verschwinden des Fürsten Andrei nach Lysyje-Gory gelangt war, und trotz aller durch Vermittlung der Gesandtschaft beförderten Briefe und aller Nachforschungen war sein Leichnam nicht gefunden worden, und auch unter den Gefangenen befand sich Fürst Andrei nicht. Das schlimmste für seine Angehörigen war gerade, daß doch noch eine leise Hoffnung geblieben war: er sei vielleicht von Einwohnern auf dem Schlachtfeld aufgelesen und liege nun möglicherweise genesend oder sterbend irgendwo allein, unter fremden Menschen, nicht imstande, Nachricht von sich zu geben.
In den Zeitungen, aus denen der alte Fürst zuerst von der Niederlage bei Austerlitz erfahren hatte, war, wie immer, nur sehr kurz und unbestimmt gesagt gewesen, die Russen hätten sich nach glänzendem Kampf zurückziehen müssen, und der Rückzug hätte sich in vollständiger Ordnung vollzogen. Der alte Fürst hatte aus dieser offiziellen Nachricht entnommen, daß die Unsrigen geschlagen waren. Eine Woche nach der Zeitung, die die Nachricht von der Schlacht bei Austerlitz gebracht hatte, war ein Brief von Kutusow eingelaufen, der den Fürsten von dem Schicksal benachrichtigte, das seinen Sohn betroffen hatte.
»Ihr Sohn«, schrieb Kutusow, »ist vor meinen Augen mit einer Fahne in der Hand an der Spitze eines Regiments als Held niedergesunken, würdig seines Vaters und seines Vaterlandes. Zu meinem und der ganzen Armee allgemeinem Bedauern ist bis jetzt nicht bekanntgeworden, ob er noch am Leben ist oder nicht. Aber lassen Sie uns an der Hoffnung festhalten, daß Ihr Sohn noch lebt; denn andernfalls würde unter den auf dem Schlachtfeld gefundenen Offizieren, deren Liste mir durch Parlamentäre zugestellt ist, auch er genannt sein.«
Der alte Fürst erhielt diesen Brief spätabends, als er schon allein in seinem Zimmer war; am andern Tag unternahm er, wie gewöhnlich, seinen Morgenspaziergang; aber er war dem Verwalter, dem Gärtner und dem Baumeister gegenüber schweigsam und redete, obgleich er zornig aussah, mit niemand.
Als Prinzessin Marja zur üblichen Zeit zu ihm in sein Zimmer kam, stand er an der Drehbank und drechselte, sah sich aber, wie gewöhnlich, nicht nach ihr um.
»Ah, Prinzessin Marja!« sagte er auf einmal in unnatürlich klingendem Ton und warf den Drehstahl hin. Das Rad drehte sich infolge der Schwungkraft noch eine Weile weiter. Lange haftete der Prinzessin Marja dieses ersterbende Kreischen des Rades im Gedächtnis, da dieser Ton in ihrer Seele mit dem, was nun folgte, zu einem Eindruck verschmolz.
Prinzessin Marja näherte sich ihrem Vater, blickte ihm ins Gesicht und hatte plötzlich die Empfindung, als ob in ihrem Innern etwas zusammenstürzte. Ihre Augen hörten auf, deutlich zu sehen. Aus dem Gesicht des Vaters, das nicht traurig und niedergeschlagen, sondern grimmig aussah und sich mit Gewalt zwingen wollte, ruhig zu erscheinen, erkannte sie, daß in diesem Augenblick ein furchtbares Unglück über ihrem Haupt hing und auf sie herabzustürzen drohte, das schlimmste Unglück, das es im Leben gibt, ein Unglück, das ihr bisher noch unbekannt geblieben war, ein unfaßbares, nie wiedergutzumachendes Unglück, der Tod eines geliebten Menschen.
»Lieber Vater! Andrei?« fragte sie, und die anmutlose, unbeholfene Prinzessin sah in ihrem Kummer und in ihrer Selbstvergessenheit so unsagbar rührend und lieblich aus, daß der Vater ihren Blick nicht ertragen konnte und sich schluchzend abwandte.
»Ich habe Nachricht erhalten. Unter den Gefangenen ist er nicht; unter den Toten hat man ihn auch nicht gefunden. Kutusow hat geschrieben«, schrie er so laut und scharf, als ob er mit diesem Schreien die Prinzessin hinaustreiben wollte. »Er muß tot sein!«
Die Prinzessin sank nicht zu Boden und bekam keinen Schwindelanfall; blaß war sie schon vorher gewesen. Aber als sie diese Worte hörte, ging in ihrem Gesicht eine Veränderung vor, und in ihren hellen, schönen Augen leuchtete ein besonderer Glanz auf. Es war, als ob eine Freudigkeit, eine Freudigkeit von höherer Art, die mit den Leiden und Freuden dieser Welt nichts gemein habe, den starken Kummer überflutete, von dem ihr Herz erfüllt war. Sie vergaß alle Furcht vor dem Vater, trat zu ihm heran, faßte ihn bei der Hand, zog ihn an sich und legte ihre Arme um seinen hageren, sehnigen Hals.
»Lieber Vater«, sagte sie, »wenden Sie sich nicht von mir weg. Lassen Sie uns zusammen weinen.«
»Diese Schurken, diese Halunken!« schrie der Alte und drehte sein Gesicht von ihr fort. »Vernichten die Armee! Vernichten so viele Menschenleben! Warum und wozu? Geh, geh, und sage es Lisa.«
Die Prinzessin ließ sich kraftlos in einen Lehnsessel neben ihrem Vater sinken und brach in Tränen aus. Sie glaubte ihren Bruder vor sich zu sehen, wie er mit seiner zugleich zärtlichen und hochmütigen Miene von ihr und von Lisa Abschied nahm; sie glaubte ihn vor sich zu sehen, wie er freundlich und spöttisch sich das Heiligenbild um den Hals hängte. »Ob er wohl zum Glauben gelangt ist? Ob er wohl seinen Unglauben bereut hat? Ist er jetzt dort, dort in der Stätte der ewigen Ruhe und Seligkeit?« dachte sie.
»Lieber Vater, sagen Sie mir, wie es geschehen ist«, bat sie weinend.
»Geh nur, geh. Er ist in der Schlacht gefallen, bei der man die besten Männer Rußlands auf die Schlachtbank geführt und Rußlands Ruhm geopfert hat. Gehen Sie, Prinzessin Marja. Geh hin, und sage es Lisa. Ich werde auch kommen.«
Als Prinzessin Marja von ihrem Vater zurückkehrte, saß die kleine Fürstin bei ihrer Handarbeit und schaute ihr mit dem besonderen, nach innen gekehrten, ruhigen, glücklichen Blick entgegen, wie er nur schwangeren Frauen eigen ist. Es war offenbar, daß ihre Augen die Prinzessin Marja gar nicht sahen, sondern in die Tiefe, in ihr eigenes Innere blickten, in ein glückverheißendes Geheimnis, das sich da in ihr vollzog.
»Marja«, sagte sie, indem sie von dem Stickrahmen abrückte und sich zurücklehnte, »gib einmal deine Hand her.«