Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
In dem großen Mädchenzimmer war kein Lachen zu hören. Im Dienerzimmer saßen alle schweigend da und hielten sich für irgendeinen Bedarfsfall in Bereitschaft. Die Leute im Gesindehaus hatten Kienspäne und Kerzen angezündet und schliefen nicht. Der alte Fürst ging, mit den Hacken auftretend, in seinem Zimmer auf und ab und schickte Tichon zu Marja Bogdanowna, um sich zu erkundigen, wie es gehe. »Sage nur: ›Der Fürst läßt fragen, wie es geht‹, und dann komm wieder und melde mir, was sie gesagt hat.«
»Melde dem Fürsten, daß die Geburt begonnen hat«, sagte Marja Bogdanowna, indem sie den Abgesandten ernst und bedeutsam anblickte.
Tichon ging zurück und meldete es dem Fürsten.
»Gut«, sagte der Fürst und machte die Tür hinter sich zu; Tichon hörte aus dem Zimmer des Fürsten nicht das geringste Geräusch mehr.
Tichon wartete eine Weile und ging dann hinein, wie wenn er die Kerzen in Ordnung bringen wollte. Als er sah, daß der Fürst auf dem Sofa lag, betrachtete Tichon ihn und sein verstörtes Gesicht, schüttelte den Kopf, trat schweigend zu ihm heran und küßte ihn auf die Schulter; dann ging er wieder hinaus, ohne die Kerzen in Ordnung gebracht und ohne gesagt zu haben, warum er gekommen sei. Der feierlichste, geheimnisvollste Vorgang der Welt fuhr fort sich zu vollziehen. Der Abend verging, die Nacht kam heran. Das Gefühl der Erwartung und die weiche Seelenstimmung gegenüber dem Unbegreiflichen wurde nicht schwächer, sondern steigerte sich noch immer. Niemand schlief.
Es war eine von jenen Märznächten, wo der Winter es sich in den Kopf gesetzt zu haben scheint, das Feld zu behaupten, und nun mit verzweifeltem Ingrimm unter heftigem Sturm seinen letzten Schneevorrat herabschüttet. Dem deutschen Arzt aus Moskau, der jeden Augenblick erwartet wurde, waren frische Pferde auf die große Landstraße entgegengeschickt worden, und Reiter mit Laternen waren an der Stelle postiert, wo der Landweg abzweigte, um den Arzt über die holprigen Stellen und Wasserlöcher zu geleiten.
Prinzessin Marja hatte schon längst aufgehört, in dem Buch zu lesen; sie saß schweigend da und richtete ihre glänzenden Augen auf das runzlige, ihr bis in die kleinsten Einzelheiten bekannte Gesicht der Kinderfrau: auf eine graue Haarsträhne, die sich unter dem Tuch hervorgestohlen hatte, und auf das herunterhängende Hautsäckchen unter dem Kinn.
Die Kinderfrau Sawischna erzählte, den Strickstrumpf in den Händen haltend, mit leiser Stimme, ohne ihre eigenen Worte selbst zu hören und zu verstehen, eine Geschichte, die sie schon hundertmal erzählt hatte: wie die selige Fürstin in Kischinew die Prinzessin Marja zur Welt gebracht habe, unter Beihilfe nur einer moldauischen Bäuerin statt einer Hebamme.
»Gott ist gnädig; die Ärzte sind ganz überflüssig«, sagte sie.
Plötzlich drückte ein Windstoß heftig gegen ein Fenster der Stube, aus welchem der Vorsetzrahmen herausgenommen war (auf Anordnung des Fürsten wurde alljährlich, sobald die Lerchen erschienen, in jedem Zimmer ein Vorsetzrahmen entfernt), stieß einen schlecht vorgelegten Riegel auf, blähte den schweren seidenen Vorhang, trieb eine Menge kalter Schneeluft ins Zimmer und blies die Kerze aus. Prinzessin Marja schrak zusammen; die Kinderfrau legte ihren Strickstrumpf hin, ging zum Fenster, bog sich hinaus und suchte den losgerissenen Fensterflügel zu fassen. Der kalte Wind ließ die Enden ihres Kopftuches und die hervorgedrungenen grauen Haarsträhnen flattern.
»Prinzessin, liebe Prinzessin, es kommt jemand in der Allee gefahren!« sagte sie und hielt den Fensterflügel in der Hand, ohne ihn zuzumachen. »Es sind Laternen dabei; gewiß der Doktor …«
»Ach, Gott sei Dank, Gott sei Dank!« rief Prinzessin Marja. »Ich muß ihm entgegengehen; er versteht kein Russisch.«
Sie warf einen Schal um und eilte dem Ankommenden entgegen. Als sie durch das Vorzimmer ging, sah sie durch ein Fenster, daß eine Equipage und Leute mit Laternen vor dem Portal standen. Sie trat auf den Treppenflur. Oben, auf dem Geländerpfosten, stand ein Talglicht und tropfte im Zugwind. Der Diener Philipp stand, mit einer Miene höchster Überraschung ein zweites Licht in der Hand, tiefer unten, auf dem ersten Treppenabsatz. Noch weiter unten, hinter der Biegung, waren auf der Treppe sich nähernde Schritte in weichen Stiefeln vernehmbar. Und eine Stimme, die der Prinzessin Marja bekannt schien, sagte etwas.
»Gott sei Dank!« sagte die Stimme. »Und mein Vater?«
»Seine Durchlaucht haben sich zur Ruhe begeben«, antwortete die Stimme des Haushofmeisters Demian, der bereits unten war.
Dann sagte die andere Stimme noch etwas, und Demian antwortete wieder, und nun kamen die Schritte in den weichen Stiefeln schneller auf dem hinter der Biegung nicht sichtbaren Teil der Treppe herauf.
»Das ist Andrei!« dachte Prinzessin Marja. »Nein, es kann nicht sein; das wäre doch zu wunderbar.« Aber in demselben Augenblick, wo sie das dachte, erschien auf dem Treppenabsatz, wo der Diener mit dem Licht stand, das Gesicht und die Gestalt des Fürsten Andrei, im Pelz, mit schneebedecktem Kragen. Ja, er war es, jedoch blaß und mager und mit einem veränderten, seltsam weichen, aber unruhigen Gesichtsausdruck. Nun hatte er das obere Ende der Treppe erreicht und umarmte seine Schwester.
»Ihr habt meinen Brief nicht erhalten?« fragte er. Dann kehrte er wieder um, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch nicht erhalten hätte, da die Prinzessin nicht imstande war zu reden, und stieg mit dem Geburtshelfer, der nach ihm in das Haus getreten war (Fürst Andrei hatte ihn auf der letzten Station getroffen), schnellen Schrittes noch einmal die Treppe hinauf und umarmte seine Schwester zum zweitenmal.
»Welch eine Fügung, liebe Marja«, sagte er, warf Pelz und Stiefel ab und ging nach dem Zimmer seiner Frau.
IX
Die kleine Fürstin lag, ein weißes Häubchen auf dem Kopf, in den Kissen; die Schmerzen hatten gerade aufgehört. Einzelne sich schlängelnde Strähnen ihres schwarzen Haares lagen auf ihren glühenden, schweißbedeckten Wangen. Das rote, reizende Mündchen mit den schwarzen Härchen auf der Oberlippe war geöffnet, und sie lächelte freudig. Fürst Andrei trat ins Zimmer und blieb am Fußende des Sofas, auf dem sie lag, vor ihr stehen. Ihre glänzenden Augen, in deren Blick eine kindliche Furcht und Erregung lag, hefteten sich auf ihn, ohne jedoch ihren Ausdruck zu verändern. »Ich liebe euch alle; ich habe niemandem Böses getan; wofür leide ich? Helft mir doch!« sagte dieser Blick. Sie sah ihren Mann; aber sie begriff nicht, welche Bedeutung es hatte, daß er jetzt vor ihr stand. Fürst Andrei ging um das Sofa herum und küßte sie auf die Stirn.
»Mein Herzchen!« sagte er, ein Kosewort, dessen er sich ihr gegenüber noch nie bedient hatte. »Gott ist gnädig …«
Sie blickte ihn fragend und kindlich vorwurfsvoll an.
»Ich habe Hilfe von dir erwartet, und du tust nichts, hilfst mir nicht; du bist auch wie die andern!« sagten ihre Augen. Sie wunderte sich nicht, daß er gekommen war; sie hatte für seine Ankunft kein Verständnis. Seine Ankunft stand in keiner Beziehung zu ihren Leiden und zu deren Erleichterung. Die Schmerzen setzten von neuem ein, und Marja Bogdanowna riet dem Fürsten Andrei, lieber hinauszugehen.
Der Arzt trat ins Zimmer. Fürst Andrei ging hinaus. Draußen traf er die Prinzessin Marja und trat wieder zu ihr. Sie redeten flüsternd miteinander; aber alle Augenblicke verstummte ihr Gespräch. Sie warteten und horchten.
»Geh hin, lieber Bruder«, sagte Prinzessin Marja.
Fürst Andrei ging wieder zu seiner Frau, setzte sich im Nebenzimmer hin und wartete. Eine Frau kam aus dem Zimmer, in welchem sich die kleine Fürstin befand, mit angstvollem Gesicht heraus und wurde beim Anblick des Fürsten Andrei verlegen. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und saß so mehrere Minuten lang. Ein klägliches, hilfloses, tierisches Stöhnen erscholl durch die Tür. Fürst Andrei stand auf, trat zu der Tür und wollte sie öffnen. Aber sie wurde von jemand festgehalten.