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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Bei dem Wort »Drei« ging Pierre mit schnellen Schritten vorwärts, irrte aber von dem zurechtgetretenen Weg ab und schritt durch den unberührten Schnee. Er hielt die Pistole in der vorgestreckten rechten Hand; es sah aus, als fürchte er, sich mit dieser Pistole selbst zu verletzen. Den linken Arm hielt er geflissentlich nach hinten, weil er sich unwillkürlich versucht fühlte, den rechten Arm mit ihm zu stützen, und wußte, daß das nicht zulässig war. Als er sechs Schritte zurückgelegt und sich von dem Weg in den Schnee verirrt hatte, blickte er zuerst nach seinen Füßen und dann schnell nach Dolochow hin, zog den Finger heran, wie es ihm gezeigt war, und schoß. Da Pierre einen so starken Knall nicht erwartet hatte, fuhr er bei seinem eigenen Schuß zusammen; darauf lächelte er über seine Schreckhaftigkeit und blieb stehen. Der Rauch, der infolge des Nebels besonders dicht war, hinderte ihn im ersten Augenblick, etwas zu sehen; aber der von ihm erwartete Schuß des Gegners erfolgte nicht. Er hörte nur Dolochows eilige Schritte, und aus dem Rauch wurde dessen Gestalt sichtbar. Die eine Hand hielt er gegen seine linke Seite, die andere ließ er herunterhängen und preßte sie fest um die Pistole. Sein Gesicht war blaß. Rostow lief zu ihm hin und sagte etwas zu ihm.

»Nei-ein!« stieß Dolochow zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. »Nein, es ist nicht zu Ende!« Er machte schwankend und strauchelnd noch einige Schritte bis dicht an den Säbel und fiel dann neben ihm in den Schnee. Seine linke Hand war voll Blut; er wischte es an seinem Rock ab und stützte sich auf sie. Sein Gesicht war blaß und finster und zuckte.

»Kom …«, begann Dolochow, war aber nicht imstande, was er sagen wollte, mit einemmal herauszubringen. »Kommen Sie!« sagte er dann mit Anstrengung.

Pierre, der kaum das Schluchzen zurückhielt, lief auf Dolochow zu und wollte schon den Zwischenraum durchschreiten, der die Barrieren trennte, als Dolochow schrie: »An die Barriere!« Pierre, der nun verstand, was jener gemeint hatte, blieb an dem Säbel stehen, der seine Barriere bildete. Beide waren nur zehn Schritte voneinander entfernt. Dolochow bückte sich mit dem Kopf zum Schnee hinunter, biß gierig in den Schnee hinein, hob den Kopf wieder in die Höhe, rückte sich zurecht, zog die Beine heran, suchte den Schwerpunkt seines Körpers zu stützen und kam so zum Sitzen. Er nahm von dem kalten Schnee in den Mund und sog daran; seine Lippen zitterten, lächelten aber trotzdem; seine Augen blitzten bei der ingrimmigen Anstrengung, mit der er seine letzten Kräfte sammelte. Er hob die Pistole und begann zu zielen.

»Drehen Sie sich seitwärts! Decken Sie sich mit der Pistole!« sagte Neswizki.

»Decken Sie sich!« rief sogar Denisow, der sich nicht halten konnte, seinem Gegner zu.

Pierre stand mit einem sanften Lächeln des Mitleids und der Reue da; hilflos die Arme ausbreitend und die Beine auseinanderspreizend, bot er seine breite Brust Dolochow offen dar und sah ihn traurig an. Denisow, Rostow und Neswizki schlossen unwillkürlich die Augen. Sie hörten gleichzeitig den Schuß und einen zornigen Schrei Dolochows.

»Gefehlt!« schrie Dolochow und sank kraftlos auf den Schnee nieder, mit dem Gesicht nach unten.

Pierre griff sich an den Kopf, wandte sich um und eilte in den Wald; er ging durch den tiefen Schnee und redete unzusammenhängende Worte laut vor sich hin:

»Dumm … dumm! Der Tod … alles Lüge …«, sagte er mit gerunzelter Stirn einmal über das andere.

Neswizki hielt ihn an und brachte ihn nach Hause.

Rostow und Denisow transportierten den verwundeten Dolochow im Schlitten zurück.

Dolochow lag schweigend, mit geschlossenen Augen, im Schlitten und antwortete nicht auf die an ihn gerichteten Fragen. Aber als sie in die Stadt einfuhren, kam er plötzlich zu sich, hob mit Mühe den Kopf in die Höhe und ergriff den neben ihm sitzenden Rostow bei der Hand. Rostow war überrascht durch Dolochows vollständig veränderten, jetzt zärtlichen, schwärmerischen Gesichtsausdruck.

»Nun, wie ist’s? Wie fühlst du dich?« fragte Rostow.

»Schlecht! Aber das ist Nebensache, mein Freund«, antwortete Dolochow mit stockender Stimme. »Wo sind wir? Ich weiß schon, in Moskau. An mir ist nichts gelegen; aber ihr wird das den Tod geben; ich habe sie gemordet … Sie wird das nicht überstehen. Nein, das übersteht sie nicht.«

»Wer denn?« fragte Rostow.

»Meine Mutter. Meine Mutter, mein guter Engel, meine angebetete Mutter!« Dolochow brach in Tränen aus und drückte Rostow die Hand.

Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, teilte er seinen Begleitern mit, daß er bei seiner Mutter wohne, und daß, wenn seine Mutter ihn jetzt in diesem Zustand erblicke, das ihr Tod sein werde. Er bat Rostow flehentlich, zu ihr zu fahren und sie vorzubereiten.

Rostow fuhr voraus, führte den Auftrag aus und ersah zu seiner größten Verwunderung, daß Dolochow, dieser Frechling und Raufbold Dolochow, in Moskau mit seiner alten Mutter und einer verwachsenen Schwester zusammenlebte und der zärtlichste Sohn und Bruder war.

VI

Pierre war in der letzten Zeit nur selten mit seiner Frau unter vier Augen zusammengewesen. Sowohl in Petersburg als auch in Moskau hatten sie ihr Haus beständig voller Gäste gehabt. In der Nacht nach dem Tag des Duells ging er, wie er das häufig tat, nicht in das Schlafzimmer, sondern blieb in seinem, einst von seinem Vater benutzten, gewaltig großen Arbeitszimmer, demselben Zimmer, in welchem Graf Besuchow gestorben war.

Er legte sich auf das Sofa und wollte einschlafen, um alles Erlebte zu vergessen; aber er konnte keinen Schlaf finden. Es erhob sich auf einmal ein solcher Sturm von Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen in seiner Seele, daß er nicht einschlafen, ja nicht einmal stilliegen konnte und vom Sofa aufspringen und mit schnellen Schritten im Zimmer hin und her gehen mußte. Da glaubte er sie vor sich zu sehen, wie er sie in der ersten Zeit nach der Hochzeit gekannt hatte, mit nackten Schultern und müdem, sinnlichem Blick, und sofort trat neben ihr vor sein geistiges Auge das schöne, freche, energische, spöttische Gesicht Dolochows, wie es bei dem Diner gewesen war, und dann das Gesicht desselben Dolochow, blaß, zitternd und schmerzverzerrt, so wie es ausgesehen hatte, als er sich umdrehte und in den Schnee niedersank.

»Was ist denn eigentlich geschehen?« fragte er sich selbst. »Ich habe den Geliebten, ja, den Geliebten meiner Frau niedergeschossen. Ja, das ist geschehen. Aber wie ist das zugegangen? Wie bin ich so weit gekommen?«

»Das kommt daher, daß du sie geheiratet hast«, antwortete eine Stimme in seinem Innern.

»Aber inwiefern trifft mich dabei eine Schuld?« fragte er. – »Weil du sie geheiratet hast, ohne sie zu lieben, und weil du dich und sie betrogen hast.« Und nun vergegenwärtigte er sich lebhaft jenen Augenblick nach dem Souper beim Fürsten Wasili, als er die Worte gesprochen hatte, die zuerst gar nicht aus seinem Mund hatten herauskommen wollen: »Ich liebe Sie.« Davon war alles hergekommen. »Ich fühlte schon damals«, dachte er, »ich fühlte schon damals, daß das falsch war, und daß ich kein Recht hatte, so zu sprechen. Und das hat der Ausgang bestätigt.«

Er erinnerte sich an seine Flitterwochen und errötete bei dieser Erinnerung. Besonders lebendig und für ihn schmerzlich und beschämend war die Erinnerung daran, wie er einmal bald nach seiner Hochzeit gegen elf Uhr vormittags im seidenen Schlafrock aus dem Schlafzimmer in sein Arbeitszimmer gekommen war und dort den Oberadministrator vorgefunden hatte, der sich ehrerbietig verbeugt und nach einem Blick auf Pierres Gesicht und auf seinen Schlafrock leise gelächelt hatte, als ob er durch dieses Lächeln seine respektvolle Teilnahme für das Glück seines Chefs zum Ausdruck bringen wollte.

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