Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»An Rußlands Kraft und Mut
Zerschellt des ungestümen Feindes Wut;
Uns führt auf blut’gem Feld
Zum Sieg Bagration, der werte Held«, usw.
Kaum waren die Sänger fertig, als wieder neue und immer neue Toaste folgten, bei denen Graf Ilja Andrejewitsch immer mehr in die Rührung hineingeriet, und noch mehr Gläser zerschlagen wurden und noch lauter geschrien wurde. Man trank auf das Wohl Bekleschows, Naryschkins, Uwarows, Dolgorukis, Apraxins, Walujews, auf das Wohl des Vorstandes, auf das Wohl des geschäftsführenden Direktors, auf das Wohl aller Klubmitglieder, auf das Wohl aller Gäste des Klubs und endlich speziell auf das Wohl des Arrangeurs dieses Diners, des Grafen Ilja Andrejewitsch. Bei diesem letzten Toast zog der Graf sein Taschentuch heraus, verbarg darin sein Gesicht und weinte heftig.
IV
Pierre saß Dolochow und Nikolai Rostow gegenüber. Wie immer aß er viel und hastig und trank viel. Aber diejenigen, die ihn genauer kannten, sahen, daß an diesem Tag eine große Veränderung mit ihm vorgegangen war. Während des ganzen Diners verhielt er sich schweigsam und ließ entweder, die Augen zusammenkneifend und die Stirn runzelnd, seine Augen rings umherschweifen, oder er blickte mit einer Miene vollständiger Zerstreutheit starr auf einen Punkt und fingerte an seiner Nase umher. Sein Gesicht hatte einen trüben, finsteren Ausdruck. Er schien von dem, was um ihn herum vorging, nichts zu sehen und zu hören und nur über eine einzige, schwere, ja, unlösbare Frage nachzudenken.
Vor diese unlösbare, ihn peinigende Frage war er durch Andeutungen gestellt worden, die ihm die älteste der drei in Moskau wohnenden Prinzessinnen über nahe Beziehungen zwischen seiner Frau und Dolochow gemacht hatte, sowie durch einen anonymen Brief, den er heute vormittag erhalten hatte, und in welchem mit jener gemeinen Witzelei, wie sie eine Eigenheit aller anonymen Briefe ist, gesagt war, er könne doch durch seine Brille recht schlecht sehen, und das Verhältnis zwischen seiner Frau und Dolochow sei nur für ihn allein noch ein Geheimnis. Pierre hatte weder den Andeutungen der Prinzessin noch diesem Brief Glauben geschenkt; aber es war ihm furchtbar, jetzt Dolochow anzusehen, der ihm gegenübersaß. Jedesmal, wenn sein Blick unerwartet den schönen, frechen Augen Dolochows begegnete, hatte Pierre die Empfindung, daß ein garstiger, entsetzlicher Verdacht in seiner Seele rege werde, und wandte sich schnell weg. Indem er sich unwillkürlich an das ganze frühere Verhalten seiner Frau und an ihr Benehmen gegen Dolochow erinnerte, sah Pierre klar, daß das, was in dem Brief gesagt war, wahr sein oder wenigstens wahr scheinen könnte, wenn es sich auf eine andere Frau als gerade die seinige bezöge. Unwillkürlich mußte Pierre daran denken, wie Dolochow, den man nach dem Feldzug dienstlich wieder völlig rehabilitiert hatte, nach Petersburg zurückgekehrt und zu ihm gekommen war. Die freundschaftlichen Beziehungen ausnutzend, in die ihn ehemals die gemeinschaftlichen Zechgelage zu Pierre gebracht hatten, war Dolochow geradezu zu ihm ins Haus gekommen, und Pierre hatte ihn bei sich wohnen lassen und ihm Geld geborgt. Pierre erinnerte sich, wie Helene lächelnd ihr Mißvergnügen darüber ausgesprochen hatte, daß Dolochow bei ihnen im Haus wohnte, und in welcher ungenierten Weise Dolochow ihm gegenüber die Schönheit seiner Frau gepriesen und wie dieser Mensch seit jener Zeit bis zur Ankunft in Moskau sie beide auch nicht für einen Augenblick verlassen hatte.
»Ja, er ist sehr schön«, dachte Pierre. »Ich kenne ihn. Meinen Namen zu entehren und mich auszulachen, würde für ihn gerade deswegen einen besonderen Reiz haben, weil ich mich für ihn bemüht, ihn aufgenommen, ihm geholfen habe. Ich kenne ihn; ich weiß, welch einen pikanten Geschmack dies nach seiner Empfindung seinem Betrug geben müßte – wenn die Sache wahr wäre. Ja, wenn die Sache wahr wäre; aber ich glaube es nicht; ich habe kein Recht, es zu glauben, und kann es nicht glauben.« Er erinnerte sich an den Ausdruck, den Dolochows Gesicht annahm, wenn er manchmal einen Anfall von Grausamkeit bekam, wie damals, als er den Reviervorsteher mit dem Bären zusammengebunden und ins Wasser geworfen hatte, oder wenn er ohne jede Ursache jemand zum Duell herausforderte, oder wenn er mit seiner Pistole das Pferd eines Fuhrmanns totschoß. Dieser selbe Ausdruck lag oft auf Dolochows Gesicht, wenn er ihn, Pierre, anblickte. »Ja, er ist ein Raufbold«, dachte Pierre; »ihm macht es gar nichts aus, einen Menschen zu töten; er muß wohl meinen, daß sich alle vor ihm fürchten, und das muß ihm wohl angenehm sein. Er muß wohl denken, daß auch ich mich vor ihm fürchte. Und ich fürchte mich auch wirklich vor ihm«, dachte Pierre und merkte bei diesen Gedanken wieder, daß ein entsetzlicher, garstiger Verdacht in seiner Seele rege wurde.
Jetzt saßen nun Dolochow, Denisow und Rostow ihm gegenüber und schienen sehr lustig zu sein. Rostow unterhielt sich vergnügt mit seinen beiden Freunden, von denen der eine ein tüchtiger Husar, der andere ein bekannter Raufbold und Taugenichts war, und warf mitunter einen spöttischen Blick zu Pierre hin, der bei diesem Diner durch sein in sich gekehrtes, zerstreutes Wesen und durch seine massige Gestalt auffiel. Rostow war gegen Pierre etwas gereizt, erstens, weil ihm nach seiner husarenmäßigen Anschauungsweise dieser als reicher Zivilist und als Ehemann einer schönen Frau überhaupt unsympathisch war, und zweitens, weil Pierre bei seiner Versunkenheit und Zerstreutheit ihn nicht erkannt und seine Verbeugung nicht erwidert hatte. Als auf die Gesundheit des Kaisers getrunken wurde, stand Pierre, mit seinen Gedanken beschäftigt, nicht mit auf und griff nicht nach seinem Glas.
»Aber was machen Sie denn?« rief ihm Rostow zu, indem er ihn mit begeisterten und zugleich zornigen Augen anblickte. »Hören Sie denn nicht: ›Auf die Gesundheit Seiner Majestät des Kaisers!‹«
Pierre erhob sich gehorsam mit einem Seufzer und trank sein Glas aus; dann wartete er, bis sich alle wieder setzten, und wandte sich mit seinem gutmütigen Lächeln zu Rostow.
»Ich hatte Sie gar nicht erkannt«, sagte er. Aber Rostow hatte jetzt dafür keinen Sinn; er schrie: »Hurra!«
»Warum erneuerst du denn die Bekanntschaft nicht?« fragte Dolochow Rostow.
»Ach, hol ihn der Henker! Er ist ein dummer Kerl!« erwiderte Rostow.
»Gegen die Ehemänner schöner Frauen muß man sehr liebenswürdig sein«, meinte Denisow.
Pierre hörte nicht, was sie redeten, merkte aber, daß sie von ihm sprachen. Er wandte sich errötend ab.
»Nun, jetzt auf das Wohl der schönen Frauen«, sagte Dolochow und wandte sich, das Glas in der Hand, mit ernster Miene, aber mit einem Lächeln in den Mundwinkeln, an Pierre. »Auf das Wohl der schönen Frauen, mein lieber Pierre, und ihrer Liebhaber.«
Mit niedergeschlagenen Augen trank Pierre aus seinem Glas, ohne Dolochow anzusehen und ohne ihm zu antworten. Ein Lakai, welcher die Kutusowsche Kantate verteilte, legte auch Pierre, als einem der vornehmsten Gäste, ein Exemplar hin. Pierre wollte es nehmen; aber Dolochow bog sich herüber, zog ihm das Blatt aus der Hand und machte sich daran, es zu lesen. Pierre blickte ihn an, seine Pupillen schienen in das Innere der Augen hineinzusinken: der entsetzliche, garstige Verdacht, der ihn während des ganzen Diners gepeinigt hatte, stieg wieder in ihm auf und gewann über ihn die Herrschaft. Er bog sich mit seinem ganzen dicken Körper über den Tisch hinüber.