Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
»Darum müssen Sie nicht mich bitten«, sagte Surcouf lachend, »sondern unseren Quartiermeister.« Und bei diesen Worten wies er auf Kernoch, der soeben eintrat.
»Kommen Sie her, Kernoch! Es verdrießt mich, dass Sie vorhin nicht zugegen waren, als Monsieur René in den höchsten Tönen einen Bootsmann von der Confiance pries, der sich zusammen mit einem jungen Fähnrich, dessen Name mir entfallen ist, opferte und sich an Bord eines englischen Schiffs nehmen ließ, auf dem er dann einen Nervenzusammenbruch vortäuschte und die Herren Rotfräcke gewaltig an der Nase herumführte, während der Kapitän der Confiance, statt wie ein Kaninchen von einem Leoparden zerfleischt zu werden, mit vollen Segeln die Flucht ergriff.«
»Meiner Treu«, sagte Kernoch und deutete auf René, »wäre Monsieur damals zugegen gewesen, wäre das alles gar nicht nötig gewesen: Sie hätten ihm eine unserer vortrefflichen Lepage-Pistolen gegeben und gesagt: ›Schießen Sie diesem Dummkopf ein Loch in den Kopf!‹ Gesagt, getan, und das hätte an Bord des Engländers ein viel gewaltigeres Durcheinander angerichtet als mein Nervenzusammenbruch. Oh! Sie waren nicht dabei, Monsieur Bléas, als Monsieur René uns heute Morgen eine Lektion im Pistolenschießen erteilt hat. Das verdrießt mich, aber wenn er mit uns in See sticht, wie es heißt, dann werden Sie selbst sehen, wie er dieses kleine Instrument handhabt. Was sein Florettfechten betrifft, kann unser Freund Bras-d’Acier Ihnen darüber alle erforderlichen Auskünfte erteilen.«
»Sie täuschen sich, Kernoch«, sagte der Fechtmeister, »denn Monsieur hat mir zwar die Ehre erwiesen, alle Hiebe zu parieren, es aber nicht für nötig befunden, eine einzige Riposte zu führen.«
»Da haben Sie in der Tat meine schwache Stelle entdeckt, Monsieur Bras-d’Acier«, sagte René. »Ich habe die Verteidigungsstellungen zu sehr geübt und die Attacke zu wenig; mein Fechtlehrer war ein alter Italiener mit Namen Belloni, der zu behaupten pflegte, man bringe seinen Gegner mehr aus der Fassung, wenn man dreimal pariere, als wenn man ein einziges Mal touchiere; und wenn das stimmt, warum touchieren, wenn man parieren kann?«
»Und jetzt«, sagte Surcouf, »muss ich Ihnen nur noch diese zwei saumseligen Gesellen vorstellen, die ich für die zwei besten Granatenwerfer der Welt halte; und ich lege die Hand dafür ins Feuer, dass sie sich vielleicht zum Essen verspäten, aber nie und nimmer, wenn es zum Kampf kommt, der eine im Besanmars, der anderen im Fockmars. Doch nun, Monsieur René, wollen wir uns in das Esszimmer begeben, wenn Sie Ihren Arm Madame Surcouf geben.«
Eine Zofe trat nach diesen Worten herbei, um den kleinen Surcouf zu holen, der als braves Kind gehorchte, ohne zu mucken.
Wir alle kennen die reichhaltigen Mahlzeiten der Provinz, und Surcoufs Tafel war in dieser Hinsicht geradezu legendär; seine Diners hätten die homerischen Heroen zufriedengestellt: Seine eigenen Helden aßen wie ein Diomedes und tranken wie ein Ajax, und er selbst hätte es gar mit Bacchus aufnehmen können. Es versteht sich von selbst, dass die Gesellschaft von närrischer Ausgelassenheit und äußerst laut war. Da René nur Wasser trank, wurde er so ausgiebig verspottet, dass er zuletzt um Gnade bat, die ihm jedermann außer Meister Bras-d’Acier gern gewähren wollte. Von der Hartnäckigkeit des Fechtmeisters enerviert, bat René Madame Surcouf um Verzeihung für das, was zu tun er sich genötigt sah, und bat sie, auf ihre Gesundheit trinken zu dürfen.
Die Erlaubnis wurde gewährt.
»Und nun, Madame«, sagte er, »hätten Sie vielleicht ein Trinkgefäß im Hause, würdig eines wahren Trinkers, das den Inhalt von zwei oder drei Flaschen fasst?«
Madame Surcouf sagte etwas zu einem Bedienten, der einen silbernen Kelch brachte, mit Wappen verziert, die seine englische Herkunft verrieten. René goss drei Flaschen Champagner hinein.
»Monsieur«, sagte er zu dem Fechtmeister, »ich werde die Ehre haben, diesen Kelch auf die Gesundheit Madame Surcoufs zu leeren. Beachten Sie bitte, dass Sie mich dazu zwingen, denn als ich zu Beginn unserer Mahlzeit sagte, ich tränke nur Wasser, sprach ich die Wahrheit. Sobald ich den Kelch geleert haben werde, hoffe ich, dass Sie ihn ebenfalls füllen und leeren werden, diesmal nicht auf die Gesundheit Madame Surcoufs, sondern auf Ruhm und Ehre ihres Gatten.«
Donnernder Beifall erschallte nach dieser Ansprache, die der Fechtmeister wortlos, aber mit weit aufgerissenen Augen vernahm.
René hatte sich erhoben, um sich vor Madame Surcouf zu verbeugen, und die Gäste hatten seinen Worten begeistert applaudiert; doch als man sah, mit welch unbeteiligter und trauriger Miene er den riesigen Kelch voll des berauschenden Champagners zum Munde führte, ein verächtliches Lächeln für das, was er tat, auf den Lippen, trat Stille ein, und alle hielten ihren Blick auf den jungen Matrosen gerichtet, um zu sehen, wie weit er es treiben würde, was selbst die Trinkfestesten als Wahnsinnstat bezeichnen mussten.
Doch ungerührt und ohne sich zu beeilen, begann René zu trinken, trank weiter, wobei er den Kelch unmerklich anhob, und seine Lippen blieben dem Kelchesrand verhaftet, bis kein Tropfen des schäumenden Nasses mehr im Kelch verblieben war. Daraufhin stellte er ihn mit dem Fuß nach oben auf seinen Unterteller, und kein Tropfen rann hinunter. Dann setzte er sich, stellte den Kelch vor den Fechtmeister und sagte: »Nun sind Sie an der Reihe, Monsieur.«
»Ha! Meiner Treu, Sapperlot!«, sagte Kernoch. »Jetzt bist du an der Reihe, Bras-d’Acier.«
Dieser fühlte sich außerstande, den Wettstreit auszutragen, und wollte sich entschuldigen, doch Kernoch erhob sich und sagte, wenn er den Kelch nicht freiwillig leere, werde man ihn dazu zwingen, und während er dies sagte, riss er den Drahtverschluss von einer Flasche Champagner und leerte sie in den Silberkelch. Als Bras-d’Acier sah, dass ihm keine andere Wahl blieb, bat er, die drei Flaschen nacheinander trinken zu dürfen, und das wurde ihm gewährt; doch kaum hatte er die erste Flasche geleert, ließ er den Kopf in den Nacken fallen, bat um Gnade und sagte, er könne keinen Tropfen mehr trinken, und keine fünf Minuten später sank er besinnungslos von seinem Stuhl.
»Lassen Sie mich unseren heiligen Georg versorgen«, sagte Kernoch, »und wenn ich wiederkomme, werde ich Ihnen ein Liedchen vortragen, um den Zwischenfall aus Ihren Gemütern zu tilgen.«
Zu jener Zeit endete jedes Diner – selbst in den großen Städten – damit, dass der eine oder andere Gast sich erhob und ein Loblied anstimmte, sei es auf die Dame des Hauses, sei es auf den Gastgeber, sei es auf den eigenen Berufsstand. Kernochs Vorschlag wurde daher freudig aufgenommen; während seiner kurzen Abwesenheit riefen die anderen: »Kernoch! Das Lied! Das Lied!« und verlangten noch lauter nach dem Lied, als er wieder erschien. Kernoch ließ sich nicht lange bitten. Nachdem er ein Zeichen gemacht hatte, dass er beginnen wolle, gab er mit entsprechendem Mienenspiel und Agréments folgendes Lied zum Besten:
Die Brigg Black
Wenn das Meer und der Wind
Uns gewogen sind
Wenn sie sacht
In der Nacht
Wiegen unser Schiff
Unsern alten Kahn
Ho!
Küsst die Brise dann
Sanft den Wellenkamm
Krick und krack!
Schon säuft’s ab
Das alte Wrack!
»Alle zusammen!«, rief Kernoch. Und alle Gäste bis auf Bras-d’Acier, dessen Schnarchen noch aus dem Nebenzimmer zu vernehmen war, riefen im Chor: »Krick und krack! Schon säuft’s ab, das alte Wrack!«
So ein Seemannslied war ganz nach dem Herzen der Gäste, und es wurde mit großem Beifall aufgenommen; Da-capo-Rufe ertönten, bis der Sänger einzelne Strophen wiederholte, und zuletzt wurde Bravo gerufen und applaudiert, dass die Wände wackelten. Doch was den Gästen kaum weniger Bewunderung abnötigte als die Gesangsdarbietung des Quartiermeisters, das war die Contenance, die René weiterhin bewahrte, nachdem er den Kelch geleert hatte, den der Fechtmeister nicht hatte leeren können. Seine Miene war unverändert, weder gerötet noch erbleicht, und seine Sprache war so klar und vernünftig, als hätte er höchstens ein Glas Wasser getrunken.