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Ferne Ufer: Roman (German Edition)

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Ferne Ufer: Roman (German Edition)
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Mr. Haugh blinzelte skeptisch auf die Liste, die ich ihm gegeben hatte. »Aconitum, hm«, murmelte er. »Aconitum. Was könnte das nur sein?«

»Nun, zunächst einmal ist es Gift«, sagte ich. Dem Apotheker klappte der Mund auf.

»Es ist auch ein Heilmittel«, beruhigte ich ihn. »Aber man muss es vorsichtig anwenden. Äußerlich ist es gut bei Rheumatismus, aber eine sehr kleine Dosis oral verabreicht kann den Puls verlangsamen. Gut für manche Herzbeschwerden.«

»Tatsächlich«, sagte Mr. Haugh und blinzelte. Er wandte sich wieder seinen Regalen zu und vermittelte einen ziemlich hilflosen Eindruck. »Äh, wisst Ihr vielleicht, wie es riecht?«

Ich betrachtete diese Frage als Einladung, umrundete die Theke und begann, die Gläser durchzusehen. Sie waren alle sorgfältig beschriftet, doch manche Etiketten waren sehr alt, die Tinte verblasst, und das Papier rollte sich an den Ecken ein.

»Ich bin leider noch nicht so arzneikundig wie mein Pa«, sagte der junge Haugh neben mir. »Er hat mir zwar vieles beigebracht, aber dann ist er vor einem Jahr gestorben, und ich fürchte, es gibt hier Dinge, über deren Anwendung ich nichts weiß.«

»Nun, das hier ist gut gegen Husten«, sagte ich. Ich ergriff ein Glas mit Helenenkraut und warf dabei einen Blick auf den ungeduldigen Reverend, der ein Taschentuch hervorgeholt hatte und asthmatisch hineinkeuchte. »Vor allem Husten mit sehr festem Schleim.«

Stirnrunzelnd betrachtete ich die vollgestellten Regale. Alles war makellos abgestaubt, offensichtlich aber weder in alphabetischer Reihenfolge noch nach botanischer Zuordnung sortiert. Hatte der alte Mr. Haugh einfach im Gedächtnis gehabt, wo alles war, oder hatte er ein System gehabt? Ich schloss die Augen und versuchte, mich an das letzte Mal zu erinnern, als ich hier gewesen war.

Zu meiner Überraschung stand mir das Bild sofort vor Augen. Ich hatte damals Fingerhut benötigt, um eine Tinktur für Alex Randall herzustellen, Black Jack Randalls jüngeren Bruder – und Franks Urahnen. Der arme Junge; er war inzwischen zwanzig Jahre tot, obwohl er lange genug gelebt hatte, um einen Sohn zu zeugen. Leise Neugier regte sich bei dem Gedanken an diesen Sohn und an seine Mutter, die meine Freundin gewesen war, doch ich zwang mich, nicht weiter über sie nachzudenken und mich wieder auf den alten Haugh zu besinnen, wie er auf den Zehenspitzen in sein Regal griff, ganz oben rechts …

»Da.« Und richtig, meine Hand ruhte neben dem Glas mit der Aufschrift DIGITALIS. Auf der einen Seite stand ein Glas mit der Aufschrift EQUISETUM, auf der anderen MAIGLÖCKCHENWURZEL. Zögernd begutachtete ich die Gefäße und ging im Kopf die möglichen Anwendungsgebiete dieser Kräuter durch. Herzkräuter, allesamt. Wenn hier irgendwo Aconitum zu finden war, dann konnte es nicht weit weg sein.

So war es auch. Ich fand es schnell, in einem Gefäß mit der Aufschrift EISENHUT.

»Seid vorsichtig damit.« Vorsichtig reichte ich Mr. Haugh das Glas. »Schon von einer kleinen Menge wird die Haut taub. Vielleicht füllt Ihr es mir besser in eine Glasflasche.« Meine Einkäufe waren bis jetzt zum Großteil in Gaze gewickelt oder in Papier gedreht worden, aber der junge Mr. Haugh nickte und trug das Glas mit dem Kraut auf Armeslänge in sein Hinterzimmer, als rechnete er damit, dass es ihm um die Ohren flog.

»Ihr scheint ja einiges mehr über Heilkräuter zu wissen als der Junge«, sagte eine tiefe, heisere Stimme hinter mir.

»Nun, vermutlich habe ich auch mehr Erfahrung als er.« Ich drehte mich um und sah den Reverend auf der Theke lehnen. Blassblaue Augen blickten mir unter dichten Brauen entgegen. Ich begriff plötzlich, woher ich ihn kannte; gestern bei Moubray’s. Er ließ sich durch nichts anmerken, dass er mich erkannte; vielleicht weil Daphnes Kleid jetzt durch meinen Umhang verdeckt wurde. Mir war schon aufgefallen, dass viele Männer oft kaum Notiz vom Gesicht einer Frau mit einem tiefen Ausschnitt nahmen, obwohl dies eine bedauernswerte Angewohnheit für einen Kirchenmann zu sein schien. Er räusperte sich.

»Mmpfm. Und wisst Ihr auch, was man gegen Nervenbeschwerden tun kann?«

»Was denn für Nervenbeschwerden?«

Er spitzte die Lippen und runzelte die Stirn, als sei er sich nicht sicher, ob er mir trauen dürfte. Dabei erinnerte seine Oberlippe fast an einen Eulenschnabel, nur die dicke Unterlippe blieb hängen.

»Nun … es ist ein komplizierter Fall. Aber erst einmal ganz allgemein«, er beäugte mich vorsichtig, »was würdet Ihr bei einer Art … Anfall verabreichen?«

»Ein epileptischer Anfall? Bei dem die Person zuckend zu Boden fällt?«

Er schüttelte den Kopf, und dort, wo sich sein hoher weißer Kragen an seinem Hals gerieben hatte, wurde ein roter Streifen sichtbar.

»Nein, eine andere Art. Die Person kreischt und stiert vor sich hin.«

»Kreischt und stiert vor sich hin?«

»Natürlich nicht gleichzeitig«, fügte er hastig hinzu. »Erst das eine, dann das andere – beziehungsweise umgekehrt. Erst starrt sie tagelang untätig vor sich hin und sagt kein Wort, dann schreit sie plötzlich los, als wollte sie Tote erwecken.«

»Das klingt sehr anstrengend für alle Beteiligten.« So war es; wenn es seine Frau war, die an diesen Symptomen litt, konnte das gut die Erklärung für die tiefen Falten der Anspannung sein, die seinen Mund und seine Augen einrahmten, und die blauen Augenringe der Erschöpfung.

Ich tippte mit dem Finger auf die Theke und dachte nach. »Ich weiß es nicht; ich müsste die Patientin sehen.«

Der Prediger fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. »Vielleicht … wärt Ihr möglicherweise bereit, mitzukommen und sie Euch anzusehen? Es ist nicht weit von hier«, fügte er steif hinzu. Betteln lag ihm nicht, doch trotz seiner steifen Haltung war nicht zu übersehen, wie dringend ihm dieses Anliegen war.

»Das geht im Moment leider nicht«, sagte ich ihm. »Mein Mann erwartet mich. Aber vielleicht heute Nachmittag …«

»Zwei Uhr«, sagte er prompt. »Henderson’s, in der Carruber’s Close. Campbell ist der Name, Reverend Archibald Campbell.«

Ehe ich ja oder nein sagen konnte, ruckte der Vorhang zwischen dem Verkaufsraum und dem Hinterzimmer beiseite, und Mr. Haugh erschien mit zwei Flaschen, von denen er uns jeweils eine reichte.

Der Reverend betrachtete die seine voll Argwohn, während er in seiner Tasche nach einer Münze grub.

»Bitte, und hier ist Euer Geld«, sagte er unfreundlich und ließ die Münze auf die Theke knallen. »Hoffen wir, dass Ihr mir die richtige gegeben habt und nicht das Gift dieser Dame.«

Wieder raschelte der Vorhang, und eine Frau blickte der Gestalt des Priesters nach, der jetzt den Laden verließ.

»Gut, dass er fort ist«, sagte sie. »Ein Halfpenny für eine Stunde Arbeit, und dann wird er auch noch böse! Der Herr hätte eine bessere Wahl treffen können, das muss ich sagen!«

»Kennt Ihr ihn?«, fragte ich, denn ich war neugierig, ob Louisa vielleicht etwas Hilfreiches über die kranke Frau wusste.

»Ich kann nicht sagen, dass ich ihn gut kenne, nein«, sagte Louisa und blickte mich unverhohlen neugierig an. »Er ist einer der Prediger von der Free Church und steht immer am Marktkreuz in der Ecke und redet auf die Leute ein, dass ihr Verhalten keine Konsequenzen hat und zur Erlösung nur das eine nötig ist, dass sie Halt bei Jesus finden – als wäre Unser Herr ein Ringkämpfer auf dem Jahrmarkt!« Sie verzog verächtlich die Nase angesichts dieses ketzerischen Standpunkts und bekreuzigte sich zum Schutz vor Ansteckung.

»Ich bin überrascht, dass jemand wie Reverend Campbell überhaupt zu uns kommt, wenn ich höre, was er im Großen und Ganzen von Papisten hält.« Ihr Blick richtete sich auf mich.

»Aber vielleicht gehört Ihr selbst zur Free Church, Ma’am; falls ja, wollte ich Euch nicht kränken.«

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