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Ferne Ufer: Roman (German Edition)

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Ferne Ufer: Roman (German Edition)
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»Nicht?« Ian zog kräftig die Nase hoch und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

»Nein.« In Jamies Augen erschien der Hauch eines Lächelns. »Wir gehen morgen zusammen zu Vater Hayes, dann kannst du die Beichte ablegen und die Absolution erhalten, aber er wird dir dasselbe sagen wie ich.«

»Oh.« In der einen Silbe lag tiefe Erleichterung, und Ians schmale Schultern hoben sich sichtlich, als sei eine Last davon abgefallen.

Jamie tätschelte seinem Neffen noch einmal das Knie. »Und zweitens brauchst du keine Angst davor zu haben, es deinem Vater zu erzählen.«

»Nicht?« Ian hatte zwar Jamies beruhigende Worte über sein Seelenheil ohne Zögern angenommen, aber diese zweite Behauptung schien ihn mit großer Skepsis zu erfüllen.

»Nun, ich sage ja nicht, dass es ihn nicht bestürzen wird«, fügte Jamie gerechterweise hinzu. »Ich gehe sogar davon aus, dass der Rest seines Haars auf der Stelle weiß werden wird. Aber er wird es verstehen. Er wird dich nicht verstoßen oder enterben, falls es das ist, wovor du Angst hast.«

»Du meinst, er versteht es?« Ian richtete einen Blick auf Jamie, in dem die Hoffnung mit dem Zweifel rang. »Ich – ich dachte nicht, dass er … hat mein Pa schon einmal einen Menschen getötet?«, fragte er plötzlich.

Jamie blinzelte, da ihn diese Frage überraschend traf. »Nun«, sagte er langsam, »ich vermute … ich meine, er hat im Krieg gekämpft, aber ich … um ehrlich zu sein, Ian, ich weiß es nicht.« Er sah seinen Neffen ein wenig hilflos an.

»Das gehört nicht zu den Dingen, über die Männer groß reden. Höchstens Soldaten manchmal, wenn sie viel getrunken haben.«

Ian nickte, während er das verdaute, und schniefte erneut, diesmal mit einem grauenvollen Gurgeln. Jamie, der hastig in seinem Ärmel nach einem Taschentuch tastete, blickte plötzlich auf, weil ihm ein Gedanke kam.

»Ist das der Grund, warum du gesagt hast, du musst es mir erzählen, aber nicht deinem Pa? Weil du gewusst hast, dass ich schon einmal jemanden getötet habe?«

Sein Neffe nickte und sah Jamie mit suchenden, vertrauensvollen Augen ins Gesicht. »Aye. Ich dachte … ich dachte, du weißt, was zu tun ist.«

»Ah.« Jamie holte tief Luft und wechselte einen Blick mit mir. »Nun ja …« Er richtete sich auf, seine Schultern wurden breiter, und ich konnte sehen, wie er die Last auf sich nahm, die der Junge abgelegt hatte. Er seufzte.

»Was du tust«, sagte er, »ist als Erstes, dich zu fragen, ob du die Wahl hattest. Du hattest sie nicht, also belaste dich nicht damit. Dann geh zur Beichte, wenn du kannst; wenn nicht, sprich ein gutes Bußgebet – das reicht aus, wenn es keine Todsünde ist. Nicht, weil du einen Fehler gemacht hast«, sagte er ernst, »sondern das Bußgebet drückt dein Bedauern darüber aus, dass es unumgänglich war. Manchmal ist das so, und man kann nichts dagegen tun. Und dann sprich ein Gebet für die Seele des Menschen, den du getötet hast«, fuhr er fort, »auf dass er Ruhe finde und du nicht von ihm heimgesucht wirst. Kennst du das Gebet für den Seelenfrieden? Nimm das, wenn du Zeit hast. In einem Kampf, wenn du keine Zeit hast, nimm das Treoraich Anama – ›Führe diese Seele an Deinem Arm, o Christe, König der Stadt des Himmels, amen‹.«

»Führe diese Seele an Deinem Arm, o Christe, König der Stadt des Himmels, amen«, wiederholte Ian leise. Er nickte langsam. »Aye, gut. Und dann?«

Jamie streckte die Hand aus und berührte seinen Neffen ganz sanft an der Wange. »Dann lebst du damit, Junge«, sagte er leise. »Das ist alles.«

Kapitel 28

Hüter der Tugend

Du meinst, der Mann, dem Ian gefolgt ist, hat etwas mit Sir Percivals Warnung zu tun?« Ich hob eine Abdeckung von dem Essenstablett, das uns gerade gebracht worden war, und schnupperte anerkennend: Der Eintopf bei Moubray’s schien schon sehr lange her zu sein.

Jamie nickte und nahm sich eine Art heißes gefülltes Brötchen.

»Es würde mich überraschen, wenn es nicht so wäre«, sagte er trocken. »Es gibt zwar vermutlich mehr als eine Person, die mir gern schaden würde, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ganze Banden davon in Edinburgh unterwegs sind.« Er biss zu und kaute geschäftig. Dabei schüttelte er den Kopf.

»Nein, das ist ganz klar, und kein großer Grund zur Sorge.«

»Nicht?« Ich probierte selbst einen kleinen Bissen meines Brötchens, dann einen größeren. »Das ist köstlich. Was ist es?«

Jamie senkte das Brötchen, in das er gerade hatte hineinbeißen wollen, und blinzelte es an. »Taubenhack mit Trüffeln«, sagte er und steckte es sich ganz in den Mund.

»Nein«, sagte er und hielt inne, um zu schlucken. »Nein«, wiederholte er deutlicher. »Dahinter steckt vermutlich nur ein rivalisierender Schmuggler. Es gibt zwei Banden, mit denen ich hin und wieder ein wenig in Schwierigkeiten gerate.« Er winkte mit der Hand ab, dass die Krümel flogen, und griff nach einem neuen Brötchen.

»Der Art nach, wie sich der Mann verhalten hat – an dem Brandy zu riechen, ihn aber nur selten zu probieren –, könnte er ein dégustateur de vin sein, jemand, der nur einmal zu riechen braucht, um zu erkennen, wo ein Wein hergestellt wurde, und nur einen Schluck zu kosten braucht, um zu wissen, in welchem Jahr er abgefüllt wurde. Ein Mensch von großem Wert«, fügte er nachdenklich hinzu, »und ein sehr ausgesuchter Spürhund, den man da auf meine Spur gesetzt hat.«

Mit dem Abendessen war auch Wein gekommen. Ich schenkte mir ein Glas ein und schwenkte es unter meiner Nase.

»Er könnte dich – dich persönlich – über den Brandy ausfindig machen?«, fragte ich neugierig.

»Mehr oder weniger. Du erinnerst dich doch noch an meinen Verwandten Jared?«

»Natürlich. Du meinst, er lebt noch?« Nach dem Gemetzel von Culloden und seinen verheerenden Nachwehen war es wunderbar und ermutigend zu hören, dass Jared, ein wohlhabender schottischer Emigrant, der in Paris erfolgreich mit Wein handelte, noch unter den Lebenden weilte.

»Sie müssten ihn wohl in ein Fass stopfen und ihn in die Seine werfen, um ihn loszuwerden«, sagte Jamie, und seine Zähne glänzten weiß in seinem rußfleckigen Gesicht auf. »Aye, er lebt nicht nur, er genießt es auch. Was glaubst du denn, woher ich den französischen Brandy bekomme, den ich nach Schottland hole?«

Die Antwort lautete zwar offensichtlich »Frankreich«, doch ich verkniff es mir, das auszusprechen. »Jared, nehme ich an?«, sagte ich stattdessen.

Jamie nickte mit vollem Mund. »He!« Er beugte sich vor und zog Ian den Teller unter den zögerlich ausgestreckten, dünnen Fingern fort. »Du sollst so etwas Kräftiges nicht essen, wenn dir schlecht ist«, sagte er und kaute stirnrunzelnd weiter. Er schluckte und leckte sich die Lippen. »Ich bestelle dir noch etwas Brot und Milch.«

»Aber Onkel Jamie«, sagte der Junge und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die köstlichen Brötchen. »Ich habe furchtbaren Hunger.« Nach seiner befreienden Beichte waren Ians Lebensgeister zurückgekehrt und mit ihnen offenbar auch sein Appetit.

Jamie sah seinen Neffen an und seufzte. »Aye, schön. Versprichst du, dass du dich nicht übergeben wirst?«

»Nein, Onkel Jamie«, sagte Ian kleinlaut.

»Also gut.« Jamie schob Ian den Teller hin und setzte seine Erklärung fort.

»Jared schickt mir meistens die zweitbeste Qualität von seinem eigenen Weinberg an der Mosel. Die beste behält er, um sie in Frankreich zu verkaufen, wo die Leute den Unterschied erkennen.«

»Also ist die Ware, die du nach Schottland bringst, identifizierbar?«

Er zuckte mit den Schultern. »Nur für einen erfahrenen dégustateur. Aber Ian hat nun einmal gesehen, wie der Mann den Wein im Dog and Gun und im Blue Boar verkostet hat, und das sind die beiden einzigen Wirtshäuser an der Royal Mile, die ausschließlich bei mir kaufen. Mehrere andere kaufen zwar bei mir, aber auch bei anderen. So oder so macht es mir keine großen Sorgen, wenn jemand in einem Wirtshaus nach Jamie Roy sucht.« Er hob sein Weinglas und schwenkte es automatisch unter der Nase, verzog unbewusst das Gesicht und trank. »Nein«, sagte er und ließ das Glas sinken, »was mir Sorgen macht, ist die Tatsache, dass der Mann zu meiner Druckerei gefunden hat. Denn ich habe immer peinlich darauf geachtet, dass die Leute, die an den Docks in Burntisland mit Jamie Roy zu tun haben, nicht dieselben sind, die ihre Zeit an der Royal Mile mit Mr. Alex Malcolm, dem Drucker, verbringen.«

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