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Ferne Ufer: Roman (German Edition)

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Ferne Ufer: Roman (German Edition)
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»Du hast was?« Jamie glotzte seinen Ziehsohn an.

»Nun, irgendjemand musste es ja tun«, sagte Fergus mit einem Hauch von Ungeduld. »Normalerweise der Vater eines Jungen – aber le Monsieur ist natürlich nicht – nichts gegen deinen geschätzten Vater«, fügte er ein und nickte Ian zu, der das Nicken wie ein mechanisches Spielzeug erwiderte, »aber es ist eine Angelegenheit, die Erfahrung und Urteilsvermögen voraussetzt, verstehst du? Also«, wandte er sich an Madame Jeanne wie ein Gourmand, der den Weinsteward konsultiert, »Dorcas oder Penelope, was meint Ihr?«

»Nein, nein«, sagte sie und schüttelte entschieden den Kopf, »es sollte die zweite Mary sein, absolut. Die Kleine.«

»Oh, mit dem blonden Haar? Ja, ich glaube, Ihr habt recht«, sagte Fergus anerkennend. »Dann holt sie her.«

Jeanne war fort, ehe Jamie mehr als ein ersticktes Krächzen des Protests herausbrachte.

»Aber … aber … der Junge kann doch nicht …«, begann er.

»Doch, ich kann«, sagte Ian. »Zumindest glaube ich das.« Sein Gesicht konnte zwar nicht tiefer erröten, doch seine Augen waren scharlachrot vor Aufregung, und die traumatischen Ereignisse des Tages waren völlig vergessen.

»Aber das ist … ich meine … ich kann doch nicht zulassen …« Jamie brach ab und funkelte seinen Neffen einige Sekunden lang an. Schließlich gab er sich geschlagen und warf die Hände in die Luft.

»Und was soll ich deiner Mutter sagen?«, wollte er wissen, als sich die Tür hinter ihm öffnete.

Im Türrahmen stand eine sehr kleine junge Frau, rundlich und sanft wie ein Rebhuhn in ihrem blauen Seidenhemd, und ihr liebenswürdiges rundes Gesicht strahlte unter einer losen Wolke aus blondem Haar. Bei ihrem Anblick erstarrte Ian und atmete kaum.

Als er schließlich entweder Luft holen oder sterben musste, holte er Luft und wandte sich Jamie zu. Mit einem unvergleichlich liebenswürdigen Lächeln sagte er: »Nun, Onkel Jamie, wenn ich du wäre«, seine Stimme erhob sich plötzlich zu einem alarmierenden Sopran, und er hielt inne und räusperte sich, ehe er in respektablem Bariton fortfuhr, »würde ich es ihr nicht erzählen. Gute Nacht, Tante Claire«, sagte er und setzte sich zielstrebig in Bewegung.

»Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich Fergus umbringen oder mich bei ihm bedanken muss.« Jamie saß auf dem Bett in unserer Dachkammer und knöpfte sich langsam das Hemd auf.

Ich legte das feuchte Kleid über den Hocker und kniete mich vor ihn hin, um die Knieschnallen seiner Hose zu öffnen.

»Ich nehme an, er wollte nur sein Bestes für Ian tun.«

»Aye – auf seine verdammte, unmoralische Franzosenart.« Jamie langte hinter sich, um die Schnur aufzuknoten, die sein Haar zusammenhielt. Er hatte es nicht wieder geflochten, als wir bei Moubray’s aufgebrochen waren, und es fiel ihm weich und lose auf die Schultern und umrahmte die breiten Wangenknochen und die lange, gerade Nase, so dass er aussah wie einer der respekteinflößenderen italienischen Renaissanceengel.

»War es der Erzengel Michael, der Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben hat?«, fragte ich und zog ihm die Strümpfe aus.

Er gluckste leise. »Komme ich dir so vor – wie der Hüter der Tugend? Und Fergus wie die hinterlistige Schlange?« Er legte mir die Hände unter die Ellbogen und beugte sich vor, um mich aufzurichten. »Steh auf, Sassenach; du solltest mir wirklich nicht auf Knien dienen.«

»Dein Tag ist auch nicht leicht gewesen«, antwortete ich und zog ihn mit mir hoch. »Auch wenn du niemanden umbringen musstest.« Seine Hände waren mit großen Blasen übersät, und er hatte sich zwar den Ruß zum Großteil abgewischt, doch ein Streifen zog sich immer noch über sein Kinn.

»Mm.« Meine Hände wanderten um seine Taille herum, um ihm mit dem Hosenbund zu helfen, doch er hielt sie dort fest und ließ seine Wange einen Moment auf meinem Scheitel ruhen.

»Ich bin nicht ganz ehrlich mit dem Jungen gewesen, weißt du«, sagte er.

»Nicht. Ich fand, du hast deine Sache großartig gemacht. Zumindest ging es ihm besser, nachdem er mit dir geredet hatte.«

»Aye, das hoffe ich. Und vielleicht wird es ihm helfen, wenn er betet und beichtet – schaden kann es auf jeden Fall nicht. Aber ich habe ihm nicht alles gesagt.«

»Was gibt es denn noch?« Ich hob ihm mein Gesicht entgegen und berührte seine Lippen sanft mit den meinen. Er roch nach Rauch und Schweiß.

»Was ein Mann meistens tut, wenn seine Seele krank ist vom Töten, ist, sich eine Frau zu suchen, Sassenach«, antwortete er leise. »Seine eigene, wenn er kann; eine andere, wenn er muss. Denn sie vermag, was er nicht kann – ihn zu heilen.«

Meine Finger fanden die Schnüre der Hose; sie öffnete sich, als ich daran zog.

»Deswegen hast du ihn mit der zweiten Mary gehen lassen?«

Er zuckte mit den Schultern, trat einen Schritt zurück und zog die Hose aus. »Ich konnte ihn wohl kaum daran hindern. Und ich glaube, vielleicht war es richtig so, auch wenn er noch so jung ist.« Er lächelte mich schief an. »Zumindest wird er sich heute Nacht nicht das Hirn wegen dieses Seemanns zermartern.«

»Vermutlich nicht. Und was ist mit dir?« Ich zog mir das Hemd über den Kopf.

»Mit mir?« Er sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, und das schmutzige Leinenhemd hing ihm lose auf den Schultern.

Ich blickte an ihm vorbei zum Bett.

»Ja. Du hast zwar niemanden umgebracht, aber willst du … mmpfm?« Ich erwiderte seinen Blick und zog meinerseits fragend die Augenbrauen hoch.

Das Lächeln breitete sich über sein ganzes Gesicht, und jede Ähnlichkeit mit Michael, dem gestrengen Hüter der Tugend, verschwand. Er zog erst eine Schulter hoch, dann die andere, ließ sie fallen, und das Hemd glitt ihm an den Armen hinunter zu Boden.

»Ich glaube schon«, sagte er. »Aber sei sanft zu mir, aye?«

Kapitel 29

Cullodens letztes Opfer

Nachdem ich mich am Morgen von Jamie und Ian verabschiedet hatte, die ihren frommen Gang antraten, machte ich mich meinerseits auf den Weg und kaufte bei einem Straßenhändler einen großen Weidenkorb. Es war an der Zeit, mich wieder auszurüsten, und zwar mit allem, was ich an medizinischer Ausstattung finden konnte. Nach den Ereignissen des gestrigen Tages bekam ich allmählich Angst, dass ich sie in nicht allzu ferner Zukunft brauchen würde.

Mr. Haughs Apotheke hatte sich trotz der Besatzung durch die Engländer, des Jakobitenaufstands und des Falls der Stuarts nicht im Geringsten verändert, und mir wurde froh ums Herz, als ich durch die Tür schritt und die kräftige Duftmischung aus Salmiak, Pfefferminze, Mandelöl und Anis betrat.

Der Mann hinter der Ladentheke hieß zwar Haugh, doch es war ein viel jüngerer Haugh als der Mann in den mittleren Jahren, mit dem ich zwanzig Jahre zuvor zu tun gehabt hatte, als ich diesen Laden nicht nur wegen seiner Arzneien und Kräuter aufgesucht hatte, sondern auch, weil es hier immer militärische Neuigkeiten zu hören gab.

Natürlich kannte der jüngere Haugh mich nicht, sondern begann einfach höflich, unter den ordentlich aufgereihten Gläsern auf seinen Regalen nach den Kräutern zu suchen, die ich wünschte. Viele davon waren weit verbreitet – Rosmarin, Rainfarn, Ringelblume –, doch bei einigen Einträgen auf meiner Liste zog er die roten Augenbrauen hoch und spitzte nachdenklich die Lippen, während er die Reihen seiner Gläser durchging.

Es war noch ein weiterer Kunde im Laden. Er wartete vor der Theke, wo Tinkturen abgefüllt und Rezepturen auf Bestellung zusammengerührt wurden. Sichtlich ungeduldig schritt er hin und her, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, um sich im nächsten Moment vor der Theke aufzubauen.

»Wie lange denn noch?«, fuhr er Mr. Haughs Rücken an.

»Ich kann es Euch nicht sagen, Reverend«, sagte der Apotheker entschuldigend. »Louisa hat gesagt, es muss abgekocht werden.«

Die einzige Antwort darauf war ein verächtliches Schnauben, und der Mann – hochgewachsen, schmalschultrig und ganz in Schwarz – setzte sich wieder in Bewegung und blickte hin und wieder auf die Tür zum Hinterzimmer, wo vermutlich die unsichtbare Louisa zugange war. Der Mann kam mir irgendwie bekannt vor, doch ich kam nicht dazu, mir zu überlegen, wo ich ihn schon einmal gesehen hatte.

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