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Ferne Ufer: Roman (German Edition)

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Ferne Ufer: Roman (German Edition)
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Der Mann hatte am Eingang der Gasse kurz haltgemacht, dann hatte er einen Entschluss gefasst, war rechts abgebogen, ein paar Schritte gegangen und dann in der nächsten schmalen Gasse verschwunden.

»Ich wusste ja, dass die Gasse zu den Hinterhöfen der Carfax Close führt«, erklärte Ian. »Also war mir sofort klar, was er vorhatte.«

»Wir haben dort einen kleinen Hinterhof«, erklärte Jamie angesichts meiner fragenden Miene. »Eigentlich für Abfälle und Lieferanten und Ähnliches – aber die Druckerei hat eine Hintertür, die auf diesen Hof hinausführt.«

Der Junge nickte und stellte seine leere Schale hin. »Aye. Ich dachte, er hätte vor, auf diesem Weg ins Haus zu gelangen. Und ich habe an die neuen Pamphlete gedacht.«

»Himmel«, sagte Jamie. Er sah ein wenig blass aus.

»Pamphlete?« Sein Schwager sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Was denn für Pamphlete?«

»Der jüngste Auftrag für Mr. Gage«, erklärte der Junge.

Ian sah immer noch genauso verständnislos aus, wie ich mich fühlte.

»Politik«, sagte Jamie unverblümt. »Eine Argumentation für die Aufhebung des jüngsten Stempelgesetzes mit einem Aufruf zum zivilen Widerstand – nötigenfalls mit Gewalt. Fünftausend Exemplare, frisch gedruckt und im Hinterzimmer gestapelt. Gage wollte sie morgen früh abholen.«

»Himmel«, sagte Ian. Er war noch bleicher geworden als Jamie, den er jetzt mit einer Mischung aus Grauen und Ehrfurcht anstarrte. »Hast du völlig den Verstand verloren?«, erkundigte er sich. »Du, auf dessen Rücken kein Stück Haut ohne Narben ist? Auf dessen Begnadigung als Hochverräter die Tinte kaum getrocknet ist? Du hast dich mit Tom Gage und seinen Aufwieglern eingelassen und meinen Sohn mit hineingezogen?«

Seine Stimme war immer lauter geworden, und jetzt sprang er mit geballten Fäusten auf.

»Wie konntest du so etwas tun, Jamie – wie nur? Haben wir nicht genug für deine Taten gelitten, Jenny und ich? Während des Kriegs und hinterher – Gott, ich hätte gedacht, du hättest genug von Gefängnissen, von Blut und Gewalt!«

»Ich habe auch genug davon«, sagte Jamie knapp. »Ich gehöre nicht zu Gage und seinem Kreis. Aber ich verdiene mein Geld als Drucker, aye? Er hat für diese Pamphlete bezahlt.«

Extrem gereizt warf Ian die Hände in die Luft. »Oh, aye! Das wird bestimmt hilfreich sein, wenn dich die Agenten der Krone festnehmen und dich nach London bringen, um dich zu hängen! Wenn man so etwas in deiner Werkstatt findet …« Plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er hielt inne und wandte sich seinem Sohn zu.

»Oh, das war es also?«, fragte er. »Du wusstest, was das für Pamphlete waren – deshalb hast du sie angezündet?«

Sein Sohn nickte mit dem Ernst einer jungen Eule.

»Ich konnte sie nicht rechtzeitig fortschaffen«, sagte er. »Nicht fünftausend. Der Mann – der Seemann –, er hatte das hintere Fenster eingeschlagen und griff schon nach der Türverriegelung.«

Ian fuhr wieder zu Jamie herum.

»Der Teufel soll dich holen!«, sagte er aufgebracht. »Der Teufel soll dich holen, du rücksichtsloser, schwachsinniger Narr, Jamie Fraser! Erst die Jakobiten und jetzt das!«

Jamies Gesicht war schon bei Ians ersten Worten rot geworden, und jetzt verfinsterte es sich.

»Willst du mir etwa die Schuld an Charles Stuarts Taten geben?«, sagte er. Seine Augen blitzten wütend, und er stellte seine Teetasse klirrend hin, so dass Tee und Whisky über die polierte Tischplatte schwappten. »Habe ich nicht getan, was ich konnte, um den kleinen Dummkopf aufzuhalten? Habe ich nicht alles in diesem Kampf geopfert – alles, Ian! Mein Land, meine Freiheit, meine Frau –, um zu versuchen, uns alle zu retten?« Bei diesen Worten sah er mich kurz an, und in diesem Moment bekam ich eine Vorstellung davon, was genau ihn die letzten zwanzig Jahre gekostet hatten.

Er wandte sich wieder an Ian. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als er fortfuhr, und seine Stimme wurde hart.

»Und was das betrifft, was ich deine Familie gekostet habe – habt ihr nicht auch profitiert, Ian? Lallybroch gehört jetzt James, nicht wahr? Deinem Sohn, nicht meinem!«

Ian zuckte zusammen. »Ich habe nie darum gebeten …«, begann er.

»Nein, das hast du nicht. Ich mache dir ja auch keine Vorwürfe, zum Kuckuck! Aber es ist nun einmal so – Lallybroch gehört mir nicht mehr, nicht wahr? Mein Vater hat es mir hinterlassen, und ich habe mich darum gekümmert, so gut ich konnte – um das Land und die Pächter –, und du hast mir geholfen, Ian.« Seine Stimme wurde etwas sanfter. »Ohne dich und Jenny hätte ich das alles nie geschafft. Ich bedauere es nicht, dass ich es an deinen Jamie übertragen habe – es musste sein. Aber dennoch …« Er wandte sich einen Moment ab, den Kopf gesenkt, die breiten Schultern unter dem Leinenhemd fest angespannt.

Ich wagte es, weder mich zu bewegen noch zu sprechen, doch ich fing den Blick des Jungen auf, der von unendlicher Bestürzung erfüllt war. Ich legte ihm zur gegenseitigen Beruhigung die Hand auf die hagere Schulter und spürte das rhythmische Hämmern seines Pulsschlags in der Haut über seinem Schlüsselbein. Er legte mir seine große, knochige Pfote auf die Hand und hielt sie fest.

Jamie wandte sich wieder zu seinem Schwager um und bemühte sich, seine Stimme und seine Emotionen zu beherrschen. »Ich schwöre dir, Ian, ich habe nicht zugelassen, dass der Junge in Gefahr gerät. Ich habe ihn außer Sichtweite gehalten, soweit ich es konnte – habe nicht zugelassen, dass ihn die Männer an Land zu sehen bekommen, und habe ihn nicht mit Fergus auf die Schiffe gelassen, sosehr er mich auch angebettelt hat.« Er warf einen Blick auf den Jungen, und seine Miene nahm eine seltsame Mischung aus Zuneigung und Gereiztheit an.

»Ich habe ihn nicht darum gebeten, zu mir zu kommen, Ian, und ich habe ihm gesagt, dass er wieder heimgehen muss.«

»Aber du hast ihn nicht gezwungen zu gehen, oder?« Ians Gesicht verlor jetzt die brennende Farbe, aber seine sanften braunen Augen waren nach wie vor schmal und leuchteten vor Wut. »Und du hast uns auch keine Nachricht übersandt. Zum Kuckuck, Jamie, Jenny hat diesen Monat noch keine Nacht geschlafen.«

Jamie presste die Lippen fest aufeinander. »Nein«, sagte er und betonte jedes Wort einzeln. »Nein, das habe ich nicht getan. Ich …« Wieder sah er den Jungen an und zuckte mit den Achseln, als wäre ihm plötzlich das Hemd zu eng geworden.

»Nein«, sagte er noch einmal. »Ich hatte vor, ihn selber nach Hause zu bringen.«

»Er ist alt genug, um den Weg allein zurückzulegen«, sagte Ian knapp. »Er ist doch auch allein gekommen, oder?«

»Aye. Das war auch nicht der Grund.« Jamie wandte sich unruhig ab, ergriff eine Teetasse und drehte sie zwischen den Handflächen hin und her. »Nein, ich wollte ihn bringen, um euch um Erlaubnis zu bitten – dich und Jenny –, den Jungen eine Weile bei mir wohnen zu lassen.«

Ian stieß ein kurzes, sarkastisches Lachen aus. »Oh, aye! Unsere Erlaubnis, dass er mit dir gemeinsam gehängt oder deportiert werden kann, wie?«

Wieder blitzte die Wut in Jamies Gesicht auf, und er hob den Blick von der Tasse in seinen Händen.

»Du weißt, dass ich nicht zulassen würde, dass ihm etwas passiert«, sagte er. »Guter Gott, Ian, der Junge liegt mir so am Herzen, als wäre er mein eigener Sohn, das weißt du ganz genau!«

Ian atmete jetzt schnell; ich konnte es hören. »Oh, ich weiß es wohl«, sagte er und blickte Jamie bohrend ins Gesicht. »Aber er ist nicht dein Sohn, aye? Er ist meiner.«

Jamie erwiderte Ians Blick, dann streckte er die Hand aus und stellte die Teetasse sacht auf den Tisch. »Aye«, sagte er leise. »Das ist er.«

Einen Moment stand Ian schwer atmend da, dann wischte er sich achtlos über die Stirn und schob sich das dichte, dunkle Haar zurück.

»Also dann«, sagte er. Er holte ein- oder zweimal tief Luft und wandte sich seinem Sohn zu.

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