Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
«Übrigens«, sagte sie ein paar Minuten später, während sie sich eine dicke Schicht Margarine auf eine eiskalte Kartoffel schmierte,»Gretchen und Dolly Ann haben mich eingeladen, übermorgen mit den Senioren eine Busfahrt nach Phoenix zu machen. Ich habe gesagt, ich komme mit.« «Ach? Für wie lang?«, wollte Oscar wissen.
«Bloß über Nacht. Wieso, hast du ein Problem damit?« «Nein. Überhaupt kein Problem.« Er sagte es so leichthin — es rutschte ihm so glatt heraus
–, dass Agnes es zunächst fast überhörte.»Heißt das, du hast nichts dagegen, dass ich fahre?« Oscar musterte sie unbestimmt, als wäre er in Gedanken ganz woanders.»O nein«, sagte er.»Überhaupt nicht. Fahr du nur und viel Spaß auch. Bloß eins noch.« Agnes blickte ihn scharf an.»Was denn?« «Sag zu niemandem ein Wort über den Topf. Nicht zu Gretchen und nicht zu Dolly Ann.« «Das ist wohl euer kleines Geheimnis, deins und Jimmys, was?«, fragte Agnes.
Oscar schüttelte den Kopf.»Jimmy war gut eine halbe Meile weiter flussabwärts, als ich den Topf gefunden habe«, sagte er.»Ich habe ihn abgewischt und gleich eingesteckt. Der weiß nicht mal, dass ich ihn gefunden habe, und ich werde es ihm auch nicht sagen. Schließlich bin ich derjenige, der den Topf gefunden hat. Wenn sich herausstellen sollte, dass er etwas wert ist, hat es doch keinen Sinn, es mit jemand zu teilen, der beim Finden gar nicht geholfen hat, oder was meinst du?« Agnes dachte einen Augenblick darüber nach.»Nein«, sagte sie schließlich.»Wohl nicht.« Der Hackbraten schmeckte wie altes Schuhleder. Die Kartoffeln waren noch schlimmer. Und wenn man die grünen Bohnen kaute, knallten sie einem wie ein paar alte Gummibänder gegen die Zähne. Lustlos und ohne Appetit und ziemlich schweigsam stocherten Oscar und Agnes in ihrem Essen herum. Schließlich stand Agnes auf und begann das Geschirr abzuräumen.
«Wie wär’s mit Zitronentorte«, bot sie endlich versöhnlich an.
«Wenigstens die soll man ja kalt servieren.« Gleich nachdem die Zehnuhrnachrichten im Fernsehen zu Ende waren, gingen sie ins Bett. Oscar schlief sofort ein, fest in der Bettmitte platziert und wie ein Sägewerk schnarchend, während Agnes sich an ihre Seite der Matratze klammerte und ein Kissen übers Ohr hielt, um den Lärm teilweise auszublenden. Schließlich schlief sie ebenfalls ein. Der Morgen dämmerte schon fast, als sie von dem Traum geweckt wurde.
Agnes stand auf einer kleinen Hügelkuppe und sah einem kleinen Kind zu, das im Sand spielte. Das Kind – offenbar ein kleines Mädchen — war keines von Agnes Barkleys eigenen Kindern. Ihre Mädchen waren beide hellhäutig und blond. Dieses Kind war braunhäutig und hatte eine dichte, schwarze Haarmähne und weiße, glänzende Zähne. Die Kleine badete im warmen Sonnenlicht, lachte und schmunzelte vor sich hin. Sie drehte sich im Kreis herum, wirbelte die Erde um sich auf und sah eigentlich genauso aus wie ein kindgroßer Wirbelwind, der ungestüm über den Wüstenboden tanzte.
Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, verdüsterte sich die Szene, als hätte sich eine riesige Wolke vor die Sonne geschoben. Weil sie ahnte, dass Gefahr drohte, rief Agnes dem Kind zu:»Komm hierher. Schnell.« Die Kleine blickte fragend zu ihr hinauf, schien jedoch nicht zu begreifen, wovor Agnes sie warnen wollte, und rührte sich nicht. Da hörte Agnes das Geräusch, hörte das unbeschreibliche Dröhnen und Rauschen des Wassers und wusste, dass eine plötzliche Überschwemmung von irgendwoher flussaufwärts auf sie zukam.
«Komm hierher!«, rief sie erneut, diesmal drängender.
«Sofort!« Die Kleine sah wieder zu Agnes auf und dann rasch zur Seite. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie die undurchdringliche Wand aus schmutzig braunem Wasser erblickte, die meterhoch auf sie zurollte. Die Kleine richtete sich auf und wollte wegrennen, hin zu Agnes, in Sicherheit. Doch dann, als sie schon fast aus der Gefahrenzone war, blieb sie stehen, drehte sich um und lief zurück. Sie beugte sich hinunter, um etwas aus dem Schlamm zu bergen — etwas Kleines, Rundes, Schwarzes –
, und dann kam das Wasser. In hilflosem Entsetzen musste Agnes zusehen, wie das Wasser über ihr zusammenschlug.
Innerhalb von Sekunden war das Kind fortgerissen und nicht mehr zu sehen.
Agnes wachte schweißgebadet auf, wie vor Jahren, als sie die Wechseljahre durchgemacht hatte. Lange nachdem ihr Herz schon nicht mehr so heftig pochte, war der lebhafte, allzu wirklichkeitsnahe Traum noch bei ihr.
Stammte der Topf etwa von dort? fragte sie sich. War die Besitzerin des Topfes, eine kleine Indianerin — niemand in Westmont sagte» Native American«— vor den entsetzten Augen ihrer Mutter in den Tod gerissen worden? Und wenn es stimmte, wenn das, was Agnes im Traum gesehen hatte, wirklich geschehen war, musste es schon lange her sein. Wie war es möglich, dass es an sie weitergeleitet wurde — an eine im Glauben feste Lutheranerin aus Illinois, die nicht zu Trugbildern oder wilden Höhenflügen der Fantasie neigte?
Agnes kroch aus dem Bett, ohne den schlafenden Oscar zu stören. Umständlich setzte sie die Brille auf, schlüpfte in ihren Morgenmantel und ging ins Bad. Als sie wieder herauskam, blieb sie am Küchentisch stehen, wo der kleine Topf ganz für sich allein stand, in silbernes Mondlicht getaucht. Es war, als glühte und schimmerte er in dem seltsamen silbrigen Licht, doch statt sich vor ihm zu fürchten, fühlte Agnes sich zu ihm hingezogen.
Ohne nachzudenken, setzte sie sich an den Tisch, zog den Topf an sich und ließ die Finger forschend über die glatte, kühle Oberfläche gleiten. Wie formte man eigentlich so einen Topf? fragte sich Agnes. Wo fand man den Ton? Wie wurde er gebrannt? Wofür wurde der Topf verwendet? Es gab keine Antworten auf diese Fragen, doch empfand Agnes es schon allein als tröstlich, dass sie sie gestellt hatte. Kurz darauf schlüpfte sie wieder ins Bett und schlief tief und fest bis weit nach der Zeit, zu der sie gewöhnlich aufstand und Kaffee machte.
Zwei Abende später saß Agnes Barkley in dem Hotel in Phoenix und trug nur noch Büstenhalter und Schlüpfer, als Gretchen Dixons verärgerte Stimme sie wieder zu sich brachte.»Na?«, drängte Gretchen.»Willst du jetzt eine Karte oder nicht, Aggie? Entweder du machst mit, oder du bist raus.« Agnes legte ihre Karten hin.»Ich bin raus«, sagte sie.
«Ich bin nicht so gut bei dem Spiel. Ich kann mich nicht konzentrieren.« «Wir hätten lieber Hearts spielen sollen«, meinte Lola versöhnlich.
«Strip-Hearts ist nicht das Gleiche wie Strip-Poker«, fuhr Gretchen sie an.»Wie viele Karten?« «Zwei«, antwortete Lola.
Agnes stand auf und zog ihr Nachthemd und den Morgenmantel an. Sie hatte Gretchens Rat befolgt und das Spiel mit so viel Kleidungsstücken begonnen, wie sie tragen konnte. Es hatte nichts genützt. Obwohl sie sonst bei Spielen recht schnell lernte, war sie bei den Feinheiten von Poker hoffnungslos verloren. Und jetzt, wo eine dicke Wolke von Zigarettenrauch das Zimmer einnebelte, war sie froh, nicht mehr mitspielen zu müssen.
Agnes öffnete die Schiebetür und schlüpfte hinaus auf den winzigen Balkon. Obwohl die Temperatur um die zehn Grad betrug, war es gar nicht so kalt — im Vergleich zu Chicago im Januar. Es kam ihr sogar regelrecht mild vor. Sie blickte auf den spärlich fließenden Verkehr hinaus, der an der Grand Avenue auf grünes Licht wartete, und hörte das leise, stetige Dröhnen der Lastwagen auf dem Black Canyon Freeway hinter sich. Das Dröhnen erinnerte sie wieder an das Geräusch, mit dem das Wasser über dem kleinen Mädchen zusammengeschlagen war und es überspült hatte.
Obwohl ihr nicht kalt war, fröstelte Agnes. Sie ging wieder hinein. Sie stopfte sich drei Kissen in den Rücken und setzte sich mit einem Buch vor der Nase aufs Bett.
Die anderen Frauen dachten vielleicht, sie würde lesen, das tat sie aber nicht, Agnes Barkley dachte über plötzliche Überschwemmungen nach — erinnerte sich an die echte, die sie und Oscar letzten Winter gesehen hatten.