In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
»Vorn ein Bursche haben gesagt, er haben die Gastwirtin hinten eintreten sehen«, verkündete der So'jhin. Seine Aufmerksamkeit war auf Setalle gerichtet, aber er behielt Enid misstrauisch im Auge. »Falls Ihr sein Setalle Anan, dann wisst, dass das hier sein der Kapitän der Grünen Lady Egeanin Tamarath, und sie haben einen von der Hochlady Suroth Sabelle Meldarath persönlich unterzeichneten Befehl, der ihr Gemächer zuweisen.« Sein Tonfall änderte sich und wurde weniger zu einem Befehl als vielmehr zur Stimme eines Mannes, der eine Unterkunft suchte. »Natürlich Eure besten Räume, mit einem guten Bett, einem Blick auf den Platz da draußen und Kamin, der nicht qualmen.«
Mat zuckte zusammen, als der Mann sprach, und Joline, die deshalb vielleicht zu dem Schluss gekommen war, dass jemand auf sie zukam, drückte ihre Lippen auf seinen Mund und stöhnte vor Furcht. In ihren Augen funkelten unvergessene Tränen und sie zitterte in seinen Armen. Die Lady Egeanin Tamarath schaute zur Bank, auf der Joline stönnte, verzog angewidert das Gesicht und stellte sich so hin, dass sie das Paar nicht ansehen musste. Es war jedoch der Mann, der Mat interessierte. Wie beim Licht konnte ein Illianer zu einem So'jhin werden? Und der Bursche kam ihm auch noch irgendwie bekannt vor. Vermutlich ein weiteres jener Tausende von seit langer Zeit toten Gesichtern, an die er sich widerwillig erinnerte.
»Ich bin Setalle Anan und meine besten Räume sind von Himmelslord Abaldar Yulan belegt«, erklärte Frau Anan ruhig, weder vom So'jhin noch von der Angehörigen des Blutes eingeschüchtert. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Meine zweitbesten Räume werden von Bannergeneral Furyk Karede bewohnt.
Von der Totenwache. Ich weiß nicht, ob ein Kapitän der Grünen im Rang höher steht, aber das ist auch egal, denn Ihr werdet untereinander ausmachen müssen, wer bleibt und wer gehen muss. Ich halte mich an die feste Regel, keine seanchanischen Gäste vor die Tür zu setzen. So lange sie ihre Miete zahlen.«
Mat erstarrte und wartete auf den Zornausbruch —Suroth hätte sie für weniger auspeitschen lassen! —, aber Egeanin lächelte. »Es ist ein Vergnügen, mit jemandem zu tun zu haben, der ein bisschen Mut hat«, sagte sie mit einem breiten Akzent. »Ich glaube, Frau Anan, wir werden prächtig miteinander auskommen. Solange Ihr es mit dem Mut nicht übertreibt. Der Kapitän gibt die Befehle, die Mannschaft gehorcht, aber ich habe niemals einen über mein Deck kriechen lassen.« Mat runzelte die Stirn. Ein Schiffsdeck. Warum ließ ihn das nachdenklich werden? Manchmal waren diese alten Erinnerungen ein Ärgernis.
Frau Anan nickte, ohne den Blick zu senken. »Ganz wie Ihr meint, meine Lady. Aber ich hoffe, Ihr vergesst nicht, dass die Wanderin mein Schiff ist.« Glücklicherweise hatte die Seanchanerin Humor. Sie lachte.
»Dann seid der Kapitän Eures Schiffes«, sagte sie mit einem Kichern, »und ich bin der Kapitän der Goldenen.« Seufzend schüttelte sie den Kopf. »Das Licht sei mein Zeuge, ich nehme an, dass ich hier nur wenige im Rang übertreffe, aber Suroth wird mich in der Nähe haben wollen, also wird jemand ausziehen müssen, falls er nicht teilen will.« Plötzlich legte sie die Stirn in Falten, warf Mat und Joline einen flüchtigen Seitenblick zu und schürzte angewidert die Lippen. »Ich hoffe, Ihr lasst das nicht überall durchgehen, Frau Anan?«
»Ich versichere Euch, dass Dir so etwas nie wieder unter meinem Dach zu sehen bekommen werdet«, entgegnete die Wirtin ungerührt.
Der So'jhin starrte Mat und die Frau auf seinem Schoss stirnrunzelnd an; Egeanin musste an seinem Ärmel zupfen, bevor er zusammenzuckte und ihr in den Schankraum folgte. Mat grunzte verächtlich. Der Bursche konnte so lange vorgeben, genauso empört zu sein wie seine Herrin, wie er wollte; Mat hatte von den Festen in Illian gehört, und sie waren fast so schlimm wie jene in Ebou Dar, wenn es darum ging, dass Leute nur halb oder noch weniger bekleidet herumliefen. Von Da'covale oder jenen Shea-Tänzerinnen, von denen die Soldaten immer erzählten, ganz zu schweigen.
Als sich die Tür hinter dem Paar schloss, versuchte er Joline sanft von seinem Schoss zu drängen, aber sie klammerte sich an ihm fest, vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und schluchzte leise. Enid stieß einen tiefen Seufzer aus und sackte gegen den Arbeitstisch, als hätten sich ihre Knochen in Pudding verwandelt. Selbst Frau Anan schien erschüttert zu sein. Sie ließ sich auf den Hocker fallen, den Mat zuvor benutzt hatte, und verbarg das Gesicht in den Händen. Aber das dauerte nur einen Augenblick lang, dann stand sie wieder auf den Füßen.
»Enid«, sagte sie energisch, »zähl bis fünfzig und hol alle aus dem Regen raus.« Niemand hätte geahnt, dass sie eben noch am ganzen Leib gezittert hatte. Sie nahm Jolines Umhang vom Haken, nahm aus einem Kästchen auf dem Kaminsims einen langen Holzspan und bückte sich, um ihn am Feuer unter den Spießen zu entzünden. »Wenn du mich brauchst, ich bin im Keller, aber sollte jemand nach mir fragen, dann hast du keine Ahnung, wo ich bin. Bis ich etwas anderes sage, geht außer dir und mir keiner mehr da runter.«
Enid nickte, als wäre das völlig normal. »Bringt sie«, sagte die Wirtin zu Mat, »und trödelt nicht herum. Tragt sie, wenn es sein muss.«
Er musste sie tragen. Noch immer beinahe lautlos weinend, ließ Joline weder seinen Hals los noch nahm sie den Kopf von seiner Schulter. Glücklicherweise war sie nicht schwer, trotzdem breitete sich ein dumpfer Schmerz in seinem Bein aus, als er Frau Anan mit seiner Last zur Kellertür folgte. Vielleicht hätte er es sogar genossen, hätte sich Frau Anan nicht bei allem so viel Zeit gelassen.
Als gäbe es im Umkreis von hundert Meilen nicht einen Seanchaner, entzündete sie eine Lampe, die auf einem Bord neben der massiven Tür stand, und blies sorgfältig den Span aus, bevor sie den langen Glaszylinder wieder aufsetzte und dann den qualmenden Span auf einem kleinen Blechtablett ablegte. Ohne jede Eile zog sie einen langen Schlüssel aus der Gürteltasche, öffnete das Eisenschloss und bedeutete ihm endlich, durch die Tür zu gehen. Die dahinterliegenden Stufen waren breit genug, um ein Fass hinunterrollen zu können, aber sie waren auch tief und verschwanden in der Dunkelheit. Er gehorchte, wartete aber auf der zweiten Stufe, während sie die Tür hinter sich zuzog und abschloss, um dann mit hoch erhobener Lampe voraus zu gehen. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Sturz.
»Tut Ihr das oft?«, fragte er und rückte Joline zurecht. Sie hatte aufgehört zu weinen, klammerte sich aber noch immer zitternd an ihm fest. »Ich meine, Aes Sedai zu verstecken?«
»Ich hatte Gerüchte gehört, dass noch immer eine Schwester in der Stadt sein soll«, erwiderte Frau Anan, »und ich konnte sie vor den Seanchanern finden. Ich durfte ihnen keine Schwester überlassen.« Sie warf ihm über die Schulter einen grimmigen Blick zu, als wollte sie ihn herausfordern, ihr zu widersprechen. Er wollte es, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, die Worte auszusprechen. Vermutlich hätte auch er jedem geholfen, vor den Seanchanern zu entkommen, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, und er schuldete Joline Maza etwas.
Die Wanderin war ein gut ausgestattetes Gasthaus und der dunkle Keller war riesig. Auf der Seite liegende, sich hoch auftürmende Fässer mit Wein und Ale bildeten lange Gänge, auf dem Steinboden stapelten sich Lattenkisten mit Kartoffeln und Steckrüben, Reihen hoher Regale enthielten Säcke mit getrockneten Bohnen und Erbsen und Pfefferschoten, und das Licht allein wusste, was in den Bergen aus geschlossenen Kisten war. Es schien nur wenig Staub zu geben, aber die Luft hatte den trockenen Geruch, wie man ihn in abgeschlossenen Lagerräumen findet.
Auf einem frei geräumten Regalbrett entdeckte Mat seine sauber zusammengefaltete Kleidung — falls nicht noch eine andere Person hier ihre Sachen aufbewahrte —, aber ihm blieb keine Gelegenheit, sie sich anzusehen. Frau Anan führte sie zum anderen Kellerende, wo er Joline auf ein aufrecht stehendes Fass setzte. Er musste sich mit sanfter Gewalt von ihren Armen befreien und sie hockte zusammengesunken da. Schniefend zog sie ein Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte sich die rot geränderten Augen ab. Mit ihrem verschmierten Gesicht erfüllte sie kaum das Bild einer Aes Sedai, wie man sie sich vorstellte, von dem abgetragenen Gewand ganz zu schweigen.