In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Glücklicherweise fing Tylin an, immer mehr Zeit mit Suroth und Tuon zu verbringen. Ihre Annäherung schien in Freundschaft geendet zu haben, zumindest, soweit es Tuon betraf. Niemand konnte mit Suroth befreundet sein. Tylin schien das Mädchen adoptiert zu haben oder das Mädchen hatte sie adoptiert. Tylin erzählte ihm nur wenig über das, worüber sie sich unterhielten, blieb stets nur ganz allgemein und manchmal nicht mal das, aber sie zogen sich stundenlang ganz allein zurück und spazierten in leise Unterhaltungen vertieft oder manchmal sogar lachend durch die Palastkorridore. Oft gingen Anath oder Selucia, Tuons blonde So'jhin, hinter ihnen her, und gelegentlich auch zwei finster dreinblickende Männer der Totenwache.
Er konnte sich die Beziehung zwischen Suroth, Tuon und Anath noch immer nicht erklären. In der Öffentlichkeit benahmen sich Suroth und Tuon wie Gleichgestellte, sprachen sich gegenseitig mit Namen an und lachten über die Spaße der anderen. Tuon gab Suroth niemals einen Befehl, zumindest nicht in seiner Gegenwart, aber Suroth schien Tuons Vorschläge als Befehle aufzufassen. Anath hingegen setzte Tuon gnadenlos mit scharfer Kritik zu und nannte sie eine Närrin oder schlimmeres.
»Das ist die schlimmste Art der Dummheit, Mädchen«, hörte er sie eines Mittags in einem der Korridore sagen. Tylin hatte auf ihr plumpes Herbeizitieren verzichtet — bis jetzt — und er versuchte, sich aus dem Palast zu schleichen, bevor sie sich dazu entschied. Vorsichtig schob er sich an den Wänden entlang und spähte um jede Ecke. Er hatte geplant, Sutoma und danach Aludra einen Besuch abzustatten. Die drei Seanchanerinnen — vier, wenn man Selucia mitzählte, aber er glaubte nicht, dass sie es auf diese Weise gesehen hätten — standen direkt hinter der nächsten Abzweigung in einer Gruppe zusammen. Während er nach Dienerinnen mit einem breiten Lächeln im Gesicht Ausschau hielt, wartete er ungeduldig darauf, dass sie endlich weitergingen. Worüber sie sich auch immer unterhielten, sie würden es nicht zu schätzen wissen, wenn er dabei in sie hineinplatzte. »Die nähere Bekanntschaft mit dem Riemen wird Euch auf den richtigen Weg zurückbringen und Euren Kopf von diesem Unsinn befreien«, fuhr die hoch gewachsene Frau mit eiskalter Stimme fort. »Bittet darum und hört auf damit.«
Mat steckte sich den Finger ins Ohr und schüttelte den Kopf. Er musste sich verhört haben. Selucia, die ruhig und mit vor der Taille gefalteten Händen dastand, verzog jedenfalls keine Miene.
Suroth stieß jedoch ein Keuchen aus. »Dafür werdet Ihr sie bestrafen!«, verlangte sie wütend und starrte förmlich Löcher in Anath hinein. Oder versuchte es zumindest. Nach der Beachtung zu urteilen, die die große Frau ihr schenkte, hätte sie genauso gut ein Möbelstück sein können.
»Ihr versteht nicht, Suroth.« Tuons Seufzer versetzte den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, in Bewegung. Bedeckte, aber nicht verbarg. Sie sah... resigniert aus. Es hatte Mat zutiefst verblüfft, als er erfahren hatte, dass sie nur wenige Jahre jünger als er war. Er hätte mehr als zehn geschätzt. Nun, auf jeden Fall sechs oder sieben. »Die Omen sagen etwas anderes, Anath«, fuhr das Mädchen ruhig und nicht im Mindesten wütend fort. Sie gab lediglich eine Tatsache wieder. »Seid versichert, ich werde es Euch wissen lassen, wenn sie sich verändern.«
Jemand tippte ihm auf die Schulter; er wandte den Kopf und blickte in das Gesicht einer Dienerin, die ihn breit angrinste. Nun, eigentlich war er gar nicht so versessen auf seinen Ausflug gewesen.
Tuon bereitete ihm Kopfzerbrechen. Oh, wenn sie einander in den Korridoren begegneten, machte er stets seinen besten Kratzfuß und sie ignorierte ihn dafür so ausführlich, wie Suroth oder Anath es taten, aber er hatte den Eindruck gewonnen, als würden sie sich etwas zu oft in den Korridoren über den Weg laufen.
Eines Nachmittags betrat er Tylins Gemächer, nachdem er herausgefunden hatte, dass die Königin mit Suroth in irgendeiner Besprechung war, und im Schlafgemach überraschte er Tuon dabei, wie sie seinen Ashandarei untersuchte. Der Anblick, wie sie die in den schwarzen Schaft eingravierten Worte der Alten Sprache befingerte, ließ ihn erstarren. An jedem Ende der Worte war ein aus einem dunkleren Metall gefertigter Rabe eingelassen, zwei weitere waren auf der leicht gekrümmten Klinge eingraviert. Für die Seanchaner waren Raben ein kaiserliches Siegel. Mit angehaltenem Atem versuchte er sich rückwärts zu bewegen, ohne einen Laut zu verursachen.
Das verschleierte Gesicht fuhr zu ihm herum. Eigentlich war es ein hübsches Gesicht, es hätte sogar wunderschön sein können, wenn sie je aufgehört hätte auszusehen, als würde sie gleich ein Stück Holz abbeißen. Er fand nicht länger, dass sie wie ein Junge aussah —diese engen breiten Gürtel, die sie stets trug, sorgten dafür, dass man sah, welche Kurven es hier gab —, aber sie hätte genauso gut einer sein können. Es kam nur selten vor, dass er einer erwachsenen Frau begegnete, die jünger als seine Großmutter war, und sich nicht zumindest beiläufig fragte, wie es wohl wäre, mit ihr zu tanzen, sie vielleicht sogar zu küssen. Das passierte ihm sogar bei diesen hochnäsigen Vertreterinnen des seanchanischen Blutes, aber bei Tuon hatte er noch nicht einmal annähernd an so etwas gedacht. Eine Frau musste etwas haben, um das man seinen Arm legen konnte, warum sich sonst überhaupt die Mühe machen?
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tylin so etwas besitzt«, sagte sie kühl und stellte den Speer mit der langen Klinge wieder neben seinen Bogen. »Also muss er Euch gehören. Was ist das? Wie kommt Ihr in seinen Besitz?« Dieses kalte Fordern von Informationen ließ ihn die Zähne zusammenbeißen. Das verdammte Weib hätte genauso gut einem Diener Befehle erteilen können. Licht, soweit er wusste, kannte sie nicht einmal seinen Namen! Tylin hatte erzählt, dass sie ihn seit ihrem Kaufangebot nie wieder erwähnt hatte.
»Man nennt es einen Speer, meine Lady«, sagte er und widerstand dem Drang, sich gegen den Türrahmen zu lehnen und die Daumen in den Gürtel zu stecken. Schließlich gehörte sie dem seanchanischen Blut an. »Ich habe ihn gekauft.«
»Ich werde Euch das Zehnfache des Preises geben, den Ihr bezahlt habt«, sagte sie. »Nennt ihn.«
Beinahe hätte er gelacht. Er wollte es, und bestimmt nicht vor Vergnügen, so viel stand fest. Kein Würdet Ihr ihn vielleicht verkaufen, bloß ein Ich will ihn kaufen und das werde ich dafür bezahlen. »Der Preis bestand nicht aus Gold, meine Lady.« Unwillkürlich griff er nach dem schwarzen Halstuch, um sich zu vergewissern, dass es die gezackte Narbe an seinem Hals verbarg. »Nur ein Narr würde ihn einmal bezahlen, geschweige denn zehnmal.«
Sie musterte ihn einen Augenblick lang, und ihr Gesichtsausdruck blieb unleserlich, egal wie durchsichtig der Schleier auch war. Und dann hätte er sich genauso gut auch in Luft aufgelöst haben können. Sie schoss an ihm vorbei, als wäre er nicht länger da, und rauschte aus den Gemächern.
Das war nicht das einzige Mal, dass er sie allein antraf. Natürlich folgten ihr nicht bei jeder Gelegenheit Anath oder Selucia oder Wächter, aber er hatte den Eindruck, dass es ihm viel zu oft passierte, dass er sich entschied, wegen irgendetwas umzukehren und ihr plötzlich allein begegnete und sie ertappte, wie sie ihn musterte, oder er verließ unvermutet einen Raum und stieß vor der Tür auf sie. Mehr als nur einmal schaute er beim Verlassen des Palasts über die Schulter und sah ihr verschleiertes Gesicht aus einem Fenster blicken. Gut, es hatte nichts von einem Starren an sich. Sie sah ihn an und rauschte davon, als hätte er zu existieren aufgehört, spähte aus einem Fenster und wandte sich sofort ab, sobald er sie bemerkte. Er war wie ein Kandelaber in einem Korridor, ein Pflasterstein im Mol Hara. Aber es fing an, ihn nervös zu machen. Schließlich hatte die Frau angeboten, ihn zu kaufen. So etwas konnte einen Mann schon nervös machen.