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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Teslyn Baradon lag auf dem Bett, das Gesicht auf ihre Hände gestützt. Nur ihre dunklen Augen bewegten sich. Sie sagte kein Wort, starrte ihn nur an, als wollte sie Löcher in seinen Schädel bohren.

»Ihr habt eine Nachricht in meine Manteltasche gesteckt«, sagte er leise. Die Wände waren dünn; er konnte das Schluchzen der Frau noch immer hören. »Warum?«

»Elaida will diese Mädchen so sehr haben, wie sie Zepter und Stola haben wollte«, sagte Teslyn geradeheraus, ohne sich zu bewegen. Ihrer Stimme haftete noch immer etwas von ihrer Grobheit an, aber weniger, als er in Erinnerung hatte. »Vor allem Elayne. Ich wollte Elaida... Unannehmlichkeiten bereiten, falls das möglich war. Es ihr wirklich schwer machen.« Sie stieß ein leises, mit Bitterkeit gefärbtes Lachen aus. »Ich habe sogar Joline mit Spaltwurzel betäubt, damit sie den Mädchen nicht in die Quere kam. Und seht, was es mir eingebracht hat. Joline konnte entkommen und ich...« Ihre Augen bewegten sich wieder, ihr Blick glitt zu dem silbernen Armreifen auf dem Haken.

Seufzend lehnte sich Mat neben den Kleidern gegen die Wand. Sie wusste, was auf dem Zettel gestanden hatte, eine Warnung für Nynaeve und Elayne. Licht, wie er gehofft hatte, dass sie es nicht wusste, dass ihm jemand anderes den verdammten Zettel in die Tasche gesteckt hatte. Es hätte sowieso nichts bewirkt. Beide wussten, dass Elaida hinter ihnen her war. Die Nachricht hatte nichts geändert! Die Frau hatte ihnen eigentlich gar nicht helfen wollen, sie wollte Elaida bloß Unannehmlichkeiten bereiten. Er konnte mit reinem Gewissen gehen. Blut und Asche! Er hätte niemals mit ihr sprechen sollen. Jetzt, da er es getan hatte...

»Ich werde Euch bei der Flucht helfen, wenn ich kann«, sagte er zögernd.

Sie blieb reglos auf dem Bett liegen. Weder ihre Miene noch ihre Stimme veränderten sich. Sie hätte genauso gut etwas Einfaches und Unwichtiges erklären können. »Selbst wenn Ihr den Kragen entfernen könnt, werde ich nicht weit kommen, vielleicht nicht mal aus dem Palast. Und selbst wenn, kommt keine Frau, die die Macht lenkt, ohne ein Adam durch die Stadttore. Ich habe dort selbst Wache gestanden und ich weiß es.«

»Ich lasse mir etwas einfallen«, murmelte er und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Sich etwas einfallen lassen? Was denn? »Licht, Ihr hört Euch an, als wolltet Ihr nicht fliehen.«

»Ihr meint es tatsächlich ernst«, flüsterte sie so leise, dass er sie beinahe nicht verstanden hätte. »Ich dachte, Ihr wärt nur gekommen, um mich zu verspotten.« Sie setzte sich langsam auf und schwang die Füße auf den Boden. Ihr Blick fixierte ihn und ihre Stimme nahm einen drängenden Tonfall an. »Wz7/ ich entkommen? Tue ich etwas, das ihnen gefällt, gibt mir die Sul'dam eine Süßigkeit. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich auf diese Belohnungen freue.« Atemloses Entsetzen schlich sich in ihre Stimme. »Nicht, weil ich Süßigkeiten mag, sondern weil ich die Sul'dam erfreut habe.« Eine einzelne Träne rann aus ihrem Auge. Sie atmete tief ein. »Wenn Ihr mir zur Flucht verhelft, tue ich alles, worum Ihr mich bittet, solange es keinen Verrat an der Weißen...« Sie biss die Zähne zusammen, setzte sich ganz gerade hin und starrte durch ihn hindurch. Sie nickte abrupt, wie zur Selbstbestätigung. »Helft mir zu fliehen und ich werde alles tun, worum Ihr mich bittet.«

»Ich werde tun, was ich kann«, sagte er zu ihr. »Ich muss mir eine Möglichkeit einfallen lassen.«

Sie nickte, als hätte er das Versprechen abgegeben, um Mitternacht zu fliehen. »Hier im Palast wird noch eine Schwester gefangen gehalten. Edesina Azzedin. Sie muss mit uns kommen.«

»Noch eine?«, fragte Mat. »Ich dachte, ich hätte drei oder vier gesehen, Euch eingeschlossen. Aber egal, ich weiß nicht einmal, ob ich Euch rausschaffen kann, geschweige denn...«

»Die anderen werden... verändert.« Teslyn kniff den Mund zusammen. »Guisin und Mylen — ich kannte sie als Sheraine Caminelle, aber sie hört jetzt nur noch auf Mylen —, diese beiden würden uns verraten. Edesina ist noch immer sie selbst. Ich werde sie nicht zurücklassen, selbst wenn sie eine Rebellin ist.«

»Hört zu«, sagte Mat mit einem beschwichtigenden Lächeln, »ich habe gesagt, dass ich versuchen werde, Euch herauszubekommen, aber ich sehe nicht die geringste Möglichkeit, wie ich zwei von Eurer Sorte...«

»Es wäre besser, wenn Ihr jetzt geht«, unterbrach sie ihn erneut. »Männer sind hier oben nicht erlaubt, davon abgesehen werdet Ihr Verdacht erregen, sollte man Euch hier finden.« Sie sah ihn an und schnaubte. »Es wäre hilfreich, wenn Ihr Euch nicht so farbenprächtig kleiden würdet. Zehn betrunkene Kesselflicker könnten nicht so viel Aufmerksamkeit erregen, wie Ihr es tut. Geht jetzt. Schnell. Geht!«

Er ging und murmelte dabei leise vor sich hin. Ganz wie eine Aes Sedai. Man bot ihr Hilfe an, und ehe man sich's versah, ließ sie einen mitten in der Nacht eine Felswand erklimmen, um ganz allein fünfzig Leute aus einem Kerker zu befreien. Das war ein anderer Mann gewesen, der schon lange tot war, aber er erinnerte sich daran, und es passte. Blut und verdammte Asche! Er wusste nicht, wie er eine Aes Sedai retten sollte, und sie wollte ihn gleich zwei retten lassen!

Er umrundete die unauffällige Ecke am Fuß der Treppe und wäre beinahe in Tuon hineingelaufen.

»Damanezwinger sind für Männer verboten«, sagte sie und schaute kalt durch den Schleier zu ihm hoch. »Man könnte Euch schon dafür bestrafen, dass Ihr sie betreten habt.«

»Ich suchte nach einer Windsucherin, Hochlady«, sagte er hastig, machte einen Kratzfuss und dachte schneller als je zuvor in seinem Leben nach. »Sie hat mir einst einen Gefallen erwiesen, und ich dachte mir, sie würde vielleicht gern etwas aus der Küche haben wollen. Ein paar Pasteten oder dergleichen. Ich habe sie aber nicht zu Gesicht bekommen. Ich vermute, sie wurde nicht gefangen, als...« Er verstummte und starrte sie an. Die strenge Maske, zu der das Gesicht des Mädchens immer erstarrt war, zerschmolz zu einem Lächeln. Sie war wirklich wunderschön.

»Das ist sehr freundlich von Euch«, sagte sie. »Es ist gut zu wissen, dass Dir freundlich zu Damane seid. Aber Ihr müsst aufpassen. Es gibt Männer, die sich Damane tatsächlich ins Bett holen.« Ihr voller Mund verzog sich angewidert. »Ihr könnt nicht wollen, dass man Euch für abartig hält.« Der strenge Ausdruck legte sich wieder auf ihr Gesicht. Alle Gefangenen würden auf der Stelle exekutiert.

»Danke für Eure Warnung, Hochlady«, sagte er etwas unsicher. Was für eine Art Mann würde es mit einer Frau an einer Leine machen wollen?

Soweit es sie betraf, war er schlichtweg verschwunden. Sie rauschte einfach den Korridor entlang, als würde sie niemanden wahrnehmen. Doch dieses eine Mal verschwendete er keinen Gedanken an die Hochlady Tuon. Da war eine Aes Sedai, die sich im Keller der Wanderin verbarg, und zwei, die Domäne-Leinen trugen, und sie alle erwarteten von Mat Cauthon, dass er ihnen den Hals rettete. Er war fest davon überzeugt, dass Teslyn dieser Edesina alles berichtete, sobald sie konnte. Drei Frauen, die möglicherweise ungeduldig werden würden, wenn er sie nicht bald in Sicherheit brachte. Frauen redeten gern, und wenn sie lange genug redeten, ließen sie Dinge herausschlüpfen, die besser ungesagt blieben. Ungeduldige Frauen redeten sogar noch mehr als der Rest. Die Würfel rollten nicht in seinem Kopf umher, aber er konnte beinahe eine Uhr ticken hören. Und die Scharfrichteraxt würde die Stunde schlagen. Schlachten konnte er im Schlaf planen, aber hierbei schienen die alten Erinnerungen nicht viel zu helfen. Er brauchte einen Planer, jemand, der darin Erfahrung hatte und auf Umwegen nachdenken konnte. Es war Zeit, sich mit Thom an einen Tisch zu setzen und mit ihm zu sprechen. Und mit Juilin.

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