In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Meine Herren! Die Zweite, die einen besonderen Kommentar erhielt, war Tessi, und hier erwartete sie keine Einwände.
Die Illianerin kniete anmutig und mit in Taillenhöhe gefalteten Händen nieder, sobald Bethamin die Tür öffnete. Das Bett war gemacht, die grauen Kleider hingen sauber und ordentlich an ihren Haken, Bürste und Kamm lagen ordentlich auf dem Waschstand und der Boden war gefegt. Bethamin hatte auch nicht weniger erwartet. Tessi war von Anfang an ordentlich gewesen. Sie nahm auch hübsch zu, nachdem sie gelernt hatte, ihren Teller zu leeren. Von den Süßigkeiten abgesehen wurde die Ernäherung der Damane streng reguliert; eine kranke Damane war eine Verschwendung. Allerdings würde man Tessi niemals mit Schleifen schmücken und an einem Wettbewerb für die hübscheste Damane teilnehmen lassen. Selbst entspannt schien ihr Gesicht mit einem permanentem Stirnrunzeln versehen zu sein. Aber heute zeigte sie ein kaum wahrnehmbares Lächeln, von dem Bethamin überzeugt war, dass es auch schon vor ihrem Eintreten da gewesen war. Tessi gehörte nicht zu denen, von denen sie ein Lächeln erwartete, noch nicht.
»Wie geht es meiner kleinen Tessi heute?«, fragte sie.
»Tessi geht es sehr gut«, erwiderte die Damane ohne zu zögern. Zuvor hatte sie stets um die richtigen Worte kämpfen müssen und erst gestern die letzte Prügelstrafe bekommen, weil sie die sofortige Antwort verweigert hatte.
Bethamin legte nachdenklich den Finger ans Kinn und betrachtete die kniende Damane. Sie misstraute jeder Damane, die sich einst Aes Sedai genannt hatte. Geschichte faszinierte sie und sie hatte sogar Übersetzungen aus den zahllosen Sprachen vor dem Beginn der Vereinigung gelesen. Jene uralten Herrscher ergötzten sich an ihrer mörderischen Tyrannei und schrieben voller Begeisterung auf, wie sie an die Macht kamen und Nachbarstaaten zerstörten und andere Herrscher unterjochten. Die meisten waren durch Attentate gestorben, oft durch die Hand ihrer eigenen Nachkommen oder Anhänger. Sie wusste ganz genau, wie Aes Sedai waren.
»Tessi ist eine gute Damane«, murmelte sie freundlich und nahm ein Bonbon aus der Tüte in ihrer Gürteltasche. Tessi beugte sich vor, um es entgegenzunehmen und dankbar ihre Hand zu küssen, aber das Lächeln flackerte etwas, obwohl es, als sie sich das rote Bonbon in den Mund stopfte, wieder da war. So. Darum also ging es, nicht wahr? Es war nichts Neues, dass man etwas vortäuschte, um das Misstrauen der Sul'dam einzuschläfern, zog man jedoch in Betracht, was Tessi gewesen war, dann war es doch sehr wahrscheinlich, dass sie eine Flucht plante.
Draußen im Korridor notierte Bethamin den dringenden Vorschlag, Tessis Ausbildung zusammen mit ihren Bestrafungen zu verdoppeln und sie nur sporadisch zu belohnen, sodass sie sich niemals sicher sein konnte, dass selbst Perfektion niemals mehr als ein Kopftätscheln ergab. Es war eine raue Methode, die sie normalerweise vermied, aber aus irgendeinem Grund verwandelte sie die störrischste Marath'damane in bemerkenswert kurzer Zeit in eine fügsame Damane. Und eine lammfromme Damane. Sie brach die Persönlichkeit einer Damane nur ungern, aber Tessi musste für das A'dam gebrochen werden, damit sie die Vergangenheit vergessen konnte. Am Ende würde sie viel glücklicher sein.
Bethamin war früher fertig als Renna und wartete am Fuß der Treppe, bis die andere Sul'dam herunterkam. »Bringt dies zu Essonde, wenn Ihr mit Eurem Bericht fertig seid«, sagte sie und hielt Renna ihr Schreibbrett entgegen, bevor sie die letzte Stufe hinuntergestiegen war. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, akzeptierte Renna die neue Aufgabe so demütig wie zuvor die anderen Befehle und eilte los; sie betrachtete das zweite Schreibbrett, als würde sie sich fragen, ob dort auch ein Bericht über sie geschrieben stand. Nach Falrne war sie eine andere Frau geworden.
Nachdem sich Bethamin ihren Umhang geholt und den Palast verlassen hatte, wollte sie zu dem Gasthaus, in dem sie sich mit zwei anderen Sul'dam gezwungenermaßen ein Bett teilen musste, aber nur lange genug, um ein paar Münzen aus ihrer abschließbaren Truhe zu holen. Die Inspektion war heute ihre einzige Pflicht gewesen und der Rest des Tages gehörte ihr. Statt sich zusätzliche Aufgaben aufzubürden, würde sie ihn ausnahmsweise dazu nutzen, Andenken zu kaufen. Vielleicht einen dieser Dolche, den die Einheimischen am Hals trugen, vorausgesetzt, sie konnte einen ohne Juwelen finden, die hier am Griff so beliebt waren. Und natürlich Lackarbeiten; die waren hier so gut wie im Kaiserreich und die Muster waren so... fremdartig. Einkaufen würde beruhigend sein. Sie brauchte das.
Die Pflastersteine des Mol Hara glänzten noch immer feucht vom Morgenregen und die Luft war von einem angenehmen Salzgeruch erfüllt, der sie an ihr Heimatdorf am See von L'Heye erinnerte, wo sie zur Welt gekommen war, auch wenn die schneidende Kälte sie den Umhang enger um ihren Körper ziehen ließ. In Abunai war es niemals so kalt gewesen, und sie hatte sich nie daran gewöhnen können, ganz egal, wie weit gereist sie war. Aber die Erinnerungen an Zuhause boten keinen Trost. Während sie sich ihren Weg durch die überfüllten Straßen bahnte, drängten sich die Gedanken an Renna und Seta so sehr in den Vordergrund, dass sie andere Leute anrempelte und beinahe vor den Wagenzug eines Händlers gelaufen wäre, der die Stadt verließ. Ein Ruf der Kutscherin drang zu ihr durch und sie sprang gerade rioch rechtzeitig zurück. Der Wagen polterte genau dort, wo sie eben gestanden hatte, über das Straßenpflaster, und die Frau auf dem Kutschbock, die die Peitsche schwang, hatte keinen Blick für sie übrig. Diese Fremden hatten keine Vorstellung davon, welcher Respekt einer Sul'dam zustand.
Renna und Seta. Jeder, der in Falme dabei gewesen war, trug Erinnerungen in sich, die er vergessen wollte, Erinnerungen, über die sie nicht sprachen, es sei denn, sie hatten zu viel getrunken. Sie hatte auch welche, aber bei ihr ging es nicht um das Grauen, gegen vage bekannte Geister aus den Legenden zu kämpfen oder die Bestürzung der Niederlage oder Visionen des Wahnsinns am Himmel. Wie oft hatte sie sich gewünscht, an diesem Tag nicht nach oben gegangen zu sein? Wenn sie sich doch nur nicht gefragt hätte, wie es Tuli ging, der Domäne mit den wunderbaren Fertigkeiten in der Metallverarbeitung. Aber sie hatte in Tulis Zwinger hineingeschaut. Und gesehen, wie Renna und Seta verzweifelt versucht hatten, die A'dam von ihren Hälsen zu entfernen; sie hatten auf den Knien vor Schmerzen geschrien, und die Übelkeit hatte sie schwanken lassen, während sie an den Kragen herumrissen. Erbrochenes beschmutzte die Vorderseiten ihrer Gewänder. In ihrer wilden Panik hatten sie nicht gesehen, wie sie entsetzt zurückwich.
Nicht wegen des schrecklichen Anblicks, zwei Sul'dam als Marath'damane entlarvt zu sehen, sondern wegen des plötzlichen Grauens, das in ihr emporstieg. Sie glaubte oft, die Gewebe der Damane beinahe sehen zu können, und sie spürte immer die Anwesenheit einer Damane und erkannte, wie stark sie war. Das konnten viele der Sul'dam; jeder wusste, dass das von der langen Erfahrung im Umgang mit den Damane kam. Aber der Anblick dieses verzweifelten Paars weckte unwillkommene Gedanken, verlieh dem, was sie immer akzeptiert hatte, ein neues und Furcht erregendes Aussehen. Sah sie die Gewebe nur beinahe oder tatsächlich? Manchmal glaubte sie sogar, das Lenken der Macht zu fühlen. Selbst Sul'dam mussten sich bis zum fünfundzwanzigsten Namensgebungstag dem jährlichen Test unterziehen, und sie hatte bestanden, indem sie jedes Mal versagt hatte. Nur... Sobald man Renna und Seta entdeckte, würde es einen neuen Test geben, um die Marath'damane aufzuspüren, die dem ersten entgangen waren. Ein solcher Schlag würde möglicherweise das Reich selbst erschüttern. Und noch während sich das Bild von Renna und Seta in ihr Gedächtnis brannte, hatte sie mit unumstößlicher Sicherheit gewusst, dass Bethamin Zeami nach diesem neuen Test keine respektierte Bürgerin mehr sein würde. Stattdessen würde eine Damane namens Bethamin dem Reich dienen.