Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Gerade, als sie den letzten Tropfen in einen Becher rinnen ließ, begannen die ersten Soldaten zu gähnen. Lea warf einen raschen Blick in die Runde, und stellte fest, dass die Männer, die lachend und singend am Boden saßen, einer nach dem anderen in sich zusammensanken. Nun wurde es höchste Zeit zu verschwinden. Zu ihrer Erleichterung hielt sie niemand auf. Während hinter ihr die trunkenen Stimmen der Soldaten erlahmten, zerrte sie den Esel hinter sich her, um so bald wie möglich die Stelle zu erreichen, an der Pablo und einer seiner Mitbrüder vom Meierhof auf sie warteten. Als Lea die Mönche vor sich auftauchen sah, schlang sie die Mantilla enger um sich, um ihren von keinem Band gehaltenen Busen zu verbergen.
»Wie ist es gelaufen?«, fragte Pablo, der ihr aufgeregt entgegenkam.
Über Leas Gesicht huschte ein Lächeln. »Excelente, Brüder. Die Soldaten haben den Wein getrunken, als hätten sie eben die Wüste durchquert. Baramosta und die Seinen können aufbrechen.«
Der andere Mönch gab einen Seufzer von sich, als wäre alle Last der Welt von seinem Herzen genommen. »Dann wird endlich wieder Ruhe in unserem Tal einkehren.«
»Wollen wir es hoffen.« Pablo nahm Lea die Zügel aus der Hand und reichte sie seinem Mitbruder. »Du weißt, was du zu tun hast?«
»Ich muss den Esel und die Fässchen verschwinden lassen. Das ist wohl die leichtere Aufgabe. Gott befohlen, Brüder, und lasst Euch nicht erwischen.«
»Ich gewiss nicht, und unser junger Bruder wird ebenso gut auf sich aufpassen«, antwortete Pablo lachend.
Er hatte den Mönchen im Meierhof erklärt, sein Begleiter sei ein Mitbruder aus einem befreundeten Kloster, und sie hatten seine Worte nicht in Zweifel gezogen. Sollte ein Teil der Wahrheit durchsickern, wollte der Abt versuchen, jeden Verdacht von dem burgundischen Edelmann Leon de Saint Jacques abzulenken. Lea war froh über die weise Voraussicht, denn aus dem gleichen Grund hatte sie vor, in die Höhle des Löwen, also zu dem bei Granada versammelten Hof zurückzukehren. Sie bedankte sich noch einmal bei dem Mönch aus dem Meierhof und streichelte zum Abschied den Esel, der brav mitgemacht hatte. Als der Mann gegangen war, wandte sie sich besorgt an Pablo. »Soll ich nicht doch besser bis Cullera mitkommen?«
Der Mönch winkte ab. »Nein, nein, das schaffe ich allein. Schließlich kenne ich Ristelli von Don Orlandos letz-tem Streich her. Sei unbesorgt, lieber Bruder Leon, ich bringe Baramosta und die Seinen sicher zum Schiff. Ihr solltet Euch beeilen, um nicht zu spät auf de Llorzas Gut anzukommen. Wenn alles vorbei ist, werde ich Euch dort aufsuchen und Euch berichten, wie es gelaufen ist.«
Lea schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich weiß nicht ... Ich habe das Gefühl, meine Aufgabe ist noch nicht erfüllt.«
Pablo legte ihr die Hand auf die Schulter und zog sie an sich, was etwas eigenartig aussah, da Lea noch in Frauenkleidern steckte und er seine Mönchskutte trug. »Beruhigt Euch, Don Leon. Ihr habt mehr als genug getan. Würde man Euch jetzt bei den Flüchtlingen sehen, könntet Ihr die Aufmerksamkeit unserer Feinde auf Euch ziehen.«
»Also gut, Pablo. Ich lege das Schicksal Baramostas und der Seinen in deine Hände. Aber geh jetzt, denn ihr dürft keine Zeit verlieren. Und pass auf, dass Montoyas Spione im Kloster nicht noch alles verderben.«
»Die haben derzeit anderes zu tun. Als ich in der Klosterapotheke war, um den Schlafsaft zu holen, fiel mir ein starkes Abführmittel in die Hände. Das habe ich als Gottes Zeichen angesehen und es in den Kessel mit dem Morgentrunk eingerührt. Ich fürchte, die Latrinen des Klosters werden schon überfüllt sein. Meine wahren Mitbrüder werden mir vergeben, und Montoyas Spione haben es verdient. Doch nun Gott befohlen. Grüßt Don Orlando und besonders seinen Vater von mir.« Pablo schniefte, wischte sich eine Träne von der Wange und stiefelte mit langen Schritten auf das Kloster zu.
Lea sah ihm noch einen Augenblick nach, dann eilte sie zu dem Pinienwäldchen, in dem sie ihre Sachen versteckt hatte, und verließ es kurz darauf wieder in der Tracht eines kastilischen Edelmannes, die sie für ihren weiteren
Weg behalten wollte. Das Frauenkleid und die Mönchskutte hatte sie fest eingepackt, damit man nicht erkennen konnte, was sie unter dem Arm trug. Eine gute Stunde später erreichte sie die Osteria, in der Cereza untergestellt war.
»Buenos dias, Senor. Wir haben uns bereits Sorgen um Euch gemacht«, begrüßte der Wirt sie.
Lea neigte ihr Haupt und setzte eine verklärte Miene auf. »Ich habe die Nacht und einen Teil des Vormittags betend am Altar der heiligen Jungfrau verbracht und fühle mich nun wunderbar getröstet.«
»Dann dürftet Ihr müde sein und schlafen wollen«, schloss der Wirt aus ihren Worten.
»Aber nein! Gott hat mich mit neuer Kraft erfüllt. Packt mir etwas Brot, ein Stück Lammbraten und eine Kürbisflasche mit Wein ein und sagt, was Ihr von mir bekommt. Ein Knecht soll meine Stute satteln, denn ich will gleich aufbrechen.«
Keine halbe Stunde später blieb der kleine Ort hinter Lea zurück. Am nächsten Kreuzweg verließ sie den Fahrweg und ritt den steilen Hang hoch, der das Tal des Rio Grande an dieser Stelle begrenzte. Oben angekommen lag eine leicht gewellte Hochebene vor ihr. Nachdem die Stute sich ein wenig vom Aufstieg erholt hatte, ließ Lea sie rasch ausgreifen. Sie schnitt den Bogen ab, den der Fluss machte, und erreichte den Rio Grande erst wieder nach gut zwei Leguas. Während sie Cereza zügelte, beobachtete sie die beiden Boote, die sich unten auf dem Fluss näherten. Zusammen mit Baramosta befanden sich fünfzehn Personen darin, dazu kam noch Pablo, der am Heck des vorderen Bootes saß und das Steuer hielt. Gerade als sie ihn auf sich aufmerksam machen wollte, blickte er auf und winkte ihr zu.
Lea winkte zurück, nahm dann das Bündel mit der
Kutte und dem verräterischen Kleid und schleuderte es über den Steilhang hinab ins Wasser. Einer von Baramos-tas jungen Begleitern holte es mit einer Stange ins Boot und verstaute es unter seinem Sitzbrett. Auf diesem Weg würden die Sachen wieder in Ristellis Besitz kommen. Das schien Lea sicherer, als die Kleidung irgendwo unterwegs zu vergraben oder sie bei sich zu behalten.
»Muchas gracias«, rief Orlandos Onkel zu ihr hoch. Seine Frau stand neben ihm und betete, während die drei jungen Frauen, bei denen es sich um die Töchter und die Schwiegertochter des Paares handeln musste, ihrem Retter Kusshände zuwarfen.
»Fahrt mit Gott«, flüsterte Lea erleichtert und besorgt zugleich, Pablo hatte Recht. Sie konnte jetzt nicht mehr für die Flüchtlinge tun, als ihnen ihre besten Wünsche mitzugeben. Sie selbst musste zu Frans van Grovius und den Burgundern zurückkehren, um deren Gesicht vor dem spanischen Königspaar und deren Höflingen zu wahren und aus dem unbestimmten Gefühl heraus, dass sie in diesem Land noch eine Aufgabe zu erfüllen hatte.
9.