Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Vor einigen Wochen sind mehrere burgundische Edel-leute in Raul de Llorzas Begleitung in die Richtung gereist, in der auch San Juan de Bereja liegt. Sie könnten Baramosta geholfen haben.«
Montoya winkte unwirsch ab. »Daran habe ich auch schon gedacht. Aber ein vager Verdacht ist ein zu brüchiges Schwert in meinen Händen. Da müsstet Ihr mir schon einen handfesteren Beweis beschaffen.«
»Wenn Ihr mir erlaubt, einen der jungen Herren etwas strenger zu befragen, wird mir dies möglich sein.«
»Ihr seid doch nicht ganz richtig im Kopf«, fuhr Montoya seinen Gefolgsmann an. »Es ist eine Sache, die Burgunder für eine Weile im Monasterio de San Isidro festzuhalten, aber ließe ich einen von ihnen verhaften und foltern, würde Frans van Grovius sich bei Ihren Majestäten beschweren, und erführe sein Herr, der Herzog von Burgund, davon, würde er von der Königin Genugtuung fordern und dafür sorgen, dass ich in Ungnade falle.«
Arandelas Miene verzog sich zu einem bösen Lächeln. »Dann muss man den Kerlen, die Baramosta befreit haben, eben eine Falle stellen. Wir haben ja einen unwiderstehlichen Köder!«
»Ihr meint Orlando Terasa?« Montoya strich sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Bart und dachte nach.
»Ihr habt Recht! Bis jetzt habe ich Terasas Gefangennahme noch geheim gehalten, aber jetzt scheint es mir an der Zeit, das zu ändern. Sorgt dafür, dass Euer Bruder diesen Sohn des Satans scharf bewacht, und warnt ihn eindringlich davor, ein zweites Mal zu versagen.«
Arandela verbeugte sich tief und beglückwünschte den Herzog zu seinem Plan. Gleichzeitig aber überlegte er, was er von Alvaro dafür fordern konnte, weil er den Zorn des Herzogs so meisterlich von ihm abgelenkt hatte.
11.
Bei der Abreise hatte es in Santa Fee nur so von Soldaten gewimmelt, aber als Leas Reisegruppe zurückkehrte, war das Feldlager bis auf eine einzige Kompanie Arkebusiere leer. Auch das Königspaar hatte die Stadt verlassen und war in Granada eingezogen. Es war bezeichnend für Colombo, dass er eine so wichtige Nachricht wie die Kapitulation des Emirs nicht erwähnt hatte. Außer Indien hatte im Kopf des Genuesen nichts anderes Platz.
Von einem Beamten, den das Königspaar in Santa Fee zurückgelassen hatte, erfuhren Lea und ihre Begleiter, dass auch die burgundische Gesandtschaft nach Granada umgezogen war. Daher machten sie sich nach einer kurzen Rast auf den Weg und erreichten die Stadt im Lauf des Nachmittags. Als Lea durch die Straßen ritt, konnte sie kaum fassen, dass sich eine so wehrhafte Stadt den Spaniern ohne größeren Widerstand ergeben hatte. Der Emir war inzwischen mit seiner Familie und den letzten Getreuen zur Küste gezogen, um nach Marokko überzusetzen, wo er hoffte, von dem dortigen Sultan aufgenommen zu werden. Auf der großen Moschee hatte das Kreuz den Halbmond ersetzt, und die Bewohner Granadas schienen erleichtert zu sein, dass der Krieg vorüber war.
Laurens van Haalen, der zurückbleiben hatte müssen, sonnte sich jetzt in dem Ruhm, bei der Übergabe der Stadt dabei gewesen zu sein, und berichtete seinen Freunden haarklein, wie alles vor sich gegangen war. In der Tat hatte das Königspaar Isabella und Fernando den Mauren annehmbare Bedingungen gewährt. Sie sollten den größ-ten Teil ihres Besitzes und vor allem ihren Glauben behalten dürfen. Der Vertrag war durch Hernando de Talave-ra, dem zum ersten Erzbischof von Granada ernannten spanischen Unterhändler, ausgehandelt und von ihren Majestäten unterzeichnet worden. Lea konnte sich jedoch nicht vorstellen, dass all diese Versprechen auf Dauer eingehalten werden würden, denn sie erinnerte sich an die Worte von Jose Albanez über die Macht der heiligen Inquisition. Für die Juden Kastiliens und Aragons zog schon jetzt nach dem Fall Granadas eine Katastrophe herauf, da das Königspaar den Eid geleistet hatten, sie im Falle eines Sieges über den Emir des Landes zu verweisen.
Lea beschäftigte sich in Gedanken immer noch mit dem Unglück, das ihre Glaubensgenossen nun heimsuchen würde, als sie das Quartier betrat, in dem sie untergebracht worden war. Wie das Zelt im Feldlager musste sie sich den Raum mit de Poleur und den anderen drei Freunden teilen. Die jungen Edelleute waren froh, wieder bei der Gesandtschaft zu sein, und machten sich sofort auf den Weg, Granada zu erkunden. Sie forderten auch ihren Freund Leon wortreich auf, sie zu begleiten, doch Lea schützte Müdigkeit vor und erklärte, sie wolle zu Bett gehen. Sie kam jedoch nicht dazu, sich hinzulegen, denn kaum waren ihre Begleiter verschwunden, klopfte es an der Tür. Lea schlüpfte rasch wieder in ihre Kleider und öffnete. Vor ihr stand ein Mann in der schlichten, wetterfesten Tracht eines Reitknechts und verneigte sich.
»Seid Ihr Santiago?«
Lea war es gewöhnt, ihren von Orlando erhaltenen Namen auf Spanisch zu hören und nickte.
Der Knecht verneigte sich erneut. »Eure Stute steht wie befohlen zum Ausritt bereit.«
»Ich habe nichts dergleichen befohlen!«
»Mein Herr wünscht es.«
Lea sah dem Knecht an, dass er nicht weichen würde, bis sie der Aufforderung Folge leistete. Es war zwar erst später Nachmittag und damit noch über eine Stunde hell, aber dennoch war es eine ungewöhnliche Zeit für eine solche Einladung. Verwirrt fragte sie sich, wer sie unbedingt sehen wollte. Höchstwahrscheinlich war es der Herzog von Medicaneli, der an ihrem Bericht interessiert war, aber es konnte auch Montoya sein, der bereits herausgefunden hatte, wer Baramosta die Flucht ermöglicht hatte, und nun versuchte, sie unauffällig aus dem Haus zu locken. Lea spürte, wie ihr Herz sich vor Furcht zusam-menpresste, und wünschte sich nicht zum ersten Mal, sie hätte Spanien auf Ristellis Schiff verlassen. Aber jetzt war es zu spät für Selbstvorwürfe. Sie griff nach ihrem Mantel und dem Schwert und folgte dem Knecht ins Freie.
»Reitet zu dem Hügel, von dem aus Ihr Granada zum ersten Mal gesehen habt«, rief der Mann ihr zu und verschwand grußlos im Gewirr der Gassen.
Lea streichelte Cereza, die gesattelt vor ihr stand, und überlegte, ob sie die Aufforderung nicht besser ignorieren sollte. Sie konnte hundert Gründe vorschieben, und Müdigkeit war nicht der schlechteste davon. Dann aber siegte ihre Neugier. Sie stieg in den Sattel und lenkte Cereza durch das Gewimmel der Menschen zum Tor.
Im Schatten eines Ölbaumhains wenige hundert Schritt hinter dem Tor gesellte sich ein Reiter auf einem pechschwarzen Ross zu ihr. Lea atmete erleichtert auf, als sie Medicaneli erkannte, aber als sie sein furchtverzerrtes und graues Gesicht sah, erschrak sie.
»Was ist geschehen, Euer Gnaden?«
»Montoya hat Orlando Terasa gefangen genommen«, sagte er mit ersterbender Stimme.
»Orlando hier in Spanien? Aber das ist unmöglich.« Lea schüttelte ungläubig den Kopf.
Medicaneli lachte bitter auf und stieß einen groben Fluch aus.
»Es ist die Wahrheit. Orlando Terasa wurde in Bilbao gefangen gesetzt, als er an Land gehen wollte. Meine Gewährsleute haben es mir bestätigt.«
»So ein Idiot! Wieso musste er nach Spanien kommen, wo er doch genau wusste, was für ein hoher Preis auf seinen Kopf ausgesetzt war und dass in allen Häfen Spione auf ihn lauerten!«
Hätte Lea Orlando in diesem Moment vor sich gehabt, sie hätte ihn mit beiden Händen geohrfeigt, so kochte die Wut in ihr hoch. Gleichzeitig aber fühlte sie sich zum Sterben elend. Warum hast du das getan, Orlando?, schrie sie tief in ihrem Innern auf. Warum hast du gegen alle Vernunft gehandelt, obwohl dir klar sein musste, dass Montoya und seine Kreaturen dir hier eine Falle gestellt hatten?
»Wenn Terasa unter der Folter spricht, sind meine Freunde und ich verloren, denn dann erfährt Montoya genug über uns, um uns vernichten zu können.« Aus Me-dicanelis Worten sprach schiere Panik.
Lea interessierte sich jedoch kaum für das Schicksal des Herzogs. »Wir müssen Orlando befreien.«
Medicaneli wirkte auf einmal wie ein alter Mann, dessen Stolz man mit einem einzigen Hieb gebrochen hatte. »Glaubt Ihr, Saint Jacques, man würde Terasa so nachlässig bewachen, dass man ihn mit einem Fingerschnippen aus seinem Gefängnis herausholen kann? Montoya hat ihn in die Festung von Santa Pola bringen lassen, und deren Tore sind weder mit Gewalt noch mit List zu öffnen.«
»Woher wisst Ihr das? Montoya hätte doch mehr Erfolg, wenn er Euch und Eure Freunde weiterhin in Sicherheit wiegen könnte.«
Sie sagte ihm nicht, welcher Gedanke ihr gerade durch den Kopf schoss. Die Nachricht von Orlandos Gefangennahme musste gezielt gestreut worden sein, um Montoya die Chance zu geben, die Leute in die Hand zu bekommen, die Baramostas Flucht ermöglicht hatten. Gelang ihm das nicht, war sein Erfolg nur ein halber Sieg. Vielleicht wollte er auch, dass Medicaneli, Santangel und andere Edelleute, die von konvertierten Juden abstammten, einen verzweifelten Versuch unternahmen, Orlando zu befreien, und sich dabei bloßstellten. Eine kopflose Tat würde den Einfluss zerstören, den sie sich am Hof erarbeitet hatten, und ohne den Schutz der Königin würden sie bald in den Kerkern der Inquisition oder auf dem Scheiterhaufen enden. Medicaneli schien keines klaren Gedankens mehr fähig zu sein, denn er jammerte wie ein altes Weib und rang hilflos die Hände.
»Uns bleibt nur die Flucht. Doch wohin sollen wir gehen, wovon sollen wir leben? Unsere Besitztümer bestehen aus Ländereien, aus Vieh und Leibeigenen. Die können wir nicht in die Tasche stecken wie die Juden ihr Gold. Und als Edelleute können wir auch nicht mehr auftreten, denn das Königspaar wird uns aller Ehren und Titel entkleiden und wahrscheinlich sogar unsere Auslieferung fordern, egal, wohin wir uns wenden werden.«
»Ihr seht, es gibt nur einen Weg für Euch. Ihr müsst mir helfen, Orlando zu befreien.«
Lea wusste selbst, dass das so gut wie unmöglich war. Gewalt schied von vorneherein aus, und Orlandos Bewacher würden sich gewiss nicht so leicht übertölpeln lassen wie Alvaro de Arandela. Medicaneli achtete auch nicht auf ihre Worte, sondern beklagte weiterhin das böse Geschick und machte Orlando Terasa persönlich dafür verantwortlich, dass seine Tage als Edler von Spanien gezählt waren.
Lea nahm ihm die Weinerlichkeit ebenso übel wie seine Vorwürfe gegen Orlando und fuhr ihn wütend an. »Hal-tet endlich den Mund und lasst mich nachdenken. Jammern könnt Ihr zu Hause!«
Der Herzog machte ein Gesicht, als wollte er aufbrausen, fiel aber sofort wieder in sich zusammen. »Versteht Ihr denn nicht? Wir sind alle verloren!«
»Wenn Ihr so denkt, denn legt Euch doch gleich einen Strick um den Hals und rutscht auf Knien zu Montoya.« Lea holte tief Luft, um nicht noch mehr zu sagen, denn sie hatte mehr Verständnis für den Mann, als sie sich selbst eingestehen mochte. Sie fürchtete zwar weniger für ihre eigene Sicherheit, aber sie kam fast um bei dem Gedanken, was man Orlando gerade antun mochte. Die Vorstellung, dass man ihm in diesem Moment auf der Folterbank die Glieder ausrenkte oder Feuer seine Haut zerfraß, bereitete ihr Übelkeit. So durfte er einfach nicht enden, und wenn sie den Herzog von Montoya eigenhändig umbringen musste, um es zu verhindern.
Bei dieser eher lächerlichen Vorstellung rief sie sich zur Ordnung, denn aus Verzweiflung oder Spinnereien entstanden nur selten gute Pläne. In dem Augenblick musste sie an ihre Begegnung mit Colombo denken, der nach Frankreich unterwegs war. Er war kein Spinner, denn sonst wäre die Königin nicht von seinen Plänen angetan gewesen. Soviel sie wusste, hatte Isabella nur aus Geldmangel und übergroßem Stolz darauf verzichtet, Colom-bos Schiffe auszurüsten und ihn nach Westen zu schicken. Lea dachte, dass es im Leben zuging wie in einer Schachpartie. Solange der König nicht matt gesetzt war, gab es immer noch einen Zug, und in dieser Partie war die Königin die entscheidende Figur.
Medicaneli zuckte zusammen und verstummte, als Lea im Sattel herumfuhr und die Hand auf seinen Arm legte. »Seid Ihr in der Lage, mir so schnell wie möglich eine Privataudienz bei der Königin zu verschaffen?«
Der Herzog starrte sie verblüfft an. »Was wollt Ihr von Isabella?
Sie wird uns auch nicht helfen können. Im Gegenteil, Ihr würdet die Sache noch schlimmer machen.«
»Haltet Euch nicht mit Schwarzseherei auf, sondern tut es einfach. Die Zeit drängt!«
Lea sah, wie es an seiner spanischen Herzogsehre nagte, von einem einfachen Edelmann, noch dazu dem Angestellten eines Wucherers, herumkommandiert zu werden. Er würgte jedoch seinen Stolz hinunter und nickte. »Ich lasse Euch wissen, ob und wann die Königin Euch empfangen wird.« Damit zog er seinen Rappen herum und ritt im Galopp nach Granada zurück. Lea folgte ihm in leichtem Trab und legte sich noch auf dem Weg die Gründe zurecht, mit denen sie Isabella überzeugen wollte, ihren Vorschlag anzunehmen.