Die Zwerge
- Автор: Хайц Маркус
- Серия: die zwerge #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Год: Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG
- ISBN: 3-453-87531-1
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Zwerge». Краткое содержание книги:
Tausend Sonnenzyklen später wehren sich die Menschen verzweifelt gegen die mörderischen Orks. Zwar haben die sechs großen Zauberer das Tote Land mithilfe von Magischen Schranken aufhalten können, aber unter den Herrschern des Geborgenen Landes befindet sich ein Verräter, und schon erobern Albae die Haine der Elben. In diesen unsicheren Zeiten macht sich der Zwerg Tungdil auf Geheiß des mächtigen Magiers Lot-Ionan, seines Ziehvaters, auf einen Botengang - der unversehens zu einem schicksalhaften Abenteuer auf Leben und Tod gerät...
»Stellt euch vor, er landet nackt auf dem Kopfsteinpflaster, nur ein Tuch bedeckt seine Männlichkeit, und die ganze Stadt steht drum herum«, prustete Boїndil und erklomm das obere Ende eines schräg liegenden Trümmerstücks, von dem aus er die Umgebung bestens überblickte. Dort setzte er sich nieder und steckte sich eine Pfeife an. Sein Bruder warf ihm etwas zu essen hoch. »Irgendwie wäre das ein Ende, das zu dem Schwätzer passte«, lautete seine letzte Bemerkung, ehe er sich über den Käse hermachte.
Goїmgar beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, er schien zu schlafen und hatte sich in zwei Decken eingehüllt, den Schild wie eine dritte Decke über sich gelegt und die Augen geschlossen.
Schatten tanzten an den moosbewachsenen Wänden. Die Malereien waren im Lauf der Zyklen verblasst, und der abgesprungene Putz riss faustgroße Löcher in die Darstellungen von irgendwelchen Menschengöttern, die den Zwergen völlig fremd waren. Für sie gab es maßgeblich nur Vraccas, alles andere hätte nicht sein müssen.
Das große Feuer brachte rasch Wärme in den Raum, und das weiche Licht machte die von Rissen überzogenen Statuen lebendig.
Tungdil musste an die Aufführung im Curiosum denken, wo er vieles gesehen hatte und immer noch nicht wusste, ob es sich auf der Bühne ereignet oder ob ihm seine Vorstellungsgabe einen Streich gespielt hatte. Es sah so echt aus.
Bavragor kehrte zurück, nachdem er die eingefallenen Räume durchstreift hatte. Brummelnd begutachtete er die Steinmetzarbeiten. »Sie waren zwar gute Handwerker, aber nicht gut genug, um sich mit den Zwergen zu messen«, lautete sein Urteil.
Tungdil reichte ihm Brot und Schinken. »Darf ich dich etwas fragen?«
Bavragor nahm das Essen entgegen. »Das klingt nach einer ernsten Angelegenheit.«
»Es beschäftigt mich die ganze Zeit. Die Sache mit deiner Schwester...«
»Smeralda.« Bavragor legte sein karges Mahl auf den Stein nahe der Flammen, damit es wärmer wurde und sich der Geschmack des Fleisches besser entfaltete. »Er wird seine Schuld von mir niemals vergeben bekommen«, sagte er bitter, nachdem er sich einen langen Schluck aus seinem mit Branntwein gefüllten Trinkschlauch gegönnt hatte.
Tungdil drängte ihn nicht; er spürte, dass er die Geschichte an diesem Abend zu hören bekäme, und behielt Recht.
»Smeralda war ein junges Ding von gerade einmal vierzig Sonnenzyklen, als er seine wahnsinnigen Augen auf sie warf und beschloss, dass sie sein werden sollte. Sie war fast so kriegerisch wie er, sie übte den Umgang mit der Axt und träumte davon, ihm beizustehen«, begann Bavragor, und seine Fäuste ballten sich, während seine Erinnerung die Vergangenheit lebendig machte. »Wir haben ihr verboten, ihn zu sehen, weil wir Angst hatten, dass er ihr in seinem Wahn etwas antun könnte. Doch sie widersetzte sich unserem Vater, und sie trafen sich weiterhin. Eines Tages, als sie ihm an der Hohen Pforte im Kampf beistehen wollte...« Bavragor bedeckte das verbliebene Auge mit der Linken, die Rechte führte den Trinkschlauch an den Mund. »Er hat sie erschlagen. Sein vom Kampfrausch geblendeter Verstand erkannte sie nicht und hielt sie für eines der Ungeheuer.«
Tungdil schluckte, um den Kloß in seiner Kehle hinunterzuwürgen.
»Smeralda und ein Ungeheuer... Sie sprachen danach von einer Tragödie und einem schrecklichen Unglück, und er selbst sagte, er könne sich an nichts erinnern. Doch mir ist es gleich, Tungdil. Er hat meine Schwester getötet. Würdest du jemandem so etwas vergeben? Ich will es nicht.«
Tungdil wusste nicht, was er dem Steinmetzen antworten sollte.
Die Geschichte rührte ihn zutiefst. Mitfühlend legte er eine Hand auf Bavragors Arm. »Verzeih, dass ich dich so gequält habe«, sagte er und beließ es dabei.
Die eigenen Erinnerungen an den Verlust von Lot-Ionan und Frala, die er wie eine Schwester geliebt hatte, packten ihn. Ich kann ihn zu einem Teil verstehen.
»Sei’s drum.« Bavragor atmete tief ein und spülte die Erinnerungen mit Branntwein herunter; sein Essen rührte er an diesem Abend nicht mehr an.
Tungdil hob den Kopf und schaute zu Boїndil, der auf seinem Posten saß, die Pfeife zwischen den Lippen, und aufmerksam über ihre Sicherheit wachte. Die blauen Rauchkringel stiegen in den Himmel, und er glaubte das Zischen zu hören, wenn eine Schneeflocke auf den heißen Tabak traf.
»Seine heiße Lebensesse ist ein Fluch«, sagte Boëndal traurig. »Er weiß bis heute nicht, was damals auf der Brücke geschah, und erinnert sich nur daran, wie er Smeralda tot vor sich liegen sah. Er dachte, die Orks hätten ihm seine Liebe genommen, aber als er von Bavragor und den anderen hörte, dass er selbst es gewesen sein sollte...«
»Und wo warst du?«
»Ich war verwundet, und Vraccas weiß, wie sehr ich diesen Umstand bis heute verfluche. Ich bilde mir ein, dass sie noch leben könnte, wenn ich an seiner Seite gewesen wäre.« Er kratzte an einer rostigen Stelle seines Kettenhemds und behandelte sie mit Öl. »Manchmal ruft er ihren Namen in seinen Träumen. Er leidet mindestens so sehr wie Bavragor, das kann ich dir versichern, aber zugeben würde er es niemals, Gelehrter.«
Sie stopften eine zweite Pfeife und wechselten sich mit dem Rauchen ab, während jeder seinen Gedanken nachhing. Durch die zerstörten Fenster beobachtete Tungdil, dass sich der Schneefall verstärkte.
Als Furgas und Rodario zurückkehrten, sahen sie aus wie wandelnde Schneemänner. Der Techniker hatte zwei ausgewachsene Karpfen dazu gebracht, in den Haken zu beißen, während der Schauspieler missmutig eine kleine Schleie entschuppte.
»Ein Pflüger vor den Göttern, aber keine Ahnung vom Fischen haben«, zog ihn Bavragor auf, um sich von den bedrückenden Erinnerungen abzulenken.
»Ja, die Götter«, meinte Rodario nur und schaute über die verblichenen und von der Feuchtigkeit beschädigten Wandbemalungen. »Da, seht, was aus ihnen wird, wenn man sich nicht um sie kümmert. Sie verblassen und verschwinden, weil sie ohne die Sterblichen keinen Grund haben zu existieren.«
»Vraccas braucht keinen Grund«, erwiderte Boëndal voller Überzeugung. »Er erschuf sich auch, weil er wollte, und nicht, weil ihn jemand schuf.«
»Ich kenne die Entstehungslegenden, vielen Dank, und benötige deine Nachhilfe sicherlich nicht, mein Guter«, wehrte der Mime ab und beschäftigte sich weiter mit dem Fisch. »Früher haben wir sie auf der Bühne umgesetzt und Erfolge damit gefeiert. Ich sage es ja immer: Die alten Stoffe sind meistens die besten, auch wenn unsere Nôd’onn-Aufführung aus gegenwärtigem Anlass sehr gut aufgenommen wurde.«
Das erinnerte Tungdil daran, dass er die Mimen nun endlich nach den Kniffen fragen könnte, die sie im Curiosum anwendeten, um die Illusionen täuschend echt zu gestalten.
»Wie das geht?« Rodario wies mit dem schmutzigen Messer auf Furgas. »Da sitzt unser Magister technicus.«
Furgas nahm sich bereits den zweiten Karpfen vor, während sein Freund die Schleie mehr malträtierte als entschuppte. »Ich habe mich viel mit Alchimie beschäftigt. Damit schaffen wir den ganzen Rauch, den wir benötigen«, erklärte er. »Ich kann ihn schwer machen oder leicht, mal rot, mal schwarz. Die Lehre von den Elementen ist faszinierend.«
Tungdil wusste, dass Lot-Ionan Alchimie unterrichtet hatte, und er kannte verschiedene Zutaten vom Schleppen. »Aber wie ging es, dass die Kerzen alle auf einen Schlag verloschen?«
»Magie«, wisperte Rodario und zog eine Fratze. »Ich bin in Wahrheit der letzte noch lebende Magus des Geborgenen Landes.« Er näherte sich dem Zwerg, fummelte an seinem Ohr herum und hielt eine Goldmünze in der Hand. »Was sagst du nun?«
»Sie gehört mir«, antwortete Tungdil und schnappte sie sich, doch ein kurzer Biss darauf genügte, um den Schwindel auffliegen zu lassen. »Blei mit minderwertigem Blattgold«, lautete seine Einschätzung, und er warf die Scheibe zurück. »Dein Zauber taugt nichts.«