Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Nach Bouqueval, allerdings,« fiel Rudolf ihr ins Wort. – »Mich führten Haß und Eifersucht auf Abwege, und ich ließ das Mädchen durch jenes Weib aus dem Dorfe rauben.« – »Und haben es nach Saint-Lazare schaffen lassen?« – »Jawohl! Und dort ist sie noch!« – »Nein,« rief Rudolf, »dort ist sie nicht mehr!« – »Was sagen Sie? Nicht mehr dort? Und wo sollte sie sonst sein?« – »Ein Ungeheuer von Geiz und Habsucht, dem an dem Mädchen viel gelegen war, hat es in die Seine werfen, hat es ertränken lassen!« – Aufspringend, schrie Sarah wie außer sich: »Mein Kind! Mein Kind!« – Rudolf eilte auf sie zu. – Sie aber schrie, von gräßlicher Verzweiflung gepackt, wieder und wieder: »Mein Kind! Mein Kind!« – »Das Mädchen, das den Namen Schalldirne führte, war Ihr Kind?« rief Rudolf. – »Ja, Schalldirne! Das war der Name, den mir dieses Weib nannte,« rief Sarah, »und ermordet hat man das Mädchen?« –
Rudolfs Gesicht war jetzt ebenso bleich wie dasjenige Sarahs, und außer sich vor Entsetzen, fragte er: »Sarah! Kommen Sie zu sich! und geben Sie mir Antwort! Das Mädchen, das Sie durch jenes gräßliche Weib, durch dies Weib mit dem Spitznamen Eule aus Bouqueval rauben ließen, war ...« – »War unser Kind!« fiel ihm Sarah ins Wort. – »Nein, nein,« erwiderte Rudolf, »Sie sprechen im Fieber! Das kann nicht sein! Sie wissen nicht, wie gräßlich das wäre! Kommen Sie zu sich, fassen Sie sich! Der Schein trügt so oft, und wie oft trifft es sich nicht, daß der Wunsch der Vater des Gedankens ist! Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, aber sagen Sie mir alles, was Sie zu der Meinung bestimmt, daß dieses Mädchen unser Kind sei ... denn es kann ja nicht sein! es darf nicht sein! es ist unmöglich!«
Sarah sammelte mühsam ihre Gedanken und erwiderte mit matter Stimme: »Als ich hörte, daß Sie sich verheiraten wollten, da war es mir nicht möglich, unser Kind bei mir zu behalten ... es war damals vier Jahre alt ...« – »Ich bat Sie doch damals, das Kind mir auszuliefern,« rief Rudolf mit herzzerreißendem Tone, »all meine Briefe blieben aber unbeantwortet, und nur einen einzigen bekam ich, und der meldete mir des Kindes Tod.« – »Ich wollte mich an Ihnen rächen. Das war der Grund meiner Weigerung, Ihnen das Kind auszufolgen, das damals vier Jahre alt war ...« – Sie machte eine Pause. – »Mein Bruder brachte das Kind zu einer Frau Seraphim, der Witwe seines einstigen Dieners; die Frau sollte es erziehen, bis es in eine Pension gebracht werden könnte ... Bei einem durch seine Rechtlichkeit im besten Rufe stehenden Notar deponierten wir eine Summe, groß genug, seine Zukunft zu sichern. Die Briefe, die von den beiden Leuten an meinen Bruder und mich geschrieben wurden, liegen dort in dem Kästchen. Nach einem Jahre hörte ich, das Kind sei ernstlich krank, und nach acht Monaten hatte ich seinen Totenschein in den Händen. Aber das Kind war nicht tot, sondern diese Seraphim hatte es einem Bösewicht, der jetzt im Bagno von Rochefort sitzt, gegeben, und von ihm war es in die Hände der Eule gelangt. Die Seraphim aber trat in den Dienst Jakob Ferrands. Als mir die Eule dies Geständnis machte, schrieb ich es nieder und darüber fiel ich ihrem Dolche zum Opfer. Die angefangene Niederschrift liegt auch in dem Kästchen dort, zusammen mit einem Bilde von dem Kinde aus seinem vierten Jahre ... Prüfen Sie alles, Briefe, Aussage, Niederschrift und das Bild ... Sie kennen ja das Mädchen, und Sie werden sich nicht länger über die Identität im Zweifel befinden ...«
Während Sarah, erschöpft durch die Worte, halb ohnmächtig auf ihren Sessel zurücksank, stand Rudolf wie vom Blitze getroffen da. Mit wachsender Angst erlangte er die Ueberzeugung, daß dieses Mädchen in der Tat seine Tochter war, und daran, daß sie den Tod in der Seine gefunden, konnte er insofern nicht zweifeln, als gar keine Nachricht mehr von ihr zu erlangen gewesen war: trotz Doktor Griffons sorgfältiger Behandlung und aller Pflege der Wölfin ungeachtet, hatte ihre Krankheit sich sehr in die Länge gezogen, und sie war lange körperlich und geistig so schwach geblieben, daß es ihr nicht möglich gewesen war, Frau Georges oder Rudolf von ihrer Lage zu benachrichtigen ...
Ein Blick auf das Bildnis, das ihm Sarah jetzt reichte, raubte ihm allen Zweifeclass="underline" ja es waren dieselben Züge, dieselben milden blauen Augen, und er fühlte sich von seinen Gefühlen so übermannt, daß er gänzlich gebrochen auf einen Stuhl sank und das Gesicht mit beiden Händen, tief aufschluchzend, bedeckte.
Zweites Kapitel.
Rache.
Sarahs Gesichtszüge veränderten sich sichtlich, während Rudolf, still vor sich hinbrütend, auf seinem Sessel saß; Fieber schüttelte sie, und mit Bangen sah sie Rudolfs weiterem Verhalten entgegen. Sie kannte die Heftigkeit seines Wesens und war gefaßt auf eine schlimme Szene. Mit einem Male richtete er sich auf, verschränkte die Arme über der Brust, trat mit drohender Miene auf sie zu und heftete die Blicke unverwandt auf sie... Mit dumpfer Stimme Hub er an: »So hat es kommen müssen! Ich zog den Degen gegen den Vater und werde nun gestraft in meinem Kinde... In diesem feierlichen Augenblicke müssen Sie entartete Mutter alles erfahren, was Sie durch Ihre rücksichtslose Selbstsucht angestiftet haben. Weib ohne Herz und ohne Glauben! Hören Sie mir zu?«
»Gnade, Rudolf, Gnade!« stöhnte Sarah. – »Gnade? Gnade für Sie, die um des schmählichsten Stolzes willen meine wahre, aufrichtige Liebe ausnützten, indem Sie mir gleiche Liebe vorspiegelten? Für Sie, die dem Sohne die Waffen wider den Vater in die Hände spielten? die, statt über ihr eigenes Fleisch und Blut zu wachen, es fremden, gewissenlosen Händen überantworteten, um sich in habsüchtiger Weise zu bereichern? die nach meiner Hand nur strebten, um einen maßlosen Ehrgeiz zu stillen! Nein, für Sie kenne ich keine Gnade! Fluch über Sie, denn Sie waren der böse Geist meines Hauses, meiner Familie, waren mein eigener böser Geist!« – »Rudolf, Gnade! Gnade!« stöhnte sie wieder, »üben Sie Erbarmen, üben Sie Erbarmen!« –
Rudolf aber fuhr unbeirrt fort: »Sind Sie des Tages noch eingedenk, vor siebzehn Jahren, als Sie die Folgen unserer geheimen Beziehungen nicht mehr verbergen konnten? Sie hielten unser Verhältnis für ebenso unauflöslich wie ich. Aber ich kannte den unbeugsamen Charakter meines Vaters und wußte, welche Heirat er aus Staatsgründen für mich im Sinne führte. Als ich ihm trotzte, als ich ihm erklärte, daß Sie vor Gott und den Menschen mein Weib seien, daß Sie Mutter seien, da kannte sein Zorn keine Grenzen: er weigerte sich, an meine Ehe mit Ihnen zu glauben; er drohte mir mit seinem Grimm, wenn ich noch einmal solchen Wahnsinns gegen ihn Worte liehe. Damals liebte ich Sie mit wahnsinniger Glut und wähnte, Ihr marmornes Herz schlüge auch für mich ... Ich erwiderte meinem Vater, daß ich nie einem andern Weibe als Ihnen angehören wolle; er überschüttete mich mit den ärgsten Schmähungen, erklärte unsre Ehe für null und nichtig und schwur mit dem heiligsten Eide, daß er Sie zur Strafe für solche Vermessenheit in seiner Residenzstadt an den Pranger stellen lassen wolle ... Ich wagte es, meinem Vater zu verbieten, in solchen entehrenden Ausdrücken von meinem Eheweibe zu sprechen, vermaß mich drohender Reden ... Da erhob mein Vater die Hand wider mich, und ich – von Leidenschaft verblendet, zog den Degen und stürzte mich auf ihn ... Wäre Murph nicht dazwischen gesprungen, den Stoß abzulenken, so wäre ich zum Mörder an meinem eigenen Vater geworden! Um Ihretwillen! Einzig und allein um Ihretwillen!«