Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Muchas gracias, Senor.« Lea wollte dem Mann zum Dank eine kleine Münze reichen, doch er war schon wieder im Gewimmel der Menschen verschwunden. Vorsichtig lenkte sie Cereza, deren Brust die Menge teilte wie ein Schiffsbug die Wellen, durch das Gewimmel und erreichte bald die gesuchte Gasse. Das Haus, in dem der spanische Kompagnon der Bankiers Eelsmeer und Deventer aus Antwerpen lebte, war ein moderner Bau aus sorgfältig behauenen und mit einfachen Basreliefs geschmückten Sandsteinquadern. Er war zwar nicht höher als die schmalbrüstigen Häuser, die ihn umgaben, schien sie jedoch alle zu erdrücken. Lea ritt durch ein mehr als zwei Manneslängen hohes Tor in den Hof, stieg ab und warf einem herbeieilenden Knecht die Zügel zu.
»Ist Senor Barillo zu sprechen?«
Der Knecht nickte. »Si, Senor. Wenn Sie so gut wären, sich ins Oficina zu begeben und sich dort anzumelden. Ich kümmere mich inzwischen um Ihr Pferd.«
Lea wandte sich so hastig dem Eingang zu, dass ihr die Schwertscheide schmerzhaft gegen die Waden schlug, und fluchte leise über ihre innere Unruhe und Unsicherheit. Als sie das Vorzimmer des Bankiers betrat, hatte sie sich jedoch wieder in der Gewalt. »Buenos dias, Senor«, grüßte sie den am vordersten Schreibpult stehenden Kommis. »Mein Name ist Leon de Saint Jacques. Ich wollte fragen, ob Post für mich hier angekommen ist.«
Der Angestellte, ein hagerer Mann unbestimmbaren Alters, blickte auf und musterte sie mit blass schimmernden Augen. Er war kein Spanier, sondern eher ein Flame, den es hierher verschlagen hatte, und obwohl er vermutlich schon seit Jahren hier lebte, war sein Kastilisch um einiges schlechter als das ihre.
»Buenos dias, Don Leon. Wir haben Euch schon erwartet. Ich melde Euch sogleich bei Senor Barillo an.« Mit diesen Worten verließ er sein Pult und verschwand durch eine Tür in der Rückwand.
In den nächsten Minuten stand Lea Höllenängste aus. Jeden Moment erwartete sie, einen Inquisitor des Dominikanerordens mit seinen Männern hereinkommen und blanke Klingen aufblitzen zu sehen. Stattdessen kehrte der flämische Kommis in Begleitung eines untersetzten Spaniers in hellblauen Hosen und einem gleichfarbenen Wams zurück. Der Mann segelte auf Lea zu und begrüßte sie überschwänglich.
»Welch eine Freude, Euch zu sehen, Don Leon! Eure Ankunft wurde uns schon vor Monaten angekündigt, und wir waren sehr in Sorge um Euch. Es macht so viel Gesindel unsere Straßen unsicher, dass auch ein tapferer junger Herr wie Ihr seines Lebens nicht sicher ist. Und dann der Krieg mit diesen schrecklichen Mauren! Wer denen in die Hände fällt, wird einen Kopf kürzer gemacht, bevor er noch einmal Atem holen kann.«
Um Leas Lippen spielte ein nervöses Lächeln. »Wie Ihr seht, Senor Barillo, habe ich alle Gefahren gut überstanden. Ein Brief soll hier für mich angekommen sein.«
»Nicht nur ein Brief«, antwortete Barillo in einem Ton, als würde er die Wichtigkeit der Leute nach der Anzahl der Schreiben messen, die er für sie empfing. Er strich sich mit den Handflächen über sein Wams und bat Lea, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen.
»Ich habe alles vorbereitet«, erklärte er, während er einladend die Tür aufhielt.
Als Lea an Barillo vorbeiging, berührte ihre rechte Hand unwillkürlich den Schwertknauf. Es befand sich jedoch niemand sonst in dem Raum, der mit einem großen Tisch und vier bequemen Stühlen, einem Schrank, einem Schreibpult und zwei mit kräftigen Schlössern versehenen Truhen möbliert war. Die Fenster waren vergittert und die Außenwand an dieser Stelle mehr als eine Armspanne dick.
»Einen Moment bitte.« Barillo trat an den Schrank, öffnete ihn und holte ein mit einem roten Band umwickeltes Bündel heraus, das er an Lea weiterreichte. »Hier sind Eure Schreiben.«
Lea riss mit bebenden Händen das Band herunter und atmete auf, als sie sah, dass zwei der Briefe von Orlando stammten. Ohne auf den Bankier zu achten, brach sie die Siegel auf und faltete die Blätter auseinander. In dem ersten, den er ihr wohl schon von Antwerpen aus nachgesandt hatte, gab er ihr in dem von den jüdischen Händlern im Reich verwendeten Code eine Beschreibung, wie sie am besten zum Monasterio von San Juan de Bereja gelangte, und warnte sie dabei eindringlich vor allen möglichen Gefahren. Der andere Brief war eine Geldanweisung auf eine Summe von eintausend Gulden, mit denen sie ihre Auslagen begleichen sollte. Lea reichte dieses
Schreiben an Senor Barillo weiter. Der warf einen Blick darauf und befahl dann dem Kommis, der ihnen gefolgt war, die Summe bereitzustellen. Dann wandte er sich wieder Lea zu.
»Ihr könnt über noch höhere Summen verfügen, Don Leon. Ich habe ebenfalls einen Brief von Don Orlando Terasa erhalten, in dem er Euch seine sämtlichen Einlagen in unserem Bankhaus zur Verfügung stellt.«
Konnte es sich um jene Vermögen handeln, welche der Herzog von Medicaneli für seine Hilfe von ihr gefordert hatte? fragte Lea sich. Die Summe, die ihr Barillo auf ihre Frage hin nannte, war atemberaubend hoch. Da kamen all die Gelder nicht mit, die sie sich in den letzten sechs Jahren erarbeitet hatte.
»Wenn ich mehr brauche, werde ich es Euch wissen lassen, Senor Barillo«, sagte sie, nachdem sie sich gefasst hatte. »Zum jetzigen Zeitpunkt wäre mir jedoch mehr mit Auskünften gedient. Wisst Ihr, ob sich ein genuesischer Schiffer mit Namen Ristelli noch in Alicante befindet?«
»Si, das tut er. Wenn Ihr jetzt aus dem Fenster blickt, könnt Ihr ihn sogar kommen sehen.«
Lea eilte ans Fenster und sah hinaus. Der einzige Passant, der auf das Haus zusteuerte, war ein breitschultriger Mann mit Hosen, die um die Hüften und die Oberschenkel flatterten, unter dem Knie jedoch zusammengebunden waren, einem bis knapp über die Taille fallenden braunen Wams und einer fleckigen Filzkappe, deren ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war. Sein Gesicht war von der Sonne verbrannt, und über die Wange zog sich eine fingerlange, rote Narbe. Mit seinem kurz gehaltenen, ergrauenden Bart und flinken Augen, denen nichts zu entgehen schien, wirkte er eher wie ein Pirat als wie ein ehrlicher Handelskapitän. Lea schob dieses Vorurteil sofort beiseite. Um Flüchtlinge aus Spanien hinauszuschmug-geln, brauchte es Männer, die bereit waren, dem Teufel in die Suppe zu spucken. Orlando hielt Ristelli für zuverlässig, und bisher hatte er sich Leas Erfahrung zufolge noch nie geirrt.
»Ich würde mich freuen, ein paar Worte mit dem Capi-tan sprechen zu können.«
»Senor Ristelli wird sich noch mehr freuen. Seit er hier in Alicante eingelaufen ist, hat er fast jeden Tag nach Euch gefragt, Don Leon.« Barillo hatte die Worte kaum ausgesprochen, als es im Vorraum laut wurde.
»Saint Jacques ist hier? Ich will ihn sofort sprechen!«, vernahm Lea eine harte, abgehackt klingende Stimme. Sie machte einen Schritt nach vorne, um in den Vorraum zurückzukehren, doch Barillo hielt sie zurück und eilte selbst hinaus. Lea hörte, wie er Ristelli schmeichelnd zu beruhigen suchte, dann öffnete sich die Tür erneut, und der Seekapitän stampfte breitbeinig hinein. Beim Anblick von Leon de Saint Jacques riss er die Augen auf. »Seit wann schickt Orlando Kinder, um Männerarbeit zu tun?«