Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Ich habe gehört, dass Ihr das Feldlager verlasst, Saint Jacques, und will mich von Euch verabschieden, für den Fall, dass wir uns nicht Wiedersehen.«
Lea sah ihn neugierig an. »Habt Ihr es geschafft? Geht es nun bald nach Indien?«
Colombos Gesicht verdüsterte sich. »Nein, ich habe es noch nicht geschafft. Die Königin ist meinem Vorhaben gewogen, und edle Männer wie der Herzog von Medica-neli und Luis de Santangel, der Verwalter der Privatschatulle König Fernandos, haben mich nach Kräften unterstützt, aber wie ich gehört habe, werden die ehrwürdigen Herren der Universität von Salamanca mein Ansuchen ablehnen. Meine Berechnungen seien falsch, behaupten sie, denn die Erde wäre viel größer, als ich es angegeben habe, und der Weg nach Westen so lang, dass kein Schiff ihn je würde zurücklegen können. Dabei habe ich ihnen Toscanellis Briefe vorgelegt, in denen er meine Ausführungen in allen Punkten bestätigt, und ihnen die Karten gezeigt, auf denen die Insel Antillas eingezeichnet ist, die auf dem Weg nach Indien liegt. Die Karthager haben die-ses sagenumwobene Eiland bereits vor mehr als anderthalbtausend Jahren erreicht, denn seit dieser Zeit wird seine Lage überliefert.«
Colombo hatte sich angewöhnt, Lea im Abstand von ein paar Tagen sein Leid zu klagen, da sie die Einzige war, die ihm jederzeit geduldig zuhörte. Heute aber fiel er sogar ihr lästig, denn all ihre Gedanken waren auf den weiten Ritt gerichtet, der vor ihr lag. Zu allen anderen Problemen hatte sich noch ein weiteres gesellt, denn sie bekam ihre unreinen Tage. Bisher war es ihr immer gelungen, die Blutung geheim zu halten, aber sie fürchtete, dass das Werg, das sie als Ersatz für das gewohnte Moos in Binden gewickelt hatte, dem Druck des Sattels nachgeben und ihre Hose sich rot färben würde. Während sie noch überlegte, was sie tun konnte, um sich nicht auf diese Weise zu verraten, redete Colombo ununterbrochen weiter.
»... gibt noch die Chance, dass Ihre Majestäten den Vorschlag Don Luis de Santangels annehmen. Er ist nämlich bereit, meine Reise aus seinem Privatvermögen zu bezahlen.«
»Das würde mich freuen, Senor Colombo, denn ich bin überzeugt, dass Eurem Unternehmen Erfolg beschieden sein wird. Doch jetzt entschuldigt mich. Meine Gefährten warten bereits, und wir haben einen weiten Weg vor uns.«
»Buen viaje, Saint Jacques. Ich hoffe, Ihr könnt mir dasselbe wünschen, wenn Ihr zurückkommt.« Colombo klopfte Lea auf die Schulter und verließ etwas fröhlicher das Zelt.
»E buena suerte, Senor Colombo, viel Glück!«, rief sie ihm auf Spanisch und Deutsch nach, griff nach ihrem Gepäck und folgte ihm ins Freie.
Im Pferch musste sie den Kuss einer feuchten Pferde-schnauze über sich ergehen lassen und Cereza erst einmal an einer kitzligen Stelle ihrer Mähne kraulen, bevor sie ihr den Sattel auflegen konnte. Als sie die Satteltaschen und ihre Gepäckrolle befestigt hatte, holte sie noch einmal tief Luft und stieg steifbeinig auf.
»Dort kommt de Llorza«, rief de Poleur und deutete hinter Lea. Lea zog die Stute herum, damit sie dem Ankömmling entgegensehen konnte. Raul de Llorza war ein schlanker Mann Mitte zwanzig in engen schwarzen Hosen und einem dunkelgrauen Wams. Auf dem Kopf trug er einen hellgrauen Hut, dessen Krempe kaum breiter war als ein Finger und Lea an den Fez des Osmanen erinnerte, dessen Skizze sie vor kurzem bei einem der Maler aus dem burgundischen Stab gesehen hatte. Obwohl de Llor-za kaum älter war als seine Gäste, bewegte er sich so bedächtig und geziert, dass Leas Begleiter neben ihm wie Lausbuben wirkten.
»Buenos dias, Senores.« De Llorzas Gruß fehlte jede Herzlichkeit. Lea kam es so vor, als fasste er diesen Ausflug als lästige Pflicht auf, zu der ihn jemand genötigt hatte, und sie fragte sich, wer die Macht besaß, diesem arroganten jungen Mann seinen Willen aufzuzwingen und sie und ihre Freunde in die Nähe des Ortes zu bringen, der ihr Ziel war. Das konnte nur Medicanelis Werk sein.
Während de Poleur ihren Gastgeber lärmend begrüßte, hielt Lea sich zurück. Der Blick, den der Spanier ihr zuwarf, zeigte nur allzu deutlich, dass er keinen Wert auf ihre Bekanntschaft legte, denn er zuckte verächtlich mit den Schultern und murmelte etwas wie »comerciante«, was ihres Wissens nach Händler bedeutete. Hier mochte es die Bedeutung von »Pfeffersack« haben, wie die Ritter auf ihren Burgen die Kaufherren in den Städten beschimpften, deren Reichtum ihnen ein Dorn im Auge war.
De Llorzas Haltung kam Lea gerade recht, denn je we-niger er sie beachtete, umso freier konnte sie sich bewegen. Sie ließ ihre Freunde voranreiten und sah lächelnd zu, wie sie den Spanier in ihrem schlechten Kastilisch nervten. Solange die drei mit ihrem Gastgeber beschäftigt waren, konnten sie nicht über Saint Jacques' mangelnde Reitkünste lästern.
Allerdings ritten die vier Bediensteten, die auf ihren plumpen braunen Pferden den Schluss der Gruppe bildeten, auch nicht besser, wie Lea erleichtert feststellte. Für eine Weile beschäftigte sie der Kontrast zwischen den vier bäuerlichen Gestalten hinter ihr und dem Edelmann, der einen halbwilden und auf maurische Weise gezäumten Grauschimmel ritt. Die Zügel und Riemen des Pferdes trugen einen hellen Samtüberzug und waren mit flatternden roten Tressen geschmückt, der Sattel mit Silberfiligran beschlagen und die Satteldecke dicht mit Rankenwerk bestickt. Cerezas Zaumzeug wirkte dagegen schlicht, war aber im Gegensatz zu dem der Reittiere hinter ihr von guter Qualität. Das Schwert, das Lea am Abend zuvor von einem Boten erhalten hatte, konnte sich auch neben der Waffe de Llorzas sehen lassen. Zwar war sein Griff nicht so reich verziert und es trug auch keine Juwelen auf der Scheide, aber die Klinge war aus dem besten Stahl, Es war in Toledo geschmiedet worden und ungewöhnlich scharf, wie de Poleur ihr bestätigt hatte. Thibaut war beim Anblick der Waffe direkt neidisch geworden und hatte sie eine Weile geschwungen, ehe er sie in die Scheide zurückgesteckt und Lea geholfen hatte, das Schwertgehänge anzupassen.
Zu Leas Erleichterung war das Schwert um einiges kleiner und leichter als die Waffen ihrer Freunde und lag ihr wunderbar in der Hand; und doch fühlte sie sich damit nicht so sicher wie mit dem Dolch. Sie hatte nie gelernt, mit einer Waffe zu kämpfen, und wusste, dass sie sich schon beim ersten Hieb blamieren würde. Das war jedoch nicht der einzige Grund, warum das Schwert ihr Kopfzerbrechen bereitete. Wer auch immer es ihr geschickt hatte, schien überzeugt zu sein, dass ein gefährlicher Weg vor ihr lag.
5.
Eine knappe Woche später hielt Lea Cereza zurück, als diese wie gewohnt den anderen Pferden folgen wollte. Hinter ihr lag eine ereignislose Reise durch ein felsiges Land, das jetzt im Winter grün schimmerte, im Sommer jedoch, wie sie von de Llorzas Diener erfahren hatte, unter einer sengenden Sonne lag, die einem das Mark aus den Knochen brannte. Die Gruppe hatte Granada im weiten Bogen umgangen und war zunächst zwei Tage lang durch das ehemalige Emirat geritten. Lea war bald klar geworden, dass Raul de Llorza neben seinem Hochmut noch über weitere ihr unsympathische Charaktereigenschaften verfügte. Mauren, die ihnen unterwegs begegnet waren, hatte er wie Sklaven behandelt und sich so benommen, als wäre allein der Anblick dieser Menschen schon eine Beleidigung für ihn, und einmal hatte er einen Juden, der ihm nicht schnell genug ausgewichen war, über den Haufen geritten und sich hinterher noch seiner Tat gebrüstet. Selbst Thibaut de Poleur, der sonst für jeden schlechten Scherz zu haben war, hatte sich in dem Moment abgewandt und angewidert das Gesicht verzogen.