Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Es war nicht gerade die Begrüßung, die Lea erwartet hatte. Sie verbeugte sich knapp und musterte den Kapitän dann - wie sie hoffte - etwas von oben herab. »Buenos dias, Senor. Ihr seid Ristelli, der Genuese?«
»Genau und das in eigener Person. Hier, ich habe einen Brief für Euch.« Mit diesen Worten griff Ristelli in eine Tasche und holte einen schmutzigen Fetzen Papier heraus, der so aussah, als habe er als Untersetzer für einen Weinbecher gedient. Lea ergriff das Papier, klappte es auf und erkannte Orlandos Handschrift. Er wies sie an, dem Kapitän bei ihrem ersten Zusammentreffen sofort zweihundert Dukaten auszuzahlen. Ristelli starrte sie so böse an, als wolle er den Raum ohne dieses Geld nicht mehr verlassen.
»Senor Barillo, würdet Ihr bitte so gut sein, dreihundert Dukaten für den Capitan zu holen.« Lea erhöhte die Summe aus eigenem Antrieb, um Ristelli bei Laune zu halten. Das Gesicht des Genuesen hellte sich sofort auf. Während Barillo den Raum verließ, um das Geld zu besorgen, trat er auf Lea zu.
»Ich kann jederzeit lossegeln, wenn es nötig sein sollte.«
»Und die Schäden an Eurem Schiff?«
Der Genuese zeigte ein verschlagenes Grinsen. »Manche Schäden lassen sich eben schneller beheben, als es aussieht. Wo soll ich die angekündigte Fracht an Bord nehmen?«
Orlando hatte Lea während der Reise nach Antwerpen einige Wege genannt, auf denen sie seinen Onkel und dessen Familie zur Küste schmuggeln konnte. Wegen der zu erwarteten Verfolgung hatte er die Flucht auf dem nahen Fluss als die aussichtsreichste angesehen. Lea hatte mehrfach die Karten studiert und war zu dem gleichen Schluss gekommen. »Don Orlando hat Cullera an der Mündung des Rio Jucar als Treffpunkt vorgeschlagen. Allerdings habe ich bis jetzt noch nichts in die Wege leiten können.«
»Dann wird es aber höchste Zeit!« Ristelli dachte kurz nach.
»Bei gutem Wind brauche ich zwei Tage bis Cullera, bei schlechtem vier, je nachdem, wie gut meine Aquilone das Cabo de la Nao umschifft. Ihr solltet diese Zeit im Auge behalten.«
»Dann ist es das Beste, Ihr segelt spätestens übermorgen in aller Frühe los, denn ab jetzt muss alles sehr schnell gehen.«
Ristelli nickte zustimmend. Zu einer Antwort kam er jedoch nicht mehr, da Barillo mit dem Geld zurückkehrte. Er händigte Lea den Beutel aus, die den Inhalt kurz ab-schätzte und ihn dann an Ristelli weiterreichte. »Wir sind uns also einig, Kapitän.«
Ristelli ergötzte sich an dem Glanz der Goldstücke und grinste breit. »Ihr könnt auf mich zählen, Messer Leon de Saint Jacques. Ich werde dort sein. Ach ja, eines hätte ich beinahe vergessen. Da ist noch ein Paket bei mir an Bord, das ich Euch aushändigen soll. Ich werde es Euch durch einen meiner Matrosen überbringen lassen.«
»Muchas gracias.« Lea wusste zwar nicht, um was es sich handeln konnte, war jedoch um jede Kleinigkeit dankbar, die ihr diese Aufgabe erleichtern konnte.
Als der Kapitän sich zum Gehen wandte, hielt sie ihn auf. »Halt, ich weiß noch nicht, wo ich heute Nacht einkehren werde. Daher ist es wohl besser, ich begleite Euch und hole das Paket selber ab.«
Der Genuese hob abwehrend die Hände. »Nein! Ich will nicht, dass man Euch bei mir an Bord sieht.«
Barillo trat lächelnd dazwischen. »Ihr seid selbstverständlich mein Gast, Don Leon. Ich habe Felipe bereits zu meiner Esposa geschickt, damit sie den Mägden befiehlt, Euch ein Zimmer zu richten. Also könnt Ihr Euer Paket hier in Empfang nehmen.«
Lea dankte ihm mit einer höflichen Verbeugung. »Ich bin Euch sehr verbunden, Senor Barillo. Und Ihr, Capi-tan, könnt mir Euren Matrosen senden.«
Ristelli brummte zufrieden und verließ mit einem recht freundlichen Arrivederci das Bankhaus, während Lea Ba-rillo in das Obergeschoss folgte, in dem sich seine Privaträume befanden.
Die Hausfrau empfing den so lange erwarteten Gast mit Ehrerbietung und führte Lea in das für sie vorbereitete Zimmer. Es war nur eine Kammer, deren Fenster nicht größer war als eine Schießscharte, aber ein stabiles Bett und ein Nachttisch standen darin. Während Lea sich noch umsah, eilte Senora Barillo in die Küche und richtete ihr eine Mahlzeit her, die sie einen kleinen Imbiss nannte, von der aber eine halbe Kompanie hungriger Soldaten hätte satt werden können.
Zwei Stunden später saß Lea auf der Kante ihres Bettes und wickelte das Paket aus, das einer der genuesischen Matrosen ihr gebracht hatte. Die Hülle bestand aus festem Leinen, das mit Bändern zusammengehalten wurde, und war etwa so groß wie ein Reisesack. Als sie die Knoten gelöst hatte und das Tuch aufschlug, sah sie einen Haufen Kleidungsstücke vor sich liegen. Es handelte sich um verschiedene Trachten, von denen ihr besonders die bunten, abgetragenen Lumpen einer Hausiererin, eine Mönchskutte vom Orden des heiligen Bernhard und das malerische Gewand eines kastilischen Edelmanns ins Auge stachen. Alle Stücke waren sauber und verströmten den Duft von Kampfer und Mottenkraut, und zwischen den Kleidern kamen ein Beutel mit Gold- und Silberstücken spanischer Prägung, ein Säckchen mit eisernen Haken und Feilen und ein weiteres mit mehreren kleinen Döschen zum Vorschein, die verschiedene Pasten und Pulver enthielten.
Zunächst wusste Lea nicht, was sie damit anfangen sollte, doch dann begriff sie, was Orlando geplant hatte. Der Inhalt des Pakets hatte ihm vermutlich selbst schon bei seinen kühnen Abenteuern geholfen, sich in eine andere Person zu verwandeln. Ein Lächeln huschte über Leas Gesicht, als sie sich Orlando in Frauenkleidern vorstellte. Wenn er sein Bärtchen abrasierte, sein Gesicht mit einer der Pasten dunkler färbte und die in die Bluse eingewickelte Perücke aufsetzte, würde er durchaus glaubhaft eine Frau darstellen können.
Nachdenklich blickte sie aus dem Fensterschlitz, durch den man nur auf ein anderes Dach sehen konnte. Trotz seines christlichen Namens und der Tatsache, dass ihn ein Priester getauft hatte, war Orlando ein Jude geblieben, der der Gewalt der Mächtigen mit Scharfsinn und List zu begegnen wusste. Das war auch die einzig wirksame Waffe, über die sie selbst verfügte, und sie würde sie einsetzen. Mit diesem Vorsatz packte sie die Kleidungsstücke wieder ein und machte es sich gemütlich.
6.
Zwei Tage später erreichte Lea die kleine Stadt Almansa und bog dort nach Westen auf den Karrenweg ab, der in das Dorf Bereja und das in der Nähe liegende Kloster von San Juan führte. Die Berge, die den Ort umgaben, waren etwa so hoch wie die Gipfel des heimischen Schwarzwalds, wirkten jedoch wie viele andere hier schroffer und abweisender, und die Wege waren kaum besser als Ziegenpfade. Am Vortag hatte es heftig geregnet, und es kamen noch immer Schauer herunter, so dass Cerezas Hufe bis zu den Knöcheln im Schlamm versanken und sie nur im Schritt gehen konnte.
Lea hatte sich in den festen Mantel gehüllt, der bei besserem Wetter an den Sattel geschnallt wurde, und war doch bis auf die Haut nass geworden. Hemd und Wams klebten ihr am Körper, so dass ihr Busen in dem Moment, in dem sie den Mantel auszog, trotz des Bandes und der Stoffschichten darüber zu erkennen sein würde. Für einige Augenblicke war sie nicht sicher, wie sie weiter vorgehen sollte. Vor allem im Kloster wäre es fatal für sie, wenn man sie als Frau entlarven würde. San Juan de Bereja war ein Männerkloster und weiblichen Personen der Zutritt bei strenger Strafe verboten. Lea ging noch einmal ihre Möglichkeiten durch und schüttelte ihre Verzagtheit mit einer entschlossenen Geste ab. So lange wie diesmal hatte sie ihre Maske noch nie aufrechterhalten, und sie würde ihr Vorhaben nicht durch eine Dummheit oder Unvorsichtigkeit gefährden.