Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Die unangenehmen Zwischenfälle waren der Grund, dass Lea es eine Weile genoss, das erste Mal seit Monaten allein zu sein. Doch als sie einem Soldatentrupp begegnete, der ihr den Weg versperrte und sie zum Ziel geschmackloser Witze machte, wurde ihr doch mulmig zumute, und sie wünschte sich, de Poleur wäre noch bei ihr, denn er hätte die Situation sicher mit ein, zwei Scherzworten entspannt. Zu ihrem Glück hatte der Anführer der Rotte es eilig und befahl seinen Männern mit scharfen Worten weiterzumarschieren.
Als Lea ihnen nachblickte, musste sie an Orlando denken. Mit ihm an der Seite hätte sie eben keine Furcht empfunden, denn er hätte den Soldaten allein durch seine Haltung Respekt eingeflößt. Sie erinnerte sich noch gut, wie sie sich gefragt hatte, woher ein einfacher Handelsagent eine so große Selbstsicherheit und eine Leichtigkeit im Auftreten hernahm, aber wenn man ein spanischer Edelmann mit dem klangvollen Namen Orlando Terasa de Quereda y Cunjol war, fiel es einem wahrscheinlich leicht, sich jedermann gegenüber richtig zu verhalten und gleichzeitig die Welt mit einem gewissen Spott zu betrachten.
An ihrer Stelle hätte Orlando auch genau gewusst, wie er die vor ihr liegende Aufgabe lösen konnte, während sie im Ungewissen tappte und von Selbstzweifeln zerfressen wurde. Eine Weile überlegte sie, ob sie zuerst nach Ali-cante reiten oder lieber gleich das Monasterio von San Juan de Bereja aufsuchen sollte. Ehe sie sich entschieden hatte, brach die Nacht herein, und weit und breit waren kein Dorf und keine Herberge zu sehen.
Da es um sie herum auch keine anderen Menschen gab, nutzte sie die Gelegenheit, sich am Ufer eines von dichtem Gebüsch umgebenen Rinnsals gründlich zu waschen und frische Brustwickel anzulegen. Dann rastete sie an einem noch glimmenden Feuer, das wohl Bauern auf einem Feld entzündet hatten, und nutzte die Gelegenheit, ihre gebrauchten Monatsbinden zu entsorgen, die sich als erstaunlich zuverlässig erwiesen hatten. Zufrieden sah sie zu, wie das verräterische Päckchen mit dem Werg zu Asche zerfiel. Es hatte seine Schuldigkeit getan. Als die Glut erloschen war, kuschelte Lea sich an ihre Stute, die sich ebenfalls niedergelegt hatte, und verbrachte eine ungestörte Nacht.
Trotz des unbequemen Lagers erwachte sie am Morgen so erfrischt wie schon lange nicht mehr, und als sie sich noch einmal in dem nahe gelegenen Bach gewaschen und Cereza getränkt hatte, fühlte sie sich zuversichtlicher als in den letzten Wochen. Sie beschloss, zuerst nach Alicante zu reiten, und folgte einer schlecht instand gehaltenen Straße nach Osten. Nach einer Weile stellte sie fest, dass es mit ihrem Mut doch nicht ganz so weit her war, wie sie gedacht hatte, denn ihre rechte Hand wanderte immer wieder zum Knauf ihres Schwertes und blieb darauf ruhen, als biete der kühle Griff ihr Sicherheit. Im Feldlager hatte sie viel von Räubern und Briganten gehört, die die Wege unsicher machen sollten, und schalt sich im Nachhinein über ihren Leichtsinn, die Nacht auf freiem Feld verbracht zu haben.
Als sie auf Reisende traf, die ebenfalls Alicante zum Ziel hatten, nahm sie deren Einladung, sich ihnen anzuschließen, dankbar an. Die Gruppe bestand aus Händlern und Hausierern, die mit Eseln und Maultieren unterwegs waren und sich über die Gesellschaft eines jungen Edelmanns mit einem scharfen Schwert an der Seite freuten. Lea blieb nur zu hoffen, dass die Männer nicht erfuhren, wie wenig sie diese Wertschätzung verdiente. Wenigstens hatte sie sich in den letzten Tagen so weit an den Sattel gewöhnt, um vor nicht allzu kritischen Augen als passabler Reiter erscheinen zu können. Das war vor allem Cere-zas Verdienst, dachte Lea und tätschelte der Stute dankbar den Hals. Jetzt, wo die Innenseiten ihrer Oberschenkel nicht mehr wie Feuer brannten und sie beim Traben nicht mehr wie ein nasser Sack auf den Sattel klatschte, machte ihr das Reiten sogar ein wenig Spaß.
Da ihre neuen Begleiter achtungsvoll Abstand hielten und Cereza von allein der Straße folgte, spann Lea sich wieder in ihre Gedanken ein und schreckte erst hoch, als einer der
Händler die bevorstehenden Festtage zu Ehren eines Heiligen erwähnte und dabei das Datum nannte. Beschämt erinnerte sie sich daran, dass in dieser Zeit das Chanukka-Fest gefeiert wurde. Zu Hause in Hartenburg würden die Cha-nukka-Lichter brennen und Sarah darauf achten, dass etwas besonders Gutes auf den Tisch kam. Sie fragte sich, ob Elie-ser diesmal das Hanerot sprechen oder ob Jochanan weiterhin die Rolle des Vorbeters einnehmen würde.
Bei dem Gedanken an das Chanukka-Fest fiel ihr ein, dass sie auf dieser Reise bereits Rosch ha-Schanah, Jörn Kippur und das Laubhüttenfest versäumt hatte, und machte sich Vorwürfe, weil sie wenigstens in Gedanken ihre Gebete sprechen hätte können. Sie war jedoch zu aufgewühlt gewesen, um sich an ihre religiösen Pflichten zu erinnern. Jetzt aber schwor sie sich, im neuen Jahr während der Feste zu Hause zu bleiben und sie so zu feiern, wie es sich für eine fromme Jüdin gehörte. Um ihr Gewissen zu beruhigen, bekräftigte sie ihr Vorhaben mit einem lautlosen Gebet.
Alicante lag etwa zwanzig Leguas westlich von Murcia, dem ersten Ziel ihrer burgundischen Freunde. Ein guter Reiter hätte den Weg, den Lea gewählt hatte, in zwei Tagen zurücklegen können, die Reisegruppe kam jedoch nur so schnell voran, wie es die widerspenstigen Tragtiere zuließen, und erreichte ihr Ziel erst am frühen Nachmittag des vierten Tages. Auf der Plaza Mayor verabschiedeten die Männer sich wortreich voneinander, und jeder dankte de Saint Jacques im Namen irgendeines Heiligen für seine Begleitung, so als hätte Lea sie vor Pestilenz und Feuer bewahrt. Während sie sich noch fragte, was an der von keinem Zwischenfall getrübten Reise so gefährlich gewesen war, löste sich die Gruppe auf und ließ sie allein zurück.
Für ein paar Augenblicke blieb Lea starr auf ihrem
Pferd sitzen, denn es war ihr bewusst geworden, dass ihr nun der Moment bevorstand, in dem ihre Maske einer harten Bewährungsprobe unterzogen wurde. Bankiers ließen sich nicht so leicht täuschen wie Edelleute, und sie achteten viel genauer auf die Papiere, die man ihnen vorlegte. Von den nächsten Stunden würde es abhängen, ob sie eine Chance bekam, Baramosta und die Seinen aus Spanien herauszubringen. Sie holte tief Luft und sprach einen beleibten Mann in derber Kleidung an.
»Entschuldigen Sie, Senor. Können Sie mir sagen, wo ich die Calle de San Justo finde?«
Der Dicke musterte ihre Stute, der man ansah, dass sie keinem armen Mann gehören konnte, und deutete eine Verneigung an.
»Nehmt den Weg da drüben, Euer Ehren, und biegt in die dritte Gasse ein, die zur linken Hand abgeht.«