Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Lea befolgte den Rat, ohne die Augen von den Soldaten zu lassen, die den Hang bis fast zur Hälfte hinabstiegen, dort stehen blieben und ihre Arkebusen schussfertig machten. In dem Moment waren die Straßen Granadas wie leer gefegt. Einen Augenblick später öffnete sich das Tor, und der Kriegertrupp, den Lea gesehen hatte, machte einen Ausfall. Da befahl Redonzo seinen Männern zu feuern.
Es knallte ohrenbetäubend, gleichzeitig wurden die spanischen Soldaten von einer dichten Qualmwolke eingehüllt, die der Wind auf Lea zutrieb. Der Pulverdampf setzte sich beißend in Mund, Nase und Augen fest, und erst als die letzten Schwaden sich verzogen hatten, konnte Lea wieder auf Granada hinabblicken. Die Mauren hatten sich inzwischen zurückgezogen und das Tor hinter sich geschlossen.
Medicaneli zuckte verächtlich mit den Schultern. »Granada wird sich nicht mehr lange halten. Boabdil wagt es ja nicht einmal, eine einzige Kompanie angreifen zu lassen.«
»Hätte er den Angriff befohlen, wären die Soldaten dort wohl in arge Schwierigkeiten geraten und wir mit ihnen.«
Der Herzog winkte ab. »Nicht wir, sondern Boabdil, denn hinter den Hügeln warten mehrere tausend unserer
Männer darauf, dass die maurischen Feiglinge endlich ihre Nasen zeigen.«
»Vielleicht wissen die Mauren das und bleiben deswegen zu Hause.«
Medicaneli maß sie mit einem grimmigen Blick. »Das ist kein ehrenhaftes Verhalten. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, muss man kämpfen und hoffen, doch noch irgendwie zu siegen. Sonst kann man nur die Schläge hinnehmen wie ein Sklave, und wie es aussieht, hat Boabdil sich für Letzteres entschieden. Aber mich interessiert der Maure im Augenblick weniger als Ihr, Saint Jacques. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich Euch helfen soll.«
Leas Gedanken überschlugen sich. Wenn Medicaneli sie nicht unterstützte, hatte sie wertvolle Zeit verloren. Jetzt ärgerte sie sich, weil sie die letzten Wochen nicht dazu genutzt hatte, weitere Kontakte zu knüpfen. Allerdings hatte es auch kaum Gelegenheit dazu gegeben, denn bisher war keiner der anderen Gewährsleute, die Orlando ihr genannt hatte, im Kriegslager aufgetaucht. Sie wusste daher immer noch nicht, ob Baramosta sich überhaupt noch in seiner Zuflucht befand. Vielleicht lebten er und die Seinen schon längst nicht mehr, und ihr Auftrag war gescheitert.
»Ich verstehe Euch nicht, Euer Ehren. Ich habe angenommen, Orlando Terasa wäre Euer Freund.«
»Orlando ist ein Narr! Genau wie sein Vater und sein Onkel will auch er nicht einsehen, dass es für einen konvertierten Juden in Spanien nur einen Platz gibt, an dem er sicher ist, nämlich am Hof der Könige. Don Manuel und Don Rodrigo haben sich eingebildet, sie könnten genauso weiterleben wie ihre Ahnen und mit dem Handel Geld verdienen. Damit haben sie solch fanatischen Kreaturen wie Montoya und seinem Anhang aber erst die Möglichkeit gegeben, gegen sie vorzugehen.«
Lea holte tief Luft. Orlando war Jude - das war alles, was sie den Worten des Herzogs zunächst entnahm. Wie blind war sie gewesen! Sie hatte Tage und Wochen in seiner Gesellschaft verbracht, und es war ihr nicht aufgefallen. Zwar hatte er gelegentlich Schweinefleisch gegessen, aber nur in Gesellschaft fremder Menschen, in der er das Angebot des Wirts nicht hatte zurückweisen können, ohne sich verdächtig zu machen. Sein Wissen über jüdische Bräuche und die Leichtigkeit, mit der er mit konservativen Juden vom Schlag eines Ruben ben Makkabi umgegangen war, hätten ihr die Augen öffnen müssen.
Eigentlich sollte sie sich über diese Nachricht freuen, stattdessen aber benötigte sie alle Kraft, die sie aufbringen konnte, um nicht in Tränen auszubrechen. Nun würde sie sich in Orlandos Gegenwart noch mehr in Acht nehmen müssen, damit er ihr wahres Geschlecht nicht entdeckte, oder besser noch ihn für immer meiden. Jüdische Männer achteten sorgfältig darauf, dass ihre Frauen keinen Fingerbreit von Sitte und Brauch abwichen, und ein Mädchen, das sich für einen Mann ausgab, war nicht nur in Rachels Augen ein Gräuel vor dem Herrn.
Medicaneli sah sie scharf an. »Passt es Euch nicht, was ich über Terasa gesagt habe, oder wusstet Ihr nicht, dass er ein Converso ist? Ich hoffe, Ihr steht noch zu Eurem Plan, Saint Jacques, denn ich habe mich gerade entschieden, Euch beizustehen. Doch sagt Orlando Terasa de Quereda y Cunjol, es ist das letzte Mal gewesen, und nennt ihm auch meinen Preis für diese Unterstützung. Er hat hier in Spanien viel Geld von geflohenen Juden und Conversos verborgen, das er für seine Pläne benutzen will. Aber dieses Geld hätten Ihre Majestäten für den Feldzug gegen Granada gut gebrauchen können, und es ist mein Wille, dass es den vereinigten Reichen Spaniens zugute kommt. Unter dieser Bedingung bin ich bereit, Euch zu unterstützen.«
Lea überlegte scharf, was sie antworten sollte. Darauf hatte Orlando - oder vielmehr Don Orlando - sie nicht vorbereitet. Ihr Quälgeist war also nicht nur ein konvertierter Jude, sondern überdies noch ein Mann von Stand, ein Adliger, dem ein Herold vorangehen durfte, um seinen Wappenschild zu tragen. Jetzt wunderte es sie nicht mehr, dass er mit einem Souverän wie dem Herzog von Burgund beinahe wie von gleich zu gleich umgegangen war, während sie selbst wie ein Häufchen Elend daneben gesessen und sich an das andere Ende der Welt gewünscht hatte. Medicaneli schnaufte verärgert. »Ihr zögert mir zu lange mit einer Antwort«
»Verzeiht, Euer Gnaden, aber Ihr seht mich verblüfft. Wie kann es sein, dass ein Jude in diesem Land in den Adelsstand erhoben wurde?«
»Als Jude gewiss nicht!«, spottete der Herzog. »Orlando Terasas Großvater entsagte dem mosaischen Glauben und ließ sich taufen. Als eifriger Diener König Juans II. wurde er später in den Adelsstand erhoben, und Orlando würde heute zu den Granden Kastiliens zählen, hätte Don Manuel, sein Vater, nicht die Tochter eines heimlichen Juden zum Weib genommen und wäre wieder ein Händler geworden.«
»Ihr seid doch auch der Nachkomme eines konvertierten Juden.« Diesen Pfeil musste Lea einfach abschießen. Medicaneli lächelte immer noch, aber nun wirkte es hochmütig.
»Meine Großmutter war Jüdin. Sie starb bei der Geburt meiner Mutter, und mein Großvater, der sehr an ihr gehangen hatte, wurde daraufhin Christ. Da seine Tochter ein reiches Erbe zu erwarten hatte, warb mein Vater um sie und führte sie heim. Doch seid versichert, Saint Jacques, dass in meinen Adern das edelste Blut Spaniens fließt und keine jüdischen Irrlehren mich davon abbrin-gen können, meinem Vaterland mit aller Kraft zu dienen.«
Aus diesen Worten sprach eine schier grenzenlose Verachtung. Um den Herzog nicht zu erzürnen, äußerte Lea sich nicht dazu, sondern kehrte zu seiner Forderung zurück. »Ich wusste nicht, dass Orlando noch so viel Geld in Spanien verborgen hält.«
»Aber es ist so. Dieses Geld ist der Preis für meine Hilfe.«
»Ich werde Eure Forderung Orlando überbringen und ihn bitten, sie zu erfüllen.«