Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ach, das ist herrlich, famos!« sagte sie zu allem.
Rostow fühlte, wie unter den Strahlen dieser warmen Liebe zum erstenmal wieder nach einem halben Jahr in seinem Herzen und auf seinem Gesicht jenes Kinderlächeln aufstieg, das nicht ein einziges Mal, seit er von zu Hause fort war, über ihn gekommen war.
»Hör mal«, sagte sie, »bist du jetzt ein richtiger Mann? Ich freue mich schrecklich, daß du mein Bruder bist.« Sie strich über seinen Schnurrbart. »Ich möchte zu gern wissen, wie ihr seid, ihr Männer. So wie wir? Nein?«
»Warum ist Sonja weggelaufen?« fragte Rostow.
»Ja, das ist eine ganze Geschichte. Wie wirst du Sonja nennen? ›Du‹ oder ›Sie‹?«
»Wie es gerade kommt«, erwiderte Rostow.
»Sage ›Sie‹ zu ihr, bitte, ich erzähle dir nachher warum. Nein, ich will es dir lieber gleich sagen. Du weißt doch, daß Sonja mein Freund ist, ein Freund, für den ich den Arm ins Feuer lege. Da sieh her!«
Sie streifte den Ärmel ihres Musselinkleidchens auf und zeigte an ihrem langen, dünnen, zarten Arme weit oberhalb des Ellbogens fast unter der Schulter, an einer Stelle, die selbst in Balltoilette bedeckt bleibt, auf ein rotes Mal.
»Das habe ich mir eingebrannt, um ihr meine Liebe zu beweisen. Habe einfach ein Lineal im Feuer heiß gemacht und es dann daraufgedrückt.«
Wie Rostow so auf dem alten Sofa mit den gepolsterten Armlehnen in seinem früheren Schulzimmer saß und in Nataschas wilde, lebhafte Augen sah, fühlte er sich wieder in jene Kinderwelt seiner Familie zurückversetzt, die nur für ihn allein Sinn und Bedeutung hatte und ihm einer der schönsten Genüsse des Lebens gewesen war. Deshalb erschien ihm auch das Verbrennen des Armes mit einem Lineal zum Zeichen der Freundschaft nicht unsinnig: er hatte Verständnis dafür und es befremdete ihn nicht im geringsten.
»Nun und dann? Ist das alles?« fragte er.
»Also solche Freunde sind wir, solche Freunde! Das mit dem Lineal ist ja nur Unsinn, aber wir sind eben Freunde fürs ganze Leben. Wenn sie einmal jemanden lieb hat, dann ist es bei ihr auch auf ewig. Das verstehe ich eigentlich nicht, ich vergesse so etwas immer gleich wieder.«
»Na, und was nun weiter?«
»Ja, so liebt sie mich eben und – auch dich.«
Natascha wurde auf einmal rot.
»Weißt du noch, bevor du abreistest … nun will sie, du solltest es vergessen … Sie hat zu mir gesagt: ›Ich werde ihn ewig lieben, er aber soll frei sein.‹ Nicht wahr, das ist doch wundervoll, das ist doch edel! Nicht wahr? Nicht wahr? Riesig edel! Nicht?« fragte Natascha so ernsthaft und aufgeregt, daß man deutlich merkte, daß sie das, was sie jetzt sagte, vorher unter Tränen besprochen hatte.
Rostow wurde nachdenklich.
»Ich nehme niemals ein gegebenes Wort zurück«, sagte er. »Und dann ist Sonja so entzückend, daß der ein Narr wäre, der auf ein solches Glück verzichten wollte.«
»Nein, nein, nein!« rief Natascha. »Darüber haben wir schon gesprochen. Das wußten wir ja, daß du dies sagen würdest. Das geht aber nicht, weißt du, wenn du das sagst, dann hältst du dich doch für gebunden, und es sähe dann so aus, als habe sie es mit Absicht gesagt. Dann würdest du sie doch nur gezwungen heiraten, und es käme etwas ganz anderes dabei heraus.«
Rostow merkte, daß die beiden sich das alles genau überlegt hatten. Sonja hatte schon gestern durch ihre Anmut einen großen Eindruck auf ihn gemacht. Heute war sie ihm noch reizender vorgekommen, obgleich er sie nur ganz flüchtig gesehen hatte. Sie war ein entzückendes, sechzehnjähriges Mädchen, das offenbar leidenschaftlich in ihn verliebt war, daran zweifelte er nicht einen Augenblick. Warum sollte er sie also nicht lieben und später einmal heiraten? dachte Rostow. Aber jetzt hatte er ja noch so viele andere Freuden und Beschäftigungen. Ja, das ist ein guter Gedanke von ihnen, dachte er, man muß frei bleiben.
»Na, auch schön«, sagte er. »Wir reden später noch mal darüber. Ach, wie freue ich mich, daß ich dich wiederhabe«, fügte er hinzu. »Na, aber wie steht’s mit dir? Bist du Boris auch nicht untreu geworden?« fragte der Bruder.
»Ach, das waren ja nur Kindereien!« rief Natascha lachend. »Weder an ihn noch an irgendeinen anderen denke ich jetzt, will gar nichts von ihnen allen wissen.«
»So, so. An was denkst du denn?«
»Ich?« fragte Natascha zurück, und ein glückliches Lächeln überstrahlte ihr Gesicht. »Hast du Duport gesehen?«
»Nein.«
»Den berühmten Tänzer Duport[80] hast du nicht gesehen? Nun, dann kannst du das auch nicht verstehen. Nun paß mal auf!«
Natascha bog die Arme rund, faßte ihr Röckchen wie beim Ballett, lief ein paar Schritte zurück, drehte sich um, machte einen Kreuzsprung, schlug die Füßchen aneinander, erhob sich auf die äußersten Fußspitzen und trippelte ein paar Schritte nach vorn.
»Siehst du, wie ich stehe? Siehst du das?« rief sie, aber schon konnte sie sich nicht mehr auf den Zehen halten. »Das ist es, woran ich denke! Keinen werde ich zum Mann nehmen, ich will Tänzerin werden. Aber du darfst keinem Menschen etwas davon sagen!«
Rostow fing so laut und lustig an zu lachen, daß Denissow in seinem Zimmer ganz neidisch wurde. Auch Natascha konnte sich nicht mehr halten und stimmte fröhlich in sein Gelächter ein.
»Nicht, das ist doch fein?« fragte sie immer dazwischen.
»Schön, also den Boris willst du nicht mehr heiraten?«
Natascha fuhr auf.
»Ich will überhaupt nicht heiraten, auch keinen anderen. Das werde ich ihm selber sagen, wenn ich ihn sehe.«
»So, so«, sagte Rostow.
»Aber das ist ja alles dummes Zeug«, fuhr Natascha zu schwatzen fort. »Hör mal, ist Denissow ein guter Mensch?« fragte sie.
»Ja.«
»Na, also leb wohl, zieh dich an! Braucht man keine Bange vor ihm zu haben, vor Denissow?«
»Warum denn Bange?« fragte Nicolas. »Nein, Waska ist ein sehr netter Kerl.«
»Du nennst ihn Waska? … Merkwürdig. Also ist er wirklich ein guter Mensch?«
»Ein sehr guter Kerl.«
»Na, komm nur schnell, wir wollen Tee trinken. Es sind schon alle versammelt.«
Und Natascha hob sich wieder auf die Zehen und ging so aus dem Zimmer ab, wie es Tänzerinnen zu tun pflegen, aber ihr Lächeln dabei war so, wie nur glückliche fünfzehnjährige Mädchen lächeln können.
Als Rostow im Salon mit Sonja zusammentraf, wurde er rot. Er wußte nicht recht, wie er ihr begegnen sollte. Gestern in der ersten Freude des Wiedersehens hatten sie sich geküßt, aber heute fühlten sie, daß sie es nicht mehr tun durften. Er merkte deutlich, daß alle, sowohl die Mutter als auch die Schwestern, ihn fragend ansahen und darauf gespannt waren, wie er sich gegen sie benehmen werde. Er küßte ihr die Hand und nannte sie »Sie« und Sonja. Aber ihre Augen sagten, wenn sie sich trafen, »du« zueinander und küßten sich zärtlich. Sie bat ihn durch einen Blick um Verzeihung, daß sie gewagt hatte, ihn durch ihre Abgesandte, Natascha, an sein Versprechen zu erinnern, und sagte ihm Dank für seine Liebe. Er dankte ihr mit einem Blick dafür, daß sie ihm die Freiheit angeboten hatte, und sagte ihr, daß er, so oder so, doch niemals aufhören werde, sie gern zu haben, weil es eben einfach unmöglich sei, sie nicht zu lieben.
»Das ist aber doch merkwürdig«, sagte Wera in einem Augenblick, als alle schwiegen, »daß Sonja und Nikolenka jetzt ›Sie‹ zueinander sagen und sich wie Fremde begegnen.«
Weras Worte waren ganz zutreffend wie alle ihre Bemerkungen, aber die ganze Familie empfand wie bei allem, was Wera sagte, ein peinliches Gefühl, und nicht nur Sonja, Nikolaj und Natascha, sondern auch die alte Gräfin wurde rot wie ein junges Mädchen, weil sie immer fürchtete, diese Liebe ihres Sohnes zu Sonja könne ihn einmal um eine glänzende Partie bringen.
80
Den berühmten Tänzer Duport: Louis Duport kam 1808 mit der Schauspielerin Mademoiselle Georges (vgl. Anm. 12) nach St Petersburg und trat dort einige Jahre lang auf.