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Kinder der Sonne

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Kinder der Sonne
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Antonowna:  Schau, schau … alle sind sie auseinandergelaufen. Das ist ein Getue, als ob man's mit Halbverrückten zu tun hätte. Lisonjka, worüber grübelst du denn immer? Du solltest dich setzen …

Lisa:  Ach, laß mich …

Antonowna:  Du brauchst dich nicht zu ärgern … bei deiner schwachen Gesundheit! Brummend ab ins Haus.

Tschepurnoi:  Die gute, besorgte Alte … Sie liebt Sie wohl sehr?

Lisa:  Das ist so eine eigne Sache … Sie ist daran gewöhnt, nach dem Rechten zu sehen … sie lebt über dreißig Jahre bei uns … ist sehr stumpf und starrköpfig … merkwürdig … so lang ich denken kann, wurde in unserm Hause Musik gemacht, und die besten Gedanken wurden ausgesprochen … aber sie ist davon weder klüger noch besser geworden … Protassow und Wagin kommen aus dem Hause.

Protassow  zu Wagin:  Verstehst du, wenn wir erst so weit sind, daß wir die auf chemischem Wege zubereiteten Holzfasern spinnen können - dann werden wir Westen aus Eichenholz und Röcke aus Birkenholz tragen …

Wagin:  Laß deine hölzernen Phantasien … das ist langweilig!

Protassow:  Ach du … du bist selbst langweilig!

Tschepurnoi:  Dieser Sonnenschirm gehört meiner Schwester … Kollege! Gestern fragte mich Melanija: »In welchem Verhältnis steht die Hypothese zur Moleküle?« Da hab ich ihr gesagt, daß die Moleküle die Enkelin der Hypothese ist.

Protassow  lachend:  Aber warum das? Sie ist so naiv … und hat ein so reges Interesse für alles …

Tschepurnoi:  Naiv? Hm … Und auch die Monere und die Monade - sind solche untergeschobenen Kinder der Wissenschaft - ist das nicht richtig? Da hab ich wohl Konfusion in der Genealogie gemacht!

Lisa:  Sehen Sie, auch aus Ihren Beziehungen zu Ihrer Schwester kann man sehen, wie unnachsichtig und boshaft die Menschen einander behandeln …

Tschepurnoi:  Was ist denn daran so Böses!

Lisa  nervös:  Nein, ich versichere Sie - auf der Erde sammelt sich immer mehr Haß an, die Welt ist die Brutstätte aller Grausamkeit.

Protassow:  Breitest du schon wieder die schwarzen Schwingen aus. Lisa?

Lisa:  Sei still, Pawel! Du siehst überhaupt nichts, sondern guckst nur in dein Mikroskop …

Tschepurnoi:  Und Sie - ins Teleskop. Besser wär's aber schon, mit den eignen Augen zu sehen.

Lisa  krankhaft gereizt:  Ihr seid alle blind! Macht die Augen auf; was euer Leben ausfüllt, eure Gedanken, Gefühle gleichen den Blumen in einem Walde, der düster und voll von Fäulnis und Entsetzen ist … Euer sind wenige; man spürt eure Anwesenheit kaum auf Erden …

Wagin  trocken:  Was sehen Sie denn auf der Erde?

Lisa:  Ich sehe auf der Erde Millionen und nicht Hunderte … und unter diesen Millionen wächst der Haß. Sie, berauscht durch schöne Worte und Gedanken, sehen das nicht, aber ich - hab's auf der Straße gesehen, wie der Haß sich Luft machte und die Menschen wild und wütend einander mit Wollust vernichteten … Ihr Grimm wird einst über euch kommen …

Protassow:  Das ist alles deshalb so schrecklich, Lisa, weil offenbar ein Gewitter aufzieht und es so schwül ist, und deine Nerven …

Lisa  flehentlich:  Sprich nicht von meiner Krankheit!

Protassow:  Nun, überleg es dir doch, wer soll mich oder ihn hassen?

Lisa:  Wer? Alle Menschen, die ihr so weit hinter euch gelassen habt …

Wagin  gereizt:  Der Teufel soll sie holen! Sollte man etwa dieser Leute wegen wieder zurückgehen?

Lisa:  Warum sie euch hassen? Weil ihr euch ihnen entfremdet habt, weil ihr ihrem schweren, menschenwürdigen Dasein keine Teilnahme entgegenbringt! Weil ihr satt seid und gut gekleidet … Der Haß ist blind, aber ihr seid im Licht, er wird euch dennoch sehen.

Wagin:  Die Rolle der Kassandra steht Ihnen …

Protassow  erregt:  Warte, Dimitrij! Zu Lisa.  Du hast Unrecht! Wir widmen uns großen und wichtigen Dingen: er bereichert das Leben mit Schönheit, ich erforsche seine Geheimnisse … auch die Leute, von denen du redest, werden mit der Zeit unsere Arbeit verstehen und sie zu würdigen lernen …

Wagin:  Ob sie sie würdigen oder nicht, ist mir ganz gleichgültig!

Protassow:  Man muß nicht so geringschätzig auf sie herabsehen: sie sind besser, als sie dir scheinen … verständiger.

Lisa:  Du weißt ja nichts, Pawel …

Protassow:  Nein, ich weiß und ich sehe!! Bei Beginn seiner Rede treten Jelena und Melanija in großer Erregung auf die Veranda.  Ich sehe, wie das Leben wächst und sich entwickelt, wie es, sich den unermüdlichen Forschungen meines Geistes beugend, vor mir seine tiefen, seine wunderbaren Geheimnisse enthüllt. Ich sehe mich als Herrscher über vieles und ich weiß, daß der Mensch Herrscher über alles sein wird! Alles, was wird, gestaltet sich harmonischer; die Menschen steigern die Forderungen, die sie an das Leben und an sich selbst stellen … unter den erwärmenden Strahlen der Sonne entwickelte sich einst ein unscheinbarer, formloser Klumpen Eiweiß zum Leben, er vermehrte sich, und aus ihm sind der Adler, der Löwe und der Mensch entstanden; es wird die Zeit kommen, wo aus uns Menschen, aus allen Menschen ein majestätischer, festgefügter Organismus sich erheben wird - das Menschentum, meine Herrschaften! … Und jede einzelne Zelle dieses Organismus, jeder Mensch wird dann eine Geschichte haben, die erfüllt ist von den großen Errungenschaften des Gedankens, unsrer Arbeit! Die Gegenwart - meine Herrschaften, das ist die freie, gemeinsame Arbeit, aus Lust an der Arbeit, und die Zukunft - ich fühle sie herannahen - ich sehe sie - die Zukunft ist herrlich! Die Menschheit wächst und reift. Das ist das Leben, das ist der Sinn des Lebens.

Lisa  bedrückt:  Wie gerne würde ich daran glauben, wie gern! Holt aus ihrer Tasche ein Notizbuch und schreibt schnell etwas hinein. Melanija blickt beinahe verzückt auf Pawel, was einen fast komischen Eindruck macht. Jelenas zu Anfang düsteres Gesicht wird durch ein melancholisches Lächeln erhellt. Wagin hört mit lebhaftem Interesse zu. Tschepurnoi beugt den Kopf über den Tisch, so daß man sein Gesicht nicht sehen kann.

Wagin:  Ich sehe dich gern als Dichter.

Protassow:  Die Furcht vor dem Tode - die hindert die Menschen, kühn, schön und frei zu sein. Diese Angst lagert auf ihnen wie eine schwere, schwarze Wolke, bedeckt die Erde mit dunkeln Schatten - und erzeugt Gespenster. Sie läßt die Menschen von dem Wege zur Freiheit - von der großen Heerstraße der Erfahrung abirren. Dieses Gefühl ist schuld, daß die Menschen sich allerhand voreilige, häßliche Vermutungen über den Sinn des Lebens machen, es schüchtert die Vernunft ein und erzeugt den Irrtum. Aber wir, wir, die Kinder der Sonne, dieser hellen Lebensquelle entsprossen, von der Sonne gezeugt, wir werden den schwarzen Schrecken des Todes überwinden! Wir sind Kinder der Sonne! Die Sonne brennt in unserm Blut, sie erweckt in uns feurige, stolze Gedanken, sie durchleuchtet die Finsternis unsrer Zweifel. Die Sonne ist ein Ozean der Energie - der Schönheit, der seelenberauschenden Freude!

Lisa  springt auf:  Pawel - das ist schön! Kinder der Sonne … Sollte ich auch zu ihnen gehören? Bin ich auch ein Kind der Sonne? Rasch, Pawel! Ja? Bin ich es auch?

Protassow:  Ja, ja! Auch du … und alle Menschen! Gewiß. Selbstverständlich!

Lisa:  Ja? Oh, das ist gut … Ich kann es nicht sagen … wie schön das ist! Kinder der Sonne … ja? - Aber meine Seele ist gespalten, meine Seele ist zerrissen … Still, hört mich an - Spricht, zu Anfang mit geschlossenen Augen:

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