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Kinder der Sonne

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Kinder der Sonne
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Jelena:  Wie kannst du wissen, ob das neu oder alt ist?

Troschin:  Meine Herrschaften. Alle wenden sich zu ihm.  Ich habe lange darauf gewartet, daß Sie Ihre interessante Unterhaltung beenden … aber ich muß Sie stören … sehr einfach!

Tschepurnoi:  Was wünschen Sie?

Troschin:  Ich erkenne den Kleinrussen … sehr einfach! Bin ich doch selbst in Kleinrußland gewesen und spiele die Flöte …

Tschepurnoi:  Was wollen Sie hier?

Troschin:  Gestatten Sie! alles der Reihe nach … habe die Ehre, mich vorzustellen - Unterleutnant Jakow Troschin, ehemaliger Gehilfe des Stationschefs Log … Derselbe Jakow Troschin, dessen Frau und Kind vom Eisenbahnzug überfahren und getötet worden sind … Kinder hab ich noch, aber keine Frau … ja! Mit wem habe ich die Ehre?

Protassow:  Wie interessant Betrunkenen doch sprechen …

Lisa  vorwurfsvolclass="underline"   Pawel, was machst du …

Jelena:  Sie wünschen?

Troschin  sich verbeugend:  Gnädige Frau - entschuldigen Sie! Zeigt auf seine mit Pantoffeln bekleideten Füße.  Sans Stiefel … Wie unbeständig ist das Glück … - Gnädige Frau, sagen Sie, bitte, wo wohnt hier der Schlosser Jegor! … Jegor - seinen Familiennamen hab ich vergessen … vielleicht hat er auch keine Familie … Und vielleicht. Daß er - vielleicht war's nur eine Erscheinung im Traum -

Jelena:  das ist dort … im Seitenflügel … in der unteren Etage …

Troschin:  Remercie. Ich hab ihn den ganzen Tag gesucht … Ich bin erschöpft und kann kaum auf den Beinen stehen … Um die Ecke? Bon voyage! Er hat erst gestern abend die Ehre gehabt, meine Bekanntschaft zu machen … und schon gehe ich zu ihm … das muß er mir hoch anrechnen! Um die Ecke? Sehr einfach! Auf angenehmes Wiedersehen!

Protassow:  Das ist 'n komischer Kauz! »Sans Stiefel«, wie gefällt euch das?

Lisa:  Nicht so laut, Pawel …

Troschin  entfernt sich schwankend und brummt in den Bart:  Aha! Sie dachten - ich sei eine Null? Nein, ich bin Jakow Troschin … und der weiß, was der Anstand erfordert … Sehr einfach! Jakow Troschin? Geht ab.

Protassow:  Was das für ein komischer Kauz ist! Nicht wahr, Jelena!

Lisa:  Welchen Platz werden denn Leute dieses Schlags auf deinem Bilde einnehmen, Jelena?

Jelena:  Sie werden nicht darauf sein, Lisa …

Protassow:  Sie sind wie Seepflanzen und Muscheln, die sich an ein Schiff heften …

Wagin:  Und seine Bewegung hemmen …

Lisa:  Also ihr Los ist der Untergang, Jelena? Ohne Hilfe, sich selbst überlassen, gehen diese Leute zugrunde?

Jelena:  Sie sind schon zugrunde gegangen, Lisa …

Wagin:  Wir sind auch allein, im dunklen Chaos des Lebens …

Protassow:  Diese Leute, mein Freund, sind abgestorbene Zellen des gesellschaftlichen Organismus …

Lisa:  Wie grausam ihr alle seid! Ich kann das nicht hören … blind und grausam … Geht in den Garten. Tschepurnoi erhebt sich langsam und folgt ihr.

Protassow:  Weißt du, Jelena, in ihrer Gegenwart kann man über nichts sprechen … Alles, was man sagt, verletzt ihre kranke Seele.

Jelena:  Ja, es ist nicht leicht, mit ihr auszukommen … Sie lebt und fürchtet doch das Leben …

Wagin:  Jelena Nikolajewna! Am Bug des Schiffes muß eine einziger Mann stehen … er muß das Gesicht eines Mannes haben, der auf dem Lande alle seine Hoffnungen begraben hat … Aber in seinen Augen brennt das Feuer gewaltiger Willenskraft … und er fährt dahin, um als Einsamer unter Einsamen neue Hoffnungen zu wecken.

Protassow:  Aber kein Sturm, meine Herrschaften! Oder - nein! es kann auch stürmen, aber dem Schiff entgegen leuchtet die Sonne! Nenne dein Bild »Der Sonne entgegen«, der Quelle des Lebens!

Wagin:  Ja, zur Quelle des Lebens! … Dort in der Ferne, aus dem Gewölk heraus, leuchtet wie die Sonne das Antlitz einer Frau …

Protassow:  Wozu ein Frauenzimmer? Stellen Sie doch in die Mitte jener Leute auf dem Schiff - Lavoisier, Darwin … Aber ich habe mich verplaudert - ich muß gehen … Geht ins Zimmer.

Wagin  leidenschaftlich:  Mit jedem Tag, Teuerste, ziehen Sie mich mächtiger an und binden mich fester an Sie … ich könnte Sie anbeten …

Protassow  aus seinem Zimmer:  Dimitrij - bitte, einen Augenblick …

Jelena:  Du sollst dir kein Bildnis machen noch irgendein Gleichnis …

Wagin:  Ich werde das Bild malen, Sie werden sehen! Und mit seinen Farben wird es der Freiheit und Schönheit eine majestätische Hymne singen …

Protassow:  Dimitrij!

Jelena:  Gehen sie, mein Freund! Wagin ab. Jelena geht nachdenklich auf der Veranda auf und ab. Aus dem Garten tönt die Stimme Tschepurnois.

Tschepurnoi  ruhig:  Das kann ja gar nicht anders sein … Der Mensch ist Mensch, solange er spricht; wenn er handelt, zeigt sich das Tier …

Lisa  bekümmert:  Wann denn, wann … Man kann sie nicht mehr hören.

Melanija  geht über den Hof:  Ach, Jelena Nikolajewna, sind Sie zu Hause?

Jelena  trocken:  Darüber wundern Sie sich?

Melanija:  Warum? Guten Tag …

Jelena:  Entschuldigen Sie, aber bevor ich Ihnen die Hand reiche …Was?

Jelena:  Ich muß Sie etwas fragen … Wir werden aufrichtig und wahrhaft miteinander sprechen! Sie haben unserem Dienstmädchen Geld geboten?

Melanija  schnelclass="underline"   Ach, die Elende! Sie hat mich verraten …

Jelena:  Mit anderen Worten - es ist wahr? Melanija Nikolajewna … Sie werden begreifen, wie dieses … wie man dieses Verhalten bezeichnen muß!!

Melanija:  Ja … ich verstehe! es ist klar, ganz klar. Gleichviel … Hören Sie! … Sie sind ein Weib - Sie lieben, vielleicht werden Sie also verstehen …

Jelena:  Leiser … ihr Bruder ist im Garten!

Melanija:  Was kümmert mich das? Nun … hören Sie: ich liebe Pawel Fjodorowitsch, wissen Sie's! Und ich liebe ihn so … daß ich bereit bin, als Köchin, als Dienstmädchen zu ihm zu ziehen … Sie lieben auch - wie ich sehe, den Maler … Sie brauchen Pawel Fjodorowitsch nicht. Hören Sie - soll ich mich vor Ihnen auf die Knie werfen? Überlassen Sie ihn mir! Die Füße will ich Ihnen küssen …

Jelena  erschüttert  Was reden Sie? Was soll das?

Melanija:  Einerlei! Ich habe Geld … Ich errichte ihm ein Laboratorium … Einen Palast will ich ihm bauen! Ich werde ihm dienen, kein Windhauch soll ihn berühren … ich werde Tag und Nacht vor seiner Tür sitzen … das will ich! Was ist er Ihnen? Ich liebe ihn wie den Gerechten Gottes.

Jelena:  Beruhigen Sie sich … Warten Sie! Ich verstehe Sie wohl nicht recht …

Melanija:  Gnädige Frau! Sie sind klug - Sie sind edel und rein … Aber ich habe ein so schweres Leben gehabt … habe so viel Widerwärtigkeiten ertragen müssen … und nur schlechte Menschen habe ich gekannt … Und er! Er! Ein solches Kind … und dabei - so erhaben! An seiner Seite würde ich ja wie eine Königin sein … Für ihn eine Sklavin, für die andern eine Königin! Und meine Seele … meine Seele wird aufatmen! Einen reinen Menschen will ich! Verstehen Sie mich? …

Jelena  bewegt:  Es fällt mir schwer, Sie zu verstehen … Wir haben einander viel zu sagen … Lieber Gott … wie unglücklich müssen Sie sein!

Melanija:  Ja! Oh, ja! Sie können mich verstehen, Sie müssen mich verstehen! Darum spreche ich auch mit Ihnen so - ich sage Ihnen alles, ich weiß, Sie werden mich begreifen. Sie werden mich nicht betrügen. Vielleicht werde auch ich noch ein Mensch, wenn Sie mich nicht betrügen.

Jelena:  Warum sollte ich Sie betrügen … ich verstehe Ihr krankes Herz … Kommen Sie zu mir … Kommen Sie.

Melanija:  Wie Sie sprechen! Wäre es möglich, daß auch Sie ein guter Mensch sind?

Jelena  nimmt sie bei der Hand:  Glauben Sie mir … glauben Sie mir, wenn die Menschen aufrichtig wären, würden sie einander verstehen!

Melanija  folgt ihr:  Ich weiß nicht, ob ich Ihnen glauben soll oder nicht. Ihre Worte verstehe ich … Ihre Gefühle - unmöglich! … Sind Sie gut oder nicht? Sehen Sie … ich getraue mich nicht, an etwas Gutes zu glauben … Ich habe nichts Gutes gesehen … und ich selbst - bin schlecht und sündhaft … In einem Tränenmeer habe ich meine Seele gebadet … aber sie ist noch immer schwarz … Beide ab. Roman sieht aus der Ecke hervor, hat ein Beil in der Hand. Aus dem Garten kommen Lisa und Tschepurnoi, Antonowna aus dem Hause.

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