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Kinder der Sonne

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Kinder der Sonne
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Tschepurnoi:  Sie glauben wohl - daß das Pferd bei einem andern gesund wird?

Nasar:  Das geht mich nichts an! - Herr Doktor?

Tschepurnoi:  Was?

Nasar:  Ich habe an Sie eine etwas heikle Bitte, aber ich weiß nicht recht, wie ich sie vorbringen soll …

Tschepurnoi  fängt an zu rauchen:  Fassen Sie sich kurz …

Nasar:  Ja, ja, ganz recht … Meine kleine Bitte, sehen Sie …

Tschepurnoi:  Noch kürzer …

Nasar:  Es handelt sich um Herrn Protassow …

Tschepurnoi:  Aha … nun?

Nasar:  Sehen Sie, mein Sohn, der den Kursus in der Handels- und Industrieschule durchgemacht hat, sagt mir, daß heutzutage die Chemie große Fortschritte macht. … und ich sehe selbst, Toilettenseifen, Parfüms, Pomaden und ähnliche Waren gehen gut und werfen eine großen Profit ab …

Tschepurnoi:  Noch kürzer … Mischa guckt aus der Ecke hervor, Tschepurnoi bemerkt ihn.

Nasar:  Das ist nicht möglich. Mein Plan ist sehr groß … Essig, z. B. Allerhand Essenzen … und vieles andere … und sehen Sie, wenn ich an Herrn Protassow denke: er verschwendet ohne Erfolg Zeit und Material … er wird sich in kurzem ruinieren, wenigstens glaub ich es … Nun dachte ich, daß Sie mit ihm sprechen sollten …

Tschepurnoi:  Über den Essig? …

Nasar:  So im allgemeinen … Sie müssen betonen, daß er bald mittellos dastehen wird … und so will ich ihm ein Geschäftchen vorschlagen: ich baue ihm eine kleine Fabrik, und er wird nützliche Waren herstellen. Geld ins Geschäft einzuschießen hat er nicht, aber ich nehm auch Wechselchen …

Tschepurnoi  lächelnd:  Ach - sind Sie aber gut!

Nasar:  Ich hab ein sehr weiches Herz. Wenn ich seh, daß sich ein Mensch nutzlos abmüht, dann möcht ich ihm Gelegenheit geben, sich nützlich zu machen. Außerdem ist er ein Mann, der Beachtung verdient. Am Geburtstag seiner Frau, da hat er ein Feuerwerk gemacht - großer Gott, welche Kunstfertigkeit hat er gezeigt … Na, werden Sie mit ihm sprechen? Fima erscheint auf der Terrasse und bereitet den Tee.

Tschepurnoi:  Ich will mit ihm reden …

Nasar:  Ich glaube, Sie werden ihm einen großen Dienst erweisen … Vorkäfig - Auf Wiedersehen.

Tschepurnoi:  Auf Wiedersehen. Zu Fima.  Wo sind die Herrschaften?

Fima:  Der Herr ist in seinem Zimmer. Jelena Nikolajewna ist im Garten … mit Herrn Wagin. Auch Jelisaweta Fjodorowna ist da …

Tschepurnoi:  Dann will ich auch in den Garten gehen …

Mischa  kommt rasch aus der Ecke hervor:  Entschuldigen Sie, ich habe nicht den Vorzug, ihren Namen zu kennen …

Tschepurnoi:  Ich kenne ja Ihren Namen auch nicht …

Mischa:  Michail Nasarow Wygrusow - zu Ihren Diensten!

Tschepurnoi:  Was für Dienste? Ich will von Ihnen nichts …

Mischa  sehr unterwürfig:  Das sagt man so aus Höflichkeit. Ich war zufällig Zeuge Ihrer Unterredung mit meinem Vater …

Tschepurnoi:  Ich habe diesen Zufall gesehen … Sagen Sie, warum zappeln Sie so mit den Beinen?

Mischa:  Das kommt von der Ungeduld … Ich habe sehr hitziges Blut …

Tschepurnoi:  Was soll das hier?

Mischa:  Wie, was meinen Sie? Ich bin sehr lebhaft … überhaupt …

Tschepurnoi:  Ah, ich begreife … Auf Wiedersehen!

Mischa:  Gestatten Sie! Ich muß Ihnen sagen …

Tschepurnoi:  Was sagen? …

Mischa:  In bezug auf Papas Vorschlag. Sehen Sie, das ist meine Idee … Papa hat sie Ihnen nicht ganz klar auseinandergesetzt …

Tschepurnoi:  Tut nichts, ich hab's begriffen …

Mischa:  Vielleicht erweisen Sie mir die Ehre, heute abend um neun Uhr im Restaurant Paris in der Troizkajastraße mein Gast zu sein?

Tschepurnoi:  Wissen Sie, diese Ehre erweise ich Ihnen nicht.

Mischa:  Das ist aber sehr bedauerlich …

Tschepurnoi  atmet erleichtert auf:  Ja, sehr bedauerlich … Geht in den Garten.

Mischa  sieht ihm verächtlich nach:  Der Flegel! Ein echter Viehdoktor!

Fima:  Sehen Sie! Nicht einmal sprechen will er mit Ihnen!

Mischa:  Weißt du, Fimuschka, was ich dir antun kann?

Fima:  Nichts …

Mischa:  Sieh mal, ich kann zur Anzeige bringen, daß du mir den Ring, den ich dir geschenkt habe, gestohlen hast … Der Gehilfe des Polizeimeisters ist ein Bekannter von mir …

Fima:  Damit kannst du mich nicht schrecken! Der macht mir den Hof, der Herr Gehilfe!

Mischa:  Umso schlimmer für dich … Nein, Fima, ich scherze nur. Wollen wir ernsthaft miteinander reden: Fünfundzwanzig und eine Wohnung - abgemacht?

Fima:  `Gehen Sie fort - ich bin ein anständiges Mädchen …

Mischa:  Eine Närrin bist du … das ist alles! Hör mal! - ich habe einen Freund, er heißt Sotikow, und ist hübsch und reich … soll ich dich mit ihm bekannt machen.

Fima:  Zu spät! Er hat mir schon zweimal geschrieben … äh?

Mischa  ärgerlich:  Lügst du nicht? Ach, der Schuft! Nun, es gibt eben Gemütsmenschen! So eine Gemeinheit … pfui! Du, Fima, bist aber ein Prachtmädel … Ich würde dich heiraten, wenn ich nicht eine Reiche nehmen müßte …

Fima  flüsternd:  Die Herrschaft kommt … Aus dem Garten treten Lisa und Tschepurnoi hervor.

Lisa  zu Mischa:  Sie wünschen?

Mischa:  Ich habe Ihrem Dienstmädchen eingeschärft, daß sie chemische Flüssigkeiten nicht aus dem Fenster in den Garten gießen soll … Die Gartenpflanzen leiden darunter, und gerade jetzt ist's gefährlich: die Cholera, sagt man, kommt. Haben Sie nichts davon gehört?

Tschepurnoi:  Auf Wiedersehen, junger Mann!

Mischa:  Ich habe die Ehre. Schnell ab.

Lisa  geht auf die Terrasse:  Hat der ein freches Gesicht …

Tschepurnoi:  Der Kollege will lebende Materie herstellen - wozu? Hier ist welche … na, und was für eine … Oder ich, zum Beispiel … ich bin auch lebende Materie, und welchen Sinn habe ich?

Lisa:  Sie sind heute so schwermütig … Kommen Sie, wir wollen unsere Partie beenden … Setzen Sie sich. Ich habe 6, 23. Lotto.

Tschepurnoi:  Und ich 10, 29.

Lisa:  Ich begreife nicht … 8, 31 … Sie sind so gesund und stark …

Tschepurnoi:  7, 36.

Lisa:  Sie interessieren sich für nichts und tun nichts … 5, 36 … Jetzt, wo das Leben eine so tragische Note bekommt, der Haß überall wächst, und es wenig Liebe gibt -

Tschepurnoi:  36? - 10, 41.

Lisa:  Sie könnten so viel hineintragen in dieses Leben durch Ihre Arbeit - durch gute, vernünftige Arbeit … Ich habe 8, 44.

Tschepurnoi:  Ich habe schon vierzig Jahre hinter mir … und 7, also 48.

Lisa:  Vierzig Jahre? Kinderspiel … 10, 54.

Tschepurnoi:  Und Sie haben mich verdorben … 3, 51.

Lisa:  Ich? Ich sollte Sie verdorben haben?

Tschepurnoi:  Ja … Sie alle … Ihr Bruder … Jelena Nikolajewna … Sie …

Lisa:  8 … Ich bin zu Ende … Wollen wir noch eine Partie spielen? Aber nicht laut zählen, das stört die Unterhaltung … Erklären Sie mir lieber, wodurch wir Sie verdorben haben?

Tschepurnoi:  Wissen Sie, bevor ich Sie kennenlernte, lebte ich mit großer Neugier …

Lisa:  Mit Interesse?

Tschepurnoi:  Nun ja, mit Neugier … Ich wollte alles wissen. Sah ich ein neues Buch - so mußte ich es lesen, um zu sehen, was an ihm, außer dem Umschlag, neu war. Wurde ein Mensch auf der Straße geprügelt - blieb ich stehen, um zu sehen, ob er auch kräftige Prügel bekäme, manchmal fragte ich sogar, warum man ihn prügelte, und mit großer Neugier habe ich auch auf der Tierarzneischule studiert …

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