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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Die ausgetrocknete Schnur teilte sich in feinen Staubwolken, sobald das Messer damit in Berührung kam, und das spröde Leinentuch brach weg. Darunter entfaltete sich ein verblichenes Banner aus Nesselgarn mit dem Wappen seiner Sippe, einem rennenden weißen Hengst auf einer grünen Fläche über drei blauen Wellenlinien. Im schwindenden Tageslicht sah es eher nach einem grauen Hengst aus, der über grauen Linien auf einer grauen Fläche dahingaloppierte und sich im Nebel zu verlieren drohte. Dieses Mal brachte Wenzel Fara dazu, das Banner entgegenzunehmen. Er flüsterte Worte, die Ingrey kaum hören und noch viel weniger verstehen konnte, doch Ingrey fühlte, wie eine neue, düstere Strömung zwischen den beiden entstand. Die zum Schweigen gebrachte Fara drückte das Rückgrat durch und hob das Kinn. Nur in ihren Augen zeigte sich noch ein Abgrund hilflosen Grauens.

Rossfluten reichte Ingrey die Zügel seines Pferdes und griff selbst nach dem Zaumzeug von Faras Tier. Diesmal ging er zu Fuß voran und bewegte sich auf seltsam gewundenen Pfaden zwischen den gelben Grasbüscheln umher. Ingrey erkannte auch warum, als sie an einer trügerischen, dunklen Stelle vorüberkamen — tückische Sumpflöcher, die für die schweren Schritte eines Pferdes fatal sein mussten. Er achtete darauf, sein Reittier genau dort entlangschreiten zu lassen, wo auch der Graf sich seinen Weg gesucht hatte.

Trotz der Feuchtigkeit, die aus dem Morast aufstieg, war die Wärme des Tages noch immer in der Luft zu spüren. Dann aber kroch ihnen der Schatten des Waldes entgegen, der im Schatten der untergehenden Sonne lang geworden war. Als sie in diese Finsternis traten, machte die plötzliche, beißende Kälte ihre Atemzüge als bleiche Wolken sichtbar.

Sie näherten sich einer vor dem Wald gelegenen Eiche, und die Bezeichnung »Der Wehe Wald« schien Ingrey nun gleich in doppelter Hinsicht gerechtfertigt. Der Baum war alt und riesig, wirkte jedoch verkümmert. Die Blätter, die sich immer noch an seinen welken Zweigen festklammerten, waren nicht braun, vertrocknet und eingerollt, sondern schlaff, geschwärzt und missgestalt. Stamm und Äste wirkten verknotet und verdreht, weit mehr, als es für eine Eiche natürlich erschien, so verdrillt wie ein ausgewrungener Lumpen, und aus wulstigen Geschwüren nässte eine kränkliche, schwarze Flüssigkeit.

Ein Krieger trat von dem Baum fort. Nicht unter dem Baum hervor oder um ihn herum: Er trat aus dem Stamm selbst wie durch einen Vorhang. Seine Rüstung aus gehärtetem Leder war mürbe vom Alter. Von seinem Speerschaft, auf den er sich stützte wie auf eine Krücke, hing ein Tierfell als nicht mehr erkennbarer Fetzen herab. Sein blonder Bart war von getrocknetem Blut verkrustet, und er trug noch immer die Wunden, an denen er gestorben war: Ein Ohr fehlte, Risse von Axthieben klafften im Brustpanzer, und eine abgetrennte Hand hatte er sich mit einem Stofffetzen an den Gürtel gebunden. Ein Dachspelz war mit dem Schädel an seiner rostigen Eisenhaube festgemacht und starrte mit ausgetrockneten Augen ins Leere. Das schwarz-weiße Fell hing dem Krieger in den Nacken und schlenkerte umher, als er langsam den Kopf drehte und die drei Neuankömmlinge eingehend musterte.

Erst jetzt erkannte Ingrey, dass sie irgendwann während ihres Marsches durch den Sumpf die Grenzen zwischen der ihm bekannten Welt und einer anderen überschritten hatten, eine Welt, in der solche Anblicke möglich waren. Die Überschneidungen dieses Ortes mit der materiellen Welt waren trügerisch. Auch Fara war in seine Vision mit einbezogen. Ihr Körper blieb steif emporgereckt, ihr Gesicht ausdruckslos, doch aus ihren Augenwinkeln lief ihr ein feiner, feuchter Schimmer übers Gesicht. Ingrey entschied, Rossfluten nicht darauf aufmerksam zu machen, damit er seiner Frau die Tränen nicht ebenso nahm wie die Stimme.

Der Krieger nahm Haltung an und beschrieb mit seinem handlosen Stumpf das Zeichen der fünf Götter, berührte die Stirn, den Mund, Bauchnabel, Leiste und Herz, auch wenn er dabei nicht die Finger ausbreiten konnte. »Geheiligte Majestät, endlich seid Ihr gekommen«, sagte er zu Rossfluten. Seine Stimme war wie das Ächzen von Ästen bei heftigem Wind. »Lange haben wir gewartet.«

Rossflutens Antlitz hätte aus Holz geschnitzt sein können, doch in seinen Augen stand eine bodenlose Finsternis. »O ja«, sagte er leise.

Kapitel Dreiundzwanzig

Hinkend und auf ihren Speer gestützt ging die Wache ihnen voran. Rossfluten führte immer noch Faras Pferd am Zaumzeug, und sie umklammerte krampfhaft den Schaft der Standarte. Das Zittern der Stange und das Schaukeln des Pferdes waren die einzigen Bewegungen, die das schlaff herabhängende Banner in diesem atemlosen Zwielicht in Bewegung versetzte. Ingreys Pferd schnaubte und brach seitlich aus, und das Tier, das er hinter sich herführte, zerrte am Zügel und stemmte mit rollenden Augen die Hufe in den Boden. Ingrey gefiel es nicht, beide Hände voll zu haben, mit den Zügeln seines eigenen Pferdes und denen des anderen. Er stieg ab und ließ die Tiere frei. Sie fuhren herum und jagten wieder zurück vor den Baum; dann, zu müde, um weiterzulaufen, ließen sie die Köpfe sinken und rupften am zähen Gras. Ingrey wandte sich ab und lief hinter dem Banner des Geheiligten Königs her.

Als sie den Waldrand erreichten, traten noch mehr Geister aus den Bäumen. Sie waren ebenso übel zugerichtet wie ihr Wachposten, oder noch schlimmer. Die meisten waren enthauptet worden und trugen ihre Köpfe auf andere Weise bei sich, teilweise immer noch in den Helmen: Manchmal waren sie mit Riemen oder den Haaren an den Gürtel gebunden, manchmal unter den Arm geklemmt oder in behelfsmäßigen Tragetaschen aus Seilen oder Lumpen über der Schulter getragen. Ingrey brauchte eine Weile, bis er den Blick von den Wunden lösen und auch andere Einzelheiten wahrnehmen konnte: Zierrat, Waffen oder Kleidung, die auch die Zugehörigkeit zur Sippe verriet. Schau die Dinge, die ich mir ausgesucht habe; daran kannst du mich erkennen, riefen sie stumm, all die Gürtel, Halsketten, Felle und Schädel und Pelz über Pelz von all den Totemtieren, deren Stärke sie sich nutzbar zu machen hofften. Überall stachen verblasste Stickereien hervor, an Kragen, Wehrgehängen, an Mantelsäumen oder bestickten Armbändern. Meine Frau hat das gemacht, meine Tochter, meine Schwester, meine Mutter. Sieh die aufwendigen Muster, die ineinander greifenden Farben. Einst war ich geliebt.

Ein hoch gewachsener Krieger, dessen Kopf immer noch am halb durchtrennten und von einer dunklen Blutkruste umsäumten Hals hing, schob sich dicht neben Ingrey. Er trug ein dichtes Wolfsfell über der Schulter und starrte Ingrey mit einer solchen Verwunderung an, als wäre dieser der Geist und er selbst der Lebende. Er streckte eine Hand aus, und Ingrey zuckte im ersten Moment zurück. Dann aber biss er die Zähne zusammen und erduldete den Kontakt. Es war mehr als nur ein Lufthauch, aber weniger als eine fleischliche Berührung und ließ eine feuchte Kälte auf der Haut zurück.

Weitere Krieger in Wolfsfellen versammelten sich um Ingrey; auch eine Frau erschien, grauhaarig und untersetzt, deren zerfetztes Kleid mit umeinander geschlungenen Streifen aus grauem Pelz verziert war. Die goldenen Reifen, die sie um die Arme trug, liefen an den Enden in zierlichen kleinen Wolfsköpfen mit Granataugen aus. Einige dieser Krieger könnten meine eigenen Ahnen sein, erkannte Ingrey. Und das traf nicht nur auf die Angehörigen der Wolfengrund-Sippe zu: In seinen Adern floss auch das Blut vieler Mütter, die aus anderen Sippen eingeheiratet hatten. Der Gedanke, der Eindringling auf einem Friedhof zu sein, hatte ihn beunruhigt. Doch der Verdacht, dass diese geisterhaften Krieger die Aufregung von Großeltern zeigten, die zum ersten Mal ein Kind erblickten, das sie nie zu sehen gehofft hätten, schmetterte ihn schier zu Boden. O Ihr fünf Götter, helft mir, helft mir, helft mir … wobei?

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