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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Rossfluten lehnte es sorgsam gegen eine große Kiefer, gestützt und geborgen von einigen ausladenden, tieferen Zweigen. Dann streckte er sich und ließ sich mit überkreuzten Beinen auf eine Lagerstatt fallen. Ingrey tat es ihm gleich und fand sich zwischen Rossfluten und der Prinzessin wieder. Ingreys Blick wurde erneut zu dem Bündel hingezogen. »Es lässt mir … Es liegt irgendein Zauber darauf, Majestät.« Um ehrlich zu sein, verursachte es ihm eine Gänsehaut.

In einer Art Befriedigung leckte Rossfluten sich die Lippen. »Gut, mein schlaues Wölflein. Wenn du so klug bist, hast du dann inzwischen auch herausgefunden, was für eine andere Aufgabe der Bannerträger sonst noch hatte?«

»Hä?«, erwiderte Ingrey. Verdrießlich dachte er darüber nach, dass der Graf ihn offenbar am liebsten als Dummkopf dastehen ließ, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, ihn in die Irre zu führen oder in Schrecken zu versetzen.

»Und doch hast du Boleso geläutert, was keine einfach Aufgabe war«, fuhr Rossfluten nachdenklich fort. »Ich werde allmählich die Versuche müde, deinen Verstand zu hüten, aber vielleicht zahlt es sich am Ende ja doch noch aus.« Er warf einen Seitenblick auf Fara, als wolle er sicherstellen, dass sie zuhörte. Das erweckte Ingreys Aufmerksamkeit, denn bisher hatte Wenzel es vermieden, sie anzusehen oder mit ihr zu sprechen, von direkten Befehlen abgesehen.

»Die Bannerträger durchschneiden die Kehlen ihrer Kameraden, die zu schwer verletzt sind, um noch vom Schlachtfeld geborgen werden zu können, habt Ihr gesagt«, warf Ingrey ein. Eine solche Pflicht war grausig genug, aber Ingrey war plötzlich überzeugt davon, dass noch mehr dahinter steckte.

Rossfluten holte tief Luft. »Die Seele eines getöteten Totemkriegers muss geläutert werden, bevor sie zu den Göttern gehen kann. Aber bei einem Krieger war es sehr wahrscheinlich, dass er in der Schlacht ums Leben kam, wenn wenig Zeit blieb für die angemessenen Riten und oft genug nicht einmal die Möglichkeit bestand, den Leichnam zu bergen. Und wenn selbst die Verwundeten zurückgelassen werden müssen, dürfte es den Toten nicht besser ergehen.

In der Welt der Materie kann nichts Spirituelles existieren, ohne dass es von lebender Materie genährt wird. Ich bin mir sicher, diesen Glaubenssatz hat man dich gelehrt. Und damit die Seele eines Kriegers nicht als verlorener Geist dahintreiben muss und der Verdammnis anheim fällt, musste der Bannerträger — oder die Bannerträgerin — sie als Heimsuchung an sich binden. Auf diese Weise konnte man die Seele vom Schlachtfeld tragen, um sie bei passender Gelegenheit vom Schamanen seiner Sippe läutern zu lassen. Oder notfalls auch von einem anderen Schamanen, der gerade zur Hand war.«

»Bei den fünf Göttern«, hauchte Ingrey. »Kein Wunder, dass die Bannerträger stets so verzweifelt verteidigt wurden.« Und war es etwa eine Variante dieses uralten Brauches gewesen, mit der Wenzel Ijada an ihn gebunden hatte?

»Allerdings, denn sie trugen die Hoffnungen sämtlicher getöteter Verwandter auf den Eingang ins Himmelreich mit sich. Deshalb hatte auch jede kämpfende Einheit, die von Totemkriegern geführt wurde oder solche beinhaltete, einen geweihten Bannerträger bei sich. Was nun den Bannerträger des Geheiligten Königs angeht …« Rossfluten verstummte, straffte die Schultern und fuhr fort: »Er erfüllte dieselbe Pflicht für die Seele seines Herrn, wenn der Geheiligte König an einen Tiergeist gebunden war. Nicht alle Geheiligten Könige waren auf diese Weise ausgezeichnet, auch wenn das auf viele zutraf, vor allem in unruhigen Zeiten.

Doch ob der Herrscher nun ein Totemkrieger war oder nicht, der Bannerträger des Geheiligten Königs hatte noch eine weitere heilige Aufgabe zu erfüllen, und das nicht nur, wenn sein Herr in einer unglücklich verlaufenden Schlacht fiel. Obwohl man natürlich davon ausgehen kann, dass eine Schlacht ziemlich unglücklich verlief, wenn der Geheiligte König auf dem Schlachtfeld erschlagen wurde. Wasser.« Wenzel leckte sich die trockenen Lippen und starrte auf seinen Schoß. Sein Rücken beugte sich wieder.

Ingrey schaute zu den aufgestapelten Bündeln, entdeckte einen schlaffen Wasserschlauch und brachte ihn dem Geschichtenerzähler. Wenzel legte den Kopf in den Nacken und trank in tiefen Zügen, ohne sich darum zu kümmern, wie abgestanden das Wasser war. Dann seufzte er und stützte sich auf eine Hand, als würde die Last dieser Geschichte ihn allmählich zu Boden drücken.

»Die Pflicht des königlichen Bannerträgers war es, beim Tod seines Herrn das geheiligte Königtum aufzufangen und zu behüten, bis es an der Zeit war, es auf den rechtmäßig erwählten Erben zu übertragen. Und so wurde dieses machtvollste Werk wealdischer Magie von Generation zu Generation weitergereicht, von uralten Zeiten bis … heute.«

»Der letzte Hirschendorn-König hatte keinen Bannerträger mehr, als er vorgestern starb«, stellte Ingrey fest. »War das Euer Werk?«

»Eine von mehreren notwendigen Vorkehrungen, von denen jede einzelne gar nichts ausgerichtet hätte. Ja«, murmelte Wenzel. »Wenn ein echtes Interregnum leicht herbeizuführen wäre, hätte es schon aus purem Zufall früher eines gegeben, das kann ich dir versichern. Oder auch mit Absicht.«

Er verzog das Gesicht, holte tief Luft und fuhr fort: »Aus Tradition und Notwendigkeit hatte der königliche Bannerträger verschiedene wichtige Eigenschaften. Er — oder sie«, wieder blickte er Fara eindringlich an, »gehörte für gewöhnlich derselben Sippe an wie der König und war diesem durch Blutsverwandtschaft eng verbunden, auch wenn es nicht unbedingt der Erbe sein musste. Er wurde vom König ausgewählt und vom königlichen Schamanen an seine Aufgabe gebunden — vom König selbst, wenn dieser ein Schamane war —, und er wurde von den Totemkriegern in der Versammlung der Sippen bestätigt. Und so haben wir hier alles versammelt, was nötig ist, um einen weiteren königlichen Bannerträger zu ernennen, wenn auch aufs Notwendigste beschränkt. Auch wenn es zugegeben an Zeremoniell fehlen wird. Nicht mit einem Lied, sondern schweigend soll die letzte königliche Bannerträgerin des Alten Weald an der Seite ihres geliebten Herrn reiten.« Aus seinem Seitenblick auf Fara sprach nun die düsterste Ironie.

Ihre zusammengebissenen Zähne lösten sich, und sie wollte etwas sagen, doch Wenzel hob die Hand. Seine Lippen bewegten sich stumm. Diesmal konnte Ingrey fühlen, wie der Bann sich wie ein Knebel um Fara wand und von ihrer eigenen Furcht und ihrem Zorn festgezurrt wurde. Sie bewegte die Lippen, schloss sie, presste sie aufeinander; doch ihre Augen loderten.

»Wofür?«, flüsterte Ingrey. Denn er erklärt uns das nicht ohne Grund, so viel ist sicher. Rossfluten bildete ihn nun schon seit Tagen aus, wie er im Rückblick erkannte.

Wenzel kauerte sich zusammen, zögerte und stieß sich dann mit einem schmerzerfüllten Ächzer empor. Er wandte den Kopf ab und spuckte einen Klumpen blutigen Schleims in die Düsternis. Der Geruch nach Eisen stach Ingrey in die Nase. Der Graf blickte durch die heranziehende Dämmerung zu den Knechten hinüber, die inzwischen mit den Pferden fertig geworden waren und zaghaft näher kamen. »Wir brauchen ein Feuer. Und etwas zu essen, nehme ich an. Ich hoffe, sie haben genug mitgebracht. Wofür? Das wirst du bald genug sehen.«

»Kann ich erwarten, dass es ich überlebe?« Ingrey schaute zu Fara hinüber. Wir beide?

Wenzels Mundwinkel zuckten nach oben. »Meinetwegen.« Er ging davon und verschwand in den harzduftenden Schatten zwischen den Bäumen.

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