Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Ingrey war nicht sicher, ob das Letzte als Vorhersage gemeint war oder nur als Erlaubnis.
Ingrey wurde am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang von Rossfluten persönlich geweckt, der neues Holz auf das Feuer warf und es zu einer hellen Flamme auflodern ließ. Sie alle hatten in der Reisekleidung von gestern geschlafen, und anscheinend blieb es den Knechten überlassen, das Lager abzubauen und mit den erschöpften Pferden wieder nach Hause zu reiten. Also gab es für Ingrey und Fara wenig zu tun, außer sich aufzusetzen, die Stiefel anzuziehen und das altbackene Brot zu essen, zusammen mit dem Käse und den zum Glück heißen Getränken, die man ihnen in die Hand drückte.
Ingrey stellte fest, dass die stämmigen Pferde auch nur leicht beladen waren. Die Satteltaschen enthielten Nahrungsmittel für vielleicht einen Tag, einschließlich einigen Maß Korn für die Tiere selbst. Doch ein Großteil der Kleidung zum Wechseln und sämtliche Annehmlichkeiten, hauptsächlich aus Faras Besitz, hatte man aussortiert. Es waren auch keine Decken oder sonst etwas dabei, das man für ein weiteres Lager verwenden konnte. Die Schlussfolgerungen aus diesen fehlenden Gepäckstücken beunruhigten Ingrey, ein Unbehagen, das er der mit Stummheit geschlagenen Prinzessin nicht anvertraute.
Durch den Nebel, der in der Nacht vom Wald aufgestiegen war und die Welt in feuchtes Schweigen hüllte, sickerte bereits graues Licht. Fara erschauderte in der klammen Kälte, als Ingrey ihr aufs Pferd half — ein robuster kleiner Rappe mit kurz geschorener Mähne und weißen Socken. Rossfluten verstaute sein Banner ein wenig unbeholfen längs des Pferdes, unter dem Seitenblatt des Sattels, sodass er das Bein darüber legen konnte. Er stieg auf und forderte sie mit einem Wink zum Aufbruch auf — schweigend, wie er es versprochen hatte. Ingrey blickte zu den Pferdeknechten zurück. Der Ältere stand steif da und blickte besorgt drein, der Jüngere kroch bereits wieder unter eine der zurückgelassenen Decken, um noch ein wenig Wärme und Schlaf zu ergattern.
Rossfluten führte sie zu einer Lücke zwischen den Hügeln empor, erst auf einem Weg, dann auf einem Pfad und schließlich auf Wildwechseln. Ingrey, der als Letzter ritt, wich zurückschlagenden Ästen aus. Zweige kratzten wie Fingernägel über seine Lederkleidung, während der Bewuchs immer dichter zusammenrückte. Die Hufe der Pferde knirschten auf den herabgefallenen Blättern, und mitunter gerieten sie auf den darunter liegenden, schwarz verrotteten Überresten vom letzten Jahr ins Rutschen und ließen feuchten Modergeruch aufsteigen.
Als der Tag weiter voranschritt, hob sich der weiche Dunstvorhang, und die Buchenstämme traten in deutlichen Umrissen hervor, als hätte der Nebel sich zu fester Baumrinde zusammengeballt. Und dann, als der Himmel sich blassblau über ihnen wölbte, wurde es heiß. Stechende Gnitzen fielen über die Reiter und ihre Tiere her, sodass sich unter das gleichförmige Auf und Ab über dem unebenen Gelände ein gelegentliches schrilles Wiehern und Buckeln mischte, als die Insekten die Pferde plagten.
Als Wenzel sie in eine Schlucht führte, die schließlich vor einer Felswand endete und ihnen keine andere Wahl ließ, als umzukehren, wurde Ingrey sich bewusst, dass Rossfluten sich auch seinen Weg suchen musste. Wie gut er dieses Land auch gekannt hatte, inzwischen hatte es sich auch für ihn bis fast zur Unkenntlichkeit gewandelt. Sie kehrten um und kämpften sich stattdessen über den gegenüberliegenden Berggrat.
Rossfluten trieb sie langsam, aber unerbittlich weiter voran.
Nach einem stundenlangen, strapaziösen Ritt, als die Sonne schon hoch über ihren Köpfen stand, machten sie endlich an einer klaren Quelle Halt und gönnten sich und den Pferden ein wenig Nahrung, Wasser und Ruhe. Gelbe Blätter segelten durch das gefilterte Licht wie gebrochene Versprechen und blieben auf der schimmernden Oberfläche des Teiches liegen. Noch waren nicht alle Blätter gefallen, und die Aussicht ringsum war immer noch halb vom Laubwerk der Bäume versperrt. Rossfluten stieg zu einem höheren Punkt auf und blickte sich eine Zeit lang um. Was immer er dort sah, schien ihn zufrieden zu stellen, denn schließlich kehrte er zurück und ließ sie wieder aufsitzen.
Wir sind auf Ijadas Land, erkannte Ingrey. Er war sich nicht sicher, wann sie die Grenzen zu ihren Erbgütern überschritten hatten; möglicherweise schon unmittelbar nach ihrem letzten Nachtlager. Plötzlich betrachtete er die Gegend mit neuem Interesse und war fast bereit, sogar die Gnitzen zu entschuldigen. Ausgedehnte Ländereien brachte nicht ganz die Stimmung zum Ausdruck, die sich beim Betrachten einstellte, obwohl Ingrey zu dem Ergebnis kam, dass die Ausdehnung dieser Ländereien durchaus einer kleinen Grafschaft entsprechen mochte. Allerdings war das Land zu einer unzugänglichen, steinigen Wildnis zusammengefaltet; eine Schönheit, die einem eher den Atem verschlug als das Auge zu beruhigen. Ja, das ist Ijada.
Er tastete in seinem Geist nach der Lücke, die sie hinterlassen hatte, wie man mit einer Zunge die wunde Lücke eines gezogenen Zahnes erfühlen mochte. Doch alles, was er fand, war die brennende Gegenwart von Rossfluten, der wie eine Entzündung diese Lücke befallen hatte. Gemeinsam einsam, so erschien ihm dieser wortkarge königliche Umzug aus drei Personen. Gottverlassen.
Die Sonne sank schon wieder dem westlichen Horizont entgegen, als sie schließlich durch eine weitere Lücke zwischen Hügeln emporstiegen, sich dahinter nach links wandten und unvermittelt auf einem Felsvorsprung standen. Sie zügelten die Pferde und starrten.
Zwei unregelmäßig gewellte, steile Berggrate umschlossen ein Tal von vielleicht vier Meilen Länge und zwei Meilen Breite. Am anderen Ende kamen sie in einem Bogen aufeinander zu und schlossen das Tal dort ab wie mit einer Mauer. Der Talgrund war so flach wie die Oberfläche eines Sees. Am vorderen Ende, unmittelbar zu ihren Füßen, lag ein fahler Wiesenstreifen und gelbes Ried, ein halb ausgetrockneter Sumpf. Dahinter erhoben sich ein paar vereinzelte, knorrige Eichen wie Wachposten, hinter denen sich ein düsterer, verfilzter Eichenwald dehnte. Selbst jetzt, wo die Hälfte des Laubes gefallen sein musste und mit der sinkenden Sonne dahinter, waren die Schatten für Ingreys Auge undurchdringlich. Er zuckte vor den Ausdünstungen des Leidens zurück, die selbst von hier aus noch spürbar von den Bäumen aufzusteigen schienen.
Bestürzt sog er die Luft ein; dann wandte er sich ab und stellte fest, dass Rossfluten ihn beobachtete.
»Du spürst es, nicht wahr?«, fragte der Graf wie beiläufig.
»Ja.« Was fühle ich da? Hätte Ingrey ein Fell besessen, hätte sich ihm jedes Haar aufgestellt.
Rossfluten stieg ab und löste das Banner unter dem Sattelblatt. Er musterte seine Frau, kurz und ohne Wohlgefallen. Fara erwiderte den Blick aus weit aufgerissenen Augen und mit herabhängenden Schultern; dann blickte sie zu Boden und erschauderte. Rossfluten schüttelte den Kopf in einer Geste, die Abscheu hätte ausdrücken können, wäre sie leidenschaftlicher gewesen. Dann trat er zu Ingrey und reichte ihm den Schaft.
»Trag das für eine Weile. Ich will nicht, dass es verloren geht.«
In Ingreys linkem Steigbügel war eine kleine metallene Ausbuchtung, in der man einen Speer auflegen konnte. Er hielt das Banner aufrecht und drückte den Schaft in diese Auflage; dann ergriff er mit der Rechten die Zügel. Das Pferd war inzwischen viel zu müde, um ihm noch Schwierigkeiten zu bereiten. Rossfluten stieg wieder auf, wendete sein Tier und winkte ihnen zu folgen.
Im Zickzack stiegen sie von der Felsnase herab und bewegten sich zwischen spärlicheren Bäumen hindurch. Unten im Tal war Ingrey gezwungen, abzusteigen, Rossfluten das Banner zu reichen und das Schwert zu ziehen, um ihnen einen Weg durch mannshohes, dürres Brombeergestrüpp zu hacken, das nicht bloß Dornen, sondern wahre Reißzähne zu haben schien. Einige der zurückpeitschenden Äste durchschlugen sogar seine Ledersachen, und aus den Stichen und Kratzern stäubten feine Blutströpfchen, während er sich den Weg freikämpfte. Auf der anderen Seite, am Rand des ausgetrockneten Sumpfes, stieg Rossfluten wieder ab und entfaltete endlich das Banner.