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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Sie hatten zumindest vier Stunden verloren, vielleicht sogar mehr, als sie endlich ihrem nächsten Haltepunkt entgegenstolperten. Nicht genug. Aber es ist ein Anfang.

Als sie die Nebenstraße verließen und eine schmuddelige, ärmliche Ansiedlung erreichten, die kaum die Bezeichnung »Weiler« verdiente, hatte Ingrey noch weitere zwei Stunden zu seiner Liste hinzugefügt. Ein verrottender Palisadenzaun schien kaum geeignet, den Ort vor wilden Tieren zu schützen, geschweige denn vor böswilligen Menschen. Die Sonne ging bereits unter. Rossfluten blickte unwillig zwischen den Bäumen hindurch auf den letzten gelblichen Schimmer.

»Heute Abend können wir nicht weiter. Der Mond wird nicht vor Mitternacht aufgehen«, stellte er mit zusammengebissenen Zähnen fest. »Und aus demselben Grund werden wir nach dem nächsten Wechsel der Reittiere nicht vor dem nächsten Sonnenaufgang aufbrechen können, wollen wir nicht im Finstern durch die weglosen Berge irren. Wir haben einen ganzen Tag verloren. Nutzt diese Pause. Ihr werdet sie brauchen.«

Wenzel bewegte sich gleichgültig durch eine Umgebung, die Fara zurückschrecken ließ. Eine schlampig und fahl wirkende Frau ohne Zähne und mit beinahe unverständlicher Aussprache war zu ihrer Bedienung abgestellt worden, und Fara war davon so aus der Fassung gebracht, dass sie sich stattdessen von Ingrey aushelfen ließ. Er selbst legte sich schließlich nur mit einer Decke zum Schlafen nieder, vor dem Durchgang zu ihrem Gemach, der anscheinend nur von einem zerfledderten Vorhang geschützt war. Fara hielt das für höfische Hingabe, und Ingrey erklärte ihr nicht, dass er damit nur dem ungezieferverseuchten Strohsack zu entkommen versuchte, den man ihm als Lager angeboten hatte. Wenn Wenzel schlief, so konnte Ingrey nicht feststellen, wo.

Trotz der armseligen und improvisierten Unterkunft erhoben er und Fara sich erst spät am folgenden Morgen, erschöpft an Leib und Seele. Ohne Eile, aber auch ohne unnütze Verzögerungen führte Wenzel sie erneut auf die abgeschiedene Straße, die stellenweise kaum mehr als ein Pfad war und an den Rabenbergen entlangführte, die sich nun zu ihrer Rechten erhoben.

Die Rabenberge waren zerklüftet, aber nicht hoch. An den grünbraunen Hängen entdeckten sie weder späten noch frühen Schnee, obwohl hier und dort eine jäh emporstrebende Felswand in der Sonne glänzte und an eine Eisfläche denken ließ. In ihrer Abfolge von Graten und Tälern waren die Berge so zerknittert wie eine Decke, durchzogen von steil abfallenden Schluchten und unzugänglichen Orten. Der Herbst hatte das sommerliche Grün dieses Landstrichs zu Gold und Braun werden lassen, durchzogen mitunter von scharlachroten Spritzern wie von blutigen Schwertwunden, gesäumt von dunkelgrünen Kiefern- und Fichtenwäldern. Hinter den ersten Steigungen konnte man gelegentlich durch eine Lücke in den Bergrücken die buckligen Reihen in einer dunstig-blauen Ferne verschwinden sehen, die nur unvollständig mit dem Horizont verschmolz, als würden diese Hügel in irgendeine grenzenlose Anderswelt hinübermarschieren.

Ingrey fragte sich, wie in aller Welt Audar der Große es je geschafft hatte, eine Armee in Eilmärschen durch diese Gegend zu führen. Sein Respekt für den alten Darthacer wuchs, ungeachtet all dessen, was daraus gefolgt war. Auch wenn Audar auf die übernatürliche Ausstrahlung der Geheiligten Könige hatte verzichten müssen, denen er entgegengetreten war, so musste seine Führung es doch geschafft haben, Leidenschaft zu wecken.

Sie waren nun auf Dachswall-Land. Ingrey wurde daran erinnert, als sie in weitem Bogen die Bergbaustadt Dachsbrücken umgingen, die in einem plötzlich belebten Flusstal gelegen war, das wie eine grüne Speerspitze in die Berglande ragte. Rauch stieg auf und fügte sich in den herbstlichen Dunst, sowohl von der Stadt selbst wie auch von einigen Schmelzen weiter oben im Tal. Er fragte sich, wo hier wohl Ijadas Stieffamilien lebte. Der fünfflügelige Tempel, eine wuchtige Konstruktion aus Holzbalken, ragte über die Stadtmauern hinaus und war aus der Ferne deutlich zu erkennen.

Eine Zeit lang folgten sie einer breiteren Straße, bis sie an einer Brücke dicht oberhalb der Stadt den Fluss kreuzten. Unter den Brückenbögen trieben Gebinde aus Bauholz und einige Fässer im steinigen Strom, von geschickten Männern und Jungen mit Stangen auf Kurs gehalten. Sie überholten Karren, dahertrottende Bauern mit ihren Tieren und lange Kolonnen schwer beladener Maultiere. Rossfluten trieb sie weiter, ohne hier eine Pause einzulegen. Er wandte sich flussauf, missachtete eine bedeutendere Nebenstraße und stieß dann wieder auf einem schmaleren Pfad direkt nach Westen in die Wälder vor.

Mit einem Blick auf den Lauf der Sonne legte Rossfluten für eine Weile ein noch schärferes Tempo vor, aber als der Weg noch schmaler wurde, musste er sich vorsichtiger bewegen. Die Pferde kämpften sich die immer steileren Hänge empor und rutschten auf der anderen Seite wieder hinunter. Aber es ging mehr bergauf als bergab, und schließlich bogen sie nach rechts ab und folgten einem schwach ausgeprägten Trampelpfad über einen Anstieg und dahinter in eine verborgene, bewaldete Senke.

Hier wartete kein Weiler auf sie, nicht einmal ein Bauernhaus, sondern nur ein einfacher Lagerplatz. Als sie herankamen, sprangen zwei Reitknechte auf und liefen ihnen entgegen, um sich der Pferde anzunehmen. Zwischen den Bäumen standen die üblichen drei Ersatztiere: gedrungene, kräftige Gäule diesmal, nicht die langbeinigen Rassepferde, die Rossfluten auf den Straßen bevorzugt hatte. Die erschöpfte Fara stieg nur langsam ab. Sie bewegte sich steif und blickte bestürzt auf ihren nächsten vorgesehenen Wohnsitz: eine Reihe einfacher Deckenlager im Schutz einiger Tannen, sogar noch dürftiger als die armselige Hütte vom Vortag. Wenn sie je zuvor während einer königlichen Jagd im Freien gelagert hatte, so ganz gewiss in ausladenden Zelten aus feinster Seide, umgeben von fürsorglichen Zofen und allen nur denkbaren Bequemlichkeiten. Hier war ganz offensichtlich jede andere Erwägung den Erfordernissen von Geschwindigkeit und Zweckmäßigkeit untergeordnet. Wir reisen nun mit leichtem Gepäck, und wir werden uns nicht lange hier aufhalten.

»Hast du es mitgebracht?«, wollte Rossfluten vom älteren der Knechte wissen.

Der Mann schlug ehrerbietig die heilige Geste und senkte das Haupt. »Ja, Herr.«

»Hol es.«

»Ja, Herr.«

Der krummbeinige Knecht überließ die Pferde seinem jüngeren Begleiter, stapfte zum Lager und beugte sich über einen Haufen Packen. Rossfluten, Fara und Ingrey gingen hinterher. Als der Knecht sich wieder erhob, umklammerte er eine sieben Fuß lange Stange, eingehüllt in ein uraltes, brüchiges Leinentuch und mit Garn umwickelt. Als Rossfluten sie entgegennahm, seufzte er zufrieden. Er legte die Hände um die Leinenhülle und stellte die Stange aufrecht hin, das Ende neben den Stiefel in den Boden gerammt. Er drückte kurz die Stirn dagegen und schloss die Augen.

Ingrey geleitete die müde Fara zu einem der Lager und stellte sicher, dass sie sich niederlassen konnte, ohne zu straucheln. Aus verhangenen Augen blickte sie zu ihm auf, als er sich wieder Rossfluten zuwandte. Der Knecht entfernte sich, um beim Ankoppeln der Pferde zu helfen.

»Was ist das, Majestät?«, fragte Ingrey und nickte in Richtung der Stange. Was immer es war, es ließ ihm die Haare zu Berge stehen.

Rossfluten zeigte ein schwaches Grinsen, doch ohne jede Fröhlichkeit. »Der wahre König braucht sein geheiligtes Banner, Ingrey.«

»Das ist doch gewiss nicht das königliche Banner, das Ihr auf dem Blutfeld bei Euch hattet.«

»Nein, das wurde zerbrochen und in Fetzen gerissen und mit mir begraben. Dieses hier ist dasjenige, das ich trug, als ich das letzte Mal König genannt wurde, wenn auch nur von den Überresten jener treuen Sippen, die mir noch folgten, als ich Audars Garnisonen von den Grenzen zum Sumpfland aus heimsuchte. Nach meinem letzten Tod in der Schlacht wurde es eingepackt und sicher verwahrt; und später, so dachte man jedenfalls, an meinen Sohn und Erben übergeben. Das brachte mir nur wenig Trost, aber ich war trotzdem froh, es zu haben. Ich habe es zwischen den Dachsparren von Burg Rossfluten versteckt. Und dort ist es drei Jahrhunderte lang geblieben, aufbewahrt in Erwartung eines besseren Tages. Stattdessen kehrt es nun an diesem Tag zurück. Aber es kehrt zurück.«

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