Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Karim lief jetzt mehr denn je, zum Auftakt und Abschluß jeden Tages. Er übte hart und ausdauernd und nicht nur, indem er lief, er unterrichtete Rob und Mirdin außerdem im Gebrauch des persischen Krummschwerts, des scimitar.
Nach Einbruch der Dunkelheit sahen sie Karim nur selten, aber mit einem Mal forderte er Rob nicht mehr auf, ihn in die Bordelle zu begleiten. Er vertraute ihm vielmehr an, daß er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau eingegangen und verliebt sei. Dafür wurde Rob immer häufiger in Mirdins Wohnung neben der Zion-Synagoge zum Abendessen eingeladen.
Zu seiner Überraschung erblickte er auf einer Truhe in Mirdins Wohnung ein Schachbrett. »Ist das das Spiel des Schahs?«
»Ja. Kennst du es? In unserer Familie hat man es seit eh und je gespielt.«
Mirdins Figuren waren nur aus Holz, aber das Spiel war das gleiche, das Rob mit Alä Shabansha gespielt hatte, nur daß Mirdin, statt auf einen schnellen, opferreichen Sieg auszugehen, ihn behutsam unterrichtete. Bald begann Rob unter Mirdins geduldiger Anleitung die Feinheiten des Schachspiels zu begreifen.
Fünf Tagesreisen nach Westen
Aus Anatolien traf eine große Karawane ein, und ein junger Treiber kam mit einem Korb getrockneter Feigen für den Juden namens Jesse in den maristan. Der Treiber hieß Sadi, war der älteste Sohn von Debbid Hafiz, des kelonters von Schiras, und die Feigen waren ein Geschenk, das die Liebe und Dankbarkeit seines Vaters für die Kämpfer gegen die Pest bekunden sollte.
Sadi und Rob saßen beisammen, tranken Tee und aßen die köstlichen Feigen, die groß, fleischig und voller Zuckerkristalle waren. Nun wollte Sadi die Kamele wieder nach dem Osten treiben, nach Schiras, und der Heiler-Dhimmi ersuchte ihn, für seinen ehrwürdigen Vater Debbid Hafiz als Geschenk Isfahan-Weine mitzunehmen. Die Karawanen stellten die einzige Quelle für Nachrichten aus entfernten Gegenden dar, und Rob befragte den Jungen eingehend. Es hatte keine weiteren Anzeichen einer Seuche mehr gegeben. Einmal waren Seldschuken im gebirgigen Ostteil von Medien gesehen worden, aber es war nur ein kleiner Trupp gewesen, und sie griffen die Karawane - Allah sei Dank! - nicht an. Hamadhän war seuchenfrei, aber ein christlicher Ausländer hatte ein europäisches Fieber eingeschleppt, worauf die mullabs der Bevölkerung jeglichen Kontakt mit den ungläubigen Teufeln untersagten. »Wie sehen die Anzeichen für diese Krankheit aus?« Sadi Ibn Debbid zögerte.
Er wußte nur, daß sich niemand außer der Tochter des Christen in seine Nähe wagte. »Der Christ hat eine Tochter?« Sadi konnte weder den kranken Mann noch seine Tochter beschreiben, meinte aber, daß der Kamelhändler Boudi, der zur Karawane gehörte, beide gesehen habe.
Sie suchten gemeinsam den Kamelhändler auf, einen verschrumpelten Mann mit schlauen Augen, der Betelnüsse kaute, so daß seine Zähne geschwärzt waren und er roten Speichel spuckte. Er erinnere sich kaum an die Christen, bedauerte Boudi, als ihm aber Rob eine Münze in die Hand drückte, half diese seinem Gedächtnis auf die Sprünge, und ihm fiel ein, daß er die beiden je fünf Tagesreisen weit nach Westen und einen halben Marschtag jenseits des Ortes Datur gesehen habe. Der Vater sei mittleren Alters, habe lange, graue Haare und keinen Bart. Er trage fremdartige Kleidung, schwarz wie das Gewand eines mullahs. Die Frau sei jung und groß und habe merkwürdiges Haar: ein wenig heller rot als Henna. Rob blickte ihn entsetzt an. »Wie krank wirkte der Europäer?« Boudi lächelte freundlich. »Ich weiß es nicht, Herr. Krank.« »Hatten sie Diener?«
»Ich habe niemanden gesehen, der ihnen behilflich war.« Zweifellos waren die Diener davongelaufen, dachte Rob. »Haben sie über genügend Nahrungsmittel verfügt?«
»Ich selbst habe der Frau einen Korb Hülsenfrüchte und drei Laib Brot gegeben, Herr.«
Rob schaute Boudi so durchdringend an, daß dieser Angst bekam. »Warum hast du ihnen die Lebensmittel gegeben?« Der Kamelhändler zuckte mit den Achseln. Er drehte sich um, stöberte in einem Sack und zog mit dem Griff voran ein Messer heraus. Man konnte auf jedem persischen Markt schönere finden, aber dieser Dolch war der endgültige Beweis, denn als Rob ihn zum letztenmal gesehen hatte, hing er am Gürtel von James Geikie Cullen.
Wenn er sich Kanm und Mirdin anvertraute, würden sie darauf bestehen, ihn zu begleiten. Er aber wollte allein reiten. Er hinterließ ihnen bei Jussuf-al-Gamal eine Nachricht. »Richtet ihnen aus, daß ich in einer persönlichen Angelegenheit abberufen wurde und ihnen bei meiner Rückkehr alles erklären werde«, trug er dem Bibliothekar auf. Nur Jalal weihte er in seine Pläne ein. »Ihr reitet für einige Zeit fort? Aber warum?« »Es ist wichtig. Es handelt sich um eine Frau...«
»Selbstverständlich«, murmelte Jalal. Der Knocheneinrichter war verärgert, bis er überlegte, daß es ja genügend Studenten gab, die ihm in der Klinik helfen konnten. Dann erst nickte er.
Rob brach am nächsten Morgen auf. Es war eine lange Reise, und er wollte unangebrachte Hast vermeiden, doch er hielt den braunen Wallach in Trab, denn er mußte unaufhörlich an Mary denken, die sich allein mit ihrem kranken Vater in einer wilden, fremden Welt befand. Es war Sommerwetter. Die Schmelzwässer des Frühjahrs waren längst unter der kupferfarbenen Sonne verdunstet, so daß ihn der salzige Staub Persiens bedeckte, der auch in seine Satteltasche drang. Er aß ihn mit seiner Nahrung und trank eine dünne Salzschicht mit jedem Schluck Wasser. Überall erblickte er wilde Blumen, die braun geworden waren, aber er kam auch an Menschen vorbei, die den felsigen Boden bestellten. Sie nutzten die geringste Feuchtigkeit, um die Weingärten und Dattelbäume zu bewässern, wie es seit tausend Jahren getan wurde.
Am vierten Tag kam er bei Einbruch der Dämmerung nach Datur. Wegen der Dunkelheit konnte er nichts unternehmen, aber am nächsten Morgen ritt er bei Sonnenaufgang weiter. Am Vormittag nahm ein Kaufmann in einem kleinen Dorf Robs Münze an, biß hinein und berichtete ihm dann, daß jeder hier von den Christen wisse.
Sie lebten in einem Haus in Ahmads wadi, einen kurzen Ritt nach Westen. Das Tal fand er nicht, aber er traf zwei Ziegenhirten, einen alten Mann und einen Jungen. Auf seine Frage nach den Christen spuckte der alte Mann aus.
Rob zog seine Waffe. Eine fast vergessene Bösartigkeit stieg in ihm auf. Der Alte spürte sie, hob, ohne das Breitschwert aus den Augen zu lassen, den Arm und zeigte in eine bestimmte Richtung. Rob ritt los. Als er außer Reichweite war, legte der jüngere Ziegenhirte einen Stein in seine Schlinge und schleuderte ihn. Rob hörte, wie er hinter ihm auf die Felsen prallte.
Plötzlich stieß er auf das wadi. Er folgte dem ausgetrockneten Flußbett ein gutes Stück, bis er das kleine, aus Lehm und Steinen errichtete Haus sah. Mary stand draußen und kochte Wäsche aus. Als sie ihn sah, sprang sie wie ein wildes Tier ins Haus. Bis er vom Pferd gestiegen war, hatte sie drinnen einen schweren Gegenstand vor die Tür geschoben. »Mary?«
»Bist du es?«
»Ja.«
Stille folgte, dann ein scharrendes Geräusch. Offenbar schob sie einen Steinblock weg. Die Tür ging auf,.zuerst nur einen Spaltbreit, dann weiter.
Ihm fiel ein, daß sie ihn nie mit dem Bart oder in persischer Kleidung gesehen hatte, wenn auch der lederne Judenhut derselbe war, den sie kannte.
Sie hielt das Schwert ihres Vaters in der Hand. Die schwere Prüfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, das schmaler geworden war, so dass ihre Augen, die breiten Backenknochen und die lange, schlanke Nase noch mehr auffielen. Sie hatte Blasen auf den Lippen, und er erinnerte sich, daß sie sie immer bekam, wenn sie erschöpft war. Ihre Wangen waren rußig und von zwei Linien durchzogen, die von den Tränen am rauchenden Feuer kamen. Als sie blinzelte, sah er, daß sie so vernünftig war, wie er sie in Erinnerung hatte.
»Bitte. Wirst du ihm helfen?« fragte sie und zog ihn schnell ins Haus.
Als Rob James Cullen sah, wurde ihm schwer ums Herz. Er mußte nicht erst die Hände des Schafzüchters ergreifen, um zu wissen, daß er im Sterben lag. Auch Mary mußte es gewußt haben, aber sie sah ihn an, als erwarte sie von ihm, daß er ihren Vater mit der Berührung seiner Hände heilen würde.