Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Elf Nächte später klopfte Wasif an seine Tür.
Despina hätte beinahe recht behalten, denn Rob geriet in große
Versuchung und wollte schon zustimmend nicken. Doch dann schür leite er den Kopf. »Sage ihr, ich kann nicht mehr zu ihr kommen.« Drei Tage später starb Reza die Fromme, während die muezzms der Stadt das erste Gebet sangen - eine passende Zeit für das Ende eines frommen Lebens.
In der madrassa und im maristan sprachen die Leute darüber, wie Ibn Sina mit eigenen Händen den Leichnam seiner Frau gewaschen und gesalbt hatte, und über das einfache Begräbnis, zu dem er nur ein paar betende mullaks zugelassen hatte. Ibn Sina betrat weder die Schule noch das Krankenhaus. Niemand wußte, wo er sich aufhielt. Eine Woche nach Rezas Tod traf Rob eines Abends al-Juzjani, der am zentralen maidan trank.
»Setz dich, Dhimmi«, forderte al-Juzjani Rob auf und bestellte weiteren Wein.
»Hakim, wie geht es dem Arzt aller Ärzte?«
Es war, als wäre die Frage nicht gestellt worden. »Er hält dich für etwas Besonderes, für einen besonderen Studenten«, behauptete al-Juzjani verstimmt.
Wäre er nicht diensttuender Student und wäre al-Juzjani nicht der große Medicus gewesen, hätte Rob angenommen, daß der andere auf ihn eifersüchtig war.
»Wenn du kein besonderer Student bist, Dhimmi, mußt du mit mir rechnen.« Al-Juzjani sah ihn mit funkelnden Augen an, und Rob erkannte, daß der Chirurg ziemlich betrunken war. Sie schwiegen, als der Wein gebracht wurde.
»Ich war siebzehn Jahre alt, als wir uns in Jurjän kennengelernt haben. Ibn Sina war nur ein paar Jahre älter als ich, aber Allah! Mir war, als blicke ich geradewegs in die Sonne. Mein Vater hat dann das Abkommen getroffen, daß mich Ibn Sina in Medizin unterrichten soll, ich würde sein Gehilfe sein.« Al-Juzjani trank nachdenklich.
»Ich bediente ihn. Er lehrte mich Mathematik, wobei er den >Alma-gest< als Lehrbuch verwendete. Und er diktierte mir mehrere Bücher, einschließlich des ersten Teils von >Der Kanon der Medizin«, fünfzig Seiten jeden goldenen Tag. Als er Jurjän verließ, folgte ich ihm in ein halbes Dutzend Orte. In Hamadhän ernannte ihn der Emir zum Wesir, aber die Armee rebellierte, und Ibn Sina wurde ins Gefängnis geworfen. Zuerst sagten sie, sie würden ihn töten, aber er wurde freigelassen - der glückliche Sohn einer Stute! Bald wurde der Emir von einer Kolik geplagt, und Ibn Sina heilte ihn, worauf er zum zweitenmal das Wesirsamt erhielt. Ich blieb bei ihm, ob er nun Arzt, Gefangener oder Wesir war. Er war nicht nur mein Meister, sondern auch mein Freund. Jeden Abend versammelten sich Schüler in seinem Haus, während ich abwechselnd laut aus seinem Buch >Heilen< vorlas und jemand anderer aus dem >Kanon< las. Reza sorgte dafür, daß wir immer gutes Essen bekamen. Wenn wir fertig waren, tranken wir eine Menge Wein, gingen aus und suchten uns Frauen. Er war der lustigste Gefährte und beim Feiern ebenso gut wie beim Arbeiten. Er hatte Dutzende schöner Punzen - wahrscheinlich fickte er hervorragend, übertraf er ja in allen Belangen die meisten Männer. Reza wußte immer davon, aber sie liebte ihn dennoch.«
Er schaute weg.
»Jetzt ist sie begraben, und er ist verbraucht. Er schickt alte Freunde weg, und jeden Tag geht er allein durch die Stadt und gibt den Armen Almosen.«
»Hakim«, sagte Rob sanft.
Al-Juzjani starrte ihn an.
»Hakim, soll ich Euch nach Hause bringen?«
»Fremdling, ich möchte, daß du mich jetzt in Ruhe läßt.«
Also nickte Rob, dankte ihm für den Wein und ging.
Rob wartete noch eine Woche, dann ritt er am hellichten Tag zu Ibn Sinas Haus und ließ sein Pferd bei dem Mann am Tor zurück.
Der Alte war allein. Seine Augen blickten sanft. Er saß mit Rob behaglich beisammen, sie sprachen manchmal, dann wieder schwiegen sie.
»Wart Ihr schon Medicus, als Ihr sie geheiratet habt, Herr?«
»Ich wurde mit sechzehn hakim. Verheiratet hatte man uns, als ich zehn war, in dem Jahr, als ich den Qu'ran auswendig lernte und mit dem Studium der Heilkräuter begann.«
Rob war beeindruckt. »In diesem Alter versuchte ich, ein Scharlatan und ein Baderchirurg zu werden.« Er erzählte Ibn Sina, wie der Bader den Waisenknaben als Lehrling aufgenommen hatte.
»Was war der Beruf deines Vaters?«
»Er war Zimmermann.«
»Ich weiß über die europäischen Zünfte Bescheid. Ich habe gehört, daß es in Europa sehr wenige Juden gibt und daß sie nicht in die Zünfte aufgenommen werden.«
Er weiß wirklich Bescheid, dachte Rob verzweifelt. »Ein paar werden zugelassen«, murmelte er.
Ibn Sinas Augen schienen ihn sanft zu durchbohren. Rob war davon überzeugt, daß ihn der alte Mann durchschaut hatte. »Du sehnst dich verzweifelt danach, die Heilkunst und die Wissenschaft zu erlernen.« »Ja, Herr.«
Ibn Sina seufzte, nickte und blickte an ihm vorbei. Rob stellte erleichtert fest, daß seine Angst unbegründet gewesen war, denn sie sprachen bald von anderen Dingen.
Ibn Sina erinnerte sich, wie er als Junge Reza kennengelernt hatte. »Sie stammt aus Buchara, ein Mädchen, das um vier Jahre älter war als ich. Unsere Väter waren beide Steuereinnehmer, und die Hochzeit wurde freundschaftlich vereinbart. Nur eine kleine Schwierigkeit tauchte auf, weil ihr Großvater einwendete, daß mein Vater ein Ismaili war, der während des heiligen Gottesdienstes Haschisch rauchte. Wir wurden aber dennoch getraut. Sie war mir mein Leben lang treu.« Der alte Mann sah Rob an. »Du hast das Feuer noch in dir. Was strebst du an?«
»Ich will ein guter Medicus werden.« Von der Art, wie nur Ihr sie ausbilden könnt, fügte er im Geist hinzu.
Doch Ibn Sina hatte ihn bestimmt verstanden.
»Du bist bereits ein Heiler. Was das Verdienst betrifft...« Ibn Sina zuckte mit den Achseln. »Um ein guter Medicus zu sein, muß man imstande sein, die Lösung eines unlösbaren Rätsels zu finden.« »Und wie lautet die Frage?« erkundigte sich Rob verblüfft. Doch der alte Mann lächelte schmerzlich. »Vielleicht kannst du sie eines Tages herausfinden. Das gehört zu dem Rätsel.«
Die Prüfung
An dem Nachmittag, an dem Karims Prüfung stattfand, verrichtete Rob seine gewohnten Tätigkeiten mit besonderer Energie und Aufmerksamkeit. Er versuchte, nicht an die Szene zu denken, die sich bald im Sitzungsraum neben dem Haus der Weisheit abspielen würde. Er und Mirdin hatten Jussuf-al-Gamal, den freundlichen Bibliothekar, als Komplizen und Spion angeworben. Während er seinen Pflichten in der Bibliothek nachging, konnte Jussuf die Zusammensetzung der Prüfungskommission in Erfahrung bringen. Mirdin wartete draußen auf die Neuigkeiten, die er unverzüglich an Rob weitergab. »Er hat Sajjid Sa'di in Philosophie«, hatte Jussuf Mirdin berichtet, bevor er wieder in den Saal eilte, um mehr zu erfahren. Das war nicht schlecht; der Philosoph war schwierig, würde sich aber nicht bemühen, den Kandidaten durchfallen zu lassen.
Doch von da an waren die Nachrichten niederschmetternd. Nadir Bukh, der autokratische, spitzbärtige Paragraphenreiter, der Karim bei der ersten Prüfung hatte durchfallen lassen, würde in Rechtskunde prüfen. Der mullah Abul Bakr würde die theologischen Fragen stellen, und der Arzt aller Ärzte würde höchstpersönlich in Medizin prüfen. Rob hatte gehofft, daß Jalal-al-Din der Prüfungskommission für Chirurgie angehören würde, aber Rob sah Jalal, der seine üblichen Pflichten erfüllte und Patienten behandelte. Und nun kam Mirdin hereingelaufen und flüsterte, daß das letzte Mitglied eingetroffen sei. Es war Ibn al-Natheli, den keiner von ihnen gut kannte. Rob ging nach der Arbeit ins Haus der Weisheit, setzte sich, las Celsus und versuchte dabei zu hören, was im Prüfungszimmer gesprochen wurde. Er vernahm aber nur ein unverständliches Murmeln. Schließlich gab er seine Bemühungen auf, ging hinaus und wartete auf den Stufen der madrassa, wohin ihm Mirdin nachkam.