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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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Ob sich die reichen Geschäftsmänner eigentlich je Gedanken über die entsetzliche Armut von Whitechapel und Spitalfields machen? Die Leute, die im Einzugsbereich der Kirchengemeinde von St. Juda wohnen, sind wie Tiere in einem Labyrinth aus Höfen und Gassen zusammengepfercht, die sich nie mit einer Hauptstraße kreuzen. In den baufälligen, einsturzgefährdeten Gebäuden, die nach vorn hinausgehen, sind in jedem Zimmer ganze Familien untergebracht, manchmal bis zu einem Dutzend Menschen. Unter diesen Bedingungen ist Inzest sehr verbreitet … und wie manche sagen, unvermeidlich. In den Gebäuden riecht es entsetzlich nach dem Abwasser, das sich in den Kellern sammelt, während die Höfe selbst nach Abfall stinken, der Ungeziefer, Hunde und anderes Getier auf der Suche nach Fressbarem anlockt. Oft muss ein einziges Standrohr im Hof sämtliche Bewohner von drei bis vier Gebäuden mit Wasser versorgen, ein Außenrohr, das im Winter mit beharrlicher Regelmäßigkeit einfriert. Einmal waren Edward und ich mitten in der Nacht zu einer Frau gerufen worden, die an Scharlach litt; wir fanden sie in einem übel riechenden Zimmerchen mit drei Kindern und vier Schweinen hausend. Ihr Mann, ein Droschkenkutscher, hatte sich im Vormonat das Leben genommen, und erst als wir wieder gingen, entdeckten wir, dass eins der Kinder bereits seit dreizehn Tagen tot dort gelegen hatte.

Die Nachtquartiere sind sogar noch schlimmer – dreckige, verwanzte Krankheitsherde. In solchen Billigunterkünften kann man für vier Pence die Nacht ein Bett mieten und teilt es sich oft mit einem Fremden, weil keiner allein den vollen Preis aufbringen kann. So etwas wie Privatsphäre gibt es nicht, weil die Betten wie in Schlafsälen in engen Reihen aufgestellt sind. Die Schlafstellen werden wild durcheinander an Männer und Frauen vermietet, und folglich sind viele von diesen Billigquartieren in Wirklichkeit Bordelle, und selbst in denjenigen, die keine sind, findet man nichts dabei, einer Prostituierten ein Bett zu vermieten, wenn sie einen zahlenden Freier mitbringt. Inspector Abberline sagte uns einmal, nach Schätzung der Polizei gebe es allein in Whitechapel zwölfhundert Prostituierte — üppige Jagdgründe also für den Mann, der sich mit dem Abschlachten von Freudenmädchen vergnügt.

Seit der Ripper begann, im East End umzugehen, setzt sich Edward für verstärkte Polizeistreifen in den abgelegenen Gassen und für bessere Straßenbeleuchtung ein. Das Problem ist nur — Whitechapel ist so arm, dass es sich die Kosten für diese notwendigen Verbesserungen nicht leisten kann. Wenn es überhaupt Hilfe gibt, dann muss sie von außen kommen. Deshalb habe ich eine eigene Kampagne ins Leben gerufen. Jeden Tag schreibe ich an Philanthropen, an wohltätige Einrichtungen und Regierungsbeamte. Ich wende mich an alle einflussreichen, zur Hilfe bereiten Persönlichkeiten, deren Name mir bekannt ist, und bitte für die Kinder von Whitechapel, besonders für jene abgerissenen, schmutzigen Gassengören, die irgendwo in einer Ecke schlafen, das essen, was sie eben ergattern oder stehlen können, und im Austausch gegen ein Geldstück, das sie ihr eigen nennen können, jede unaussprechliche Handlung vollziehen, die von ihnen verlangt wird.

Leichenhalle von Golden Lane, City of London, 12. Oktober 1888 Heute habe ich etwas getan, was ich noch nie getan habe: Ich habe mich meinem Mann mutwillig widersetzt.

Edward hatte mir untersagt, an der gerichtlichen Untersuchung der Todesursache von Catherine Eddowes teilzunehmen, indem er meinte, ich solle mich nicht den unappetitlichen Enthüllungen aussetzen, mit denen dort zu rechnen sei. Auch, sagte er, schicke es sich nicht für die Frau des Pfarrers, unbegleitet aus dem Haus zu gehen, eine Aussage, die mir in eine andere Zeit und Welt zu gehören scheint. Ich wartete ab, bis Edward das Pfarrhaus verlassen hatte, und machte mich dann eilends auf. Mein Weg führte mich an einem der größeren Schlachthöfe in der Gegend vorbei. Das Taschentuch gegen den Gestank auf Mund und Nase gepresst, musste ich die Straße überqueren, um dem Strom aus Blut und Urin auszuweichen, der über den Gehweg floss. Sobald ich Whitechapel jedoch hinter mir gelassen hatte, war der Weg frei.

Vor der Leichenhalle von Golden Lane begegnete ich erfreulicherweise Inspector Abberline, der überrascht war, mich dort zu sehen, und sich mir sofort als Beschützer anbot.»Ist Pfarrer Wickham denn nicht mitgekommen?« «Er hat in Shoreditch zu tun«, antwortete ich wahrheitsgemäß, ohne hinzuzufügen, dass Edward gerichtliche Untersuchungen abgeschmackt fand und sowieso nicht gekommen wäre.

«Die Menge könnte leicht außer Rand und Band geraten, Mrs. Wickham«, sagte Inspector Abberline.»Ich will mal sehen, ob ich uns zwei Plätze gleich neben der Tür besorgen kann.« Er tat es, und die Folge davon war, dass ich mich auf höchst undamenhafte Weise recken musste, um über die Köpfe der anderen Leute hinwegsehen zu können.

«Inspector«, sagte ich,»haben Sie die andere Frau identifizieren können, die in derselben Nacht wie Catherine Eddowes ermordet wurde?« «Ja, eine gewisse Elizabeth Stride — die Lange Liz, wie sie genannt wurde. Etwa fünfundvierzig Jahre alt und hässlich wie die Nacht, wenn Sie gestatten, dass ich von einer Toten schlecht rede. Sie waren alle unattraktiv, die Opfer des Rippers. Eins ist sicher, wegen ihrer Schönheit hat er sie sich nicht ausgesucht.« «War Elizabeth Stride Prostituierte?« «War sie, Mrs. Wickham, wie ich leider sagen muss. Sie hatte auch irgendwo noch neun Kinder und einen Ehemann, bis der ihre Trunksucht nicht mehr ertragen konnte und sie hinauswarf. Eine Frau mit einer so schönen großen Familie und einem Mann, der sie alle ernährte – welche Gründe könnte sie gehabt haben, sich dem Trunk zu ergeben?« Ich konnte mir etwa neun oder zehn denken.»Und Catherine Eddowes? Hatte sie auch Kinder?« Inspector Abberline rieb sich den Nasenflügel.»Nun, wir wissen, dass sie eine Tochter hatte, aber wir haben sie noch nicht ausfindig gemacht.« Die Untersuchung konnte beginnen. Der kleine Raum war voll, an den Wänden und sogar draußen im Flur standen Schaulustige. Der Coroner, der den Vorsitz führte, rief den ersten Zeugen auf, jenen Polizeiwachtmeister, der Catherine Eddowes’ Leiche gefunden hatte.

Das Bemerkenswerteste, was der Wachtmeister zu berichten hatte, war die Aussage, dass ihn sein Streifengang alle vierzehn bis fünfzehn Minuten über den Mitre Square führte, wo er die Leiche gefunden hatte.

Hatte der Ripper also nur eine Viertelstunde Zeit gehabt, um das Unheil anzurichten? Wie flink er vorging, wie sicher er sich seiner Sache war!

Bei der Untersuchung kam heraus, dass die Eddowes erwürgt worden war, bevor ihr der Mörder die Kehle durchgeschnitten hatte, was erklärte, weshalb sie nicht geschrieen hatte. Als Antwort auf meine geflüsterte Frage meinte Inspector Abberline, ja, die anderen Opfer seien ebenfalls erst erwürgt worden. Als die Ärzte aussagten, die bei der Autopsie zugegen gewesen waren, stimmten sie darin überein, dass der Mörder über gute anatomische Kenntnisse verfüge, waren sich jedoch uneins, wie seine Fähigkeiten bei der eigentlichen Entnahme der Organe zu beurteilen seien. Ihre Berichte über das, was mit der Leiche angestellt worden war, klangen höchst beunruhigend, und bei der Beschreibung, wie die Unterleibslappen weggeschält worden waren, um die Eingeweide offen zu legen, wurde mir ganz schwach.

Inspector Abberlines eidesstattliche Erklärung war knapp, prägnant und frei von jeglichen Mutmaßungen. Er legte noch einmal dar, welchen Verlauf die polizeilichen Ermittlungen nach dem Auffinden der Leiche genommen hatten. Weitere Zeugen traten auf, Leute, die Catherine Eddowes in der Mordnacht noch begegnet waren. Sie war dabei gesehen worden, wie sie mit einem Mann mittleren Alters gesprochen hatte, der einen schwarzen Mantel von guter Qualität, inzwischen aber etwas abgetragen, angehabt hatte. Die Beschreibung stimmte mit einer anderen überein, die sich bei den Ermittlungen zu einer früheren Mordtat des Rippers ergeben hatte. Doch am Ende war man, was die Identität des Rippers betraf, keinen Schritt weitergekommen; der Tatbestand lautete» Mord durch Unbekannt«.

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