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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
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Nach einer Weile ging die Tür ein Stückchen auf, und eine zierliche, dunkelhaarige Frau spähte nervös zu ihr heraus. Sie war dünn und trug einen schlichten grünen Pullover und einen Rock. Es war nicht mehr die freche Blondine aus den sechziger Jahren. Die Augen waren jedoch dieselben. Und das Gesicht war immer noch das von Erma Bradley.

Jackie kam gleich zur Sache.»Darf ich hereinkommen, Miss Kay ? Sie wollen ja wohl nicht, dass ich an Ihre Tür trommle und Ihren richtigen Namen rufe, oder?« Die Frau trat zurück, um sie hereinzulassen.»Es hat wohl keinen Sinn, wenn ich Ihnen sage, Sie irren sich?« Von ihrem früheren Midlands-Akzent war nichts mehr übrig. Sie sprach in ruhigem, kultiviertem Ton.

«Vergessen Sie’s. Ich habe mich wochenlang abgerackert, um Sie zu finden, meine Liebe.« «Können Sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?« Jackie setzte sich auf das abgewetzte braune Sofa und lächelte ihre Gastgeberin an.»Ich denke, das lässt sich einrichten. Ich könnte zum Beispiel der BBC, der Boulevardpresse und dem Rest der Welt nicht verraten, wie Sie aussehen und wo Sie sind.« Die Frau blickte hinunter auf ihre unberingten Hände.

«Ich habe kein Geld«, sagte sie.

«Und trotzdem sind Sie ein Schweinegeld wert, oder nicht? In all den Jahren, wo Sie eingelocht waren, haben Sie nie was anderes gesagt als Ich hab’s nicht getan, was natürlich Quatsch ist, weil alle Welt weiß, dass Sie’s getan haben. Die Ermordung des kleinen Doyle haben Sie ja sogar auf Band aufgenommen, mein Gott!« Die Frau senkte den Kopf und wandte sich ab.»Was wollen Sie?«, fragte sie schließlich, während sie sich auf den Stuhl neben dem Sofa setzte.

Jackie Duncan tippte die andere an den Arm.» Ich will, dass Sie mir davon erzählen. « «Nein. Das kann ich nicht. Ich habe es vergessen.« «Nein, haben Sie nicht. Das könnte niemand. Und das ist das Buch, das alle Welt lesen will. Nicht dieses zimperliche Gewäsch, das die anderen über Sie geschrieben haben. Ich will, dass Sie mir jedes einzelne Detail schildern, bis ins Kleinste. Das ist das Buch, das ich schreiben will. «Sie holte tief Luft und zwang sich zu einem Lächeln.»Dafür halte ich Ihre Identität und Ihren Aufenthaltsort geheim, so wie Ursula Bloom damals in den fünfziger Jahren, als sie Crippens Geliebte interviewte.« Erma Bradley zuckte die Achseln.»Geschichten über Verbrechen lese ich nicht«, sagte sie.

Das Licht vor dem großen Fenster, das aufs Moor hinausging, war schwächer geworden. Auf dem zerkratzten Kiefernholztisch lief ein Kassettenrecorder, und in der hereinbrechenden Dämmerung schwoll Erma Bradleys Stimme erschöpft und resigniert auf und ab, immer wieder unterbrochen von Jackies drängenden Fragen.

«Ich weiß es nicht«, sagte sie wieder.

«Na los. Denken Sie mal nach. Essen Sie einen Keks, während Sie nachdenken. Mit der kleinen Allen hatte Sean keinen Sex, aber hat er danach mit Ihnen geschlafen? Was glauben Sie, bekam er eine Erektion, während er sie würgte?« Pause.»Ich habe nicht hingesehen.« «Aber Sie haben miteinander geschlafen, nachdem er sie umgebracht hatte?« «Ja.« «Auf dem gleichen Bett?« «Aber erst später. Ein paar Stunden danach. Nachdem wir die Leiche weggeschafft hatten. Es war doch Seans Schlafzimmer. Dort haben wir immer geschlafen.« «Haben Sie sich vorgestellt, dass der Geist des Kindes Ihnen dabei zuschaut?« «Ich war zweiundzwanzig. Er sagte — er hat mich immer betrunken gemacht — und ich …« «Ach, Erma, Schluss damit. Verdammt, hier sitzen doch keine Geschworenen. Sagen Sie mir einfach, ob es Sie angetörnt hat, Sean dabei zuzuschauen, wie er Kinder erdrosselte. Wenn er es tat waren Sie da beide nackt oder bloß er?« «Bitte, ich — bitte!« «Na schön, Erma. Ich kann jetzt die BBC herholen, rechtzeitig für die Frühnachrichten.« «Bloß er.« Eine Stunde später.»Ach, hören Sie auf zu heulen, Erma. Sie haben es einmal durchlebt, oder? Schadet doch nicht, darüber zu reden! Noch mal vor Gericht gestellt werden können Sie nicht. Los, meine Liebe, beantworten Sie mir die Frage.« «Ja. Der kleine Junge — Brian Doyle —, der war eigentlich recht tapfer. Sagte immer wieder, er müsse sich um seine Mum kümmern, weil sie jetzt geschieden sei, und bat uns, ihn gehen zu lassen. Er war erst acht und ziemlich klein. Er bot sogar an, mit uns zu kämpfen, wenn wir ihn losbinden würden. Als Sean das Klebeband aus dem Schrank holte, ging ich zu ihm und flüsterte, er soll den Jungen doch laufen lassen, aber er …« «Ah — schon wieder, Erma! Also, ich schalte jetzt die Maschine aus, und Sie fangen sich erst mal wieder.« Sie war allein. Endlich war die Reporterin gegangen. Kurz vor elf hatte sie ihre Notizen zusammengerafft und ihren Kassettenrecorder eingepackt und die Fotos der toten Kinder, die sie aus den Fotoarchiven mitgebracht hatte, und war gegangen, nicht ohne die Ankündigung, in ein paar Tagen wiederzukommen, um» dem Interview noch den letzten Schliff zu geben«. Daten, Ortsangaben und gerichtsmedizinische Einzelheiten könne sie sich anderweitig beschaffen, hatte sie gesagt.

Die Reporterin war weg, das Zimmer war leer, aber Miss Emily Kay war nicht mehr allein. Jetzt war Erma Bradley auch drin.

Sie wusste allerdings, dass keine weiteren Journalisten auftauchen würden. Diese eine, diese Jackie, würde ihr Geheimnis gut bewahren, wenn auch nur, um die Exklusivität ihres eigenen Buches sicherzustellen.

Ansonsten war es Miss Emily Kay gestattet, in dem schäbigen Zimmerchen mit Blick übers Moor ihre Freiheit zu genießen. Doch es war kein angenehmer Unterschlupf mehr, jetzt, wo sie nicht mehr allein war. Erma hatte die Geister wieder mitgebracht.

Jetzt, wo sie darüber gesprochen hatte, waren die Ereignisse von vor fünfundzwanzig Jahren viel realer als damals, als sie sie durchlebt hatte. Damals war alles so konfus gewesen. Sean trank viel und hatte es gern, wenn sie ihm dabei Gesellschaft leistete. Beim ersten Mal war alles so schnell gegangen, und danach gab es kein Zurück mehr. Doch sie gestattete sich nie, darüber nachzudenken.

Es war allein Sean, sagte sie sich immer, und dann schaltete sich ihr Kopf teilweise ab, und sie wandte ihre Aufmerksamkeit etwas anderem zu. Beim Prozess hatte sie an den beinahe greifbaren Hass gedacht, der ihr von fast allen Anwesenden im Gerichtssaal entgegenschlug.

Damals konnte sie nicht nachdenken, denn wenn sie zusammenbrach, würden die anderen gewinnen. Man hatte sie nie in den Zeugenstand gerufen. Sie beantwortete keine Fragen, und wenn ihr ein Mikrofon hingestreckt wurde, sagte sie nur: Ich hab’s nicht getan. Und später dann im Gefängnis musste sie sich erst einmal eingewöhnen und die üblen Szenen mit den anderen Häftlingen durchstehen.

Da konnte sie keine Gefühle gebrauchen, die sie auch noch runtergezogen hätten. Ich hab’s nicht getan bekam für sie einen Wahrheitsgehalt; es bedeutete: Ich bin nicht mehr diejenige, die das getan hat. Ich bin klein und dünn, redegewandt und höflich. Das hässliche, unbeholfene Monster gibt es nicht mehr.

Aber nun hatte sie ausgesagt. Ihre eigene Stimme hatte die Bilder von Sarah Allan heraufbeschworen, die nach ihrer Mutter gerufen hatte, und von Brian Doyle, der ihnen als Lösegeld sein Fahrrad angeboten hatte, um seiner Mutter willen. Die Blondine mit dem harten Gesicht, die ihnen gesagt hatte, sie sollten den Mund halten, die sie festgehalten hatte … sie war hier. Und sie würde auch hier wohnen, mit all dem Weinen und den Schreien. Und bei jedem Schritt auf der Treppe dächte sie: Sean, der wieder ein kleines Kerlchen auf Besuch mitbrachte.

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