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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Dann rede.«

Jamie holte tief Luft und zuckte sacht mit den Achseln, als sei ihm sein Hemd zu eng.

»Der Kleine. Es ist nicht recht, dich das zu fragen, aber ich kann nicht anders. Würdest du dasselbe für ihn empfinden, wenn du mit Gewissheit wüsstest, dass er nicht von dir ist?«

»Was?« Roger kniff einfach nur die Augen zu, ohne ein Wort zu begreifen. »Der Klei– du meinst Jem?«

Jamie nickte und sah Roger gebannt an.

»Nun ja, ich … ich weiß es nicht genau«, sagte Roger, der sich keinen Reim darauf machen konnte, worum es hier eigentlich ging. Warum? Und warum ausgerechnet jetzt?

»Denk nach.«

Er dachte doch nach, fragte sich zum Teufel wozu? Dieser Gedanke war ihm offenbar anzusehen, denn Fraser senkte den Kopf – er begriff, so signalisierte er, dass er es wohl erklären musste.

»Ich weiß … es ist nicht sehr wahrscheinlich, aye? Aber möglich ist es. Sie könnte doch nach den Ereignissen dieser Nacht ein Kind erwarten.«

Er begriff schlagartig, als hätte ihn eine Faust unterhalb des Brustbeins getroffen. Bevor er Luft holen konnte, um etwas zu sagen, fuhr Fraser fort.

»Mir bleiben ein oder zwei Tage, um selbst –« Er wandte den Blick ab, und eine dumpfe Röte erschien zwischen den Rußstreifen, mit denen er sich das Gesicht bemalt hatte. »Es könnten zwar Zweifel bleiben, aye? So wie es bei dir ist. Aber …« Er schluckte und ließ das »aber« vielsagend in der Luft hängen.

Jamie wandte unwillkürlich den Blick ab, und Roger folgte seiner Blickrichtung. Hinter einem Vorhang aus Büschen und rotblättrigen Kletterranken war ein Becken, in dem sich das Wasser staute, und Claire kniete nackt auf der anderen Seite und betrachtete ihr Spiegelbild. Das Blut rauschte in Rogers Ohren, und er riss den Blick von ihr los, doch das Bild war schon in seinen Verstand eingebrannt.

Ihr Aussehen hatte nichts Menschliches, das war sein erster Gedanke. Ihr ganzer Körper war mit blauen Flecken übersät, ihr Gesicht nicht zu erkennen, und sie sah aus wie ein seltsames Urwesen, ein exotisches Geschöpf des Gewässers im Wald. Über ihr Aussehen hinaus war es jedoch ihre Haltung, die ihm auffiel. Sie war irgendwie ganz für sich, reglos wie ein Baum, selbst wenn die Luft seine Blätter bewegt.

Er sah noch einmal hin; er konnte nicht anders. Sie beugte sich über das Wasser und studierte ihr Gesicht. Das Haar hing ihr nass und verschlungen über den Rücken, und sie strich es mit einer Handfläche zurück und hielt es zur Seite, während sie leidenschaftslos und konzentriert ihre entstellten Gesichtszüge betrachtete.

Sie drückte hier und dort sanft mit dem Finger zu, öffnete und schloss den Mund, während ihre Fingerspitzen den Konturen ihres Gesichtes folgten. Auf der Suche nach losen Zähnen und Knochenbrüchen, so vermutete er. Sie schloss die Augen und zeichnete die Linien von Stirn und Nase, Kinn und Lippen nach, mit der sicheren, vorsichtigen Hand eines Malers. Dann packte sie entschlossen ihre Nasenspitze und zog mit aller Kraft.

Roger zuckte automatisch zusammen, und Blut und Tränen liefen ihr über das Gesicht, doch sie machte kein Geräusch. Sein Magen war sowieso schon zu einem winzigen, schmerzenden Kügelchen verknotet; jetzt stieg er ihm in den Hals und drückte gegen die Narbe, die der Strick hinterlassen hatte.

Sie verlagerte das Gewicht auf die Fersen und atmete tief durch, die Augen geschlossen, beide Hände auf ihre Gesichtsmitte gelegt.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie nackt war und er sie immer noch anstarrte. Er riss den Blick von ihr los, und das Blut schoss ihm heiß ins Gesicht. Er blickte unauffällig in Jamies Richtung, denn er hoffte, dass Fraser es nicht bemerkt hatte. Er hatte es nicht bemerkt – er war gar nicht mehr da.

Roger sah sich wild um, entdeckte ihn jedoch sofort. Seine Erleichterung, nicht erwischt worden zu sein, wich schlagartig einem Adrenalinstoß, als er sah, was Fraser tat.

Er stand neben einem Mann, der auf dem Boden lag.

Fraser ließ den Blick ganz kurz umherhuschen, um nach seinen Männern zu sehen, und Roger konnte die Anstrengung, mit der Fraser seine Gefühle unterdrückte, beinahe spüren. Dann hefteten sich Frasers leuchtend blaue Augen auf den Mann zu seinen Füßen, und Roger sah ihn ganz langsam einatmen.

Lionel Brown.

Ohne es eigentlich vorzuhaben, war Roger über die Lichtung geschritten. Wie ein Schlafwandler nahm er seinen Platz an Jamies rechter Seite ein und richtete seine Aufmerksamkeit ebenfalls auf den Mann am Boden.

Brown hatte die Augen geschlossen, doch er schlief nicht. Sein geschwollenes Gesicht war voller blauer Flecken, dazu vom Fieber gescheckt, doch der Ausdruck kaum verhohlener Panik war deutlich zu erkennen. Ein Ausdruck, den er völlig zu Recht trug, soweit Roger das beurteilen konnte.

Brown hatte die nächtliche Aktion nur deshalb als Einziger lebend überstanden, weil Arch Bug Ian MacKenzie um Haaresbreite davon abgehalten hatte, ihm den Schädel mit einem Tomahawk einzuschlagen. Nicht, weil er Hemmungen gehabt hätte, einen Verletzten umzubringen, sondern aus kaltem Pragmatismus.

»Dein Onkel wird Fragen haben«, hatte Arch gesagt und Brown stirnrunzelnd betrachtet. »Lass den hier so lange leben, dass er sie beantworten kann.«

Ian hatte kein Wort gesagt, sondern er hatte Arch Bug seinen Arm entzogen, auf dem Absatz kehrtgemacht und war wie Rauch im Schatten des Waldes verschwunden.

Jamies Gesicht war sehr viel weniger beredt als das seines Gefangenen, dachte Roger. Selbst er konnte aus Frasers Ausdruck nicht auf seine Gedanken schließen – doch das war auch kaum nötig. Der Mann war reglos wie ein Stein, schien aber dennoch von etwas Langsamem, Unausweichlichem durchpulst zu sein. Einfach nur neben ihm zu stehen, war schon beängstigend.

»Was sagt Ihr, mein Freund?«, sagte Fraser schließlich an Arch gewandt, der weißhaarig und blutverschmiert auf der anderen Seite von Browns Trage stand. »Kann er die Reise fortsetzen, oder wird ihn das umbringen?«

Bug beugte sich vor und blickte die auf dem Rücken liegende Gestalt kühl an.

»Ich sage, er wird es überleben. Sein Gesicht ist rot, nicht weiß, und er ist wach. Wünscht Ihr, ihn mitzunehmen, oder möchtet Ihr ihn jetzt gleich befragen?«

Für den Bruchteil einer Sekunde hob sich die Maske, und Roger, der den Blick nicht von Jamies Gesicht abgewandt hatte, sah seinen Augen genau an, was er zu tun wünschte. Hätte Lionel Brown es auch gesehen, wäre er trotz seines gebrochenen Beins von seiner Trage aufgesprungen und davongelaufen. Doch seine Augen blieben hartnäckig geschlossen, und da sich Jamie und Arch auf Gälisch unterhielten, blieb es ihm unverständlich.

Ohne Archs Frage zu beantworten, kniete sich Jamie hin und legte Brown seine Hand auf die Brust. Roger konnte den Puls in Browns Hals hämmern sehen, sah seinen raschen, flachen Atem. Doch der Mann hielt die Lider fest zugedrückt, obwohl seine Augäpfel panisch darunter umherrollten.

Jamie verharrte eine Weile reglos. Schon Roger kam es lange vor – für Brown musste es eine Ewigkeit sein. Dann stieß er einen kurzen Laut aus, der ein verächtliches Lachen oder ein angewidertes Prusten gewesen sein mochte, und erhob sich.

»Wir nehmen ihn mit. Sorgt also dafür, dass er am Leben bleibt«, sagte er auf Englisch. »Vorerst.«

Brown hatte sich auch während des restlichen Rückwegs nach Fraser’s Ridge tot gestellt, obwohl die Männer in seiner Hörweite ständig blutrünstige Spekulationen anstellten. Roger hatte bei ihrer Ankunft mitgeholfen, ihn von der Schleppbahre loszuschnallen. Seine Kleidungsstücke und Verbände waren nass geschwitzt, der Geruch der Angst umgab ihn wie ein spürbares Miasma.

Claire hatte sich stirnrunzelnd auf den Verletzten zubewegt, doch Jamie hatte ihr die Hand auf den Arm gelegt und sie aufgehalten. Roger hatte nicht gehört, was er ihr zugemurmelt hatte, doch sie nickte und ging mit ihm ins Haus. Kurz darauf war Mrs. Bug erschienen und hatte Lionel Brown uncharakteristisch wortkarg in ihre Obhut genommen.

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