Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Wanja, Wanja!« rief sie und streckte mir die Hände entgegen. »Du hier!...«
Sie fiel in meine Arme.
Ich fing sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war ohnmächtig. ›Was soll ich tun?‹ dachte ich. ›Sie wird ein Nervenfieber bekommen; das ist sicher!‹ Ich beschloß, zum Arzt zu eilen; wir mußten der Krankheit vorbeugen. Ich konnte schnell hinfahren; bis zwei Uhr war mein alter Deutscher gewöhnlich zu Hause. Ich fuhr zu ihm, nachdem ich Mawra beschworen hatte, keine Minute, keine Sekunde von Nataschas Seite zu weichen und sie nirgends hinzulassen. Gott half mir: wäre ich einen Augenblick später gekommen, so hätte ich meinen Alten nicht mehr angetroffen. Er hatte seine Wohnung bereits verlassen und begegnete mir auf der Straße. Sofort, ehe er noch hatte von seinem Erstaunen zu sich kommen können, nahm ich ihn in meine Droschke, und wir fuhren zu Natascha zurück.
Ja, Gott half mir! In der halben Stunde meiner Abwesenheit hatte sich bei Natascha etwas zugetragen, was ihr hätte den Tod bringen können, wenn ich mit dem Arzt nicht noch rechtzeitig eingetroffen wäre. Nach meinem Weggehen war noch nicht eine Viertelstunde vergangen, als der Fürst ins Zimmer trat. Er hatte die Seinigen soeben zum Bahnhof gebracht und war von dort direkt zu Natascha gefahren. Diesen Besuch hatte er vielleicht schon lange vorher beschlossen und überlegt. Natascha selbst erzählte mir später, daß sie im ersten Augenblick über das Kommen des Fürsten nicht einmal verwundert gewesen sei. »Mein Geist war gestört«, sagte sie.
Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit freundlichen, teilnahmsvollen Blicken an.
»Meine Liebe«, sagte er seufzend, »ich verstehe Ihren Kummer; ich wußte, wie schwer Ihnen in diesem Augenblick ums Herz sein mußte, und hielt es daher für meine Pflicht, Sie zu besuchen. Trösten Sie sich, wenn Sie es vermögen, wenigstens mit dem Bewußtsein, daß Sie durch Ihren Verzicht auf Aljoscha sein Glück geschaffen haben. Aber Sie wissen das besser als ich, da Sie sich ja zu dieser Handlung der Großmut entschlossen haben...‹
»Ich saß da und hörte ihn reden«, erzählte mir Natascha; »aber am Anfang verstand ich ihn wirklich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich ihn starr und unverwandt ansah. Er ergriff meine Hand und drückte sie in der seinigen. Das war ihm anscheinend eine sehr angenehme Empfindung. Ich aber war meines Geistes so wenig mächtig, daß ich gar nicht auf den Gedanken kam, ihm meine Hand zu entreißen.«
»Sie haben eingesehen«, fuhr er fort, »daß Aljoscha, wenn Sie seine Frau geworden wären, möglicherweise in der Folgezeit eine Abneigung gegen Sie empfunden hätte, und haben genug edlen Stolz besessen, um den Entschluß zu fassen... aber ich bin ja nicht hergekommen, um Sie zu loben. Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie nie und nirgends einen besseren Freund finden werden als mich. Ich empfinde Teilnahme für Sie und bedaure Sie. Ich habe wider meinen Willen bei dieser ganzen Angelegenheit mitwirken müssen; aber − ich habe meine Pflicht erfüllt. Ihr schönes Herz wird das verstehen und sich mit dem meinigen aussöhnen. Es war mir schmerzlicher als Ihnen; das können Sie mir glauben.«
»Genug, Fürst!« sagte Natascha. »Lassen Sie mich in Ruhe!«
»Gewiß; ich werde sehr bald wieder gehen«, erwiderte er; »aber ich liebe Sie wie eine Tochter und bitte um die Erlaubnis, Sie besuchen zu dürfen. Sehen Sie mich jetzt für Ihren Vater an, und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein!«
»Ich habe nichts nötig; verlassen Sie mich!« unterbrach ihn Natascha wieder.
»Ich weiß, daß Sie stolz sind... Aber ich spreche aufrichtig, von Herzen. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun? Sich mit Ihren Eltern zu versöhnen? Das wäre ja eine sehr gute Handlungsweise; aber Ihr Vater ist ungerecht, stolz und despotisch; verzeihen Sie mir, daß ich das sage; aber es ist so. In Ihrem Elternhaus werden Ihrer jetzt nur Vorwürfe und neue Qualen warten... Sie müssen unabhängig bleiben, und es ist meine Pflicht, meine heilige Pflicht, jetzt für Sie zu sorgen und Ihnen beizustehen. Aljoscha hat mich beschworen, Sie nicht zu verlassen und Ihr Freund zu sein. Aber auch außer mir gibt es noch Leute, die Ihnen außerordentlich ergeben sind. Ich meine, Sie werden mir erlauben, Ihnen den Grafen N. vorzustellen. Er besitzt ein vorzügliches Herz und ist ein Verwandter von uns, ja man kann sogar sagen der Wohltäter unserer ganzen Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha hat ihn sehr verehrt und geliebt. Er ist ein sehr vielvermögender Mann, von großem Einfluß, schon sehr bejahrt, und Sie können ihn als junges Mädchen unbedenklich empfangen. Ich habe ihm bereits von Ihnen gesprochen. Er kann Ihre Verhältnisse ordnen und wird Ihnen, wenn Sie wollen, eine schöne Stelle bei einer seiner Verwandten verschaffen. Ich habe ihm schon vor längerer Zeit unsere ganze Angelegenheit offen und unverhohlen vorgetragen, und in der Güte und dem Edelmut seines Herzens bittet er mich jetzt selbst, ich möchte ihn Ihnen möglichst bald vorstellen. Er ist ein Mann, der für alles Schöne Sympathie empfindet, glauben Sie mir das, ein freigebiger, achtungswerter alter Herr, der das Verdienst zu schätzen weiß und sich sogar erst kürzlich gegen Ihren Vater bei einem gewissen Vorfall in der hochherzigsten Weise benommen hat.«
Natascha richtete sich, tief beleidigt, auf. Jetzt hatte sie ihn endlich verstanden.
»Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich augenblicklich!« rief sie.
»Aber, liebe Freundin, Sie vergessen, daß der Graf auch Ihrem Vater nützlich sein kann...«
»Mein Vater wird nichts von ihm annehmen. Verlassen Sie mich!« rief Natascha noch einmal.
»O mein Gott, wie hitzig und mißtrauisch Sie sind! Womit habe ich das verdient?« sagte der Fürst und blickte mit einiger Unruhe um sich. »Aber jedenfalls werden Sie mir erlauben«, fuhr er fort, indem er ein ziemlich großes Päckchen aus der Tasche zog, »Ihnen diesen Beweis meiner Teilnahme für Sie hierzulassen, und namentlich auch der Teilnahme des Grafen N., der mich mit seinem Rat dazu angeregt hat. Hier in diesem Päckchen befinden sich zehntausend Rubel. Warten Sie, meine Freundin«, fügte er schnell hinzu, als er sah, daß sich Natascha zornig von ihrem Platz erhob, »hören Sie geduldig zu Ende: Sie wissen, daß Ihr Vater seinen Prozeß gegen mich verloren hat, und diese zehntausend Rubel sind eine Entschädigung, die...«
»Weg!« rief Natascha; »weg mit diesem Geld! Ich durchschaue Sie vollständig... Sie gemeiner, gemeiner, gemeiner Mensch!«
Blaß vor Wut erhob sich der Fürst vom Stuhl.
Wahrscheinlich war er in der Absicht gekommen, das Terrain zu sondieren, die derzeitige Lage kennenzulernen, und hatte wahrscheinlich fest darauf gerechnet, daß diese zehntausend Rubel auf die bettelarme, von allen verlassene Natascha ihre Wirkung nicht verfehlen würden. Gemein und roh, wie er war, hatte er dem wollüstigen alten Grafen N. schon zu wiederholten Malen in derartigen Angelegenheiten Dienste geleistet. Aber er haßte Natascha, und da er merkte, daß die Sache nicht nach Wunsch ging, änderte er sogleich seinen Ton und beeilte sich mit boshafter Freude, sie zu beleidigen, um wenigstens nicht ungerächt wegzugehen.
»Das ist nicht hübsch von Ihnen, meine Liebe, daß Sie so heftig werden«, sagte er, und seine Stimme zitterte ein wenig in der ungeduldigen Vorfreude auf die Wirkung seiner Beleidigung;' »das ist nicht hübsch von Ihnen. Man bietet Ihnen Protektion an, und Sie heben stolz das Näschen in die Höhe. Sie wissen wohl nicht, daß Sie allen Anlaß haben, mir dankbar zu sein; denn als Vater eines von Ihnen verführten und ausgebeuteten jungen Mannes hätte ich schon längst Ihre Überführung ins Arbeitshaus veranlassen können. Aber ich habe es nicht getan... hehehe!«
Aber in diesem Augenblick hatten der Arzt und ich die Wohnung bereits betreten. Schon in der Küche vernahm ich Stimmen, hielt den Arzt einen Augenblick zurück und hörte den letzten Satz des Fürsten mit an. Darauf erscholl sein widerliches Gelächter und ein verzweifelter Aufschrei Nataschas: »O mein Gott!« Schnell öffnete ich die Tür und stürzte mich auf den Fürsten. Ich spie ihm ins Gesicht und schlug ihn aus voller Kraft auf die Backe. Er wollte sich auf mich werfen; aber als er sah, daß wir unser zwei waren, ergriff er die Flucht, nachdem er vorher noch sein auf dem Tisch liegendes Geldpäckchen an sich gerafft hatte. Ja, das tat er; ich sah es mit eigenen Augen. Ich warf ihm noch das Mangelholz nach, das ich in der Küche auf dem Tisch zu fassen bekam... Als ich wieder ins Zimmer kam, sah ich, daß der Arzt Natascha festhielt, die um sich schlug und sich aus seinen Händen losreißen wollte, wie wenn sie einen Krampfanfall hätte. Lange Zeit vermochten wir sie nicht zu beruhigen; endlich gelang es uns, sie zu Bett zu bringen; sie war irre wie bei einem hitzigen Fieber.