Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Aber nachdem die alte Frau Nelly gestreichelt und neben sich gesetzt hatte, wußte sie nicht, was sie nun weiter tun solle, und sah mich mit naiver Erwartung an. Der Alte machte ein finsteres Gesicht und mochte beinah erraten, zu welchem Zweck ich Nelly hergebracht hatte. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene und seine gerunzelte Stirn bemerkte, führte er seine Hand an den Kopf und sagte kurz zu mir:
»Ich habe Kopfschmerzen, Wanja.«
Wir saßen immer noch da und schwiegen; ich überlegte, wie ich die Sache nun anfangen sollte. Im Zimmer war es dunkel; die schwarze Gewitterwolke rückte höher herauf, und es war von neuem ein fernes Donnerrollen zu hören.
»Für ein Gewitter ist es noch recht früh in diesem Jahr«, sagte der Alte. »Aber ich erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig war in unserer Gegend noch früher ein Gewitter.«
Anna Andrejewna seufzte.
»Soll ich nicht den Samowar aufstellen?« fragte sie schüchtern; aber niemand antwortete ihr, und so wandte sie sich wieder an Nelly. »Wie heißt du denn, liebes Kind?« fragte sie sie.
Nelly nannte mit leiser Stimme ihren Namen und ließ den Kopf noch tiefer herabsinken. Der Alte blickte sie unverwandt an.
»Das heißt Jelena, nicht wahr?« fuhr die alte Frau, lebhafter werdend, fort.
»Ja«, antwortete Nelly.
Und wieder folgte ein minuntenlanges Schweigen.
»Deine Schwester Praskowja Andrejewna hatte auch eine Tochter, die Jelena hieß und Nelly genannt wurde«, sagte Nikolai Sergejewitsch. »Ich erinnere mich.« »Und nun hast du, liebes Kind, gar keine Angehörigen mehr, weder Vater noch Mutter?« fragte Anna Andrejewna wieder.
»Nein«, flüsterte Nelly kurz und ängstlich.
»Ich habe es gehört, ich habe es gehört. Ist denn deine liebe Mutter schon lange tot?«
»Nein, noch nicht lange.«
»Du mein liebes Kind, du arme Waise!« fuhr die Alte fort und blickte sie voll Mitleid an.
Nikolai Sergejewitsch trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch.
»Deine liebe Mutter war eine Ausländerin, nicht wahr? So erzähltest du ja wohl, Iwan Petrowitsch?« setzte die alte Frau ihre schüchternen Fragen fort.
Nelly ließ ihre schwarzen Augen eilig zu mir hinlaufen, wie wenn sie mich um Hilfe anriefe. Sie atmete ungleichmäßig und mühsam.
»Ihre Mutter, Anna Andrejewna«, begann ich, »war die Tochter eines Engländers und einer Russin, so daß sie eher eine Russin genannt werden muß; Nelly aber ist im Ausland geboren.«
»Wie ist denn das gekommen, daß ihre Mutter mit ihrem Mann ins Ausland gefahren ist?«
Nelly wurde auf einmal dunkelrot. Die alte Frau merkte sofort, daß sie mit dieser Frage einen Fehler gemacht hatte, und zuckte unter dem zornigen Blick ihres Mannes zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann von ihr ab zum Fenster.
»Ihre Mutter ist von einem schlechten, gemeinen Menschen betrogen worden«, sagte er, indem er sich plötzlich wieder zu Anna Andrejewna hinwandte. »Sie fuhr mit ihm von ihrem Vater weg und übergab das Geld ihres Vaters ihrem Liebhaber, der es von ihr durch Betrug herausgelockt hatte; dieser brachte sie ins Ausland, bestahl sie und ließ sie im Stich. Ein guter Mensch nahm sich ihrer an und half ihr bis zu seinem Tod. Als er gestorben war, kehrte sie vor zwei Jahren zu ihrem Vater zurück. So hast du ja wohl erzählt, Wanja?« fragte er kurz.
Nelly stand in größter Aufregung von ihrem Platz auf und wollte zur Tür gehen.
»Komm her, Nelly!« sagte der alte Mann und streckte ihr endlich die Hand entgegen. »Setz dich hierher, setz dich neben mich; hierher; setz dich!«
Er beugte sich zu ihr, küßte sie auf die Stirn und streichelte ihr leise den Kopf. Nelly zitterte am ganzen Leib; aber sie beherrschte sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung, daß ihr Nikolai Sergejewitsch endlich die Waise liebkoste.
»Ich weiß, Nelly, daß ein schlechter, sittenloser Mensch deine Mutter zugrunde gerichtet hat; aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater liebte und achtete«, sagte der alte Mann in starker Erregung und fuhr fort, Nellys Kopf zu streicheln; er hatte es sich nicht versagen können, uns in diesem Augenblick diese Herausforderung entgegenzuschleudern.
Eine leichte Röte überzog seine blassen Wangen; aber er bemühte sich, uns nicht anzusehen.
»Mama liebte den Großvater mehr, als der Großvater sie liebte«, sagte Nelly schüchtern, aber in festem Ton, ebenfalls bemüht, niemanden anzublicken. »Woher weißt du denn das?« fragte der Alte scharf; er konnte sich wie ein Kind nicht beherrschen und schien sich selbst seiner Aufwallung sogleich zu schämen.
»Ich weiß es«, erwiderte Nelly kurz. »Er nahm Mama nicht auf und... trieb sie von sich...«
Ich sah, daß Nikolai Sergejewitsch sich anschickte, etwas zu sagen, zu erwidern, vielleicht zu sagen, daß der Alte seine Tochter verdientermaßen nicht aufgenommen habe; aber er sah uns an und schwieg.
»Wo habt ihr denn dann gewohnt, wenn euch der Großvater nicht aufnahm?« fragte Anna Andrejewna, in der auf einmal der eigensinnige Wunsch erwachte, gerade bei diesem Thema zu verbleiben.
»Als wir angekommen waren, suchten wir den Großvater lange«, antwortete Nelly, »aber wir konnten ihn gar nicht finden. Mama sagte mir damals, daß der Großvater früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe anlegen wollen, daß er aber nun sehr arm sei, weil der, mit dem Mama weggefahren sei, ihr das ganze Geld des Großvaters weggenommen und nicht wiedergegeben habe. Das hat sie mir selbst gesagt.«
»Hm!« sagte der Alte zur Erwiderung.
»Und sie sagte mir noch«, fuhr Nelly fort, die immer lebhafter wurde und in Wirklichkeit Nikolai Sergejewitschs Zweifel widerlegen wollte, sich aber äußerlich an Anna Andrejewna wandte, »sie sagte mir, der Großvater sei auf sie sehr zornig, und sie selbst habe sich gegen ihn sehr schwer vergangen, und sie habe jetzt auf der ganzen Welt niemanden als den Großvater. Und wenn sie mir das sagte, weinte sie immer... ›Er wird mir nicht verzeihen‹, sagte sie, schon als wir hierherfuhren; ›aber wenn er dich sieht, wird er dich vielleicht liebgewinnen und um deinetwillen auch mir verzeihen.‹ Mama liebte mich sehr, und wenn sie so redete, küßte sie mich immer; aber zum Großvater zu gehen, davor fürchtete sie sich sehr. Sie lehrte mich auch für den Großvater beten und betete selbst für ihn und erzählte mir noch vieles, wie sie früher mit dem Großvater gelebt habe, und wie der Großvater sie sehr liebgehabt habe, lieber als alles andere auf der Welt. Sie habe ihm abends etwas auf dem Klavier vorgespielt und ihm Bücher vorgelesen, und der Großvater habe sie geküßt und ihr viele Sachen geschenkt... alles mögliche habe er ihr geschenkt, und einmal hätten sie sich deswegen sogar erzürnt, an Mamas Namenstag. Der Großvater habe nämlich gedacht, Mama wisse noch nicht, was er ihr schenken werde; Mama habe es aber schon längst gewußt. Mama habe gern ein Paar Ohrringe haben wollen, und der Großvater habe sie immer absichtlich zu täuschen gesucht und gesagt, er werde ihr keine Ohrringe schenken, sondern eine Brosche. Und als er nun die Ohrringe gebracht und gesehen habe, daß Mama es schon wußte, daß es Ohrringe sein würden und nicht eine Brosche, da habe er sich sehr darüber geärgert, daß Mama es vorher gewußt habe, und habe einen halben Tag lang nicht mit ihr gesprochen; aber dann sei er von selbst gekommen und habe sie geküßt und um Verzeihung gebeten...« Nelly erzählte sehr eifrig, und es spielte sogar eine leichte Röte auf ihren blassen, kranken Wangen.