Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Ich aber ging zu Natascha. Als ich die letzte Treppe hinaufstieg, die, wie ich schon früher gesagt habe, eine Wendeltreppe war, bemerkte ich an ihrer Tür jemand, der sich schon anschickte, anzuklopfen, aber innehielt, weil er meine Schritte hörte. Schließlich gab er, wahrscheinlich nach einigem Schwanken, seine Absicht plötzlich auf und stieg wieder hinunter. Ich stieß mit ihm auf dem letzten Stück der Treppe zusammen, und wie groß war mein Erstaunen, als ich Ichmenew erkannte. Auf der Treppe war es auch bei Tag sehr dunkel. Er lehnte sich an die Wand, um mich vorbeizulassen, und ich erinnere mich an den seltsamen Glanz seiner Augen, die mich unverwandt anblickten. Es kam mir so vor, als sei er sehr rot geworden; mindestens war er furchtbar verlegen, ja geradezu fassungslos.
»Ah, Wanja, du bist es!« sagte er mit unsicherer Stimme. »Ich wollte hier zu jemand... zu einem Schreiber... immer in meiner Prozeßangelegenheit... er ist kürzlich umgezogen... irgendwohin hier in der Gegend... aber er scheint hier nicht zu wohnen. Ich habe mich geirrt. Leb wohl!«
Er ging schnell die Treppe hinunter.
Ich beschloß, Natascha von dieser Begegnung vorläufig nichts zu sagen, ihr aber unbedingt sogleich davon Mitteilung zu machen, sobald sie nach Aljoschas Abreise werde allein zurückgeblieben sein. Augenblicklich war sie seelisch so zerrüttet, daß, wenn sie auch die ganze Tragweite dieser Tatsache völlig begriffen und verstanden hätte, sie doch nicht imstande gewesen wäre, sie so aufzunehmen und zu empfinden wie später in dem Augenblick der letzten überwältigenden Traurigkeit und Verzweiflung. Jetzt war der geeignete Augenblick noch nicht da.
Ich hätte noch an diesem Tag zu Ichmenews gehen können, und es trieb mich auch dazu; aber ich tat es doch nicht. Ich hatte die Empfindung, daß es dem alten Mann peinlich sein werde, mich zu sehen; er konnte sogar denken, ich sei absichtlich infolge der Begegnung so bald gekommen. Ich ging erst zwei Tage darauf zu ihnen; der Alte war in trüber Stimmung, empfing mich aber ziemlich ungezwungen und redete immer von geschäftlichen Dingen.
»Sag doch mal, zu wem gingst du denn damals, so hoch oben; du erinnerst dich wohl, wir trafen uns − wann war es doch gleich? − vorgestern, meine ich«, fragte er auf einmal in lässigem Ton, wandte aber doch die Augen von mir weg zur Seite.
»Es wohnt da ein Freund von mir«, antwortete ich, ebenfalls seitwärts blickend.
»Soso! Und ich suchte meinen Schreiber Astafjew; es war mir dieses Haus bezeichnet worden... aber ich hatte mich geirrt... Nun, also ich sagte dir von meinem Prozeß: das Gericht hat dahin entschieden, daß...« usw.
Er wurde ganz rot, als er von seinem Prozeß zu reden anfing.
Ich erzählte das alles noch an demselben Tag seiner Frau, um ihr eine Freude zu machen, und bat sie unter anderem, ihm jetzt nicht mit besonderem Ausdruck ins Gesicht zu sehen, nicht zu seufzen, keine Anspielungen zu machen, kurz, in keiner Weise zu zeigen, daß sie von seinem letzten ungewöhnlichen Schritt Kenntnis habe. Die alte Frau war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht einmal glauben wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, sie habe ihrem Mann bereits Andeutungen über die Waise gemacht; aber er habe geschwiegen, obwohl er sie doch früher immer selbst gebeten habe, das Mädchen ins Haus zu nehmen. Wir beschlossen, sie solle ihn am folgenden Tag geradezu, ohne alle Vorreden und Andeutungen, darum bitten. Aber am folgenden Tag befanden wir uns beide in schrecklicher Angst und Unruhe.
Die Sache war die, daß Ichmenew am Vormittag mit einem Beamten gesprochen hatte, der in seinem Prozeß tätig gewesen war. Der Beamte hatte ihm mitgeteilt, er habe ein Gespräch mit dem Fürsten gehabt; der Fürst werde zwar Ichmenewka für sich behalten, beabsichtige aber, ›infolge gewisser Familienverhältnisse‹, den Alten zu entschädigen und ihm die zehntausend Rubel herauszugeben. Von dem Beamten kam der Alte geradenwegs zu mir gelaufen; er war in furchtbarer Erregung; seine Augen funkelten nur so vor Wut. Er rief mich (ich wußte nicht recht, warum) aus der Wohnung auf die Treppe heraus und verlangte energisch, ich solle unverzüglich zum Fürsten gehen und ihm eine Forderung zum Duell überbringen. Ich war so überrascht, daß es lange dauerte, bis ich mich gefaßt hatte. Ich wollte ihm vernünftig zureden; aber der alte Mann geriet in eine solche Wut, daß ihm übel wurde. Ich lief in die Wohnung hinein, um ein Glas Wasser zu holen; aber als ich zurückkam, fand ich ihn nicht mehr auf der Treppe.
Am anderen Tag begab ich mich zu ihm; aber er war nicht mehr zu Hause; er war für ganze drei Tage verschwunden.
Am dritten Tag erfuhren wir alles. Von mir war er geradenwegs zum Fürsten geeilt, hatte ihn aber nicht zu Hause angetroffen und einen Brief dagelassen; in dem Brief hatte er geschrieben, er habe die von ihm dem Beamten gegenüber getane Äußerung erfahren; er halte dieselbe für eine tödliche Beleidigung und den Fürsten für einen gemeinen Menschen und fordere ihn aus diesen Gründen zum Duell; er warne ihn dabei vor einer Ablehnung der Forderung, da er ihn in diesem Fall öffentlich beschimpfen werde.
Anna Andrejewna erzählte mir, er sei bei seiner Rückkehr nach Hause so aufgeregt und angegriffen gewesen, daß er sich sogar habe zu Bett legen müssen. Gegen sie sei er sehr zärtlich gewesen, habe aber auf ihre Fragen nur wenig geantwortet, und es sei augenscheinlich gewesen, daß er mit fieberhafter Ungeduld auf irgend etwas wartete. Am anderen Morgen sei ein Brief mit der Stadtpost gekommen; nachdem er ihn gelesen, habe er aufgeschrien und sich an den Kopf gefaßt. Sie, Anna Andrejewna, sei halbtot gewesen vor Angst. Aber er habe sogleich Hut und Stock ergriffen und sei davongelaufen.
Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er Ichmenew, daß er für das, was er zu dem Beamten gesagt habe, niemandem Rechenschaft schulde. Obwohl er Ichmenew wegen des verlorenen Prozesses sehr bedauere, könne er doch dem im Prozeß Unterlegenen nicht die Berechtigung zuerkennen, seinen Gegner zum Duell zu fordern. Die ihm angedrohte öffentliche Beschimpfung anlangend, bitte er Herrn Ichmenew, sich darüber keine Sorge zu machen, da eine öffentliche Beschimpfung nicht stattfinden werde und nicht stattfinden könne; sein Brief werde sofort gehörigen Ortes vorgelegt werden, und die benachrichtigte Polizei werde gewiß imstande sein, die erforderlichen Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu treffen.
Mit dem Brief in der Hand stürzte Ichmenew sogleich zum Fürsten. Der Fürst war wieder nicht zu Hause; aber der Alte erfuhr von dem Lakaien, daß der Fürst jetzt wahrscheinlich beim Grafen N. sei. Ohne sich lange zu besinnen, lief er zum Grafen. Der Portier des Grafen hielt ihn an, als er die Treppe hinaufsteigen wollte. In maßloser Wut schlug ihn der Alte mit dem Stock. Sogleich wurde er gepackt, vor die Haustür geschleppt und der Polizei übergeben, die ihn zur Wache brachte. Dem Grafen wurde der Vorfall gemeldet. Aber als der anwesende Fürst dem alten Wüstling erklärte, dies sei eben jener Ichmenew, der Vater eben jener Natalja Nikolajewna (der Fürst hatte dem Grafen schon öfter ›auf diesem Gebiet‹ gute Dienste geleistet), da lachte der vornehme Herr nur und ging vom Zorn zur Milde über: er gab Anweisung, Ichmenew laufenzulassen; aber die Entlassung desselben erfolgte seitens der Polizei erst am dritten Tag. Dabei wurde, wahrscheinlich auf Anordnung des Fürsten, dem Alten mitgeteilt, der Fürst selbst habe den Grafen gebeten, gegen ihn Gnade walten zu lassen.