Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Der Alte kehrte in einem an Wahnsinn grenzenden Zustand nach Hause zurück, warf sich aufs Bett und lag eine ganze Stunde lang da, ohne sich zu bewegen; endlich erhob er sich und erklärte zu Anna Andrejewnas Schrecken feierlich, daß er seine Tochter ›auf ewig‹ verfluche und ihr seinen väterlichen Segen versage.
Anna Andrejewna war aufs äußerste erschrocken; aber sie mußte dem Alten Beistand leisten, und selbst fast ohne Besinnung, wartete und pflegte sie ihn diesen ganzen Tag und fast die ganze Nacht über, benetzte ihm den Kopf mit Essig und legte ihm Eis auf. Er hatte Fieberhitze und redete irre. Ich verließ die beiden erst nach zwei Uhr nachts. Aber am anderen Morgen stand Ichmenew auf und kam gleich an demselben Tag zu mir, um Nelly endgültig zu sich zu nehmen. Aber über die Szene, die sich zwischen ihm und Nelly abspielte, habe ich schon berichtet; diese Szene erschütterte ihn aufs tiefste. Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich wieder ins Bett. All dies trug sich am Karfreitag zu, auf welchen die Zusammenkunft Katjas und Nataschas angesetzt war, am Tag vor Aljoschas und Katjas Abreise aus Petersburg. Bei dieser Zusammenkunft war ich zugegen; sie fand am frühen Vormittag statt, noch bevor der Alte zu mir kam und noch bevor Nelly ihren ersten Fluchtversuch unternahm.
Sechstes Kapitel
Aljoscha war schon eine Stunde vor der Zusammenkunft gekommen, um Natascha zu benachrichtigen. Ich meinerseits kam gerade in dem Augenblick, als Katjas Equipage vor der Haustür vorfuhr. Bei Katja war die alte Französin, die auf vieles Bitten hin und nach langem Zaudern endlich eingewilligt hatte, sie zu begleiten und sie sogar allein zu Natascha hinaufgehen zu lassen, aber nur, wenn Aljoscha dabei sei; sie selbst wollte unten im Wagen warten. Katja rief mich heran, und ohne aus dem Wagen zu steigen, bat sie mich, Aljoscha zu ihr zu rufen. Natascha fand ich in Tränen: Aljoscha und sie, beide weinten. Als sie hörte, daß Katja bereits da sei, stand sie von ihrem Stuhl auf, wischte sich die Tränen ab und stellte sich in großer Aufregung der Tür gegenüber hin. Sie war an diesem Morgen ganz weiß gekleidet. Ihr dunkelblondes Haar war glatt zurückgekämmt und hinten in einen festen Knoten zusammengebunden. Diese Haartracht gefiel mir an ihr immer besonders gut. Als Natascha sah, daß ich bei ihr bleiben wollte, bat sie mich, ebenfalls dem Besuch entgegenzugehen.
»Bis jetzt ist es mir nicht möglich gewesen, zu Natascha zu kommen«, sagte Katja zu mir, während wir die Treppe hinaufstiegen. »Ich wurde so beobachtet; es war schrecklich. Ganze vierzehn Tage habe ich gebraucht, um Madame Albert zu überreden; endlich hat sie eingewilligt. Und Sie, Sie, Iwan Petrowitsch, sind nicht ein einziges Mal zu mir gekommen! Schreiben konnte ich Ihnen auch nicht, und ich hatte auch keine Lust dazu, da man ja in einem Brief dem anderen doch nichts klarmachen kann. Und wie sehr verlangte mich danach, mit Ihnen zu sprechen!... Mein Gott, wie mir jetzt das Herz klopft...«
»Die Treppe ist steil«, antwortete ich.
»Nun ja... auch die Treppe... Aber was meinen Sie: wird Natascha mir auch nicht böse sein?«
»Nein, warum sollte sie das?«
»Nun ja, gewiß, warum sollte sie es? Ich werde es gleich selbst sehen; wozu frage ich erst noch?«
Ich führte sie am Arm. Sie war ganz blaß geworden und schien sich sehr zu fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen; aber dann blickte sie mich an und stieg entschlossen weiter hinauf.
An der Tür wandte sie sich noch einmal um und flüsterte mir zu: »Ich werde einfach hineingehen und ihr sagen, ich hätte ein solches Vertrauen zu ihr, daß ich ohne Besorgnisse gekommen sei... Übrigens, was rede ich erst noch? Ich bin ja überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf der Welt ist. Nicht wahr?«
Sie trat schüchtern ein, als ob sie sich einer Schuld bewußt wäre, und blickte Natalja unverwandt an, die ihr sogleich zulächelte. Da trat Katja schnell an sie heran, faßte sie bei den Händen und drückte ihre kleinen, vollen Lippen auf Nataschas Mund. Dann, ehe sie noch ein Wort zu Natascha gesagt hatte, wandte sie sich in ernstem und sogar strengem Ton zu Aljoscha und bat ihn, uns eine halbe Stunde allein zu lassen.
»Sei nicht böse, Aljoscha!« fügte sie hinzu. »Ich wünsche das deswegen, weil ich mit Natascha über eine sehr wichtige, ernste Sache vieles zu reden habe, was du nicht zu hören brauchst. Sei verständig und geh hinaus! Sie aber, Iwan Petrowitsch, bitte ich, hierzubleiben. Sie sollen unser ganzes Gespräch mit anhören.«
»Setzen wir uns!« sagte sie zu Natascha, als Aljoscha hinausgegangen war; »ich will mich so hinsetzen, Ihnen gegenüber. Ich möchte Sie zuerst ein bißchen ansehen.« Sie setzte sich Natascha fast gerade gegenüber und betrachtete sie ein Weilchen unverwandt. Natascha antwortete darauf mit einem unwillkürlichen Lächeln.
»Ich habe schon Ihre Fotografie gesehen«, sagte Katja; »Aljoscha hat sie mir gezeigt.«
»Nun, bin ich gut getroffen?«
»Sie sind schöner«, erwiderte Katja in entschiedenem, ernstem Ton. »Ich habe mir das auch gleich gedacht, daß Sie schöner wären.«
»Wirklich? Und ich kann mich an Ihnen gar nicht satt sehen. Wie hübsch Sie sind!«
»Was reden Sie nur! Bewahre! Liebste, Beste!« rief Katja und ergriff mit ihrer zitternden Hand die Hand Nataschas; beide verstummten wieder und sahen einander an. »Wissen Sie, mein Engel«, unterbrach Katja das Schweigen, »wir können nur eine halbe Stunde zusammen sein; auch darein hat Madame Albert nur mit Mühe und Not eingewilligt, und wir haben doch soviel miteinander zu besprechen... Ich will... ich muß... nun, ich frage Sie ganz einfach: lieben Sie Aljoscha sehr?«
»Ja, sehr.«
»Wenn es so ist... wenn Sie Aljoscha sehr lieben... dann... dann müssen Sie doch auch sein Glück wünschen...«, sagte sie schüchtern und flüsternd.
»Ja, ich wünsche, daß er glücklich werden möge...«
»Das ist richtig... aber nun ist die Frage: Werde ich ihn glücklich machen können? Habe ich ein Recht, so zu reden, da ich ihn Ihnen doch wegnehme? Wenn es Ihnen scheint, daß er mit Ihnen glücklicher sein wird, und wir jetzt zu dieser Ansicht gelangen, dann... dann...«
»Diese Frage ist schon entschieden, Katjuscha; Sie sehen ja selbst, daß alles entschieden ist«, antwortete Natascha leise und ließ den Kopf sinken. Es war ihr offenbar peinlich, das Gespräch fortzusetzen.
Katja hatte sich anscheinend auf eine lange Erörterung des Themas vorbereitet, wer von ihnen beiden am meisten befähigt sei, Aljoscha glücklich zu machen, und wer von ihnen zurücktreten müsse. Aber nach Nataschas Antwort sah sie sofort ein, daß alles schon längst entschieden sei und es keinen Zweck habe, weiter darüber zu reden. Die hübschen Lippen halb geöffnet haltend, blickte sie erstaunt und traurig Natascha an, deren Hand sie noch immer in der ihrigen hielt.
»Lieben Sie ihn sehr?« fragte Natascha plötzlich.
»Ja; und da ist noch ein Punkt, nach dem ich Sie fragen wollte, und ich bin in dieser Absicht hergefahren: Sagen Sie mir, warum lieben Sie ihn eigentlich?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Natascha, und ich glaubte aus dem Ton ihrer Antwort eine ungeduldige Bitterkeit herauszuhören.
»Ist er klug? Wie denken Sie darüber?« fragte Katja.